»Oftmals heuchlerisch«

Der Bremer Medi­zin­so­ziologe Wolfgang Hien warnt seit langem davor, die gesund­heit­liche Belastung durch Schad­stoff­emis­sionen der Industrie zu unter­schätzen. Die Auf­regung über die Abgas­tests der deut­schen Auto­bauer ver­kenne die eigent­liche Dimension der Pro­bleme.

Wolfgang Hien ist Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­ziologe. Er leitet die For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen und beschäftigt sich mit Gesund­heits­be­las­tungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch »Kranke Arbeitswelt« erschienen.
Am 9. Februar hält er im FAU-Lokal in Berlin einen Vortrag zum selben Thema.

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Gentrifizierung und Kultur


Kultur gegen Gen­tri­fi­zierung oder gen­tri­fi­zierte Kultur

Bei Stadt­teil­in­itia­tiven in den USA ist Art­wa­shing ein wich­tiger Begriff im Kampf gegen die Auf­wertung von Stadt­teilen. Er besagt, dass die Existenz von Galerien und Kul­tur­räumen in einen Stadtteil zur Auf­wertung und damit zur Ver­drängung von ein­kom­mens­schwachen Bewohner/​innen führt. In einigen Städten der USA wird nun heftig darüber gestritten, ob es eine sinn­volle Aktion ist, wenn Galeriebesitzer/​innen und Künstler/​innen auf­ge­fordert werden, die Stadt­teile zu ver­lassen. Betrof­fenen davon waren auch sozi­al­kri­tische Künstler/​innen, die diese Briefe öffentlich gemacht haben. Am ver­gan­genen Samstag lud die Sektion Medien der Basis­ge­werk­schaft FAU zu einer Dis­kussion über die Frage, wie Kulturarbeiter/​innen sich gegen die Gen­tri­fi­zierung wehren können. Dabei lehnte Clemens Melzer von der FAU eine gene­relle Ablehnung von Künstler/​innen und Galerist/​innen ab. Statt all­gemein zu fordern, Künstler/​innen sollen aus Stadt­teilen ver­schwinden, gehe es darum, mit ihnen zusammen gegen die Gen­tri­fi­zierung und für bessere Arbeits­be­din­gungen zu kämpfen. Dafür nannte er einige Bei­spiele. So gab es in Nord­neu­kölln die Initiative AntiGen, die unter dem Motto „Dear Stu­dents, Artists, Tra­velers“ zur Koope­ration dieser Gruppen mit den Stadtteilbewohner/​innen auf­ge­rufen hat, die sich gegen Ver­treibung und hohe Mieten wehren. Das hat funk­tio­niert, weil ein großer Teil auch der Künstler/​innen in Berlin in pre­kären Arbeits­ver­hält­nissen lebt und nicht zu dem wohl­ha­benden Teil der Bevöl­kerung gehört. Ein kon­kretes Bei­spiel wurde auf der Ver­an­staltung benannt. Ein Beschäf­tigter des Kul­tur­standorts Kühlhaus am Gleis­dreck berichtete, wie dort ein Pri­vat­un­ter­nehmer eine Immo­bilie zur Kul­tur­in­sti­tution umwan­delte, weil sie ihm lukrative Abschrei­bungs­mög­lich­keiten, Sub­ven­tionen und ein gutes Images ein­brachte. Die vielen Beschäf­tigten, die die Mode­schauen, Aus­stel­lungen, Kon­zerte und Fes­tivals mit ihrer Arbeit ermög­lichen, wurden mit geringen Löhnen abge­speist. Die Betrof­fenen haben sich orga­ni­siert, Demons­tra­tionen und Kund­ge­bungen ver­an­staltet und schließlich juris­tisch einen Teil des ihnen vor­ent­hal­tenen Lohnes erstritten. In dieser Aus­ein­an­der­setzung hätten sie sich auch an Pro­testen gegen die Gen­tri­fi­zierung beteiligt und Gedanken über ihre eigene Rolle bei der Auf­wertung der Stadt­teile gemacht. Sie haben sich als Kulturarbeiter/​innen bezeichnen, um das Bild vom Künst­ler­genie jen­seits von Lohn und mate­ri­ellen Inter­essen zu kon­ter­ka­rieren.

Kultur für eine globale Élite

Der Kul­tur­theo­re­tiker Guil­laume Paoli widmete sich in seinen Input dem Teil der Ber­liner Kultur, der sich ganz bewusst in den Dienst der Auf­wertung und Gen­tri­fi­zierung stellt und sprach von gen­tri­fi­zierter Kultur. Als aktu­elles Bei­spiel benennt er die Neu­aus­richtung der Ber­liner Volks­bühne unter Chris Dercon. Ziel­gruppe sei nicht mehr eine Stadt­teil­be­völ­kerung, sondern eine globale Wirt­schafts- und Kul­turelite, die in Berlin, Bar­celona oder Kopen­hagen eine kurze Visite macht. Diese habe kein Interesse an der spe­zi­fi­schen Kultur einer Stadt, deshalb gleichen sich diese Kul­tur­in­sti­tu­tionen immer mehr an. Die globale Sprache dort ist dann Eng­lisch, manchmal gibt es noch Unter­titel in der Sprache des jewei­ligen Landes. Die Ver­an­staltung hat gezeigt, dass Dif­fe­ren­zierung auch im Umgang mit der Kultur not­wendig ist. Diese Eli­ten­kultur sollte von gen­tri­fi­zie­rungs­kri­ti­schen Initia­tiven zum Gegen­stand von Kritik und Protest gemacht werden. Die vielen Kulturarbeiter/​innen in Galerien und Kunst­räumen sollten als Ver­bündete gewonnen werden.

aus: Mie­te­recho-Online:
https://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​g​e​n​t​r​i​f​i​z​i​e​r​u​n​g​-​u​n​d​-​k​u​l​t​u​r​.html
Peter Nowak

Teesolidarität

Reaktion auf Schwach­punkt: Selbst­ver­waltete Betriebe helfen sich gegen­seitig beim Ver­trieb

»It‘s Teatime! Scop Ti jetzt auch in Deutschland« – so bewirbt Union Coop, ein Zusam­men­schluss von basis­ge­werk­schaft­lichen Kol­lek­tiv­be­trieben in Deutschland, ganz besondere Tee­sorten. Sie werden in einer selbst­ver­wal­teten Tee­fabrik in Mar­seille pro­du­ziert. Mehr als drei Jahre hatten die Beschäf­tigten dort gegen den Uni­lever Konzern gekämpft und die Pro­duktion schließlich selbst über­nommen. Die neu gegründete Koope­rative Scop Ti pro­du­ziert ver­schiedene bio­lo­gisch und regional ange­baute Tee­sorten unter dem Mar­ken­namen 1336. Das soll an die Fabrik­be­setzung erinnern, die 1336 Tage dauerte. Nun will die Koope­rative ein Ver­triebs­system mit anderen Ländern auf­bauen. 

Koope­ra­ti­ons­partner in Deutschland ist die Union Coop, zu deren Grund­sätzen gehört, dass alle Beschäf­tigten die gleichen Rechte bei Ent­schei­dungen und einen Ein­heitslohn haben. Hansi Oos­tinga von der Union Coop betont, dass es sich nicht um eine Nische für Aus­steiger handelt. »Im Verbund mit anderen Kol­lek­tiv­be­trieben und der Basis­ge­werk­schaft FAU suchen wir Ant­worten auf die Frage, wie eine soli­da­rische Wirt­schaft aus­sehen kann«, betont er gegenüber »nd«.

Der Ver­trieb des Tees aus der selbst­ver­wal­teten Fabrik ist für ihn mehr als Soli­da­rität. »Es ist ein prak­ti­scher Ansatz­punkt für eine wirt­schaft­liche Gegen­macht.« Die Beleg­schaft habe sich während ihres lang­jäh­rigen Kampfs als Teil einer brei­teren sozialen Bewegung posi­tio­niert. Die Ver­ein­barung zur Koope­ration ist auf einem Treffen von selbst­ver­wal­teten Betrieben im Mit­tel­meerraum ent­standen, das vor einem Jahr in Grie­chenland auf dem besetzten Gelände von Vio​.Me stattfand. »Ein Ergebnis dieser Kon­ferenz war die Erkenntnis, dass ein Schwach­punkt aller selbst­ver­wal­teten Fabriken der Ver­trieb ist«, sagt Oos­tinga. Die Union coop will deshalb in der nächsten Zeit ihr Sor­timent erweitern. Neben den Seifen von Vio​.Me sollen auch Liköre aus der besetzten Fabrik Rimaflow in Mailand und Öl aus einer von der Land­ar­bei­ter­ge­werk­schaft SAT besetzten Finca in Anda­lusien ange­boten werden. 

Oos­tinga hofft, dass der Verkauf der Pro­dukte in Deutschland auch das Thema Betriebs­be­setzung und Selbst­ver­waltung wieder mehr in den Fokus rückt. Er erinnert an die selbst­ver­waltete Fahr­rad­fabrik in Nord­hausen, wo vor zehn Jahren einige Wochen lang das Strikebike pro­du­ziert wurde. Das Projekt schei­terte. Aber es steht bis heute für den Versuch, wie Arbeiter auch in Deutschland eine andere Form des Wirt­schaftens und Pro­du­zierens durch­setzen wollten. www​.union​-coop​.org/shop

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​1​8​3​7​.​t​e​e​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​.html

Peter Nowak

Geht es um Rassismus oder um Regierungsfähigkeit?

Der Streit in der Links­partei ist nicht mono­kausal zu erklären

Nun herrscht vorerst wieder Burg­frieden in der Links­partei. Doch wie lange er hält, ist unklar. Jeden­falls ist dem Taz-Kom­men­tator Pascal Peucker zuzustimmen[1]:

„Geht es um Ras­sismus oder um Regie­rungs­fä­higkeit?“ wei­ter­lesen

WAS DIE STANDORTPOLITIK DES DGB MIT DER AFD ZU TUN HAT

In Stefan Dietls neuem Buch steht neben Neo­li­be­ra­lismus und völ­ki­schem Anti­ka­pi­ta­lismus aus der AfD selbst, auch der Stand­ort­na­tio­na­lismus der DGB-Gewerk­schaften zur Debatte.

„Sozi­al­staat? Braucht Grenzen!“ Mit diesem Motto wirbt die AfD im Bun­des­tags­wahl­kampf. Im Wahl­pro­gramm der Rechtspopulist_​innen wird der Zusam­menhang zwi­schen Sozi­al­staat und Flücht­lings­po­litik so for­mu­liert: „Die Sta­bi­li­sierung der Sozi­al­systeme erfordert bei einer schrump­fenden und alternden Bevöl­kerung besondere Anstren­gungen. Unsere begrenzten Mittel stehen deshalb nicht für eine unver­ant­wort­liche Zuwan­de­rungs­po­litik, wie sie sich kein anderes euro­päi­sches Land zumutet, zur Ver­fügung.“ Eine solche Argu­men­tation findet auch bei Gewerkschafter_​innen Zustimmung.

Der Essener Bergmann Guido Reil, der von SPD zur AfD gewechselt ist, postet auf seiner Face­book­seite ein Video, auf dem man 10 Minuten sieht, wie er sich flan­kiert von Kameras in die Essener DGB-Demons­tration zum 1. Mai drängen will. Ihm schallen immer wieder „Nazis raus!“-Rufe ent­gegen. Der Münchner Jour­nalist Stefan Dietl unter­sucht in seinem, im Unrast-Verlag erschie­nenen, Buch die Sozi­al­po­litik der AfD und benennt dabei erfreu­li­cher­weise auch die Ver­ant­wortung des DGB. Der Unter­titel seines Buches „Zwi­schen Markt­ra­di­ka­lismus und völ­ki­schen Anti­ka­pi­ta­lismus“ benennt die beiden Pole der AfD-internen Debatte. Dietl erinnert noch einmal daran, dass die Wahl­al­ter­native 2013, aus der die AfD her­vor­ge­gangen ist, als Sam­mel­becken von der FDP ent­täuschter Neo­li­be­raler gegründet wurde. Von Anfang an waren Neo­kon­ser­vative mit im Boot. „Der AfD gelang es sowohl markt­ra­dikale Eliten als auch natio­nal­kon­ser­vative Hardliner_​innen, christlich-fun­da­men­ta­lis­tische Aktivist_​innen und völ­kische Natio­na­listen zu ver­einen“, beschreibt Dietl das Erfolgs­rezept der Rechtspopulist_​innen. Im Detail geht Dietl dann auf das sozi­al­po­li­tische Pro­gramm der AfD und die inner­par­tei­lichen Debatten um einen Min­destlohn oder das Frei­han­dels­ab­kommen TTIP ein.

ES REICHT NICHT, DIE AFD ALS NEO­LI­BERAL ZU ENT­LARVEN
Er zeigt auf, dass die AfD flü­gel­über­greifend sowohl die Agenda 2010 als auch die Leih­arbeit unter­stützt.
„Die Aus­grenzung und Selektion von sozial Benach­tei­ligten nach ver­meint­lichen Leis­tungs­kri­terien zum Wohle von Welt­wirt­schaft und Volk fügt sich in die sozi­al­dar­wi­nis­tische Ideo­logie der völ­ki­schen Antikapitalist_​innen ebenso ein wie in das markt­ra­dikale Denken neo­li­be­raler Hardliner_​innen.“ Daher warnt Dietl auch vor der naiven Vor­stellung, man müsse die AfD nur als neo­li­berale Partei ent­larven, damit sie die Wähler_​innen aus Teilen der Arbeiter_​innenklasse ver­liert. Die wählen oft die AfD nicht trotz, sondern wegen ihrer Mischung aus Sozi­al­chau­vi­nismus, Ras­sismus und Markt­ra­di­ka­lismus, weil auch sie für einen starken Wirt­schafts­standort Deutschland Opfer bringen wollen und sich gegen alle die wenden, die das ablehnen.

Aus­führlich widmet sich Dietl der Frage, warum die AfD-Parolen auch Zustimmung bei Gewerk­schafts­mit­gliedern finden, obwohl Vor­stands­mit­glieder von DGB, Ver.di und IG-Metall vor dieser Partei warnen und sich lokal auch an Bünd­nissen gegen die AfD betei­ligen. Das Pro­pa­gieren eines starken Stand­ortes Deutschland, der sich im inter­na­tio­nalen Wett­bewerb durch­setzen muss, könne zum unge­wollten Scharnier für die Ideo­logie rechter Gruppen werden, warnt Dietl. Er nimmt dabei auch auf Studien Bezug, die schon erstellt wurden, als es die AfD noch nicht gab. Denn die Frage, warum Gewerk­schafts­mit­glieder rechte und rechts­po­pu­lis­tische Ein­stel­lungen haben und dann auch ent­spre­chende Par­teien wählen, wird schon seit mehr als 10 Jahren intensiv diskutiert.Zudem würden sich heute vor allem Ange­stellte und gut aus­ge­bildete Fach­ar­beiter in DGB-Gewerk­schaften orga­ni­sieren. Aus Angst vor einem sozialen Abstieg wählen diese Seg­mente der Arbei­ter­klasse aber häufig die AfD.

NOCH HOFFNUNG IN EINEN KLAS­SEN­KÄMP­FE­RI­SCHEN DGB?
Im letzten Kapitel widmet sich Dietl gewerk­schaft­lichen Gegen­stra­tegien. „Ohne die Über­windung des Denkens in den Kate­gorien der inter­na­tio­nalen Stand­ort­kon­kurrenz ist ein glaub­wür­diges Ein­treten gegen den von der AfD pro­pa­gierten Ras­sismus und Natio­na­lismus zum Scheitern ver­ur­teilt“, so seine sehr prä­gnante und zutref­fende Kritik an der Ori­en­tierung des DGB. Die Gewerk­schaften müssen sich besonders den pre­kären Seg­menten der Lohnarbeiter_​innen, unab­hängig von ihrer Her­kunft, öffnen, wo sie im euro­päi­schen Ver­gleich großen Nach­hol­bedarf haben. Auch da hat Dietl Recht.

Nur zwei Fragen bleiben: Warum setzt er gegen alle his­to­ri­schen Erfah­rungen in den DGB die Hoffnung, sie könne eine klas­sen­kämp­fe­rische Orga­ni­sation werden, wo er in dem Buch viele Bei­spiele bringt, dass der Stand­ort­na­tio­na­lismus auch von großen Teilen der Basis besonders in DGB-Gewerk­schaften wie der IG-Metall und IG BCE getragen wird? Und, warum hat er in seinem Buch nicht mit einem Wort Basis­ge­werk­schaften wie die FAU erwähnt, die genau die klas­sen­kämp­fe­rische, trans­na­tionale Ori­en­tierung umzu­setzen ver­suchen? Diese Fragen wird Stefan Dietl sicher gestellt bekommen, wenn er am 25.8. sein Buch im Ber­liner FAU-Lokal vor und zur Dis­kussion stellt.

aus: DIREKTE AKTION
Anarcho­syndika­listische Zeitung

Was die Stand­ort­po­litik des DGB mit der AfD zu tun hat


Peter Nowak

Prekär, aber glücklich

Neue Formen der Arbeit erschweren die Durch­setzung von Rechten

Gewerk­schaftlich orga­ni­sierte Fahr­rad­ku­riere aus Italien und Spanien trafen sich am Wochenende im Rahmen der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Pro­jekt­tu­torium »Arbeits­kämpfe im digi­talen Kapi­ta­lismus« orga­ni­sierten Tagung »Neue Arbeit, neue Wider­stände?« in Berlin. Diese drehte sich darum, was das Besondere am digi­talen Kapi­ta­lismus ist und wie sich Wider­stand orga­ni­sieren lässt. Der Soziologe Christian Meyer setzte sich in seinen Vortrag kri­tisch mit dem Industrie 4.0‑Diskurs aus­ein­ander. Es gehe dabei vor allem darum, kon­kur­renz­fähig zu bleiben und unter dem Stichwort Fle­xi­bi­li­sierung Lohn­kosten zu senken und Arbeits­rechte zu schleifen.

Doch welche Folgen haben die Ver­än­derung in der digi­talen Arbeitswelt auf die Orga­ni­sa­ti­ons­be­reit­schaft der Beschäf­tigten? Christian Hörner stellte auf der Tagung Ergeb­nisse der Pre­ka­ri­täts­for­schung an der Ber­liner Hum­boldt-Uni­ver­sität vor. Viele der jün­geren Befragten hätten sich als prekär, aber glücklich bezeichnet. Für die Ursache der pre­kären Arbeits- und Lebens­ver­hält­nisse werde vielfach nicht der Kapi­ta­lismus, sondern die Glo­ba­li­sierung ver­ant­wortlich gemacht. Aus dem Publikum wurde hier ein Ein­fallstor für eine Sehn­sucht nach einem Kapi­ta­lismus ohne Glo­ba­li­sierung gesehen, wie er von US-Prä­sident Donald Trump und anderen Rechten ver­treten wird. Der Soziologe Walid Ibrahim von der Uni­ver­sität Jena berichtete von den Pro­blemen, die vor allem ältere Lohn­ab­hängige mit dem Anfor­de­rungen des digi­talen Kapi­ta­lismus haben. Ins­gesamt wurde auf der gut besuchten Tagung deutlich, dass die neuen Formen der Arbeit auf ver­schärfter Aus­beutung basieren und dass Beschäf­tigte Mittel und Wege suchen, sich dagegen zu wehren.

Oriol Alfambras von der Initiative Riders X Derechos schil­derte, wie sich die Kuriere in Italien zu orga­ni­sieren begannen und mit öffent­lich­keits­wirk­samen Aktionen schnell Auf­merk­samkeit bekamen. Für sie sind nicht die tra­di­tio­nellen Gewerk­schaften, sondern kleine Basis­ge­werk­schaften der bevor­zugte Ansprech­partner, da sie als weniger büro­kra­tisch und hier­ar­chisch gelten. Die Pro­teste der ita­lie­ni­schen Kuriere fanden auch in anderen Ländern Nach­ahmer. In Berlin orga­ni­siert die Freie Arbeiter Union (FAU) die jungen Fahr­rad­ku­riere. Der ver.di-Gewerkschaftssekretär Detlef Conrad, der im Lan­des­verband für die Logis­tik­branche zuständig ist, bezwei­felte gegenüber »nd«, dass die jungen fle­xiblen Lie­fer­dienst­mit­ar­beiter zu dau­er­hafter Orga­ni­sierung bereit sind. »Für viele ist es zudem nur ein Zweitjob neben dem Studium«, gibt er zu bedenken. Valentin Dormann von der FAU sieht gerade in der Orga­ni­sierung dieser Beschäf­tigten eine Per­spektive für kämp­fe­rische kleine Gewerk­schaften.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​8​7​6​2​.​p​r​e​k​a​e​r​-​a​b​e​r​-​g​l​u​e​c​k​l​i​c​h​.html

Peter Nowak

Viel Verschleiß, wenig Lohn

Die Beschäf­tigten von Essens­lie­fer­diensten pro­tes­tierten in Berlin wegen zu nied­riger Bezahlung und schlechter Arbeits­be­din­gungen. Soli­da­rität für die Berufs­radler kommt auch von Taxi­fahrern

Die Trans­port­kiste des Lie­fer­dienstes Foodora, die an diesem Tag gut sichtbar am Tresen des Lokals der Basis­ge­werk­schaft Freie Arbei­te­rinnen- und Arbei­ter­union (FAU) in Berlin steht, bleibt ­geschlossen. Dafür erklärt Georgia P.*, warum sie sich mit Kol­le­ginnen und Kol­legen in der Kam­pagne »Deli­ver­union« zusam­men­ge­schlossen hat, um die Arbeits­be­din­gungen zu ver­bessern. Häufig habe sie erst am Freitag den Schichtplan für die Woche darauf erhalten. Weil sie oft leer aus­ge­gangen sei, habe ihr Monats­ver­dienst bei lediglich etwa 300 Euro gelegen.

Man­gelnde Trans­parenz bei der Schicht­vergabe, zu niedrige Löhne und die Abwälzung der Kosten für Fahr­räder, Repa­ra­turen, Ersatz­teile und das unent­behr­liche Smart­phone auf die Beschäf­tigten störten die Kol­le­ginnen und Kol­legen bei den Lie­fer­diensten besonders, sagte der Pres­se­se­kretär der FAU Berlin, Clemens Melzer, im ­Gespräch mit der Jungle World. »Eigentlich könnten die Beschäf­tigten für Auf­träge bei schlechtem Wetter oder an Wochen­enden Lohn­zu­schläge ein­fordern«, so Melzer. In der Lie­fer­branche seien aber viele froh, wenn sie über­haupt Auf­träge bekämen.

Auch in anderen EU-Ländern ver­suchen Basis­ge­werk­schaften, die Beschäf­tigten von Essens­lie­fer­diensten zu orga­ni­sieren.

Doch es regt sich Wider­stand. Ende April hatte die FAU einen von den Fah­re­rinnen und Fahrern von Deli­veroo und Foodora erar­bei­teten For­de­rungs­ka­talog den beiden Unter­nehmen über­geben. Der umfasst vor allem die Erhöhung der Löhne um einen Euro pro Lie­ferung, die voll­ständige Über­nahme der Kosten für Arbeits­mittel und eine garan­tierte Min­destzahl an Arbeits­stunden. Die Deli­veroo-Beschäf­tigten fordern Trans­parenz über geleistete Stunden. Trotz zwei­ma­liger Frist­ver­län­gerung habe das Unter­nehmen nicht reagiert. Beim Kon­kur­renten Foodora steht eine bezahlte Stunde pro Woche für die Schicht­planung im For­de­rungs­ka­talog.

Am Mittwoch voriger Woche beim Pro­testtag von »Deli­ver­union« luden Georgia P. und mehrere Dutzend Kol­legen vor der Deli­veroo-Zen­trale in Kreuzberg alte Fahr­rad­teile ab, um auf den hohen Ver­schleiß ihres Arbeits­geräts hin­zu­weisen, für dessen Kosten sie bislang selbst auf­kommen müssen. Die anschlie­ßende Fahr­rad­de­mons­tration führte zur Foodora-Zen­trale in Berlin-Mitte, wo die Abschluss­kund­gebung stattfand. Das Unter­nehmen signa­li­sierte Gesprächs­be­reit­schaft und stellte die Ein­führung einer Pau­schale für die Kosten von Smart­phone und Fahr­rä­der­ver­schleiß in Aus­sicht.

Die meisten Bei­träge auf der Kund­gebung wurden auf Eng­lisch gehalten, schließlich kommen die Beschäf­tigten der Lie­fer­dienste aus den unter­schied­lichsten Ländern. »Bei Deli­veroo in Berlin arbeiten etwas über 500 Fahrer, gut 100 von ihnen sind Free­lancer. Bei Foodora in Berlin sind alle Fahrer fest­an­ge­stellt, das sind 503«, berichtet Melzer. »Wir schätzen, dass die Hälfte der knapp 1 000 Fahrer in Berlin aus dem Ausland kommt, viele sprechen kaum Deutsch.« Die meisten kämen aus süd­eu­ro­päi­schen Kri­sen­ländern wie Spa­nien, Italien oder Por­tugal.

Die FAU ist die Anlauf­stelle für Fahrer, die für die Ver­bes­serung ihrer Arbeits­be­din­gungen kämpfen, sich juris­tisch beraten lassen und Pro­test­ak­tionen wie die in der ver­gan­genen Woche planen wollen. Auch in vielen anderen euro­päi­schen Ländern ver­suchen Basis­ge­werk­schaften, die Beschäf­tigten von Essens­lie­fer­diensten zu orga­ni­sieren. In den ver­gan­genen Monaten pro­tes­tierten in Groß­bri­tannien, Spanien und Italien Beschäf­tigte gegen ihre schlechten Arbeits­be­din­gungen. »Wir beziehen uns in den unter­schied­lichen Ländern auf­ein­ander. So wird von den Kol­legen in Spanien und Italien genau beob­achtet, was in Berlin pas­siert, und wir ­unter­stützen die Kämpfe in den anderen euro­päi­schen Ländern«, so Melzer.

Doch auch Pro­bleme wurden ver­gangene Woche deutlich. Nur wenige ­Medien berich­teten über die basis­ge­werk­schaft­liche Pro­test­aktion vom Mittwoch, der erfolg­reiche Bör­sengang des Foodora-Mut­ter­un­ter­nehmens Delivery Hero in Frankfurt am Main am Freitag bestimmte die Schlag­zeilen. Dass die schlechten Arbeits­be­din­gungen und die nied­rigen Löhne die Vor­aus­setzung für die Gewinne an der Börse sind, wird kaum erwähnt.

Andreas Kom­rowski von der Taxi-AG bei der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Verdi berichtete in seiner Soli­da­ri­täts­er­klärung, dass auch die Taxi­fahrer mit Über­wa­chung und geringen Ein­kommen zu kämpfen hätten. Kom­rowski schil­derte, wie sich Taxi­un­ter­nehmen um die Zahlung des gesetzlich vor­ge­schrie­benen Min­dest­lohns zu drücken ver­suchten. So würden War­te­zeiten an den Stand­plätzen zu Pau­sen­zeiten umde­kla­riert, wodurch rech­ne­risch der Stun­denlohn steigt. Mitt­ler­weile ist auch die Ber­liner Senats­ver­waltung für Inte­gration, Arbeit und Soziales auf diese Praxis auf­merksam geworden. In einem Schreiben an den Ber­liner Taxibund stellte die Behörde klar: »Reguläre Stand­zeiten, während derer auf Kunden gewartet wird, gehören zur Arbeitszeit.« Dass die gewerk­schaftlich orga­ni­sierten Taxi­fahrer mit der Kam­pagne »Deli­ver­union« koope­rieren, ist für FAU-Sprecher Melzer ein Hoff­nungs­zeichen. Prekäre Arbeits­be­din­gungen sind die Regel in der wach­senden soge­nannten Gig-Öko­nomie, in der Beschäf­tigte sich über Inter­net­platt­formen von einem Auftrag – eng­lisch: gig – zum nächsten hangeln. Kol­lek­tiver Wider­stand dagegen ist bislang die Aus­nahme.

* Voll­stän­diger Name der Redaktion bekannt.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​2​7​/​v​i​e​l​-​v​e​r​s​c​h​l​e​i​s​s​-​w​e​n​i​g​-lohn

Peter Nowak