
Am 27. April 2026 begann im Justizgebäude des Hochsicherheitsgefängnis StuttgartStammheim ein Prozess gegen fünf junge Menschen aus unterschiedlichen europäischen Ländern. Sie nennen sich Crow,
Leandra, Daniel, Vi und Zo. In der Solidaritätsbewegung werden sie als Ulm 5 bezeichnet. Sie befinden sich seit dem 8.September 2025 in verschiedenen Gefängnissen in Südwestdeutschland in Untersuchungshaft. An diesem Tag waren sie in die Filiale …
… der Rüstungsfirma Elbit in Ulm eingedrungen und haben dort Computer und Einrichtungsgegenstände zerstört. Die Aktivist*innen betonen, dass sich ihre Aktion gegen die Produktion von Drohnen richtet, die von Elbit produziert und vom israelischen Militär u.a. im Gazastreifen eingesetzt werden. Die Parolen an den Wänden richteten sich gegen den Krieg Israels in Gaza. Nicht in den besetzten Räumen, aber auf dem Gebäude sollen allerdings auch Sprüche wie „Baby-Killer Israel“ angebracht worden sein, die als antisemitisch interpretiert werden, weil damit an alte antisemitische Mythen von Juden als Kindermörder angeknüpft wird. Diese Kritik wurde sicherlich durch den Umstand gefördert, dass in den Erklärungen der Ulm 5 lediglich die israelische Kriegsführung thematisiert wird, nicht aber die der Hamas und anderer islamistischer Gruppen. Eine solch grundsätzliche Kritik am Militarismus beider Seiten wäre aus einer gewaltfrei-anarchistischen wie auch antimilitaristischen Perspektive aber unumgänglich. Ein gutes Beispiel dafür ist das Buch „Die graswurzelrevolutionären Stimmen zum Gaza-Krieg, das im Oktober 2025 von Bernd Drücke im Verlag Graswurzelrevolution herausgegeben wurde. Dort heißt es im Vorwort über die Autor*innen: „Sie solidarisieren sich mit den Geiseln, den Angehörigen der Opfer von Gewalt in Israel und Palästina, den Geflüchteten und Menschen, die sich dem Mord auf Kommando verweigern. Sie stellen sich sowohl gegen den Terror der islamistischen Hamas als auch gegen den der extrem rechten Netanjahu-Regierung.“ Diese klare Positionierung gegen Krieg und Militarismus auf beiden Seiten des Konflikts fehlt in den Texten der Ulm 5 und ihrer Unterstützer*innen. Dort wird allein die israelische Regierung und das israelische Militär angegriffen. Der Überfall von Hamas und anderen palästinensischen Gruppen am 7. Oktober 2023 mit über 1200 Toten wird nicht erwähnt. Dabei gibt es durchaus Elemente der Aktion, die an grundsätzlich antimilitaristische Aktionen anschlussfähig sind. So zerstörten die Ulm 5 lediglich Inventar, das der Herstellung von Kriegsgerät dient und vermieden Gewalt gegen Personen. Zudem gehörte zu ihrem Konzept, sich von der Polizei verhaften zu lassen, also nicht zu fliehen. Zuvor hatten sie ihre Aktion gefilmt und ins Internet gestellt. Ihnen ging es also darum, öffentlich Zeugnis von ihrer Aktion abzulegen, sich zu ihr zu bekennen und dafür auch die staatliche Repression als Konsequenz auf sich zu nehmen. Eine solche Herangehensweise erinnert an pazifistische Aktionen gegen die Kriegsmaschinerie in der Vergangenheit in unterschiedlichen Ländern. Erinnert sei hier an die antimili-taristischen Aktionen der Brüder Daniel und Philipp Berrigan, die als einflussreiche US-amerikanische katholische Friedensaktivisten und Priester besonders durch ihren gewaltfreien Widerstand gegen den Vietnamkrieg bekannt wurden. Ihre wohl spektakulärste Aktion fand 1968 statt, als sie ein Rekrutierungsbüro des US-Militärs besetzten. Damals, vor dem Computerzeitalter, haben die Behörden noch mit Karteikästen gearbeitet. In diesen Karteikästen befanden sich die Einberufungsbescheide für junge Männer, die in Vietnam kämpfen sollten. Die christlich-pazifistischen Brüder Berrigan sind gemeinsam mit neun weiteren Aktivist*innen in eine Behörde in Minnesota eingedrungen und haben diese Karteikästen mit den Einberufungsbescheiden vor dem Gebäude angezündet. Ungefähr 400 Einberufungsbescheide gingen in Flammen auf. Die Gruppe hat sich danach an den Händen genommen und gebetet, bis sie verhaftet wurden.
1980 drangen die Brüder Berrigan mit anderen Antimilitarist*innen der Pflugscharbewegung (Plowshares movement) in die Rüstungsfirma General
Electric in Pennsylvania ein. Sie zerstörten zwei Raketensprengköpfe mit einem Hammer und versprühten Blut, das sie sich zuvor selber abgezapft hatten. Auch bei dieser Aktion empfingen sie die Polizei mit Gebeten. Nach ihrer Verhaftung wurden sie in verschiedenen Gefängnissen in den USA isoliert. Die Prozesse gegen sie dauerten über ein Jahrzehnt. 1990 wurden sie zu einer Haftstrafe von 23 Monaten verurteilt. Auch in den folgenden Jahren beteiligten sich die Brüder Berrigan mit anderen Antimilitaristinnen immer wieder an Aktionen des zivilen Ungehorsams, indem sie Orte besetzten und markierten, an denen Waffen produziert werden. Sie gelten als Protagonisten des radikalen christlichen Pazifismus in den USA und engagierten sich auch nach dem Vietnamkrieg, zum Beispiel gegen Atomwaffen und in der Occupy-Bewegung. Die Aktion der Ulm 5 bietet auch Gelegenheit, um an diese antimilitaristische Praxis zu erinnern. Auch der Ulm 5 drohen lange Prozesse und womöglich lange Haftstrafen. Das wurde bereits am ersten Prozesstag deutlich. Er wurde vorzeitig beendet, weil die Angeklagten und ihre Anwältinnen dagegen protestierten, dass sie in dem Hochsicherheits-Gerichtssaal in Stammheim in Glasgästen getrennt von ihren Verteidiger*innen Platz nehmen sollten. Dadurch wäre eine Kommunikation zwischen Angeklagten und ihren Anwältinnen nur über Mikrophone möglich gewesen, die zudem schlecht funktionierten. Am 11. Mai wurde der unterbrochene Prozess fortsetzt.
Solidarität mit den Ulm5 ist angesagt. Es gibt mittlerweile die Webseite https://ulm5.info/de, auf der auch die Kurzbiographen der fünf Aktivist*innen zu finden sind, Dort gibt es auch die Möglichkeit, Fragen an einzelne Gefangene digital zu stellen, die dann von der Solidaritätsgruppe weitergeleitet werden. Es wäre sicher interessant, mit ihnen in den Austausch über antimilitaristische Praxis zu treten und dabei auch Kritikpunkte nicht auszusparen. Schließlich gehört zu einer Solidarität, die mehr ist als eine blinde Gefolgschaft, die
kritische Auseinandersetzung.
Peter Nowak