Nach Google hat auch Amazon große Pläne für eine Ansiedlung in Berlin bekannt gemacht. Gentrifizierungsgegner wollen das verhindern – sie fürchten Mietsteigerungen. Von

Lieber Kiezleben als Webtech-Urbanismus

Im Fried­richs­hainer Nordkiez steht das von dem Immo­bi­li­en­konzern CG-Gruppe ent­wi­ckelte Carré Sama-Riga mit Gewerbe- und Wohn­räumen kurz vor der Fer­tig­stellung. Einer Anwoh­ner­initiative, die über Jahre gegen das Projekt pro­tes­tierte, war es nicht gelungen, größere Teile der Ber­liner Linken zu mobi­lisieren. Dabei ­bietet Christoph Gröner, der Gründer und Vor­stands­vor­sit­zende der CG-Gruppe, genügend poli­tische Angriffs­fläche. So erstei­gerte Gröner vor einigen Monaten für 750 000 Euro ein Bild des bekannten Leip­ziger Malers Neo Rauch mit dem Titel »Der Anbräuner«.

»Google ist kein guter Nachbar.« Unter diesem Motto kämpften Gen­tri­fi­zie­rungs­kri­tiker erfolg­reich gegen die Ansiedlung des Kon­zerns in Berlin-Kreuzberg – zumindest vorerst. Einige hoffen, einen solchen Erfolg im Kampf gegen das Unter­nehmen Amazon zu wie­der­holen. Dieses will .….

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Am Mittwochabend trafen sich in Berlin die GegnerInnen des Internetkonzerns zur Kampagnenvorbereitung

Amazon ist kein guter Nachbar

Die Ber­liner Amazon-Kri­ti­ke­rInnen wollen sich New York zum Vorbild nehmen, wo Stadt­teil­ak­ti­vis­tInnen die Ansiedlung eines Amazon-Stand­ortes ver­hin­derten. „Der Konzern will schlechte Nach­richten ver­meiden und hat sich dann für einen Standort in einer anderen Stadt ent­schieden“, berichtete der Ver­treter von Make Amazon Pay, der die Pro­teste in den USA begleitete.

Ein 38stöckiges Hochhaus steht in unmit­tel­barer Nähe des S‑Bahnhofs War­schauer Brücke. Bisher handelt es sich noch um eine Simu­lation. Doch in wenigen Jahren könnte noch ein wei­teres Gebäude für Men­schen mit viel Ein­kommen Wirk­lichkeit werden. Unter dem Namen Edge East Side wird es schon in Immo­bi­li­en­kreisen beworben. Der Investor.…..

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Protest für Rekommunalisierung

Alte Kreuzberger Schule

Anwoh­ne­rInnen kämpfen für die Rekom­mu­na­li­sierung eines alten Schul­ge­bäudes am Gör­litzer Park. Der Eigen­tümer will 20 Mil­lionen Euro.

„Was wünscht Ihr Euch für die G51?“ So lautete die Frage auf einem Trans­parent, das vor dem Eingang der Gör­litzer Straße 51 aus­ge­breitet ist. Zahl­reiche Pas­san­tInnen schreiben Vor­schläge dazu: „Eine Kita“, Räume für Jugend­liche“. Nachbarschaftsini­tiativen hatten am Diens­tag­nach­mittag zu einer Kund­gebung vor dem Haus in Kreuzberg ein­ge­laden. Die 1890 erbaute einstige Schule solle ein Haus der soli­da­ri­schen Nach­bar­schaft werden, lautet ihre For­derung. Bis 2005 befand sich in dem Gebäude direkt am Gör­litzer Park.…

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Eigenbedarf bis nach dem Tod

Vor dem Land­ge­richt Berlin wurde post mortem der Fall Jürgen Rostock ver­handelt

»Der Här­tefall ist durch den Tod des Mieters beseitigt worden«, ruft der Mie­ter­ak­tivist Kurt Jotter spontan in den gut gefüllten Raum des Ber­liner Land­ge­richts. An diesem Dienstag hatte zuvor die Rich­terin eine Eigen­be­darfs­kün­digung einer Woh­nungs­ei­gen­tü­merin mit der Begründung für recht­mäßig erklärt, dass wegen des Todes des Mieters kein Grund für einen Här­tefall mehr gegeben sei.

Betroffen von der Kün­digung war der Begründer und lang­jährige Leiter des Doku­men­ta­ti­ons­zen­trums Prora, Jürgen Rostock. Bereits am 25. März dieses Jahres ist er im Alter von 81 Jahren ver­storben. In den letzten Monaten seines Lebens musste er um seine Wohnung in der Tor­straße in Mitte kämpfen, in der er mehr als 27 Jahren gelebt hatte. Er wollte dort inmitten seiner umfang­reichen Bibliothek seinen Lebens­abend ver­bringen.

Eine Autorin und Wer­berin hatte die Wohnung im Jahr 2013 erworben. Zwei Jahre später kün­digte sie dem Senior wegen Eigen­bedarf. »Seitdem plagte meinen Vater die Angst vor dem Verlust seiner Wohnung«, erklärt Katharina Rostock, die Tochter des Ver­stor­benen. Sie führte am Dienstag als Erbin vor dem Ber­liner Land­ge­richt den letzen juris­ti­schen Kampf. Den Prozess um die Eigen­be­darfs­kün­digung hatte ihr Vater bereits 2017 in der ersten Instanz ver­loren. Dar­aufhin bean­tragte er eine Frist­ver­län­gerung für den Auszug, um mehr Zeit für die Woh­nungs­suche zu haben. Das lehnte die Klä­gerin ab.

Danach habe sich der Gesund­heits­zu­stand ihres Vaters rapide ver­schlechtert, berichtet Katharina Rostock. »Ich kann nicht behaupten zu wissen, dass sein plötz­licher Tod im März die Folge der Belastung durch den Rechts­streit war. Ich kann aber mit Sicherheit sagen, dass der Rechts­streit eine Belastung für ihn war, und das ist für einen herz­kranken Men­schen sehr ungünstig«, erklärte die in Sachsen lebende Heil­prak­ti­kerin nach dem Ende des Ver­fahrens. Trotz ihrer juris­ti­schen Nie­derlage bezeichnete sie es als positiv, dass die Rich­terin erklärt habe, hätte ihr Vater noch gelebt, hätte sie den Sach­verhalt noch einmal geprüft und unter Umständen einen Här­tefall aner­kannt.
Die Mieter-Initiative Bizim Kiez hatte erfolg­reich zu dem Ver­fahren mobi­li­siert, um auf die mit­unter töd­lichen Folgen einer Eigen­be­darfs­kün­digung auf­merksam zu machen. Die Zahl der Inter­es­sierten war so groß, dass eine zusätz­liche Sitzbank in den Ver­hand­lungssaal gebracht werden musste.

Der Anwalt für Miet­recht, Christoph Müller, weist als juris­ti­scher Ver­treter von Katharina Rostock vor Gericht ein­dringlich auf die Belas­tungen hin, die Eigen­be­darfs­kün­di­gungen für die Mieter bedeuten. Nach etwa 15 Minuten beendet die Rich­terin den Disput mit der Bemerkung, ethische Dis­kus­sionen sollten vor dem Gerichtssaal wei­ter­ge­führt werden. Dort spricht Christoph Müller auch die Ver­ant­wortung der Politik an. »In Frank­reich ver­hindere seit 2016 ein Gesetz, dass Mieter über 65 Jahre durch Eigen­be­darfs­kün­di­gungen ihre Wohnung ver­lieren. In Deutschland gibt es bisher keine solche Initiative, weil sich keine Partei mit der Immo­bi­li­en­wirt­schaft anlegen will.«

Das »neue deutschland« hat selbst­ver­ständlich auch die Woh­nungs­be­sit­zerin um eine Stel­lung­nahme gebeten. In ihrem Auftrag ant­wortet statt­dessen ein Medi­en­rechts­anwalt. Er teilt mit, dass »unsere Man­dantin über­haupt keine Stel­lung­nahme abgeben wird. Sie wird auch keine Fragen beant­worten«. Zudem weist der Anwalt darauf hin, dass sich seine Man­dantin juris­tische Schritte vor­be­halte, wenn ihre Anony­mität nicht gewahrt werde.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​4​6​2​4​.​w​o​h​n​u​n​g​s​s​t​r​e​i​t​-​i​n​-​b​e​r​l​i​n​-​e​i​g​e​n​b​e​d​a​r​f​-​b​i​s​-​n​a​c​h​-​d​e​m​-​t​o​d​.html

Peter Nowak

Kiezspaziergang gegen Google und Co.

„Miete ver­weigern, Kün­digung ins Klo – Google ent­eignen sowieso“, diese Parole wurde am Samstag in Kreuzberg häufig skan­diert. Um 15 Uhr startete bei kaltem Win­ter­wetter der erste Kiez­spa­ziergang gegen den im ehe­ma­ligen Umspannwerk in der Ohlauer Straße geplanten Google-Campus am Schle­si­schen Tor. Anfangs war es nur eine kleine Gruppe, die sich dort ver­sammelt hatte. Doch beim Zug durch Kreuzberg schlossen sich weitere Anwoh­ne­rInnen dem Spa­ziergang an, der schließlich auf ca. 150 Men­schen ange­wachsen ist. Dar­unter waren auch Men­schen aus Spanien und der USA, die erst kürzlich nach Berlin gezogen waren und aus ihren Hei­mat­städten bereits Erfah­rungen mit der Gen­tri­fi­zierung von Stadt­teilen durch Tech­no­lo­gie­un­ter­nehmen machten.

Red­ne­rInnen ver­schie­dener linker Gruppen machten deutlich, dass es ihnen um mehr als um Google geht, was sich im Motto „Kiez­spa­ziergang gegen Google und Co. aus­drückte. An der ehe­ma­ligen Cuvry­brache gab es eine kurze Zwi­schen­kund­gebung. Dort will im nächsten Jahr der boo­mende Online-Ver­sand­handel Zalando eine neue Zen­trale eröffnen. Bereits vor einigen Wochen wurde der Rohbau gefeiert. Beim ehe­ma­ligen Post­ge­bäude zwi­schen Gör­litzer Park und Schle­si­scher Bahnhof wurde in einen Rede­beitrag ver­deut­licht, dass nicht nur Mie­te­rInnen mit geringen Ein­kommen durch Google und Co. ver­drängt werden. So soll der Pri­vatclub schließen, weil sich Mit­ar­bei­te­rInnen der in den Gebäude befind­lichen Start-Up-Unter­nehmen über den Lärm beschwert haben, der mit Kon­zerten und Partys ver­bunden ist. Gekauft wurde das ehe­malige Post­ge­bäude von den Internet-Unter­nehmern Marc und Oliver Samwer. Sie grün­deten 2007 das Unter­nehmen Rocket Internet, das sich als weltweit agie­rende Start Up-Fabrik ver­steht. „Die Samwers sind binnen kurzer Zeit Glo­bal­player geworden, ihre Start Ups erobern alle Kon­ti­nente. In vielen Teilen der Welt ist Rocket das neue Synonym für Internet made in Germany“, schreibt das Han­dels­blatt bereits vor 5 Jahren. In Kreuzberg sind die Samwer-Brüder zum Synonym für Ver­drängung und Ver­treibung geworden.


Soli­da­risch mit dem Kampf der Beschäf­tigten von Amazon

Die Gruppe Theorie Orga­ni­sation Praxis (TOP) stellte in einen Rede­beitrag klar, dass ihr Protest sich nicht die Digi­ta­li­sierung richtet, sondern dagegen, dass davon im Kapi­ta­lismus nur wenige pro­fi­tieren. TOP ist auch Teil eines linken Bünd­nisses, das die For­de­rungen der Amazon-Beschäf­tigten nach mehr Lohn und einen Tarif­vertrag unter­stützt. Ein Trans­parent mit der Parole „Make Amazon pay“ wurde in der Demons­tration getragen. Der Spa­ziergang endete vor dem ehe­ma­ligen Umspannwerk in der Ohlauer Straße, wo vor­aus­sichtlich im August 2018 der Google-Campus eröffnet werden soll. „Es war der erste Kiez­spa­ziergang gegen Google und Co. und da waren wir mit der Resonanz zufrieden“, zog eine Mit­or­ga­ni­sa­torin gegenüber Mie­te­rEcho Online ein posi­tives Fazit. Doch sie stelle auch klar, dass in den nächsten Wochen die Pro­teste größer werden, müssen, wenn das Ziel erreicht werden soll. Der Kiez­spa­ziergang zog auch durch die Wran­gel­straße, wo im Sommer 2015 Anwoh­ne­rInnen mona­telang einmal in der Woche auf die Straße gegangen sind, um die Schließung eines Gemü­se­ladens zu ver­hindern. Viele der Pas­san­tInnen, die am Samstag am Rande standen, als der Kiez­spa­ziergang vor­beizog, hatten sich vor drei Jahren an den Pro­testen der Initiative Bizim-Kiez beteiligt. Es wird sich zeigen, ob sie für den Protest gegen Google zu gewinnen sind. Eine Mit­or­ga­ni­sa­torin des Kiez­spa­zier­gangs betont aber auch, dass es der Kam­pagne „Google Campus ver­hindern“ nicht darum geht, allein Kreuzberg gegen den Angriff der Inter­net­kon­zerne zu schützen. Ihnen gehe es um eine grund­sätz­liche Kritik an diesen Kon­zernen. „Daher sagen wir nicht, Google solle doch nach Adlershof und nicht Kreuzberg hin­ziehen. Nein wir sagen, Google und Co. soll nirgend will­kommen sein.“

aus: Mie­te­rEcho online

https://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​g​o​o​g​l​e​-​k​i​e​z​s​p​a​z​i​e​r​g​a​n​g​.html

Peter Nowak

Weil zu wenige profitieren

Erster Kiez­spa­ziergang gegen den geplanten Google-Campus am Samstag in Kreuzberg

„Miete ver­weigern, Kün­digung ins Klo – Google ent­eignen so- wieso“, diese Parole wurde am Samstag in Kreuzberg skan­diert. Um 15 Uhr startete bei kaltem Win­ter­wetter der erste Kiez­spa­ziergang gegen den im ehe­ma­ligen Umspannwerk in der Ohlauer Straße geplanten Google-Campus. Red­ne­rInnen ver­schie­dener linker Gruppen machten deutlich, dass es ihnen um mehr als um Google geht. An der ehe­ma­ligen Cuvry­brache gab es eine kurze Zwi­schen­kund­gebung. Dort will im nächsten Jahr der Online-Ver­sand­handel Zalando eine Zen­trale eröffnen. Bereits vor einigen Wochen wurde der Rohbau gefeiert. Beim ehe­ma­ligen Post­ge­bäude zwi­schen Gör­litzer Park und Schle­si­scher Bahnhof wurde in einen Rede­beitrag moniert, dass die ange­sagte Location Pri­vatclub schließen soll. Mit­ar­bei­te­rInnen der in dem Gebäude befind­lichen Start- up-Unter­nehmen hatten sich über den Lärm beschwert, der mit Kon­zerten und Partys ver- bunden ist. Die Gruppe Theorie Orga­ni­sation Praxis (TOP) betontein ihrem Rede­beitrag, dass ihr Protest sich nicht gegen die Digi­ta­li­sierung richtet, sondern dagegen, dass davon im Kapi­ta­lismus nur wenige pro­fi­tieren. TOP war auch Teil eines linken Bünd­nisses, das die For­de­rungen der Amazon-Beschäf­tigten nach mehr Lohn und einem Tarif­vertrag unter­stützt. Ein Trans­parent mit der Parole „Make Amazon pay“ wurde getragen. Anfangs war die Teil­neh­me­rIn­nenzahl des Spa­zier­gangs recht bescheiden. Doch auf der Strecke schlossen sich weitere Anwoh­ne­rInnen an, die Zahl der Per­sonen wuchs schließlich auf knapp 150. Cor­nelia Möller, die den Protest mit vor­be­reitet hat, zeigte sich mit der Resonanz zufrieden: „Doch in den nächsten Wochen müssen die Pro­teste bei hof­fentlich bes­serem Wetter wei­ter­gehen und wachsen“, betonte Möller gegenüber der taz. Dass da noch Potenzial nach oben ist, zeigte sich beim Gang durch die Wran­gel­straße. Viele der Pas­san­tInnen, die am Samstag am Rande standen, hat- ten im Sommer 2015 als Teil der Bizim-Initiative wochenlang gegen die Kün­digung eines Gemü­se­ladens in der Nach­bar­schaft pro­tes­tiert.

aus: montag, 5. märz 2018 taz

Peter Nowak

Zu viel Ärger – zu wenig Wut

Eine Aus­stellung von Mie­te­rEcho-Mit­ar­beiter Mat­thias Coers doku­men­tiert den Mie­te­rIn­nen­protest der letzten Jahre in Berlin

„Woh­nungen für Alle“, diese Parole findet sich auf vielen Häu­ser­wänden in Berlin, sogar an einer etwas abge­le­genen Stelle am Pots­damer Platz. Der Ber­liner Fotograf und Mie­ter­ak­tivist Mat­thias Coers hat sie dort ent­deckt. Sein Foto ist in einer Aus­stellung zu sehen, die bis zum 1. Oktober im Bil­dungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung in der Sebas­ti­an­straße 21 in Berlin-Kreuzberg zu sehen ist. Der Titel der Expo­sition „Wohnen Stadt Soli­da­rität“ benennt präzise den roten Faden der Expo­sition. Es geht um den Kampf um den knappen Wohnraum in Berlin und den unter­schied­lichen Umgang der Betrof­fenen damit. Auf einer Tafel hat Coers eine Reportage über die Woh­nungs­suche in Berlin hoch­ko­piert, die im Mie­te­rEcho ver­öf­fent­licht wurde. Dort ist zu lesen, dass sich auf eine Anzeige über hundert Men­schen zur Besich­tigung einer Wohnung in Neu­kölln ein­ge­funden haben, dar­unter auch Ange­hörige der Mit­tel­schicht. Coers hat eine gut­ver­die­nende Frau por­trä­tiert, die nach Berlin gezogen war und die Woh­nungs­suche nebenher erle­digen wollte. Sie musste schließlich neun Monate suchen, bis sie schließlich eine Par­terre-Wohnung in Weis­sensee gefunden hat. In der Aus­stellung finden sich zahl­reiche solche Bei­spiele. Den Betrach­te­rInnen wird deutlich: Wenn schon Men­schen mit guten Ein­kommen Pro­bleme haben, eine für sie bezahlbare Wohnung zu finden, wie sollen dann erst Men­schen mit geringen Ein­kommen eine Chance haben?

Mie­te­rIn­nen­wi­der­stand nicht nur in Kreuzberg

Doch Coers doku­men­tiert in seiner Aus­stellung auch sehr unter­schied­liche Bei­spiele von Mie­te­rIn­nen­so­li­da­rität. Da wurden Feri­en­woh­nungen kurz­zeitig besetzt, um gegen die Zweck­ent­fremdung von Wohnraum zu pro­tes­tieren. Zwangs­räu­mungen wurden durch Pro­teste behindert und Kund­ge­bungen gegen die Ver­drängung von Mie­te­rInnen und kleinen Läden orga­ni­siert. Coers hat sich nicht nur in Kreuzberg und Neu­kölln umge­sehen, wo die stadt­po­li­ti­schen Pro­teste von Initia­tiven wie Bizim-Kiez in den letzten Monaten ver­hin­derten, dass lang­jährige Läden in Kreuzberg schließen mussten. Diese Akti­vi­täten fanden auch ein großes Medi­enecho. Coers hat auch Initia­tiven von Mie­te­rInnen doku­men­tiert, die diese Publicity nicht erreichten. So hat er die Siedlung am Steinberg am Ber­liner Stadtrand besucht, wo sich lang­jährige Bewoh­ne­rInnen, oft schon hoch­betagt, gegen ihre Ver­drängung durch die ener­ge­tische Sanierung wehren. Sie haben erste Erfolge erzielt. Coers hat auch die Rent­ne­rinnen vom Hans­aufer 5 in Berlin-Moabit bei ihren Pro­testen gegen ihre dro­hende Ver­drängung mit der Kamera begleitet und war dabei, als von ener­ge­ti­scher Moder­ni­sierung betroffene Mie­te­rInnen mit einer Per­for­mance vor dem Reichstag auf sich auf­merksam machten. „Wacht auf, Ver­dämmte dieser Erde“, lautete ihr Motto. Ein Rundgang durch die Aus­stellung macht noch einmal deutlich, wie viel­fältig die Ber­liner Mie­te­rIn­nen­be­wegung ist und wie wenig davon in der Öffent­lichkeit bekannt ist. Doch ange­sichts der Angriffe auf die Rechte der Mie­te­rInnen ist der Protest noch viel zu leise. Da passt eine Parole gut, die gleich zweimal in völlig unter­schied­licher Umgebung auf Fotos in der Aus­stellung zu sehen ist: „Zu viel Ärger, zu wenig Wut“. Auf einen Bild ist sie in großen mehr­far­bigen Lettern auf einem weißen Lacken vor der Kulisse der älteren Häuser der Siedlung am Steinberg zu sehen, aus der die Bewoh­ne­rInnen ver­trieben werden sollen. Auf einem anderen Foto ist die gleiche Parole gesprüht auf einen Front­trans­parent während einer Mie­te­rIn­nen­de­mons­tration durch Kreuzberg zu sehen. 

Peter Nowak

aus: Mie­te­rEcho online 06.09.2017
https://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​m​a​t​h​i​a​s​-​c​o​e​r​s​-​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g​.html

Die Aus­stellung „Wohnen, Stadt, Soli­da­rität“ im Bil­dungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung in der Sebas­ti­an­straße 21 ist bis zum 1.Oktober von Di bis Do von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Die Termine der Begleit­ver­an­stal­tungen finden sich hier:

http://calendar​.boell​.de/​d​e​/​e​v​e​n​t​/​w​o​h​n​e​n​-​s​t​a​d​t​-​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​-​f​o​t​o​g​r​a​f​i​e​n​-​v​o​n​-​m​a​t​t​h​i​a​s​-​coers

Ortsnah Exil gefunden

SZE­NE­LADEN: Miet­vertrag unter­schrieben, bereit für den Umzug: Hans-Georg Lin­denau bleibt mit dem M99-Laden in Kreuzberg

HG/M99.Exil“ steht auf einem selbst­ge­malten Schild in einem Fenster der Laden­räume in der Falcken­stein­straße 46. Mitten im Kreuz­berger Event­gebiet in unmit­tel­barer Nähe zur Ober­baum­brücke erhält der „Gemischt­wa­ren­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf “ sein neues Domizil. Am Mittwoch wurde der Miet­vertrag abge­schlossen. Mehr als 30 Jahre hat der nach einem Sturz auf einen Roll­stuhl ange­wiesene Hans-Georg Lin-
denau seinen Sze­ne­laden mit dem Sor­timent aus Büchern, Auf­klebern und poli­tisch kor­rekten Klei­dungs­stücken in der Man­teuf­fel­straße 99 betrieben. Lin­denau, der seine Kun­dInnen auch schon mal zur Assistenz beim Laden­dienst auf­for­derte, ist in der linken Szene über Deutschland hinaus bekannt. Für Anar­chis­tInnen und junge Antifas aus ganz Europa gehörte ein Besuch des M99 zum festen Bestandteil eines Berlin-Trips. Auch von Ber­liner Akti­vis­tInnen wurde der Laden geschätzt, weil er die Spal­tungs­ten­denzen in der radi­kalen Linken igno­rierte. So hatte Lin­denau lange die pro­non­ciert isra­el­so­li­da­rische Zeit­schrift Bahamas genauso wie die radikal-nti­zio­ni­ische Publi­kation Intifada im Sor­timent. Lin­denau ver­traute auf die mün­digen Kun­dInnen,
die keine Bevor­mundung brauchen. So argu­men­tierte er auch gegen den poli­ti­schen Staats­schutz, der bei mehr als 50 Razzien im Laden immer wieder Schriften aus der auto­nomen Szene beschlag­nahmte. Doch in den letzten Jahren war es zunehmend die Gen­tri­fi­zierung, die Lin­denau Pro­bleme bereitete. Dass das Haus mit dem M99-Laden gleich sieben Mal den Besitzer wech­selte, hat wohl auch mit den unkon­ven­tio­nellen Mitteln zu tun, mit denen Lin­denau gegen eine dro­hende Ver­treibung kämpfte. So trennte sich bereits in den 1990er Jahren ein Arzt wieder von der Kreuz­berger Immo­bilie, nachdem Lin­denau mit Unter­stüt­ze­rInnen vor dessen Praxis in einer Bran­den­burger Klein­stadt auf­tauchte. Hat Lin­denau mit dem Um-
zug nun doch gegen die Gen­tri­zi­fi­zierung ver­loren, fragen sich manche in der Ber­liner Szene. Für Lin­denaus Anwälte Burk­hardt Dräger, Ben­jamin Raabe und Christoph Müller hin­gegen hat mit dem Orts­wechsel ein lang­jäh­riger Mie­te­rIn­nen­kampf, der bereits mehrere Gerichte beschäf­tigte, ein posi­tives Ende gefunden. Sie sehen es als
beson­deren Erfolg, dass Lin­denau in Kreuzberg bleiben kann. Möglich wurde das, weil die Stiftung Umver­teilen mit Lin­denau den Miet­vertrag abschloss. Magnus Hengge von der Nach­bar­schafts­in­itiative Bizim Kiez ver­weist auf den großen öffent­lichen Druck, mit dem im August 2016 eine Zwangs­räumung vom in seinem Laden lebenden Lin­denau ver­hindert werden konnte. Dem auf Assistenz ange­wie­senen Lin­denau sei es nun auch in seinem neuen Domizil möglich, „sein ein­zig­ar­tiges Lebens­konzept des durch Kunden betreuten Wohn­ladens“ fort­zu­setzen. Laut Hengge hat Bizim Kiez Lin­denau nicht nur beim Kampf gegen die Räumung unter­stützt. Die Initiative orga­ni­sierte auch Nach­bar­schafts­hilfe bei der roll­stuhl­ge­rechten Ein­richtung der
neuen Laden­wohnung. Bis spä­testens zum 30. Juni soll der Umzug abge­schlossen sein.

aus: DIE TAGES­ZEITUNG FREITAG, 26. MAI 2017

Peter Nowak