
In einem Wikipedia-Eintrag wird Maria Grollmuß als »deutsche katholische sorbische Publizistin und sozialistische Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime« eingeordnet. Die Historikerin Birgit Sack hat im Wallstein-Verlag eine umfangreiche Biographie über sie vorgelegt. Sack konnte dabei auf die vielen Briefe zurückgreifen, die Grollmuß an ihre Schwester, aber auch an ihren lebenslangen Freund Hermann Kopf geschrieben hat. Grollmuß war eine selbstbewusste Frau, die sich bereits vor über hundert Jahren weigerte, …
… sich dem Patriarchat unterzuordnen. Sie lebte bewusst allein, lehnte die Ehe ab und politisierte sich schon in der Novemberrevolution 1918. Als Studentin engagierte sie sich zunächst im SPD-nahen Sozialistischen Studentenbund, später im Windthorstbund, der Jugendorganisation der katholischen Zentrumspartei. In dieser politischen Betätigung kommen die beiden wichtigen Konstanten in ihrem Leben zum Ausdruck: ihr christlicher Glaube und ihr Engagement in der sozialistischen Arbeiter:innenbewegung. Sack zeichnet detailliert nach, welch wichtige Rolle Grollmuß Mitte der 1920er Jahre im
linken Flügel der Zentrumspartei und ihren Netzwerken spielte. Doch bald zweifelte sie daran, dass ausgerechnet die Zentrumspartei sich für sozialistische Ideen öffnen würde. Das führte 1927 zu ihrem Eintritt in die KPD, der Sack zufolge einen Bruch in ihrem Leben markierte (S. 203). Im Kapitel »Als Kommunistin im deutschen Metallarbeiterverband« geht Sack auf Grollmuß‘ kurze gewerkschaftliche Tätigkeit im sozialdemokratisch orientierten Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) zwischen 1927 und 1930 ein. In dieser Zeit recherchierte Grollmuß für einen Artikel über die Rationalisierung in der Berliner Metallindustrie für die Betriebsrätezeitung des DMV, der aber nie erschien. Für ihre Forschung wollte sie an Betriebsversammlungen teilnehmen – was den Genoss:innen Probleme bereitete, denn als Frau und Intellektuelle wurde ihr im DMV mit Misstrauen begegnet. Als dann noch ein ehemaliger KPD-Funktionär, der zur SPD wechselte, ihre KPD- Mitgliedschaft bekannt machte, wurde sie 1930 aus dem DMV ausgeschlossen. Ob sie Interna aus dem DMV an die KPD weitergegeben hat, bleibt bei Birgit Sack offen – dies hatte der
Sozialdemokrat und langjährige DMV-Funktionär Max Ulrich 1937 bei einem Gestapo-Verhör in Nazihaft behauptet.
Euphorie und Enttäuschung in der KPD
Grollmuß, die mit viel Euphorie ihr Engagement in der KPD begonnen hatte, berichtete bald über die ersten Enttäuschungen in ihrer neuen politischen Heimat: »Hermann Kopf gegenüber erwähnte sie im Oktober 1928 eine Betriebszelle, die unterste Organisationseinheit der Partei im Wernerwerk, in der sie sich nur unzureichend integriert fühlte, wofür sie ihre fehlende proletarische Herkunft bzw. ihren Intellektuellenstatus verantwortlich machte« (S. 229), schreibt Sack. Aus der Desillusionierung wurde bald eine politische Differenz. Denn Grollmuß weigerte sich, die Sozialfaschismustheorie mitzutragen. Diese besagte, die Sozialdemokratie sei nur eine »Spielart des Faschismus« – und damit genauso zu bekämpfen wie die NSDAP. Ende der
1920er Jahre wurde sie unter der Führung von Ernst Thälmann in der KPD durchgesetzt; aufgrund der Erfahrungen mit der SPD während und nach der Novemberrevolution war sie aber auch bei vielen Mitgliedern verbreitet.
Grollmuß gehörte zu den Kritiker:innen, die durch die Sozialfaschismustheorie eine Einheitsfront gegen den aufsteigenden Nationalsozialismus verunmöglicht sahen. Sie wurde 1930 aus der KPD ausgeschlossen und organisierte sich in der »Kommunistischen Partei-Opposition« (KPO). Wenig später wurde sie Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), einem
Sammelbecken linker Sozialdemokrat:innen, für deren Zentralorgan sie zahlreiche Beiträge schrieb. Doch auch dort zerschlug sich ihre Hoffnung auf eine linke Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus. Zudem hatte sie mit persönlichen Problemen zu kämpfen. Sack beschreibt anschaulich, wie Grollmuß immer wieder Freund:innen um finanzielle Unterstützung
bitten musste, weil sie mit ihrer publizistischen Tätigkeit in linken Medien nicht über die Runden kam. Schon bald nach der Machtübernahme der Nazis 1933 geriet Grollmuß ins Visier des NSStaates. Denn sie engagierte sich publizistisch im Arbeitskreis Revolutionärer Sozialisten, der der SAP nahestand, beteiligte sich an konspirativen Treffen, dem Transport illegaler Schriften und betätigte sich publizistisch in antifaschistischen Medien. Dabei blieb Grollmuß weiterhin entschiedene Kritikerin der SPD, wohl auch wegen ihrer Erfahrungen mit deren Politik in der Weimarer Republik. Das bedeutete, dass sie sich für eine neue sozialistische Politik, auch mit den Mitgliedern der SPD, einsetzte. Dieser sozialistische Neuanfang war für sie aber auch mit
einem Bruch mit der SPD-Politik nach 1918 verbunden. Am 7. November 1934 wurde Grollmuß in ihrer Heimatstadt Radibor verhaftet. Es begann ihr zehnjähriger Leidensweg durch die verschiedenen Gefängnisse und Konzentrationslager. Anfangs schrieb sie hoffnungsvolle Briefe an ihre Schwester und sparte dort auch nicht mit Kritik an angeblich unvorsichtigen Genoss:innen, die sie für ihre Haft mitverantwortlich machte. Erst als sie, nach der Verbüßung der Haftstrafe, ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingewiesen wurde, war ihre Hoffnung auf Freilassung verflogen. Sack benennt
zahlreiche Zeugnisse von Mitgefangenen aus Ravensbrück, die sich mit großem Respekt über Grollmuß äußerten. Sack weist zudem darauf hin, dass es der Solidarität der Gefangenen zu verdanken ist, dass die schwer Erkrankte vor dem Terror der Aufseher:innen geschützt wurde. Grollmuß sei oft in großer Gefahr gewesen, weil sie sich am Morgen nicht schnell genug zum Appell einfand
oder weil sie sich mit einem Buch in ein Versteck zurückzog und damit die Lagerordnung ignorierte. In dieser Zeit scheint ihr der christliche Glaube viel Kraft zum Überleben gegeben zu haben. Sack charakterisiert sie als gläubige Christin, die auch in Haft und Lager an sozialistischen Zielen festhielt. Sie zitiert eine Mitgefangene, die über Grollmuß schrieb, ihr seien »die
körperlichen Strapazen, die Unterernährung buchstäblich ins Gesicht geschrieben, am ganzen Körper anzusehen« (S. 472). Am 6. August 1944 starb Grollmuß im Alter von 48 Jahren, vermutlich an einer nicht behandelten Bauchfellentzündung.
Späte Erinnerung
Nach 1945 wurde Grollmuß nicht vergessen. Auf die unterschiedlichen Deutungslinien ihres Lebens geht Sack ausführlich ein. In Westdeutschland war sie vor allem bei den wenigen Menschen bekannt, mit denen sie in den 1920er Jahren in der Jugendorganisation des Zentrum aktiv war und die mittlerweile in der CDU ihre politische Heimat gefunden hatten. Sie erinnerten Grollmuß vor allem als Christin. In der DDR wiederum wurde sie als Sozialistin und Opfer des NS anerkannt, was für eine KPD-Dissidentin nicht selbstverständlich war. Auf einem Kreuzweg in der Gedenkstätte Ravensbrück wurde sie 1988 auch als Christin erinnert. Vor einigen Jahren wurde Grollmuß schließlich auch zur sorbischen Patriotin erklärt. Das hängt mit dem in den letzten Jahren gewachsenen Selbstbewusstsein der sorbischen Autonomiebewegung zusammen, die besonders in Grollmuß’ Heimatregion, der Oberlausitz, stark ist. Sie bezieht sich darauf, dass sie in ihrer Jugend in sorbischen Zeitungen schrieb und kurzzeitig in der sorbischen Kulturbewegung aktiv war.
Sack hat mit ihrer umfangreichen Biographie das Leben einer politischen Theoretikerin und Aktivistin nachgezeichnet, die sich als Christin in sozialistischen und kommunistischen Organisationen engagierte. Sie hat über ihr eigenes Leben hinaus Spuren hinterlassen: Sack erwähnt die enge Zusammenarbeit von Grollmuß mit dem linken Zentrumspolitiker und kurzzeitigen Reichskanzler Joseph Wirth in den 1920er Jahren, von dem der noch heute viel zitierte, weil immer noch aktuelle Satz stammt: »Der Feind steht rechts«. In den 1950er Jahren war Wirth Mitbegründer der Deutschen Volkszeitung und kooperierte im Kampf gegen die Wiederbewaffnung auch mit Kommunist:innen. Damit stellte er sich in eine politische Tradition, für die Grollmuß kämpfte.
- Peter Nowak ist freischaffender Journalist und Aktivist.
https://www.express-afp.info/