Todestag Ulrike-Meinhof

INTERVIEW/314: Ulrikes Kampf – Spreu vom Weizen … Heinz-Jürgen Schneider, Peter Nowak und Wolfgang Lettow im Gespräch (SB)

ulrike vaVermächtnis unbeug­samen Streits
Ver­an­staltung zum 40. Todestag von Ulrike Meinhof am 9. Mai 2016 in Hamburg

Auf Ein­ladung des Netz­werks Freiheit für alle poli­ti­schen Gefan­genen fand am 9. Mai an der Uni­ver­sität Hamburg eine Ver­an­staltung zum 40. Todestag Ulrike Meinhofs statt. Zum Thema »Revo­lu­tionäre Geschichte aneignen und ver­tei­digen« refe­rierten und dis­ku­tierten auf dem Podium der ehe­malige Anwalt Heinz-Jürgen Schneider, der Jour­nalist Peter Nowak und der ver­ant­wort­liche Redakteur der Zeitung Gefan­ge­neninfo Wolfgang Lettow. Alle drei erklärten sich bereit, im Anschluß daran dem Schat­ten­blick in einem gemein­samen Gespräch einige Fragen zu beant­worten.

Schat­ten­blick (SB): Die heutige Ver­an­staltung stand unter dem Titel »Zum 40. Todestag Ulrike Meinhofs – Revo­lu­tionäre Geschichte aneignen und ver­tei­digen«. Ulrike Meinhof hat die herr­schenden Ver­hält­nisse tief­greifend ana­ly­siert und ent­schieden kri­ti­siert. Was ist für euch ihr wich­tigstes Ver­mächtnis?
Jürgen Schneider (JS): In der Zeit des Faschismus saßen sehr viele Men­schen als poli­tische Gefangene hinter Gittern und sahen sich schwerster Repres­sionen aus­ge­setzt. Ich habe erst gestern ein Interview mit Margot Hon­ecker gelesen, in dem sie berichtet, daß ihr Mann viele Jahre in Haft war, aber nie darüber gesprochen hat. Ich komme selbst aus der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung und weiß, daß viele ältere Genossen, die dieses Schicksal geteilt haben, durch die Haft ver­ändert wurden, was aber nie von ihnen oder mit ihrer Hilfe the­ma­ti­siert worden ist. Sie haben Wider­stand geleistet, wurden ein­ge­sperrt und gefoltert. Wäre es ihnen möglich gewesen, darüber zu sprechen, hätte das sicher manchem geholfen und Härten gemildert. Ich sehe einen Brü­cken­schlag darin, daß Ulrike Meinhof nicht nur aus ihrer Iso­la­ti­onshaft berichtet, sondern das sogar zu einem Kampf­mittel gemacht hat.
Peter Nowak (PN): Ulrike Meinhof und der Schrift­steller Christian Geissler gehörten zeit­weise der ille­galen KPD an und haben die kom­mu­nis­tische Geschichte bis hinein in die Halb­heiten und Fehler reflek­tiert. Es war ein Trauma der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung in Deutschland, gegen ihre Ille­ga­li­sierung und Ver­folgung nicht ent­schieden genug Wider­stand geleistet zu haben. Ohne diesen Hin­ter­grund des schon 1933 geschei­terten kom­mu­nis­ti­schen Wider­stands wäre die Ent­scheidung Ulrike Meinhofs für den bewaff­neten Kampf nicht vor­stellbar gewesen. Christian Geissler hat diesen poli­ti­schen Zusam­menhang als einer der wenigen aus dieser Generation her­vor­ge­hoben und ist den RAF-Gefan­genen gegenüber stets soli­da­risch geblieben. Das ist heute schwer zu dis­ku­tieren, weil ein Großteil selbst der radi­kalen Linken von der kom­mu­nis­ti­schen Geschichte kaum noch etwas weiß – und wenn, dann nur auf einer sehr abs­trakten Ebene.
Wolfgang Lettow (WL): Man kann sich heute kaum noch vor­stellen, wie bedeutsam der Wider­stand der RAF-Genos­sInnen damals für sehr viele Men­schen war. Auch wenn man nicht alles an ihren Texten wegen des jugend­lichen Alters sofort ver­stand, fand man aber gut, was sie gemacht haben, da sie für eine Kom­pro­miß­lo­sigkeit standen, die Mut machte. Ich selbst habe sei­nerzeit im Erzie­hungs­be­reich gear­beitet und bin aus diversen Pro­jekten raus­ge­flogen, weil ich mich nicht anpassen wollte. Wir haben gesagt, nicht die Jugend ist kaputt, sondern die Gesell­schaft macht die Men­schen kaputt und wir müssen uns auf die Seite der Unter­drückten stellen. Mit Ulrike Meinhof verband uns nicht zuletzt die Idee einer revo­lu­tio­nären Arbeit in anti­staat­lichen Pro­jekten. Diese Tendenz wurde massiv zurück­ge­drängt, viele Mit­streiter paßten sich dem bür­ger­lichen Main­stream an, bis die Fischers, Schilys und Strö­beles das Feld beherrschten und nur noch wenige an den revo­lu­tio­nären Idealen der 68er fest­hielten.

SB: Liest man Ulrike Meinhofs poli­tische Ana­lysen, trifft man auf eine Sprache, die in ihrer Prä­zision und Posi­tio­nierung bei­spielhaft ist. Ist diese sprach­liche Wirk­mäch­tigkeit ver­lo­ren­ge­gangen, oder sind euch Bei­spiele ent­spre­chender Aus­drucks­fä­higkeit aus jün­gerer Zeit bekannt?
JS: Ich kenne gar nicht so viele Texte von Ulrike Meinhof und habe die konkret erst gelesen, als sie schon die Gremliza-Zeit­schrift in den 70er Jahren war. Ihre Schil­derung des toten Trakts in Köln-Ossendorf ist in den Sprach­bildern äußerst ein­gängig, und in Ver­bindung mit dem Vortrag Rolf Beckers war das sehr beein­dru­ckend. Heute läuft zwar viel über Sprache, aber nicht mit einer, die du nach­lesen kannst. Sie ist eher auf den erfolg­reichen Auf­tritt in einer Talkshow fokus­siert, wo du eine Minute hast, um etwas zu ent­wi­ckeln, das die Leute erreicht. Das ist im Grunde längst der Standard. Ähnlich verhält es sich mit Leit­ar­tikeln, die zudem meistens nicht von Frauen, sondern von Männern geschrieben werden. Mir ist nichts bekannt, was mit der Qua­lität und Par­tei­lichkeit ver­gleichbar wäre, in der Ulrike Meinhof geschrieben hat. Konkret war damals ja keine kleine Pos­tille, sondern hatte zwi­schen 200.000 und 300.000 Lese­rinnen und Leser, so daß ihre Bei­träge eine beacht­liche Reich­weite hatten. Auch von ihren Radio­sen­dungen waren eine Menge Leute tief beein­druckt, bis hin zu Marcel Reich-Ranicki, und ich wüßte nicht, daß es da viele Nach­fol­ge­rinnen gegeben hätte.
WL: Im voll­stän­digen Text des »Briefes aus dem toten Trakt« ist davon die Rede, daß ein Ziel dieser Haft­be­din­gungen die Zer­störung der Gefan­genen ist. Es war damals wesentlich zu begreifen, daß es sich bei der Iso­la­ti­onshaft um eine soge­nannte weiße Folter handelt, bei der man keine Wunden sehen kann. Zuerst war Ulrike allein, doch auch zu zweit wurde es nicht besser, denn das Kalkül bestand darin, Kleinst­gruppen her­zu­stellen, in denen die Insassen ein­ander bekämpfen. Solche Fol­ter­for­schung wurde auch im Ham­burger Uni­ver­si­täts­kran­kenhaus Eppendorf betrieben. Gemeinsam mit ihrer Schwester, die sie besuchen durfte, hat Ulrike als eine der ersten erfaßt und ein­drucksvoll beschrieben, was die Iso­lation mit ihr macht. Im heute vor­herr­schenden Diskurs wird hin­gegen geleugnet, daß es sich um eine Form der Folter handelt.
PN: Ulrike Meinhof waren Iso­la­ti­ons­me­thoden aus den Heimen und Berichte aus der Zeit des KPD-Verbots bekannt – insofern ist sie nicht völlig unvor­be­reitet in diese Situation gekommen. Dennoch ist es etwas ganz anderes, das selber zu erleben. Ihr Versuch, Worte für etwas zu finden, wofür es eigentlich keine gibt, mutet paradox an. So beschreibt sie bei­spiels­weise, daß sie sich nach zwei Sätzen nicht mehr an den ersten erinnern kann. Daß sie in dieser Lage Worte gefunden hat, die es eigentlich nicht gab, macht ihren Brief um so ein­drucks­voller.
SB: Jürgen, du kennst als Anwalt die Haft­be­din­gungen damals wie heute. Kann man von einer Kon­ti­nuität sprechen oder haben Ver­än­de­rungen statt­ge­funden?
JS: Eine Ver­bes­serung hat es sehr lange nicht gegeben. Es gab immer Haft­statute, die sich auf den ein­zelnen Gefan­genen bezogen, und die nicht wesentlich von den dama­ligen abwichen. Iso­lation in den unter­schied­lichsten Formen ist durch­gängig ange­wendet worden. Heute gibt es ja keine RAF-Gefan­genen mehr, doch bei den kur­di­schen Häft­lingen war es während meiner aktiven Zeit ver­gleichbar. Die Iso­lation in der Unter­su­chungshaft – keine Got­tes­dienste, Hofgang allein und so weiter – wird relativ stringent ange­wendet.

SB: In der Ver­an­staltung heute wurde zum Aus­druck gebracht, daß im aktu­ellen Kur­den­prozeß in Hamburg die Soli­da­rität der deut­schen Linken bekla­genswert man­gelhaft sei. Wie kommt es, daß diese Pro­ble­matik hier­zu­lande so wenig wahr­ge­nommen wird?
JS: In den 80er Jahren war die PKK deutlich kleiner, und es gab kon­tro­verse Dis­kus­sionen ins­be­sondere über ihren Umgang mit Abweichlern in Deutschland. Nach dem Verbot 1993 war der Kreis nicht sehr groß, der etwas dagegen unter­nommen und sich soli­da­risch erklärt hat. Wenn­gleich die Ent­wicklung in Rojava erheblich mehr Men­schen ange­sprochen hat, sind Vor­be­halte in der deut­schen Linken immer noch spürbar. Diese ver­weigert ins­be­sondere einen Aus­tausch auf Augenhöhe, so daß der kur­dische Gesell­schafts­entwurf mit dem Räte­modell in der hie­sigen Dis­kussion so gut wie keine Rolle spielt. Man lehnt zwar den tür­ki­schen Staats­ter­ro­rismus ab und möchte nicht, daß Kurden vor Gericht gestellt werden, doch ihr Projekt der Selbst­ver­waltung wird kaum the­ma­ti­siert.
SB: Müßte die Ent­wicklung in Rojava nicht inspi­rierend für eine schwä­chelnde deutsche Linke sein, weil die Kur­dinnen und Kurden dort genau das machen, was hier viele Leute anstreben, nämlich von der Basis her Ver­än­de­rungen her­bei­zu­führen?
JS: Ein direkter Ver­gleich ist sicherlich schwierig, zumal die Ent­wicklung in Rojava unter Dau­er­be­schuß steht. Ver­glichen mit anderen Welt­re­gionen dringen relativ wenig Infor­ma­tionen aus den Kur­den­ge­bieten in Nord­syrien hierher durch. Ob sich das ver­ändert, weiß ich nicht, aber im Moment blickt die deutsche Linke eher durch einen grauen Schleier, ohne deutlich wahr­zu­nehmen, was sich dahinter ver­birgt.
PN: Linke aus anderen Ländern haben sich viel stärker mit dieser The­matik beschäftigt. Selbst der US-ame­ri­ka­nische Eth­nologe David Graeber, der kein radi­kaler Linker ist, hat eine Lobes­hymne auf Rojava geschrieben und einen Ver­gleich zur Pariser Kommune oder dem Jahr 1936 in Spanien gezogen. Hier­zu­lande wird das eher belä­chelt oder mit einer Warnung vor der Über­nahme neuer Modelle bedacht. Das hängt mit der Schwäche der Linken in Deutschland zusammen, während sich stärkere Bewe­gungen in anderen Ländern pro­blem­loser darauf beziehen.
WL: Wir stimmten früher mit dem Vietcong oder den Paläs­ti­nensern nicht total überein, sahen uns aber im Kampf gegen einen gemein­samen Feind. Da war es sekundär, ob sie nun mar­xis­tisch oder mao­is­tisch geprägt waren. Ent­scheidend blieb die Gleich­zei­tigkeit der Kämpfe. Kämpft man selber um Befreiung, tole­riert man wohl eher anders poli­tisch aus­ge­richtete Befrei­ungs­be­we­gungen. Ich kann nicht sagen, wie in Rojava oder der Türkei der Kampf zu führen ist. Woher soll ich das wissen? Aber ich möchte, daß wir stärker werden. Wenn wir auch nicht alle Auf­fas­sungen teilen, gibt es doch gewisse Berüh­rungs­punkte, und wir wollen, daß sie sich ent­wi­ckeln können.
SB: Wie konnte es dazu kommen, daß die RAF, mit der erheb­liche Teile der Linken sym­pa­thi­sierten, später derart iso­liert wurde? Welche staat­lichen Stra­tegien oder auch Emp­fäng­lich­keiten für Spal­tungs­ver­suche in der Bewegung würdet ihr da sehen?
JS: Die gern zitierten Umfra­ge­er­geb­nisse aus den frühen 70er Jahren haben damals sicherlich eine Berech­tigung gehabt. Zehn oder zwanzig Jahre später hätte man so hohe Werte nicht mehr bekommen, das muß man ganz rea­lis­tisch sagen. Ich war während des Stu­diums im DKP-nahen Mar­xis­ti­schen Stu­den­tenbund Spar­takus orga­ni­siert, und bei unseren Bücher­ti­schen und Wand­zei­tungen im Foyer ging es haupt­sächlich um Chile-Soli­da­rität und uni­ver­sitäre Themen. Einen Bücher­tisch weiter saßen Leute, die etwas gegen den Son­der­for­schungs­be­reich an der Uni unter­nahmen, dar­unter der bekannte Rechts­anwalt Gerhard Strate. Es bildete sich ein linkes Milieu, in dem das Interesse weniger den Schriften der RAF oder dieser und jener Befrei­ungs­aktion galt, sondern Haft­be­din­gungen, Kri­mi­na­li­sierung von Anwälten, Zensur und Geset­zes­ver­schär­fungen im Mit­tel­punkt standen. Ich war kein Anhänger des Kon­zepts Stadt­gue­rilla, aber mit dieser Anti­re­pres­si­ons­arbeit konnte ich etwas anfangen. Eine inhalt­liche Aus­ein­an­der­setzung mit der Stra­tegie der RAF hat es in meinem Umfeld bei Erscheinen des Front­pa­piers im Mai 1982 nicht mehr gegeben. Auch sonst in der Gesell­schaft fand zu diesem Zeit­punkt keine nen­nens­werte kon­tro­verse Dis­kussion mehr statt.
PN: Es gab eine gezielte Stra­tegie der Repression, die sich ins­be­sondere auf das Milieu des Nach-68er-Auf­bruchs bezog. Peter Brückner, der kein Par­tei­gänger der RAF war, aber an einem soli­da­ri­schen Umgang unter Linken fest­ge­halten hat, brachte dies ein Berufs­verbot und jah­re­lange Drang­sa­lierung ein. Durch diese Abschre­ckung sollte die RAF in den Kreisen, die mit ihr sym­pa­thi­sierten, iso­liert werden. Schon Anfang der 70er Jahre for­derten pro­mi­nente Linke wie Oskar Negt, man müsse die Radi­kalen iso­lieren, was sich im Sprach­ge­brauch kaum noch von den Repres­si­ons­or­ganen unter­schied. Es bedurfte wenig, um mit einem Berufs­verbot sank­tio­niert zu werden. Oft reichte eine Unter­schrift bei irgend­einem Appell oder eine Passage aus einem Lehrbuch.
SB: Wie Ulrike Meinhofs Schwester Wienke Zitzlaff im Interview mit der jungen Welt berichtet, hat sich die Eltern­schaft in ihrer dama­ligen Zeit als Schul­lei­terin erstaun­li­cher­weise hinter sie gestellt.
WL: Das war bemer­kenswert, wenn man bedenkt, daß damals nicht weniger als 3,5 Mil­lionen Men­schen im Staats­dienst auf ihre Gesinnung hin über­prüft worden sind und zahl­reiche Berufs­verbote ver­hängt wurden. Das hat einige Men­schen bis in den Selbstmord getrieben. Wenn­gleich natürlich ein­zu­wenden wäre, daß man ohnehin nicht gleich­zeitig Beamter und Revo­lu­tionär sein kann, bleibt doch fest­zu­halten, daß ange­sichts dieser Repression, die etlichen Leuten das Genick gebrochen hat, noch sehr viel mehr den Kopf ein­ge­zogen haben. Die RAF selbst wurde zunehmend tabui­siert und alles, was sie mit­telbar betraf, kri­mi­na­li­siert. Eine Ver­an­staltung wie die heutige an der Uni­ver­sität wäre damals kaum möglich gewesen.

SB: Bedeutet das, daß das Thema RAF, nicht zuletzt durch eine bestimmte mediale Ver­ar­beitung, inzwi­schen ent­sorgt ist und man heute ent­spannt damit umgehen kann?
WL: Nein, denn als in einer rheinland-pfäl­zi­schen Stadt eine der uns­rigen ent­spre­chende Ver­an­staltung geplant wurde, hat der dortige ASTA das ange­sichts der The­matik als unrea­lis­tisch abge­wiesen. Dieser Komplex ist bei den Linken immer noch mit Angst besetzt, und tat­sächlich handelt man sich für die Ver­öf­fent­li­chung bestimmter Aus­sagen wie etwa zum Tod Ulrike Meinhofs noch immer Straf­ver­fahren ein. Ande­rer­seits habe ich mich gefreut, daß heute eine ganze Reihe von Leuten, die ich aus frü­heren poli­ti­schen Zusam­men­hängen kenne, teil­weise von weither ange­reist sind. Es besteht offen­sichtlich ein Bedürfnis, darüber zu reden, und es kommt wohl langsam zu einer Annä­herung, sich damit aus­ein­an­der­zu­setzen.

SB: Die Ver­an­staltung hatte das selbst­er­klärte Ziel, sich die »revo­lu­tionäre Geschichte anzu­eignen und sie zu ver­tei­digen«. Dieser Ansatz schließt ins­be­sondere den Übertrag auf eine jüngere Generation ein, welche die dama­ligen Ereig­nisse nicht aus eigenem Erleben kennt. Unser Ein­druck war jedoch, daß sich die Bei­träge eher selbst­re­fe­ren­tiell an ein älteres Publikum rich­teten, das mit der The­matik ver­traut ist, aber die Jün­geren auf diese Weise kaum erreicht wurden.
WL: Aus dem Kreis der Stu­die­renden hat uns der SDS ins­be­sondere in der Raum­frage unter­stützt. Daß zwei selbst­ver­waltete Cafés auf dem Campus und der SDS heute abend Plena hatten, dürfte dazu bei­getragen haben, daß so wenig Jüngere gekommen sind. Der anwe­sende Genosse des SDS brachte den Einwand vor, daß ihm das alles sehr düster vor­komme und er keinen Bezug dazu her­stellen könne. Wir stehen vor dem Problem, daß der damalige Dis­kus­si­ons­prozeß um die Ver­bindung von Politik und Pri­vatem ver­lo­ren­ge­gangen ist. Der kol­lektive Zusam­menhang läßt sich in einem kurzem Beitrag von wenigen Minuten nicht hin­rei­chend aus­führen. Unser Ansatz zu dis­ku­tieren, welche Kämpfe wir heute führen und wie wir die Aus­ein­an­der­set­zungen in anderen Ländern unter­stützen können, hat unter diesen Umständen nicht gegriffen.

SB: Wäre nicht »gestern Vietnam, heute Kur­distan« ein mög­licher Anknüp­fungs­punkt?
JS: Als Brücke finde ich das in Ordnung – und es wurde ja auch in ver­schie­denen Bei­trägen aus­ge­führt -, auch wenn man diese Kriege viel­leicht nicht in jeder Hin­sicht ver­gleichen kann und der Sieg in Kur­distan noch aus­steht. Man muß jedoch berück­sich­tigen, daß die 70er Jahre weltweit ein Jahr­zehnt des Auf­bruchs waren, wenn man an Vietnam, Por­tugal, Angola, Mosambik, Guinea-Bissau, Nica­ragua, Chile und andere Bei­spiele denkt. Ins­gesamt gesehen ist mir das inter­na­tionale Koor­di­na­ten­system ein bißchen zu kurz gekommen. Ich habe diese Zeit nicht in düs­terer Erin­nerung, während für mich die 90er Jahre viel schlimmer waren. Der Schlag, der nach der Phase des Auf­bruchs gekommen ist, war äußerst hart.

SB: Könntest du das etwas näher erläutern?
JS: Der Impe­ria­lismus sah sich damit kon­fron­tiert, daß ihm eine Menge Felle weg­ge­schwommen waren. In den befreiten afri­ka­ni­schen und latein­ame­ri­ka­ni­schen Ländern unter­stützte er dar­aufhin die bewaffnete Kon­ter­re­vo­lution. In dem Wett­streit der beiden Blöcke setzte die Reagan-Regierung das große Wett­rüsten in Gang, um die Sowjet­union und ihre Ver­bün­deten öko­no­misch nie­der­zu­kon­kur­rieren. In West­europa und West­deutschland war von »mehr Demo­kratie wagen« keine Rede mehr, die Repression wurde massiv durch­ge­setzt. Das Pendel ist nach der anderen Seite aus­ge­schlagen.
PN: Der Rollback in Chile war der Anfang und das Labo­ra­torium für den Neo­li­be­ra­lismus, worauf diese Erfah­rungen schnell und gezielt auf andere Länder über­tragen wurden. Als man die San­di­nisten mit dem Krieg der Contras überzog, war ihr Ent­wick­lungs­ansatz in Nica­ragua bald unat­traktiv für die Bevöl­kerung. Das führte dazu, daß viele deutsche Linke meinten, man könne und solle sich auf keine Seite mehr stellen. Es gab eine Zeit, in der sich viele Linke wei­gerten, von »Terror« zu sprechen. Selbst Heinrich Böll, der kein Linker im klas­si­schen Sinne war, warnte vor der Bezich­tigung der RAF als »Ter­ror­bande«. Heute ist es selbst unter Linken fast selbst­ver­ständlich, durch­gängig von Terror zu sprechen. Zudem wird der Blick auf die RAF durch die Nahost-Debatte und die damit ver­bundene Anti­se­mi­tismus-Dis­kussion in hohem Maße ver­zerrt.
WL: In der 70er und teil­weise auch noch in den 80er Jahren gab es in Deutschland eine relativ starke autonome und anti­ka­pi­ta­lis­tische Linke. Es kam zu Haus­be­set­zungen, mas­sen­haften Demons­tra­tionen, selbst Kon­gresse inter­na­tio­naler Finanz­in­sti­tu­tionen wurden ver­hindert. Aller­dings hatte die Spaltung längst gegriffen, etwa wenn die DKP die Berufs­verbote nur auf sich bezog oder erklärte, die RAF dürfe nicht von der Klas­sen­justiz, wohl aber von den Arbeitern ver­ur­teilt werden. Zur Zeit der RAF-Gefan­genen exis­tierte noch eine Öffent­lichkeit, die sich für die Haft­be­din­gungen inter­es­sierte. Als diese öffent­liche Wahr­nehmung schwand, ver­schärften sich die Ver­hält­nisse in den Gefäng­nissen, Iso­la­ti­onshaft wurde geleugnet, aber weiter prak­ti­ziert.

SB: Wie lassen sich die Pro­zesse innerhalb der Linken, die zu diesem Bruch mit der eigenen Geschichte und ideo­lo­gi­schen wie lebens­prak­ti­schen Aus­weich­ma­növern geführt haben, so ana­ly­sieren, daß man die vielfach erlebte und beklagte Ohn­macht über­winden könnte?
PN: Im grö­ßeren his­to­ri­schen Zusam­menhang gesehen gab es Momente wie 1917 in Rußland oder 1936 in Spanien, wo eine orga­ni­sierte Linke und eine reale Mas­sen­be­wegung zusam­men­kamen. Es gab aber auch Ein­schnitte wie 1989, an denen Strö­mungen der Linken auf breiter Front zurück­ge­schlagen wurden. In den 80er Jahren radi­ka­li­sierten sich Haus­be­setzer, Start­bahn­gegner und Teile der Anti-Akw-Bewegung ange­sichts der erfah­renen Repression, soli­da­ri­sierten sich mit Gefan­genen und machten sich Gedanken über revo­lu­tionäre Pro­zesse. Dieser reale Wider­stand wurde bekämpft, in hohem Maße aber auch ver­ein­nahmt und auf inte­grative Bahnen gelenkt. Enga­gieren sich junge Leute heute poli­tisch, dann häufig in Bewe­gungen und Orga­ni­sa­tionen, die sich explizit nicht als links defi­nieren. Die Sorge, nur ja nicht von der Linken ver­ein­nahmt zu werden, ist weithin der Über­zeugung geschuldet, daß diese his­to­risch überholt und gescheitert sei. Statt dessen betätigt man sich gern in Orga­ni­sa­tionen wie Campact, die Enga­gement ohne poli­tische Bindung vor­halten.

SB: Wie würdest du die Rolle der NGOs in diesem Zusam­menhang ein­schätzen?
PN: Man kann nicht alle über einen Kamm scheren, da es durchaus unter­schied­liche Gruppen gibt. Grund­sätzlich gesehen haben die Herr­schenden gelernt, daß es unpro­duktiv ist, sie generell als staats­feindlich zu ver­däch­tigen. Inzwi­schen werden die radi­ka­leren aus­ge­grenzt und die inte­gra­tiven gefördert, wobei sich für viele die Sys­tem­frage nicht mehr stellt. Sie betreiben intensiv und erfolg­reich Lob­by­arbeit, bei der die vor­ge­hal­tenen Ziele nahtlos in die Beför­derung eigener Orga­ni­sa­ti­ons­in­ter­essen über­gehen. Unter der Aus­flucht, die aktu­ellen Kräf­te­ver­hält­nisse ließen nichts anderes zu, werden Kam­pagnen und Lob­by­ismus zur Ultima ratio ver­ant­wor­tungs­be­wußten poli­ti­schen Han­delns erklärt.

SB: Kriege, Hun­gersnöte, soziale Tal­fahrt und Flücht­lings­ströme, Res­sour­cen­schwund und Kli­ma­wandel muten derart düster an, daß eine ganze Generation depressiv werden könnte. Dem­ge­genüber gleichen Pro­test­be­we­gungen wie jene gegen TTIP mit­unter einem Kar­neval auf der Straße, der die Begrenzung der eigenen Wirk­samkeit in sich zu tragen scheint. Welche neuen und weit­rei­chen­deren Formen des Wider­stands gibt es aus eurer Sicht?
PN: Ich denke, daß der Prozeß der Selbst­or­ga­ni­sierung, der mit einer Absage an die alten Orga­ni­sa­ti­ons­formen ver­bunden ist, in der jün­geren Generation sehr ernst genommen wird. Dort muß man ansetzen, um darüber zu Räten, selbst­or­ga­ni­sierter Arbeit, Kämpfen um Wohnraum oder im Job­center vor­zu­dringen. Inzwi­schen gibt es wieder Grup­pie­rungen, die sich kom­mu­nis­tisch nennen und erkennen, daß sie unter Bedin­gungen schuften, die sich Arbeiter bereits in den 60er Jahren nicht mehr gefallen ließen. So können die Arbei­ter­be­wegung und ihre erkämpften Errun­gen­schaften wieder als bedeutsam wahr­ge­nommen werden. Zu ent­spre­chenden Dis­kus­sionen, die schon in den 20er Jahren geführt wurden, gibt es in jün­gerer Zeit eine Flut von Büchern jün­gerer linker His­to­ri­ke­rinnen. Dies zusam­men­ge­nommen ist ein hoff­nungs­volles Zeichen, daß sich die Kämpfe um enge Teil­be­reiche aus­wachsen und größere Zusam­men­hänge erfassen könnten. Bei­spiels­weise kri­ti­siert das Bündnis »Ums Ganze« die Belie­bigkeit der Bewe­gungen, fordert die Marx-Lektüre und begrenzt Kapi­ta­lis­mus­kritik nicht auf Kritik am Neo­li­be­ra­lismus.
Denkt man an den Übergang vom Web­stuhl zur Dampf­ma­schine oder an das Fließband des For­dismus, waren damit gewaltige Umwäl­zungen gesell­schaft­licher Regu­lierung ver­bunden, die das Bewußtsein der Men­schen ver­ändert und spe­zi­fische poli­tische Orga­ni­sa­ti­ons­formen her­vor­ge­bracht haben. Wir stecken mitten im Umbruch des Com­pu­ter­zeit­alters, das sich vom Alten abgrenzt, aber das Neue noch nicht gefunden hat. Fragen der Sub­jek­ti­vität, Bezie­hungen und Pro­blem­be­wäl­tigung stellen sich heute anders als noch vor wenigen Jahr­zehnten. Die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse und ‑bedin­gungen weisen über den Kapi­ta­lismus hinaus, was dazu führt, daß die tra­di­tio­nellen Formen des Kampfes der Fabrik­ar­beiter und die klas­si­schen Par­tei­kon­zepte nicht mehr greifen, während es die neuen erst noch zu ent­wi­ckeln gilt.

SB: Wir möchten euch abschließend um einen Aus­blick in die Zukunft bitten: Wird es zum 50. Todestag Ulrike Meinhofs in zehn Jahren eine Ver­an­staltung wie die heutige geben und wie könnte sie aus­sehen?
JS: Für die Ü60-Generation muß man es nicht noch einmal machen. Aber es wäre schön, wenn jüngere Leute, die eine eigene poli­tische Praxis haben, zu diesem Anlaß zusam­men­kämen und darüber dis­ku­tierten.
WL: Grie­chische und tür­kische Genos­sInnen, die in ihren Ländern mas­siver Repression aus­ge­setzt sind und Kämpfe führen, setzen sich intensiv mit der Geschichte der RAF aus­ein­ander. Für sie stellen sich die damit ver­bun­denen Fragen ganz anders. In Deutschland herrscht dagegen Ver­drängung auf breiter Front vor, so daß poli­tische Ana­lysen, die sei­nerzeit von vielen Leuten geteilt wurden, nicht mehr präsent sind. Das kann und wird sich hof­fentlich ändern, wenn aus der Praxis geführter Aus­ein­an­der­set­zungen heraus wieder Bezüge zu den frü­heren Dis­kus­sionen und Kämpfen her­ge­stellt werden.
PN: In zehn Jahren wird sich mit Sicherheit eine Orga­ni­sation her­aus­ge­schält haben, die solche Fragen wieder dis­ku­tiert. Wie stark sie dann ist, läßt sich natürlich nicht vor­her­sagen. Mir sind aus Mag­deburg Jugend­liche aus den Unter­klassen bekannt, die daran arbeiten, Theorie und Praxis zu ver­binden. Kriegen sie das hin, wäre das natürlich ein sehr inter­es­santer Ansatz. Ich würde mich jeden­falls freuen, wenn in zehn Jahren die Dis­kussion von diesen Kreisen getragen würde und wir älteren Semester eher auf gezielte Fragen ant­worten. Das wäre natürlich das Beste.

SB: Jürgen, Peter und Wolfgang, wir bedanken uns für dieses Gespräch.
Bericht zur Ver­an­staltung »Zum 40. Todestag Ulrike Meinhofs« in Hamburg im Schat­ten­blick
www​.schat​ten​blick​.de → INFOPOOLPOLITIKREPORT:
BERICHT/237: Ulrikes Kampf – und heute noch … (SB)
3. Juni 2016
Copy­right 2016 by MA-Verlag
Elek­tro­nische Zeitung Schat­ten­blick, ISSN 2190–6963
Nach­druck und Wie­dergabe, auch aus­zugs­weise, nur mit aus­drück­licher Geneh­migung des Ver­lages.
Redaktion Schat­ten­blick, Dorf­straße 41, 25795 Stelle-Wit­ten­wurth
Telefon: 04837/90 26 98 · Fax: 04837/90 26 97
E‑Mail: ma-​verlag.​redakt.​schattenblick@​gmx.​de

Internet: www​.schat​ten​blick​.de

http://​www​.schat​ten​blick​.de/​i​n​f​o​p​o​o​l​/​p​o​l​i​t​i​k​/​r​e​p​o​r​t​/​p​r​i​n​0​3​1​4​.html

———————————————————————————————————–

INTERVIEW/314: Ulrikes Kampf – Spreu vom Weizen … Heinz-Jürgen Schneider, Peter Nowak und Wolfgang Lettow im Gespräch (SB)

Ver­mächtnis unbeug­samen Streits

Ver­an­staltung zum 40. Todestag von Ulrike Meinhof am 9. Mai 2016 in Hamburg

Auf Ein­ladung des Netz­werks Freiheit für alle poli­ti­schen Gefan­genen fand am 9. Mai an der Uni­ver­sität Hamburg eine Ver­an­staltung zum 40. Todestag Ulrike Meinhofs statt. Zum Thema »Revo­lu­tionäre Geschichte aneignen und ver­tei­digen« refe­rierten und dis­ku­tierten auf dem Podium der ehe­malige Anwalt Heinz-Jürgen Schneider, der Jour­nalist Peter Nowak und der ver­ant­wort­liche Redakteur der Zeitung Gefan­ge­neninfo Wolfgang Lettow. Alle drei erklärten sich bereit, im Anschluß daran dem Schat­ten­blick in einem gemein­samen Gespräch einige Fragen zu beant­worten.

Schat­ten­blick (SB): Die heutige Ver­an­staltung stand unter dem Titel »Zum 40. Todestag Ulrike Meinhofs – Revo­lu­tionäre Geschichte aneignen und ver­tei­digen«. Ulrike Meinhof hat die herr­schenden Ver­hält­nisse tief­greifend ana­ly­siert und ent­schieden kri­ti­siert. Was ist für euch ihr wich­tigstes Ver­mächtnis?

Jürgen Schneider (JS): In der Zeit des Faschismus saßen sehr viele Men­schen als poli­tische Gefangene hinter Gittern und sahen sich schwerster Repres­sionen aus­ge­setzt. Ich hab

INTERVIEW/314: Ulrikes Kampf – Spreu vom Weizen … Heinz-Jürgen Schneider, Peter Nowak und Wolfgang Lettow im Gespräch (SB)

Ver­mächtnis unbeug­samen Streits

Ver­an­staltung zum 40. Todestag von Ulrike Meinhof am 9. Mai 2016 in Hamburg

Auf Ein­ladung des Netz­werks Freiheit für alle poli­ti­schen Gefan­genen fand am 9. Mai an der Uni­ver­sität Hamburg eine Ver­an­staltung zum 40. Todestag Ulrike Meinhofs statt. Zum Thema »Revo­lu­tionäre Geschichte aneignen und ver­tei­digen« refe­rierten und dis­ku­tierten auf dem Podium der ehe­malige Anwalt Heinz-Jürgen Schneider, der Jour­nalist Peter Nowak und der ver­ant­wort­liche Redakteur der Zeitung Gefan­ge­neninfo Wolfgang Lettow. Alle drei erklärten sich bereit, im Anschluß daran dem Schat­ten­blick in einem gemein­samen Gespräch einige Fragen zu beant­worten.

Schat­ten­blick (SB): Die heutige Ver­an­staltung stand unter dem Titel »Zum 40. Todestag Ulrike Meinhofs – Revo­lu­tionäre Geschichte aneignen und ver­tei­digen«. Ulrike Meinhof hat die herr­schenden Ver­hält­nisse tief­greifend ana­ly­siert und ent­schieden kri­ti­siert. Was ist für euch ihr wich­tigstes Ver­mächtnis?

Jürgen Schneider (JS): In der Zeit des Faschismus saßen sehr viele Men­schen als poli­tische Gefangene hinter Gittern und sahen sich schwerster Repres­sionen aus­ge­setzt. Ich hab

INTERVIEW/314: Ulrikes Kampf – Spreu vom Weizen … Heinz-Jürgen Schneider, Peter Nowak und Wolfgang Lettow im Gespräch (SB)

Ver­mächtnis unbeug­samen Streits

Ver­an­staltung zum 40. Todestag von Ulrike Meinhof am 9. Mai 2016 in Hamburg

Auf Ein­ladung des Netz­werks Freiheit für alle poli­ti­schen Gefan­genen fand am 9. Mai an der Uni­ver­sität Hamburg eine Ver­an­staltung zum 40. Todestag Ulrike Meinhofs statt. Zum Thema »Revo­lu­tionäre Geschichte aneignen und ver­tei­digen« refe­rierten und dis­ku­tierten auf dem Podium der ehe­malige Anwalt Heinz-Jürgen Schneider, der Jour­nalist Peter Nowak und der ver­ant­wort­liche Redakteur der Zeitung Gefan­ge­neninfo Wolfgang Lettow. Alle drei erklärten sich bereit, im Anschluß daran dem Schat­ten­blick in einem gemein­samen Gespräch einige Fragen zu beant­worten.

Schat­ten­blick (SB): Die heutige Ver­an­staltung stand unter dem Titel »Zum 40. Todestag Ulrike Meinhofs – Revo­lu­tionäre Geschichte aneignen und ver­tei­digen«. Ulrike Meinhof hat die herr­schenden Ver­hält­nisse tief­greifend ana­ly­siert und ent­schieden kri­ti­siert. Was ist für euch ihr wich­tigstes Ver­mächtnis?

Jürgen Schneider (JS): In der Zeit des Faschismus saßen sehr viele Men­schen als poli­tische Gefangene hinter Gittern und sahen sich schwerster Repres­sionen aus­ge­setzt. Ich hab

Stan­dard­format
Druck- und Kopier­format

BERICHT/237: Ulrikes Kampf – und heute noch … (SB)

»Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der auf­zu­halten sein?«
(aus Bertolt Brecht: Lob der Dia­lektik)

Ver­an­staltung zum 40. Todestag von Ulrike Meinhof am 9. Mai 2016 in Hamburg

Nein, tot­ge­schwiegen werde Ulrike Meinhof nicht, sagte der ehe­malige Anwalt Heinz-Jürgen Schneider, der auch Ange­klagte der RAF ver­teidigt hat, eher werde sie als die klas­sische rote Hexe gehandelt, die in den Sie­detopf der Dem­agogie geworfen wird. Anlaß für diese Äußerung, die den Lite­ra­tur­no­bel­preis­träger des Jahres 1972 Heinrich Böll zitiert, war eine Ver­an­staltung an der Uni­ver­sität Hamburg zum Todestag von Ulrike Meinhof, der sich am 8./9. Mai 2016 zum 40. Mal jährte. Ein­ge­laden hatten das Netzwerk Freiheit

für alle poli­ti­schen Gefan­genen, Hamburg sowie bekannte und unbe­kannte Freund*innen von Ulrike Meinhof, auf dem Podium saßen Rolf Becker, der sich nicht nur als facet­ten­reicher Schau­spieler, her­vor­ra­gender Vor­leser, sondern auch als nim­mer­müder linker Aktivist einen Namen gemacht hat und an diesem Abend Texte von Ulrike Meinhof selbst, von Christian Geissler, Dario Fo und Franka Rame vortrug, sowie der ver­ant­wort­liche Redakteur der Zeitung Gefan­ge­neninfo Wolfgang Lettow und der Jour­nalist