
Zimmerwald und Kiental sind zwei idyllische Schweizer Bauerndörfer im
Kanton Bern auf rund 900 Meter Höhe. Vor mehr als 110 Jahren wurde dort
für eine kurze Zeit Weltgeschichte geschrieben. Vom 5. bis 8. September 1915
tagten als Ornitholog:innen getarnt in der Pension Beau Sejour in Zimmerwald Vertreter:innen des …
… linken Flügels der Sozialistischen Parteien verschiedener europäischer Länder, die die Unterstützung des Ersten Weltkriegs entschieden ablehnten. »Am 5. September 1915 brachen die 38 Tagungsteilnehmer in vier Pferdekutschen von Bern nach Zimmerwald auf. In der Pension Beau Sejour diskutierten sie vier Tage lang, mit wenigen Stunden Schlaf, über Massnahmen zur Beendigung des Krieges«, schreiben Julia Richers und Bernard Degen (2015, 7) in ihrer kurzen Geschichte der beiden Antikriegskonferenzen. Die Gruppe war so klein, dass einige der Kongressteilnehmer:innen sarkastisch anmerkten, dass ein halbes Jahrhundert nach Gründung der Ersten Internationale die in Zimmerwald versammelten Teilnehmer:innen in vier Wagen Platz )nden könnten. Gemeint waren die vier Pferdekutschen, in denen die Delegierten von Bern zum Konferenzort aufbrachen. Richers und Degen (2015, 8) betonen aber, dass in der kleinen Runde Teilnehmer:innen aus zahlreichen europäischen Ländern vertreten waren. Eine Delegation der schwedischen und norwegischen sozialistischen Jugend war ebenso zugegen wie Delegationen aus Italien, Rumänien und Bulgarien. Auch Sozialist*innen aus dem Russischen Zarenreich, aus Lettland und Kongresspolen waren anwesend. Aus Mitteleuropa kamen Delegationen aus Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz.
Sozialist:innen aus Grossbritannien konnten nicht an der Konferenz teilnehmen, weil ihnen die Pässe verweigert wurden. Aus Belgien, Spanien, Portugal und Österreich waren keine Vertreter:innen auf der Konferenz, alle übrigen europäischen Länder waren vertreten. Die Konferenz von Zimmerwald war auch eine Momentaufnahme über die grosse Isolation der Kriegsgegner:innen innerhalb der Sozialistischen Bewegung nach Beginn des Ersten Weltkriegs. Fast alle sozialdemokratischen Parteien der jeweiligen Länder beteiligten sich an der Burgfriedenspolitik. Das bedeutete, dass sie den Kriegskurs der jeweiligen Regierungen unterstützten und innenpolitisch Streiks und soziale Kämpfe einstellten, um so die Ruhe im Hinterland herzustellen. Doch viele Mitglieder dieser Parteien in allen Ländern lehnten den Krieg ab, der ihnen nur Tod und Not brachte. Diese Antikriegsstimmung kam auf der Zimmerwalder Konferenz zum Ausdruck.
Antimilitaristische Traditionen
Sie berief sich auf zahlreiche Beschlüsse der 2. Sozialistischen Internationale, die 1889 gegründet wurde und mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914
zerbrach. Sieben Jahre vor dem Ersten Weltkrieg wurde auf dem Internationalen Kongress der Sozialist:innen 1907 in Stuttgart beschlossen, dass ein Krieg zwischen den Nationen mit allen Mitteln verhindert werden muss (Landesarchiv Baden-Württemberg 2026). Wenn das nicht gelinge, sollten die sozialistischen Parteien alles dafür tun, den Krieg schnellstens zu beenden. Diese konsequente Antikriegshaltung wurde fünf Jahre später bei einem Kongress in der Schweiz ein weiteres Mal bekräftigt. In Basel tagte 1912
der Ausserordentliche Sozialist:innenkongress mit der erklärten Absicht, einen drohenden Krieg mit allen Mitteln zu verhindern. Vor dem Hintergrund
grosser Kon,ikte zwischen verschiedenen kapitalistischen Mächten im Balkan im Jahr 1912 gelang es der sozialistischen Bewegung in Basel das letzte
Mal, sich als eine einheitliche Macht zu präsentieren, die sich den Kriegsvorbereitungen der herrschenden Mächte entgegenstellen würde.
Doch als der befürchtete Weltkrieg zwei Jahre später begann, wollte die
Mehrheit der sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien in Europa
von ihrem vollmundig propagierten Widerstand gegen den Krieg nichts
mehr wissen. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs am 28. Juli 1914 standen die
meisten Sozialist:innen auf der Seite ›ihrer‹ nationalen Bourgeoisien und
wurden zu ›linken‹ Vaterlandsverteidiger:innen und Anhänger:innen der
Burgfriedenspolitik. Sie lehnten während des Krieges auch im Inland Streiks
und soziale Kämpfe ab, um die ›Heimatfront‹ zu stärken. Doch Minderheiten in vielen sozialdemokratischen Parteien hielten an der Absicht der
Stuttgarter und Basler Konferenzen fest, sich in einen Krieg zwischen verschiedenen kapitalistischen Mächten auf keine Seite zu stellen, sondern
alles zu tun, um den Krieg zu beenden.
Brüchige Einheit
Ihnen gab das 1915 in Zimmerwald verfasste Manifest, das sich an die Proletarier:innen Europas richtete, eine Stimme. Im ersten Absatz wurden die Kriegsfolgen knapp und deutlich geschildert: »Mehr als ein Jahr dauert der Krieg, Millionen von Leichen decken die Schlachtfelder, Millionen von Menschen wurden für ihr ganzes Leben zu Krüppeln gemacht. Europa gleicht einem gigantischen Menschenschlachthaus. Die ganze, durch die Arbeit vieler Generationen gescha-ene Kultur ist der Verwüstung geweiht. Die wildeste Barbarei feiert heute ihren Triumph über alles, was bis jetzt den Stolz der Menschheit ausmachte.« In dem Papier wurde betont, dass man es ablehne, darüber zu diskutieren, welcher Staat oder Staatenbund mehr Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs trägt. Vielmehr wird hervorgehoben, gegen wen sich die Konferenzteilnehmer:innen richten: »Die herrschenden Gewalten der kapitalistischen Gesellschaft, in deren Händen das Geschick der Völker ruhte, die monarchischen wie die republikanischen Regierungen, die Geheimdiplomatie, die mächtigen Unternehmerorganisationen, die bürgerlichen Parteien, die kapitalistische Presse, die Kirche – sie alle tragen das volle Gewicht der Verantwortung für diesen Krieg, welcher aus der sie nährenden und von ihnen geschützten Gesellschaftsordnung entstanden ist und für ihre Interessen geführt wird.« Trotz dieser klaren Positionierungen gab es auch viele Konfliktpunkte auf der Zimmerwalder Konferenz: Einige wollten zurück zur Vorkriegssozialdemokratie vor der Verabschiedung der Kriegskredite, andere drängten darauf, dass eine neue sozialistische Bewegung links von der Sozialdemokratie aufgebaut werde.
Exkurs: SPD, USPD, Spartakusbund
Der Streitpunkt unter den Gegner:*innen des Ersten Weltkriegs soll beispielhaft an den heterogenen Kreisen der Kriegsgegner:innen in Deutschland gezeigt werden. Die SPD hatte sich an der Frage der Zustimmung zu den Kriegskrediten gespalten. Die Mehrheitssozialdemokratie um Friedrich
Ebert und Gustav Scheidemann setzte die Burgfriedenspolitik vehement
und mit repressiven Machtmitteln durch. Alle, die sich diesem Kurs widersetzten, wurden in der SPD politisch isoliert und schnell ausgeschlossen.
Viele von ihnen gründeten 1917 die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD), die vor allem die Ablehnung der Unterstützung des Ersten Weltkriegs einte. Dort waren so unterschiedliche Politiker:innen wie der theoret
tische Stichwortgeber des sozialdemokratischen Reformismus Eduard
Bernstein und der marxistische .eoretiker Karl Kautsky vertreten. Beide
sollten nach Ende des Ersten Weltkriegs wieder zur SPD zurückkehren,
Bernstein schon 1918, Kautsky einige Jahre später. Bernstein und Kautsky
spielten bald wieder eine führende Rolle als .eoretiker der SPD der Weimarer Republik. Ganz anders positionierte sich der Spartakusbund um Rosa
Luxemburg und Karl Liebknecht, der 1917 lose mit der USPD assoziiert war
und sich erst zum Jahresende 1918/19 zur KPD transformieren sollte. Für den
Spartakusbund gab es kein Zurück zu den Verhältnissen des europäischen
Vorkriegskapitalismus und daher auch kein Zurück zur SPD. Er versuchte
die Novemberrevolution von 1918, die zum Sturz der Monarchie führte, zu
einer sozialistischen Revolution weiterzutreiben. Seine unmittelbaren Gegner:innen waren die Politiker:innen der SPD, die durch die Novemberrevolution an die Macht gekommen waren und alles taten, um diese schnell zu beenden. Sie kooperierten zu diesem Zweck mit den durch die Novemberrevolution gestürzten alten Mächten. Mangels eigener bewa-neter Kräfte bediente sich die SPD der ultrarechten Freikorps, um revolutionäre Aufstände die Ausrufung von Räterepubliken, aber auch von Streiks blutig niederzuschlagen. Dabei wurden zwischen Januar bis Mai 1919 Tausende Arbeiter:innen und politische Aktivist:innen in ganz Deutschland ermordet. Dazu gehörten auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die am 18. Januar 1919 den Freikorps zum Opfer fielen.
Grimm versus Lenin
Dieser Exkurs soll das Kon,iktpotential auch unter den Kräften deutlich
machen, die sich gegen den Ersten Weltkrieg wandten. Es ging um die Frage,
ob die Kriegsgegner:innen sich mit der Forderung nach einem schnellen
Frieden ohne Annexionen begnügen sollten oder ob sie eine revolutionäre
Alternative zum Kapitalismus suchten, der auch im Zimmerwalder Manifest als Ursache des Krieges benannt wird. Diesen Kon,ikt gab es damals in
fast allen sozialistischen Parteien und auch auf der Zimmerwalder Konferenz. Er zeigt sich in der Auseinandersetzung zwischen Grimm und Lenin.
Der Schweizer Sozialdemokrat Robert Grimm war einer der Gastgeber der
Zimmerwalder Konferenz. Er war Vertreter einer sozialdemokratischen Reformpolitik. Demgegenüber stand Lenin, einer der Führungs)guren der russischen Bolschewiki. Letztere lehnten jede Parteinahme im Krieg der unterschiedlichen kapitalistischen Mächte ab. Lenin propagierte den revolutionären Defätismus. Das bedeutete, dass sich Arbeiter:innen auf keine der kriegsführenden Seiten stellen, aber den Kampf gegen den Kapitalismus als
Verursacher der Kriege aufnehmen sollten. Die Soldaten aus der Arbeiter:innenklasse wurden aufgefordert, ihre Gewehre umzudrehen und sie gegen die Organe des kapitalistischen Staates zu richten. Diese revolutionären
Stimmen fanden immer mehr Gehör in sozialistischen Kreisen, je länger
sich der Krieg hinzog. Dazu trug der massive Verlust an Menschenleben bei,
aber auch die Verelendung grosser Teile der Menschen an der Heimatfront
aller kriegführenden Länder. Es gab vor allem in proletarischen Haushalten
immer weniger zu essen, Hunger gehörte in den Haushalten und Küchen der
Arbeiter:innen wieder zum Alltag, je länger der Krieg andauerte. Es war daher auch kein Zufall, dass sich die Wut über die schlechte Ernährungssituation auf den Wochenmärkten und in den Bäckereien in Revolten ausdrückte,
an denen sich vor allem Frauen beteiligten, die nicht mehr genügend Lebensmittel für sich und ihre Familien bekommen konnten (Alasti 2018).
Vor allem die Oktoberrevolution in Russland verscha-te den Positionen der Zimmerwalder Linken in vielen Ländern – darunter auch in Deutschland – Auftrieb. Schliesslich gehörte zu einer der ersten Massnahmen der revolutionären Sowjeträte das Dekret über den Frieden. Die Sowjetunion beendete einseitig den Krieg und rief die Soldaten aller Länder auf,
sich untereinander zu verbrüdern und die Gewehre gegen die Ausbeuter aller Länder zu richten. Die Aufrufe blieben auch bei den Arbeiter:innen in
Deutschland nicht ohne Folgen. So beschrieb Richard Müller (2011), ein führender Aktivist der Revolutionären Obleute, einer Selbstorganisation Berliner Arbeiter:innen in den Fabriken während des Ersten Weltkriegs, dass
die Ablehnung des Krieges zunahm und der Ruf, es Russland nachzumachen, im Laufe des Jahres 1918 angewachsen war. Es waren auch die Revolutionären Obleute, die im November 1918 in Berlin wesentlich den revolutionären Umschwung ermöglichten, für den die Matrosen in Kiel den Startschuss gegeben hatten. Die Revolutionären Obleute versuchten zusammen
mit der Basis der Arbeiter:innen in verschiedenen Räterepubliken, beispielsweise in Bremen, Bayern, Braunschweig, im Sinne des revolutionären
Defätismus der Zimmerwalder Linken, eine Gesellschaft zu scha-en, in der
die Ursachen des Krieges, der Kapitalismus, beseitigt wären. Es seien die
Mehrheitssozialdemokrat:innen gewesen, die die Politik des Burgfriedens
im Ersten Weltkrieg vorangetrieben hätten, die im Bündnis mit monarchistischen und frühfaschistischen Kräften wie den Freikorps alle Revolutionsversuche in Deutschland in den Jahren 1919 bis 1923 blutig hätten niederschlagen lassen.
Zimmerwald verklärt, vergessen und neu entdeckt
In der Sowjetunion und den nominalsozialistischen Staaten wurde die Zimmerwalder Konferenz zu einer Vorläuferorganisation der Kommunistischen
Internationale uminterpretiert. Das wurde der geschilderten Heterogenität
der Teilnehmer:innen der Zimmerwalder Konferenz nicht gerecht. Nach
dem Ende des nominalsozialistischen Lagers schien die Konferenz, die einmal Weltgeschichte geschrieben hatte, ganz in Vergessenheit zu geraten.
Das 100-Jahre-Jubiläum wurde nur von kleinen kommunistischen Gruppen
beachtet. Doch in den letzten Jahren wird die Geschichte der Zimmerwalder
Konferenz neu entdeckt und auf ihre Aktualität überprüft. Der Grund für
das neu erwachte Interesse liegt darin, dass wieder vermehrt Kriege in verschiedenen kapitalistischen Staaten in den Vordergrund treten, wie es der
russische Einmarsch in die Ukraine und die Militarisierung in verschiedenen Ländern deutlich vor Augen führt. So ist etwa das Buch Sterben und sterben lassen zu nennen, das AK Beau Sejour (2024) herausgab. Die Herausgeberschaft ist nach der Pension benannt, in der sich 1915 die kleine Gruppe der Antimilitarist:innen in Zimmerwald traf. Im Vorwort heisst es: »Gegen diese neuen Kriegstrommeln und ihre zynische Logik, die die schrankenlose Aufrüstung zur Bedingung menschlicher Freiheit und Zivilisation erklären, richtet sich der vorliegende Sammelband. Er richtet sich an alle Antimilitarist:innen, die gegenwärtig wohl leider ähnlich minoritär sind
wie die sozialistischen Kriegsgegner, die sich im September 1915, als Ornithologen getarnt, in der Pension Beau Sejour im Schweizer Zimmerwald trafen, und die angesichts ihrer Zwergenhaftigkeit darüber scherzten, ›dass es
ein halbes Jahrhundert nach Begründung der Ersten Internationale möglich
war, alle Internationalisten in vier Wagen unterzubringen‹.« (AK Beau Sejour 2024, 10). Wie während des Ersten Weltkrieges kann heute wohl niemand bestreiten, dass alle kriegsführenden Staaten kapitalistische Mächte sind. Doch anders als während des Ersten Weltkriegs gibt es heute keine stark organisierte Arbeiter:innenbewegung. In vielen Ländern ist sie vielmehr demobilisiert und zersplittert. Doch auch heute gibt es in verschiedenen Ländern Aktionen von Arbeiter:innen gegen Krieg und Militarismus. In Italien gab es mehrmals Blockaden von Wa-enlieferungen an die Ukraine, an denen linke
Gewerkschaften wie Sin Cobas und das genuesische Hafenarbeiter:innenkollektiv CALP beteiligt waren. Einer der Mitbegründer des CALP ist Maurizo Gueglio. Er stellte die Aktion in einem nd-Interview3
in den Kontext der linken Arbeiter:innenbewegung: »Wir sind Antimilitarist:innen und sehen uns in einer langen Tradition der Antikriegsarbeit der Arbeiter:innenbewegung. Diese Tradition begann in zwei idyllischen Schweizer Bergdörfern.«
Peter Nowak
Anmerkungen
1 basel1912-2012.ch/der-kongress-von-1912.
html (Abfrage 22.12.2025).
2 Das Zimmerwalder Manifest )ndet sich
unter dem folgenden Link: www.sp-ps.ch/
wp-content/uploads/2015/08/zimmerwalder_manifest.pdf (Abfrage 22.12.2025).
3 www.nd-aktuell.de/artikel/1181091.hafenarbeiter-in-genua-blockierte-wa-enlieferungen-nicht-wir-brechen-das-gesetz.html
(Abfrage 22.12.2025).
Literatur
AK Beau Sejour, 2024: Sterben und sterben lassen. Berlin
Alasti, Dania, 2018: Frauen der Novemberrevolution. Kontinuitäten des Vergessens. Münster
Degen, Bernard /Richers, Julia, 2015 (Hg.): Zimmerwald und Kiental. Weltgeschichte auf
dem Dorfe. Zürich
Landesarchiv Baden-Württemberg, 2026: Wo
die roten Fahnen wehten… 100 Jahre Sozialistenkongress in Stuttgart. www.landesarchiv-bw.de/de/themen/praesentationen—themenzugaenge/43109 (Abfrage
22.12.2025)
Müller, Richard, 2011: Eine Geschichte der
Novemberrevolution. Berlin,