Nach dem CDU-Parteitag ist klar, der Vorstand will den Kanzlerkandidaten wie bisher mit der CSU aushandeln. Deren Vorsitzender sparte nicht mit markigen Worten gegen die AfD, will aber durchaus deren Politik umsetzen

In der Kanzlerfrage weiter alles offen

Dass Bayern keine AfD braucht, um gegen Linke und spe­ziell gegen anti­fa­schis­tische Orga­ni­sa­tionen vor­zu­gehen, zeigte sich vor einigen Tagen. Da wurde bekannt, dass das Ber­liner Finanzamt der Bun­des­ver­ei­nigung der Ver­ei­nigten der Ver­folgten des Naziregimes/​Bund der Anti­fa­schisten die Gemein­nüt­zigkeit aberkannt hat. Als Begründung wurde der baye­rische Ver­fas­sungs­schutz­be­richt her­an­ge­zogen, in dem die VVN-BdA von Links­ex­tre­misten beein­flusst dar­ge­stellt wurde.

n der Union ist wei­terhin alles offen in der Frage der Kanz­ler­kan­di­datur. Das ist das Ergebnis, des am Samstag zu Ende gegangen CDU-Par­teitag. Schon seit Wochen hatten die Medien die Frage der Kanz­ler­kan­di­datur in den Fokus gerückt und ein Showdown Merz-Kramp-Kar­ren­bauer beschworen. Das kam der Regie der CDU-Führung ent­gegen, nach außen Geschlos­senheit zu zeigen. So wurde dann die .….

„In der Kanz­ler­frage weiter alles offen“ wei­ter­lesen
Die Nachkommen

Aktive Zeugenschaft

Nach­kommen der Ver­folgten des Nazi­re­gimes, von Exil und Wider­stand melden sich zu Wort

Als Nach­kommen der NS-Ver­folgten, des Wider­stands und des Exils wollen wir uns gemeinsam ein­setzen für eine Welt des Friedens, der Freiheit und der Soli­da­rität.« Dieses Bekenntnis stammt aus einem Aufruf der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten (VVN-BdA) Berlin, abge­druckt auf der Rück­seite einer neuen Publi­kation, in der sich…

„Aktive Zeu­gen­schaft“ wei­ter­lesen

Ein neuer Anlauf für das »Café Sibylle«

Nutzer*innen und Anwohner*innen fordern Wie­der­eröffnung – Bezirksamt prä­sen­tiert neuen Betreiber

»Sibylle muss bleiben« stand auf einem der bunten Schirme, die am Mitt­woch­abend vor der Karl-Marx-Allee 72 in Fried­richshain auf­ge­spannt waren. Mehr als 50 Men­schen hatten sich dort zum Antifa-Jour-fixe der Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schisten und Anti­fa­schis­tinnen (VVN-BdA) ver­sammelt. Immer am dritten Montag im Monat hatten diese Treffen in den letzten Jahren im »Café Sibylle« statt­ge­funden. Bis es Anfang April schließen musste, weil der Betreiber, die Bil­dungs­ein­richtung für beruf­liche Umschulung und Fort­bildung (BUF), in Insolvenz gegangen ist.

Doch viele Nutzer*innen des Cafés wollen sich damit nicht abfinden, wie am Mitt­woch­abend deutlich wurde. In einer kämp­fe­ri­schen Rede erin­nerte die Künst­lerin Gina Pietsch an die 100 Ver­an­stal­tungen, die die VVN-BdA in der Ver­gan­genheit im »Café Sibylle« orga­ni­siert hat. Auch Akti­ons­künst­lerin Ute Donner setzte sich für die Wie­der­eröffnung ein. Sie hat die bunten Schirme mit den Pro­test­bot­schaften gestaltet. »Ein Ret­tungs­schirm für das das Café Sibylle« ist ihre Losung. Zu denen, die mit dem Café auch ihren Nach­bar­schafts­treff wie­der­haben wollten, zählen auch Anwohner*innen. Einige von ihnen erin­nerten daran, dass sie vor mehr als 60 Jahren die Häuser in der Sta­lin­allee, wie die Karl-Marx-Allee bis 1961 hieß, selbst mit­gebaut hatten. Die seit 2001 im »Café Sibylle« gezeigte Aus­stellung zur Geschichte dieser Straße und ihrer Bauten ist seit der Schließung nicht mehr zugänglich.

Dafür, dass sich das mög­lichst bald ändert, traten am Mittwoch nicht nur Bezirkspolitiker*innen von SPD, Grünen und LINKE ein. Wie schnell das geschehen könnte, damit hatte keiner gerechnet. Zur Über­ra­schung vieler Teilnehmer*innen war auch der neue Betreiber gekommen. »Der Vertrag wurde kürzlich unter­schrieben. Ab 1. Oktober wollen wir das ›Café Sibylle‹ wieder öffnen«, erklärte Angelika Zachau von der puk a malta GmbH, einer Ein­richtung der Gemein­we­sen­arbeit, die bisher im Sol­diner Kiez in Wedding aktiv war. »Puk ist die Abkürzung für Pro­jekt­schulung, Unter­richts­medien und Kom­mu­ni­kation, a malte ist por­tu­gie­sisch und bedeutet ›für die Men­schen aus dem Kiez‹«, erläu­terte Zachau.

Doch das Miss­trauen der Sibyllianer*innen war am Mittwoch spürbar. Manche befürchten die weitere Abwicklung der DDR-Geschichte, bemän­gelten feh­lende Trans­parenz bei der Vergabe. Mehrere Redner*innen mahnten eine enge Koope­ration mit den lang­jäh­rigen Pächtern um Peter Schröder an. Zachau ver­si­cherte, die Aus­stellung solle inhaltlich nicht ver­ändert werden. Auch die Antifa-Jour-ixes solle es ab Oktober wieder geben.

Zugleich kün­digte Zachau Ver­än­de­rungen an. Dafür, dass das »Café Sibylle« für junge Antifaschist*innen attrak­tiver werden soll, bekam sie Zustimmung. »Am ver­gan­genen Samstag demons­trierten zahl­reiche junge Men­schen ganz in der Nähe gegen den Heß-Auf­marsch. Warum sind die jetzt nicht hier?«, fragte eine ältere Frau.

Zu dem von einigen gewünschten Hän­de­druck zwi­schen alten und neuen Pächtern des »Café Sibylle« ist es am Mitt­woch­abend nicht gekommen. Aber man wolle, wie einige Teilnehmer*innen am Ende erklärten, das Beste aus der Situation machen.

Am Dienstag infor­mierte das Bezirksamt Fried­richshain-Kreuzberg offi­ziell über die Ver­trags­un­ter­zeichnung mit puk a malta. Der Wei­ter­be­trieb des tra­di­ti­ons­reichen »Café Sibylle« sei damit gesi­chert, hieß es.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1098112.kieztreff-ein-neuer-anlauf-fuer-das-café-sibylle.html

Peter Nowak

Noch nicht Geschichte

VVN-Kon­ferenz mahnt

In ein­dring­lichen Worten beschwor der 90-jährige Volkmar Har­nisch die Anwe­senden, dem Auf­stieg einer neuen rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewegung in Deutschland ent­gegen zu treten. Er war 1944 im Alter von 17 Jahren von den Nazis inhaf­tiert worden. Am Frei­tag­abend eröffnete er in der TU Berlin eine Kon­ferenz der Ver­ei­nigten der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­ti­schen (VVN-BdA). Unter dem Titel »Deutschland wieder gut­ge­macht?« befasste sie sich mit dem Wandel der Erin­ne­rungs­po­litik an das NS-Régime. Har­nisch ist einer der wenigen noch lebenden Wider­stands­kämpfe

Wie wird eine Erin­ne­rungs­po­litik ohne die Zeit­zeugen aus­sehen? Das ist eine Frage, die sich auch der Leiter der KZ-Gedenk­stätte Neu­en­gamme Detlef Garbe in seinem Ein­füh­rungs­re­ferat stellte. Er warnte vor einem »Auf­ar­bei­tungs­stolz« deut­scher Poli­tiker, die eine neue Rolle Deutsch­lands in der Welt­po­litik damit begründen, dass das Land sich der NS-Geschichte vor­bildlich gestellt habe. Garbe erin­nerte daran, dass bis in die 1980er Jahre der Kampf um Erin­ne­rungsorte von NS-Terror und Ver­folgung eine Aufgabe zivil­ge­sell­schaft­licher Orga­ni­sa­tionen war und von der Politik oft igno­riert oder gar sabo­tiert wurde. Er betonte, Gedenk­po­litik müsse auch wei­terhin poli­tisch ver­un­si­chern. Wenn die AfD in den Bun­destag ein­ziehe, stünden ihr auch Sitze in Kom­mis­sionen zu, die sich mit Gedenk­po­litik befassen. Zudem beklagte der His­to­riker dar­aufhin, dass der Etat für die Auf­ar­beitung der DDR-Geschichte größer sei als für die Erin­nerung an den NS-Terror. Der Publizist Wolfgang Herzberg wie­derum, der als Kind jüdi­scher Kom­mu­nisten im bri­ti­schen Exil geboren wurde, ver­wahrte sich in einer enga­gierten Rede gegen die Gleich­setzung der DDR mit dem NS-Régime.

In einer von der His­to­ri­kerin Cor­nelia Siebeck mode­rierten Podi­ums­dis­kussion ging es dann um die Frage, wie eine Erin­ne­rungs­po­litik aus­sehen kann, die in die aktuelle Politik kri­tisch inter­ve­nieren will. Nach dem Tod der letzten Zeit­zeugen befürchtet sie eine His­to­ri­sierung des Faschismus. Der Publizist und Jurist Kamil Majchrzak verwies in diesem Kontext auf die Ver­ant­wortung der dritten Generation, der Kinder und Enkel von NS-Opfern und Wider­stands­kämpfern. Dabei griff er eine Dis­kussion auf, die in Israel schon einige Jahre geführt wird. Majchrzaks Groß­vater war NS-Wider­stands­kämpfer und KZ-Häftling. Dessen Erfah­rungen hätten auch ihn geprägt.

Für Anne Allex von der AG »Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« ist Geschichte der Ver­folgung in der NS-Dik­tatur noch längst nicht voll­ständig erforscht. Sie wies dar­aufhin, dass Men­schen, die von den Nazis als »arbeits­scheu« und »asozial« klas­si­fi­ziert wurden, bis heute keine Ent­schä­digung erhalten haben und in den Nach­kriegs­jahren oft weiter ver­folgt wurden. Der Wis­sen­schaftler Stefan Heinz, der in einem For­schungs­projekt der FU Berlin über das Schicksal von Gewerk­schaftern und Gewerk­schaf­te­rinnen im NS-Staat mit­ar­beitet, ist der Über­zeugung, dass vor allem die Wider­stands­ge­schichte der Arbei­ter­be­wegung gegen die Hit­ler­dik­tatur noch nicht aus­ge­forscht sei.

Die gut­be­suchte Kon­ferenz machte deutlich, dass die Gruppe jener wächst, die sich gegen Ver­suche stemmt, die Erin­ne­rungs­po­litik an die Ver­brechen des NS-Staates als ver­gangene Geschichte zu betrachten.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​3​3​0​0​.​n​o​c​h​-​n​i​c​h​t​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​.html

Peter Nowak

Politisches Erwachen in Gefangenschaft


Erin­ne­rungen an Werner Gutsche, Geschichts­auf­klärer und Streiter gegen Rechts­ra­di­ka­lismus

»Er wollte das NS-Unrecht auf­decken, seien es die in Neu­kölln jah­relang ver­schwie­genen Zwangs­ar­beits­lager, die ver­ges­senen SA-Fol­ter­stätten oder das ver­schmähte Erinnern des kom­mu­nis­ti­schen Wider­stands.« Mit diesen Worten würdigt Hans Coppi, Vor­sit­zender der Ber­liner VVN-BdA, den Neu­köllner Kom­mu­nisten Werner Gutsche. Bis zu seinem Tod 2012 hat sich jener uner­müdlich gegen Ras­sismus und Rechts­ra­di­ka­lismus enga­giert.

Freunde und Genossen erinnern sich an ihn in diesem Buch, das zugleich die Geschichte der linken Oppo­sition in Berlin-Neu­kölln zeichnet. Hierfür haben die His­to­riker Mat­thias Heisig und Bernhard Brem­berger ohne jeg­liche finan­zielle Unter­stützung recher­chiert.

Über Gut­sches Zeit in der Wehr­macht erfährt man nur wenig. Sein poli­ti­sches Bewusstsein erwachte in rus­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft und beim Besuch einer Antifa-Schule, die er mit Hans Modrow absol­vierte. Auch Gutsche wird Mit­glied der SED, lebte jedoch in der Front­stadt West­berlin. Er sam­melte Unter­schriften für den Stock­holmer Appell zur Abschaffung der Atom­waffen und setzte sich für eine ehr­liche, kri­tische Auf­ar­beitung der NS-Ver­gan­genheit ein. Seine Auf­for­derung an Mit­streiter vom Neu­köllner Geschichts­verein »Da müsst ihr euch mal drum kümmern« wurde Titel gebend. Gut­sches Einsatz ver­dankt sich die Benennung des Neu­köllner Sport­sta­dions nach dem anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands­kämpfer Werner See­len­binder, der als Kom­munist in West­berlin lange tabu war.

Das Buch infor­miert über eine Wider­stands­gruppe gegen die Nazis an der Rüt­lischule, die Bestreikung von SA-Sturm­lo­kalen durch Arbeiter sowie einen Schau­prozess gegen Kom­mu­nisten 1935, der mit Todes­ur­teilen endete. Christian von Gelieu weist auf blinde Flecken der kom­mu­nis­ti­schen Geschichts­schreibung hin. Gemeinsam mit seiner Frau Claudia ist der His­to­riker übrigens vor einigen Wochen Opfer rechter Gewalt geworden. Der Terror von Neo­nazis beweist einmal mehr, wie wichtig Bücher wie dieses sind.

Frieder Boehne/​Bernhard Bremberger/​Mat­thias Heisig: »Da müsst ihr euch mal drum kümmern. « Werner Gutsche (1923–2012) und Neu­kölln.
Metropol. 300 S., br., 22 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​5​5​7​0​.​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​s​-​e​r​w​a​c​h​e​n​-​i​n​-​g​e​f​a​n​g​e​n​s​c​h​a​f​t​.html
Peter Nowak

Bärgida vor Gedenkstätte

Ein Rest der wöchent­lichen rechten Demons­tranten ver­sam­melte sich in dieser Woche vor der Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand – und sah sich in dessen Tra­dition.

Gegen 21 Uhr ver­sam­melten sich vor der Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand etwa 50 Per­sonen, die sich als rechte Anti­fa­schisten bezeich­neten und zum Jah­restag des Hitler-Attentats General von Stauf­fenberg als »kon­ser­va­tiven Revo­lu­tionär« lobten. Haupt­redner der Ver­sammlung war ein Mit­glied der rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewegung Pro Deutschland, Karl Schmitt, der nach »nd«-Informationen seit Wochen zu den Haupt­or­ga­ni­sa­toren der »Bärgida«-Spaziergänge gehört. Am letzten Mon­tag­abend trafen sich einige Teil­nehmer kurz nach Ende der Demons­tration am Pots­damer Platz, wo eine Demons­tration zur Gedenk­stätte ange­meldet war.

Schmitt ver­suchte, Stauf­fenberg als Bärgida-Vor­kämpfer zu sti­li­sieren. Damals wie heute gebe es rechte Anti­fa­schisten, die »Flug­blätter in der Öffent­lichkeit ver­teilen, bereit sind, sich für die Sache zu opfern und generell ein hohes Risiko für die Freiheit aller Men­schen ein­zu­gehen«. Die Wider­stands­gruppe des 20. Juli 1944 habe nur aus rund 150 Per­sonen bestanden und habe es trotzdem fast geschafft, ein faschis­ti­sches System, dem Mil­lionen gefolgt sind, an nur einem Tag zu stürzen.

Heftige Kritik an dem Auf­marsch vor der Gedenk­stätte übte der Geschäfts­führer der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes- Bund der Anti­fa­schis­tinnen und Anti­fa­schisten e.V (VVN-BdA), Markus Ter­vooren. »Es darf nicht sein, dass sich die Feinde der Demo­kratie, Ras­sisten und Neo­nazis unter Poli­zei­schutz ver­sammeln können, um das Andenken an jene, die den Wider­stand gegen das ver­bre­che­rische NS-Régime auch mit ihrem Leben bezahlten, in den Schmutz zu ziehen«, sagte er dem »nd«.

Den Vorwurf des VVN-BdA, die Polizei habe die Bärgida-Demons­tranten zur Gedenk­stätte geleitet, wies der Pres­se­sprecher der Polizei, Stefan Redlich, zurück. »Am 17. Juli ist eine Anmeldung von einem uns unbe­kannten Mann ein­ge­troffen, der eine Demons­tration vom Pots­damer Platz zur Gedenk­stätte anmeldete. Ein Zusam­menhang mit dem Bärgida-Spa­ziergang war uns nicht bekannt«. Erst während des Spa­zier­gangs sei die Polizei darüber infor­miert worden, dass ein Teil der Ver­sammlung zum Bendler Block wollte. Die Polizei habe eine Auf­lösung am Bran­den­burger Tor durch­ge­setzt, um zu ver­hindern, dass die Demons­tration am Holo­caust-Mahnmal vor­bei­ziehe, so Redlich.

Auch die Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand gehört zu den Orten, an denen Demons­tra­tionen ver­boten oder mit strengen Auf­lagen ver­bunden werden, wenn die Gefahr besteht, dass die Würde der Opfer beein­trächtigt wird.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​7​8​6​8​2​.​b​a​e​r​g​i​d​a​-​v​o​r​-​g​e​d​e​n​k​s​t​a​e​t​t​e​.html

Peter Nowak

Spenden für Szepansky

ERINNERUNG Gedenktafel für NS-Verfolgten und Antifaschisten in Kreuzberg zerstört

Eine Gedenk­tafel für den Ber­liner Wolfgang Sze­pansky haben Unbe­kannte in der Meth­fes­sel­straße 42 in Kreuzberg zer­stört. »Die Vor­ge­hens­weise deutet unseres Erachtens auf eine gezielte Tat unter Ver­wendung von Werk­zeugen hin«, erklärte Markus Ter­vooren, Geschäfts­führer der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­tinnen und Anti­fa­schisten e. V. (VVN-BdA), gegenüber der taz. Von der Zer­störung, die bereits vor einigen Tagen erfolgte, sei die VVN-BdA von einem Anwohner erst jetzt infor­miert worden, so Ter­vooren.

Die Gedenk­tafel war im August 2012 ange­bracht worden. Dafür hatten sich die VVN-BdA und die geschichts­po­li­tische Initiative Aktives Museum mehrere Jahre ein­ge­setzt und im Stadtteil viel Unter­stützung für das Enga­gement erhalten. Der Ort für die Gedenk­tafel erinnert an eine anti­fa­schis­tische Aktion des jungen Wolfgang Sze­pansky, die in Berlin für Auf­sehen sorgte.

Am 11. August 1933 hatte der damals 23-Jährige an die Haus­mauer der Meth­fes­sel­straße 42 die Parolen »Nieder mit Hitler! KPD lebt! Rot Front!« gepinselt. Er wurde ver­haftet und ins Colum­biahaus, das berüch­tigte Kon­zen­tra­ti­ons­lager Berlins am Tem­pel­hofer Feld, ein­ge­liefert.

Nach seiner Frei­lassung war Sze­pansky nach Holland emi­griert, wo ihn der Nazi­terror nach der deut­schen Besetzung ein­holte. 1940 wurde er an die Gestapo aus­ge­liefert und in das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen gebracht. Als Teil­nehmer der Todes­märsche, bei denen die SS in den letzten Tagen des Nazi­re­gimes im April 1945 KZ-Häft­linge durch Deutschland trieb, wurde Sze­pansky durch bri­tische Alli­ierte befreit.

Sofort nach dem Kriegsende betei­ligte er sich am Aufbau des anti­fa­schis­ti­schen Jugend­aus­schusses in Tem­pelhof. Sze­pansky arbeitete als Lehrer, wurde aber im Zuge der Kom­mu­nis­ten­ver­folgung des Kalten Krieges aus dem Ber­liner Schul­dienst ent­lassen. Bis zu seinem Tod 2008 enga­gierte er sich aktiv gegen alte und neue Nazis und begleitete anti­fa­schis­tische Stadt­rund­fahrten.

»Wir wollen die Gedenk­tafel so schnell wie möglich erneuern«, betonte Ter­vooren. Dafür sammle die VVN-BdA jetzt Spenden ein.

Peter Nowak

Bankverbindung: Postbank Berlin, IBAN: DE18100100100315904105 · BIC: PBNKDEFF

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2015%2F03%2F03%2Fa0149&cHash=e1e4f1eca6d61b8a65eb9fdec6258b87

Im Schatten

Im pol­ni­schen Słońsk ist eine Aus­stellung eröffnet worden, die an das dortige ehe­malige Kon­zen­tra­ti­ons­lager erinnert.

»Wer ins pol­nische Słońsk kommt, sollte unbe­dingt Zeit mit­bringen«, heißt es auf der Homepage der »Initiative Kul­tur­brücke über die Oder«, die für eine deutsch-pol­nische Kul­tur­be­gegnung wirbt. Dort wird auf den Natio­nalpark Wart­he­mündung mit seinen sel­tenen Vögeln und Pflanzen hin­ge­wiesen. Seit dem 31. Januar gibt es einen wei­teren Grund, länger in dem pol­ni­schen Städtchen knapp 100 Kilo­meter östlich von Berlin zu ver­weilen. An diesem Tag wurde eine in deutsch-pol­ni­scher Koope­ration und maß­geblich vom »Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis zum Gedenken an die Häft­linge des KZ und Zucht­hauses Son­nenburg« der Ber­liner VVN-BdA kon­zi­pierte Aus­stellung zur Geschichte des KZ Son­nenburg eröffnet. Sie erinnert an eine Zeit, die auf der Homepage der Kul­tur­brücke unter dem Stichwort »besonders dunkler Teil der Son­nen­burger Geschichte« in einem kurzen Absatz abge­handelt wird.

»Son­nenburg sym­bo­li­siert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre wäh­renden Schre­ckens­herr­schaft des NS-Regimes«, heißt es in der Aus­stellung. Die in deut­scher und pol­ni­scher Sprache erstellten Tafeln belegen diese Aussage detail­liert. Bereits im Frühjahr 1933 wurden Kom­mu­nisten, Sozia­listen und linke Intel­lek­tuelle aus Berlin und Bran­denburg nach Son­nenburg ver­schleppt. Klaas Meyer, ein kom­mu­nis­ti­scher Seemann, beschrieb seine Begegnung mit der SA: »Es wurde mit allerhand Mord­werk­zeugen geschlagen, den meisten lief das Blut schon durchs Gesicht. (…) Die ganze Bevöl­kerung war ver­treten, man hatte ihnen gesagt, wir seien Reichs­tags­brand­stifter. Eltern und Kinder schlugen nach uns und wir wurden ange­spuckt.«

In der Aus­stellung wird auch gezeigt, dass Son­nenburg nicht zufällig als Ort für das KZ aus­ge­sucht wurde. Als 1931 das dortige Zuchthaus wegen kata­stro­phaler hygie­ni­scher Zustände geschlossen wurde, regte sich im Ort, in dem das Zuchthaus ein zen­traler Arbeit­geber war, Wider­stand. Die NSDAP, die gegen die Zucht­haus­schließung agi­tierte, erzielte gute Wahl­er­geb­nisse.

Mehrere Tafeln doku­men­tieren die Gesichter der »Nacht-und-Nebel-Gefan­genen«, die nach 1941 aus zahl­reichen von Deutschland besetzten Ländern in das Zuchthaus ver­schleppt wurden. Kurz vor dem Ein­treffen der Roten Armee erschoss die SS in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 in Son­nenburg noch 819 Gefangene.

70 Jahre später reisten zur Eröffnung der Aus­stellung auch viele Ange­hörige der Opfer aus Deutschland und diversen euro­päi­schen Ländern an. Doch nicht alle fühlten sich in Słońsk will­kommen. Viele Ange­hörige mussten in der win­ter­lichen Wit­terung vor der Halle warten, in der ein Ver­treter des Fürs­ten­hauses von Luxemburg bei der Gedenk­ver­an­staltung für die Opfer des 30. Januar 1945 sprach. Der größte Teil der Erschos­senen kam aus Luxemburg.

»Auch unsere Ange­hö­rigen waren Opfer«, sagt Jan Her­togen. Der bel­gische For­scher, der beim Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreis der Ber­liner VVN mit­ar­beitete, war besonders empört, dass die Rede der bel­gi­schen Bot­schaf­terin bei der Gedenk­ver­an­staltung aus Zeit­gründen kurz­fristig gestrichen worden war. »In Son­nenburg wurde mein Vater gequält und heute fühle ich mich an dem Ort wieder gede­mütigt«, sagt Meina Voigt Schnabel zur Jungle World. Auch die Tochter des kom­mu­nis­ti­schen See­manns Klaas Meyer, der bereits 1933 die Zustände in der »Fol­ter­hölle Son­nenburg« der Öffent­lichkeit bekannt machte, bekam keinen Zutritt zur Gedenk­ver­an­staltung.

Am Nach­mittag orga­ni­sierte der Arbeits­kreis ein Treffen im Rathaus von Słońsk mit dem pol­ni­schen Staats­anwalt Janusz Jagiełłowicz, der die Kom­mission für die Ver­folgung von Ver­brechen im Zuchthaus Son­nenburg leitet. Die 1972 ein­ge­stellten Ermitt­lungen gegen die Ver­ant­wort­lichen wurden im Februar 2014 wieder auf­ge­nommen. Recht­zeitig zum 70. Jah­restag des Mas­sakers haben Hans Coppi und Kamil Majchrzak im Metropol-Verlag das Buch »Das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg« her­aus­ge­geben, das einen guten Über­blick über die Geschichte dieses weit­gehend ver­ges­senen Ortes des NS-Terrors gibt.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​0​6​/​5​1​3​8​2​.html
Peter Nowak