Folgen der Asylpolitik

Hohe Suizidrate bei Geflüchteten

Die Anti­ras­sis­tische Initiative Berlin doku­men­tiert die Folgen deut­scher Asyl­po­litik

Taher Rezai aus Afgha­nistan stürzt sich in der Neu­jahrs­nacht aus dem zweiten Stock einer Gemein­schafts­un­ter­kunft. Er stirbt im Alter von 22 Jahren. Zuvor war er dezentral im Raum Mainburg unter­ge­bracht, wo den Trau­ma­ti­sierten ein Helfer*nnenkreis unter­stützt hatte. Dies änderte sich jedoch, als diese Unter­kunft auf­gelöst wurde und er in eine Gemein­schafts­un­ter­kunft nach Nie­der­bayern kam. Sein Asyl­antrag war abge­lehnt worden, eine Arbeits­er­laubnis erhielt er nicht, und er blieb mit seiner Angst allein .Am 6. Januar 2019 ver­sammeln sich etwa 60 Men­schen auf dem Stadt­platz von Abensberg zu einer Mahn­wache im Gedenken an den Toten und for­derten einen Abschie­be­stopp nach Afgha­nistan. Der Protest war fol­genlos, mitt­ler­weile werden in einer grö­ßeren Öffent­lichkeit Sam­mel­ab­schie­bungen nach Afgha­nistan kaum mehr zur Kenntnis genommen. Auch der Tod von Taher Rezai war nur in den Lokal­medien kurz Thema. Erinnert daran hat jetzt die …

…Anti­ras­sis­tische Initiative Berlin (ARI) in der 26. Ausgabe der Doku­men­tation »Bun­des­deutsche Flücht­lings­po­litik und ihre töd­lichen Folgen«.

Elke Schmidt hat das Projekt 1993 mit einer Mitstreiter*in gestartet. Damals hatte sich der Onkel eines ver­schwun­denen tami­li­schen Flücht­lings an die ARI gewandt. Sie forschten nach und fanden heraus, dass der Mann mit acht anderen tami­li­schen Flücht­lingen beim Grenz­über­tritt in der Neiße ertrunken war. Mit einem Filmteam machte die ARI damals seinen Tod öffentlich. Seitdem sammelt das kleine Team Nach­richten über Todes­fälle, Miss­hand­lungen und Gewalt, die in direktem Zusam­menhang mit der deut­schen Flücht­lings­po­litik stehen. Wie im letzten Jahr stehen auch in der aktu­ellen Doku­men­tation die Folgen der Abschie­bungen nach Afgha­nistan im Mit­tel­punkt. Dort wird deutlich, wie allein die Dro­hungen mit der Abschiebung zur Trau­ma­ti­sierung der Geflüch­teten bei­tragen, die nicht selben zum Suizid führen.

Am 19 Januar 2018 wurde im hes­si­schen Main-Kinzig-Kreis der 23-jährige Hakim Jamili aus Afgha­nistan von einem Zug erfasst und starb. Er hatte sich in selbst­tö­tender Absicht auf die Gleise der Regio­nalbahn gelegt. Die Heimbewohner*innen sagten später, dass Jamili große Angst vor einer Abschiebung hatte. Er nahm fleißig an Inte­gra­ti­ons­kursen teil, hatte einen Job und trotzdem glaubte er nicht mehr an einen posi­tiven Asyl­be­scheid. Es sind erschre­ckend viele Selbst­morde und Sui­zid­ver­suche, mit denen Geflüch­teten vor allem aus Afgha­nistan auf die Abschie­bungs­dro­hungen reagieren. »Die Anzahl der Suizide, im Schnitt der letzten drei Jahre, hat sich im Ver­hältnis zu den 15 davor­lie­genden Jahren auf 30 pro Jahr knapp ver­fünf­facht, erklärt Elke Schmidt gegenüber «nd». Die Anzahl der Selbst­ver­let­zungen und Sui­zid­ver­suche habe sich auf 400 pro Jahr ver­vier­facht. Von Anfang Januar 1993 bis Ende 2018 haben sich 288 Geflüchtete getötet, 3015 ver­letzten sich aus Angst vor Abschie­bungen oder aus Protest gegen ihre Lebens­be­din­gungen selbst. «Die Bezeich­nungen der Mas­sen­lager für Flücht­linge ver­ändern sich von Zeit zu Zeit – die Zustände darin aber bleiben uner­träglich», sagt Schmidt mit Verweis auf die soge­nannten AnkER-Zentren. Viele Bewohner*innen sprechen von all­täg­licher Schikane oder Gewalt durch Wach­leute. Poli­zei­liche Groß­razzien werden von den Medien oft unter­stützt. «Geflüchtete, die gegen die men­schen­rechts­ver­let­zenden Zustände in den Lagern pro­tes­tieren und sich orga­ni­sieren, müssen mit Straf­an­zeigen, Ver­le­gungen in andere Lager, mit Abschiebung oder hohen Haft­strafen rechnen. Die Doku­men­tation der enga­gierten Antirasssist*innen über die bun­des­deutsche Flücht­lings­po­litik bedrückt. Die auf ari​-dok​.org zur Ver­fügung gestellten Daten machen diese Zustände immerhin einer grö­ßeren Öffent­lichkeit bekannt.

Peter Nowak