Wirbel um die »Anarcho-Postille«

»Bild« und AfD hetzen gegen die »Gras­wur­zel­re­vo­lution«, weil der Ver­fas­sungs­schutz Thü­ringen aus einem Text zitiert, der dort erschienen ist

Die Monats­zeitung »Gras­wur­zel­re­vo­lution« (»gwr«) gibt es seit mehr als 40 Jahren. Der ver­ant­wort­liche Redakteur Bernd Drücke hat in den ver­gan­genen Jahren immer wieder ver­sucht, die Publi­kation in der linken Öffent­lichkeit bekannt zu machen. Doch auf die Auf­merk­samkeit, die die »gwr« seit einigen Tagen bekommt, hätte er wohl gerne ver­zichtet. Die AfD hetzt auf Twitter gegen die »links­ex­treme Anar­cho­pos­tille« und ver­linkt einen Bericht der »Bild«, in dem es heißt: »Die Anarcho-Pos­tille kämpft seit 1972 für die Abschaffung unseres Staates und wurde früher selbst vom Ver­fas­sungs­schutz beob­achtet und als ›links­extrem‹ ein­ge­stuft.« Auf die aus jour­na­lis­ti­scher Sicht nahe­lie­gende Idee, bei der so geschmähten Publi­kation eine Stel­lung­nahme ein­zu­holen, kam bei »Bild« niemand.

Der Grund für die plötz­liche Auf­merk­samkeit gegenüber der Zeit­schrift ist ein Artikel, in dem der Sozi­al­wis­sen­schaftler Andreas Kemper ein jüngst erschie­nenes Buch des AfD-Poli­tikers Björn Höcke ana­ly­siert hat. »Nie zweimal in dem selben Fluss« lautet der Titel. Dort prä­sen­tiert Höcke in Form eines Inter­views seine Vision eines euro­päi­schen Groß­raums mit Deutschland als Kraft­zentrum. »Das Lesen dieses Buches bestätigt den Gesamt­ein­druck einer faschis­ti­schen Agenda«, so das Fazit von Kemper. Sein bereits Anfang Sep­tember in »gwr« erschie­nener Text wurde erst zum Poli­tikum, nachdem der Chef des Thü­ringer Ver­fas­sungs­schutzes, Stephan Kramer, daraus zitierte, um zu begründen, warum Höcke und sein Flügel in der AfD von der Behörde beob­achtet werden sollen. Zunächst nannte Kramer aber weder den Autor noch die Zeitung, die den Text ver­öf­fent­lichte. Dafür hat er sich mitt­ler­weile bei Kemper ent­schuldigt. Die AfD-Thü­ringen fordert jetzt Kramers Rück­tritt, auch die Bun­des­partei hat sich dieser For­derung ange­schlossen.
Für Kemper und die »gwr« hat die Kam­pagne Folgen. »Andreas Kemper hat dieser Tage zu Hause einen Anruf erhalten, die Person am anderen Ende der Leitung hat ›Heil Hitler, du Schwein‹ gerufen und wieder auf­gelegt. Bei uns in der Redaktion sind auch einige Hass­bot­schaften ein­ge­gangen«, erklärt »gwr«-Redakteur Drücke gegenüber »nd«.
Kemper ist den Rechten schon lange ver­hasst. Er hatte bereits im ver­gan­genen Jahr eine Analyse ver­fasst, in der er die These ver­tritt, dass Höcke unter dem Pseudonym Landolf Ladig in Neonazi-Pos­tillen Texte ver­öf­fent­licht hatte. Höcke bestreitet das, ist aber nicht juris­tisch gegen Kemper vor­ge­gangen. Der AfD-Bun­des­vor­stand unter Frauke Petry hatte unter anderem mit Kempers Text seinen mitt­ler­weile zurück­ge­zo­genen Aus­schluss­antrag begründet.

Dass nun auch der Ver­fas­sungs­schutz sich ihres Mate­rials bedient, nehmen Kemper und Drücke gelassen. »Ich fordere wei­terhin die Auf­lösung aller Geheim­dienste, aber ich sehe auch den Unter­schied zwi­schen Maaßen und einem libe­ralen Sozi­al­de­mo­kraten wie Stephan Kramer«, so Drücke gegenüber »nd«. Zudem zeige die Ange­le­genheit, dass man keine Geheim­dienste brauche, um etwas über die rechte Ideo­logie der AfD zu erfahren. Schließlich hat Kemper seine Ana­lysen über Höcke lediglich auf all­gemein zugäng­liche Quellen gestützt. Er war bislang auch der einzige Autor, der sich mit Höckes Buch aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Wenn Kramer aus diesen Arbeiten zitieren muss, um eine mög­liche Beob­achtung von Teilen der AfD zu begründen, mache er eigentlich schon deutlich, dass seine Behörde über­flüssig ist.

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Peter Nowak

Kunst, mitten ins Leben gesetzt

Münsters Skulp­tu­ren­schau läuft noch bis zum 1. Oktober

Derzeit trifft man in der Uni­ver­sität Münster (Nord­rhein-West­falen) immer wieder Men­schen, die mit einem Stadtplan in der Hand ihre Umgebung absuchen. Es sind Besucher der fünften Skulp­tu­ren­aus­stellung – noch bis zum 1. Oktober können Pro­jekte von 38 inter­na­tio­nalen Künstlern, die in der ganzen Stadt ver­teilt sind, besichtigt werden. So hat der in Paris geborene und in den USA lebende Künstler Pierre Huyghe in einer ehe­ma­ligen Eis­sport­halle am Stadtrand in einer Land­schaft aus Ton, Sand, Sty­ropor und Wasser ein Biotop geschaffen. Bienen fliegen dort herum und in einem Ter­rarium lebt ein Krebs, dessen Geräusche mit einem Ver­stärker die gesamte Halle beschallen.

Wer die Instal­lation der Münchner Künst­lerin Hito Steyerl ken­nen­lernen will, muss das Foyer der West­deut­schen Lan­desbank besuchen. In kurzen Videos wird gezeigt, wie Roboter auf ihre Sta­bi­lität getestet werden. In einem wei­teren Video wird die Rolle der Com­pu­ter­tech­no­logie bei der Zer­störung der Alt­stadt von Diyarbakir durch die tür­kische Armee im letzten Jahr unter­sucht.

Der nige­ria­nische Künstler Emega Ogboh hat an einer Unter­führung neben dem Müns­te­raner Haupt­bahnhof Laut­sprecher auf­ge­stellt, in denen avant­gar­dis­tische Musik zu hören ist. Doch ein Großteil der Pas­santen nimmt sie gar nicht wahr. Seit der ersten Skulp­tu­ren­aus­stellung im Jahr 1977 gehört es zum Grundsatz, die Kunst dort hin­zu­bringen, wo sich die Men­schen täglich auf­halten – also eben nicht in Museen und Galerien.

Auch kann man auf der Wiese vor dem Aasee, in Parks und auf Plätzen noch Skulp­turen aus den ver­gan­genen vier Aus­stel­lungen sehen. Denn einige Instal­la­tionen bleiben der Stadt erhalten. Schon heute wird deshalb in den regio­nalen Zei­tungen, aber auch unter den Aus­stel­lungs­be­su­chern rege debat­tiert, welches Kunstwerk der aktu­ellen Aus­stellung auf keinen Fall ver­schwinden soll. Die Land­schafts-Instal­lation von Piere Huyghe etwa hat keine Chance zu bleiben, weil es für die alte Eis­sport­halle, in der sie zu sehen ist, schon einen Abriss­termin gibt.

Um ein Exponat, das von der vierten Skulp­tu­ren­messe im Jahr 2007 stehen blieb, gab es von Anfang an poli­tische Aus­ein­an­der­set­zungen. Die über­le­bens­große Figur ganz in der Nähe des Müns­te­raner Haupt­bahnhof erinnert an den 1999 ver­stor­benen Auto­di­dakten Paul Wulf. Er wuchs in einem Kin­derheim auf, wo er während der Herr­schaft der Nazis im Alter von 16 Jahren ohne Betäubung zwangs­ste­ri­li­siert wurde. In der Nach­kriegszeit enga­gierte sich der gesund­heitlich schwer ange­schlagene und gesell­schaftlich weiter stig­ma­ti­sierte Mann in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken von Münster. Davon berichten die regel­mäßig erneu­erten Plakate auf der Wulf-Skulptur – Texte zum Kampf gegen AKW, gegen Zwangs­ste­ri­li­sierung und gegen alte und neue Nazis. Das waren die Themen, mit denen sich Wulf beschäf­tigte.

Seit zehn Jahren nun steht die Wulf-Figur am Rande des Stadt­zen­trums Münsters. Zunächst wollten CDU und FDP im Kul­tur­aus­schuss ver­hindern, dass sie über­haupt erhalten bleibt. Sie mussten nach­geben, weil ein großer Teil der Aus­stel­lungs­be­sucher von 2007 diese Figur zum belieb­testen Exponat erkoren hatte. Doch ob es dabei bleibt, ist unklar. »Noch immer ist der dau­er­hafte Erhalt der Wulf-Figur nicht gesi­chert«, beklagt Bernd Drücke vom Freun­des­kreis Paul Wulf gegenüber »nd«. Er setzt sich für einen dau­er­haften Erhalt des Gedenk­ortes für den Ver­folgten des NS-Regimes ein.

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Peter Nowak

Feiern statt feuern

45 Jahre »Gras­wur­zel­re­vo­lution«

Die »Gras­wur­zel­re­vo­lution« feiert ihren 45. Geburtstag. Sie ist das einzige anar­chis­tische Print­medium des Landes.

Viel­leicht hat sich der ehe­malige Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der Grünen, Win­fried Nachtwei, um die linke Publi­zistik ver­dient gemacht – auch wenn es gar nicht seine Intention war. 2001, als die Grünen zumindest im west­fä­li­schen Münster noch eine gewisse Distanz zur Bun­deswehr aus­drücken wollten, geriet er mit einem Lehr­be­auf­tragten der Uni­ver­sität anein­ander. Bernd Drücke, tätig am Institut für Sozio­logie der West­fä­li­schen Wil­helms-Uni­ver­sität, beschul­digte Nachtwei, bei einem großen Zap­fen­streich der Bun­deswehr auf der Bühne gestanden zu haben. Nachtwei bestritt das vehement, bezich­tigte Drücke der Ver­leumdung – und musste schließlich doch zugeben, dass der Soziologe die Wahrheit gesagt hatte. Was nichts daran änderte, dass man am Lehr­stuhl gründlich ange­fressen war. Einige, die in der aka­de­mi­schen Hier­archie über Drücke standen, betrach­teten es als Majes­täts­be­lei­digung, einen Poli­tiker der Grünen öffentlich vor­zu­führen. Drücke flog raus, er verlor seine Stelle am Lehr­stuhl für Sozio­logie und kon­zen­trierte sich fortan ganz auf seine jour­na­lis­tische Tätigkeit bei einer Zeit­schrift, für die der Anar­chist und Pazifist regel­mäßig Artikel geschrieben hatte: die Gras­wur­zel­re­vo­lution – kurz auch GWR genannt.
Bis heute ist Drücke ver­ant­wort­licher Redakteur der GWR. Sicherlich ist es zum großen Teil sein Ver­dienst, dass das Monats­blatt bald seinen 45. Geburtstag feiern kann. Die Null­nummer der GWR erschien im Juni 1972.


Mit ihrer strikten Ablehnung jeg­licher Gewalt hat sich die »GWR« auch bei Teilen der radi­kalen Linken Kritik ein­ge­handelt.

Drücke hat dafür gesorgt, dass die Zeit­schrift, deren Titel nach einer Mischung aus Gue­rilla Gar­dening und Land­kommune klingt, auch von Kul­tur­linken und mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie­kri­tikern gelesen wird. Über­haupt ist das Blatt berüchtigt für diesen Spagat. In der aktu­ellen Ausgabe, der 419., berichten zwei Kom­munen aus ihrem Alltag. Wenige Seiten weiter beschäftigt sich ein hoch­kom­plexer Text mit der Kritik an Gewalt und im hin­teren Teil der Ausgabe sind phi­lo­so­phisch unter­füt­terte Dis­kus­si­ons­bei­träge zu der Frage abge­druckt, ob es eine Natur des Men­schen gebe. Das glaubten bekannte Anar­chisten wie Pjotr Kro­potkin, die der Ansicht waren, der Mensch sehne sich von Natur aus nach Freiheit und selbst­be­stimmten Kol­lek­tiven. Andere wider­sprachen vehement und warnten, dass Anar­chisten mit unbe­wie­senen anthro­po­lo­gi­schen Grund­an­nahmen ihrer Sache eher scha­deten als nützten.

Doch nicht nur Themen, die die anar­chis­tische Szene im engeren Sinne betreffen, werden in der GWR dis­ku­tiert. So hat Jens Kastner in der Ausgabe vom Dezember 2016 die post­ko­lo­nia­lis­tische Theo­re­ti­kerin Gayatri Cha­kra­vorty Spivak wegen ihres Anti­zio­nismus heftig kri­ti­siert. Für Drücke ist diese Mischung aus Kom­mu­n­ebe­richt und Theorie Pro­gramm.
»Es gibt in der undog­ma­ti­schen linken Szene einen Bedarf sowohl nach liber­tär­so­zia­lis­ti­schen Theorien und Utopien als auch nach Gegen­öf­fent­lichkeit und kon­tro­verser Dis­kussion«, sagt er der Jungle World. »Wir ver­suchen, das als Sprachrohr gewalt­freier, anar­chis­ti­scher, anti­mi­li­ta­ris­ti­scher, pro­fe­mi­nis­ti­scher und anderer sozialer Bewe­gungen abzu­decken.« Ein schwarz­roter Faden, der sich durch sämt­liche Ausgabe zieht, ist der Anti­mi­li­ta­rismus: »Kritik an Kriegs­ein­sätzen und Auf­rüstung suchen wir in den meisten Medien ver­geblich. Wir wollen der mili­ta­ris­ti­schen Pro­pa­ganda etwas ent­ge­gen­setzen«, schreibt Drücke im Edi­torial der Mai-Ausgabe. Es folgt unter anderem ein Beitrag über die Pläne, die Wehr­pflicht in Frank­reich wieder ein­zu­führen. Ein Vor­haben, das nicht nur von Marine Le Pen und Emmanuel Macron, sondern auch vom linken Kan­di­daten Jean-Luc Mélenchon unter­stützt wird. Die GWR widmet sich diesem Thema in einer Aus­führ­lichkeit, die im deutsch­spra­chigen Raum ein­zig­artig sein dürfte.

Das liegt auch an der Geschichte dieses Mediums. Die 1972 gegründete GWR hatte ein poli­ti­sches Anliegen, das einige Autoren auf den Liber­tären Tagen, einem bun­des­weiten Anar­chis­ten­treffen 1993 in Frankfurt am Main, so beschrieben: »Die Zeitung GWR war mit dem Ziel ange­treten‚ den Zusam­menhang zwi­schen den beiden kon­se­quen­testen Hand­lungs­an­sätzen gegen Herr­schaft und Gewalt, zwi­schen Gewalt­freiheit und liber­tärem Sozia­lismus, auf­zu­zeigen und dazu bei­zu­tragen, dass die pazi­fis­tische Bewegung sozia­lis­tisch und die links­so­zia­lis­tische Bewegung in ihren Kampf­formen gewaltfrei werde.«

Über mehrere Jahre war die GWR eng mit der Föde­ration gewalt­freier Akti­ons­gruppen (FöGA) ver­bunden. 1980 als bun­des­weites Netzwerk anar­cho­pa­zi­fis­ti­scher Gruppen mit anti­mi­li­ta­ris­ti­schem Schwer­punkt gegründet, wurde die FöGA vom Ver­fas­sungs­schutz als »größte anar­chis­tische Orga­ni­sation der Nach­kriegszeit« bezeichnet. Von 1981 bis 1988 gab sie die GWR heraus, betei­ligte sich an der Anti­ra­ke­ten­be­wegung in den acht­ziger Jahren und nutzte gewalt­freie Aktionen wie Sitz­blo­ckaden. Von der Krise der gesamten Frie­dens­be­wegung blieb sie nicht ver­schont. 1997 löste sich die FöGA aus­ge­rechnet in einer Zeit auf, in der Deutschland wieder begonnen hatte, offen Kriege zu fühen. Die GWR, die seitdem von einem unab­hän­gigen Kreis von etwa 45 Per­sonen her­aus­ge­geben wird und alle Ent­schei­dungen basis­de­mo­kra­tisch fällt, setzt die Kritik am Mili­ta­rismus in Staat, Gesell­schaft und auch in der Linken kon­se­quent fort.

Dabei landet Drücke gerne mal zwi­schen allen Stühlen, wie er am Bei­spiel des Kon­flikts zwi­schen der Ukraine und Russland auf­zeigt: »Wir lassen Anar­chisten und Anti­mi­li­ta­risten aus Russland und der Ukraine zu Wort kommen, unter­stützen die Deser­teure und Ver­wei­gerer aller Kriegs­par­teien und agi­tieren sowohl gegen das homophob-auto­ritäre Putin-Régime als auch gegen Nato, EU, ukrai­nische und ost­ukrai­nische Natio­na­listen.« So ver­mittelt die GWR auch jün­geren Lesern eine Vor­stellung von einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Bewegung, die sich vom Main­stream der deut­schen Frie­dens­be­wegung, deren Haupt­feind noch immer die USA sind, unter­scheidet.

Mit ihrer strikten Ablehnung jeg­licher Gewalt hat sich die GWR auch bei einigen radi­kalen Linken Kritik ein­ge­handelt. Heute sind es aber nicht mehr primär die Mili­tanz­de­batten, die harsche Leser­re­ak­tionen her­vor­rufen. »Auf unsere Bei­träge zum Thema Cri­tical Whiteness gab es sowohl positive als auch negative Rück­mel­dungen«, berichtet Drücke. Solche Aus­ein­an­der­set­zungen bewertet er positiv. »Die anar­chis­tisch-gewalt­freie, pro­fe­mi­nis­tische Lupe ist manchmal auch ein gutes Hilfs­mittel gegen Sek­tie­rertum, damit das Denken die Richtung wechseln kann«, so Drücke. Er ist opti­mis­tisch, dass die GWR in Zukunft eine noch größere Rolle als Stimme gegen die herr­schenden Ver­hält­nisse spielen wird. Schließlich haben die beiden anderen grö­ßeren anar­chis­ti­schen Print­medien ihr Erscheinen mitt­ler­weile ein­ge­stellt. Die Publi­kation Schwarzer Faden gibt es bereits seit 2004 nicht mehr. Im ver­gan­genen Jahr hat auch die Direkte Aktion, die Zeitung der FAU, ihre Print­ausgabe ein­ge­stellt. Die Ent­scheidung wird von Drücke noch heute heftig kri­ti­siert.

In der kom­menden Ausgabe der GWR, die am 8. Juni erscheint, wird es einen Schwer­punkt zum 45. Geburtstag der Zeit­schrift geben. Die Jungle World gra­tu­liert recht herzlich.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​2​2​/​f​e​i​e​r​n​-​s​t​a​t​t​-​f​euern
Peter Nowak
Hinweis auf den Artikel im Edi­torial der gwr:

http://​www​.gras​wurzel​.net/420/

45 Years After
Pres­se­rummel im GWR-Büro

Liebe Lese­rinnen und Leser,

im Juni 1972 erschien die Null­nummer der Gras­wur­zel­re­vo­lution. Heute, 45 Jahre später, haben wir für Euch aus diesem Anlass eine dicke Jubi­lä­ums­ausgabe mit 28 statt 24 Seiten im Ber­liner Tages­zei­tungs­format pro­du­ziert.

In den 45 Erschei­nungs­jahren stand die GWR selten so im Fokus anderer Medien wie heute.

In den letzten Wochen tum­melten sich mehrere Zeitungs‑, Fernseh- und Radio­ma­che­rInnen in unserem kleinen Redak­ti­onsbüro in Münster. Der WDR, NRWision-TV (1), Antenne Münster, die West­fä­li­schen Nach­richten, Radio Q, diverse Bür­gerfunk- und Video-Gruppen (2) berich­teten unter anderem über den von uns initi­ierten ersten Free­Deniz-Fahr­rad­korso für die Pres­se­freiheit (vgl. GWR 418) oder über Ver­an­stal­tungen mit GWR-Betei­ligung. (3)

Eine mexi­ka­nische Fil­me­ma­cherin und ein US-ame­ri­ka­ni­scher Kame­ramann führten im Mai auf Eng­lisch ein langes Interview u.a. zur GWR-Geschichte mit mir. Der Film ist eine Uni-Arbeit und soll bald auch auf youtube zu sehen sein.

Der WDR besuchte zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen für mehrere Stunden das GWR-Büro und machte für die Aktuelle Stunde (Lokalzeit Müns­terland) einen Fern­seh­beitrag zum Inter­na­tio­nalen Tag der Pres­se­freiheit am 3. Mai (4).

Die taz erwähnte am 31. Mai 2017 in ihren Schwer­punkt zum Thema Gegen­öf­fent­lichkeit unter dem Titel »Eine ganz andere Sicht. Geschichte linker Medien im Über­blick« u.a. auch die GWR:

»Von den Acht­und­sech­zigern über Spontis bis zur Frau­en­be­wegung ent­standen teil­weise mythen­hafte, sagen­um­wobene Publi­ka­tionen. Manche Blätter starben jung, andere hielten sich bis heute und neue kamen dazu. (…) Die Gras­wur­zel­re­vo­lution lebt seit 1972, erscheint monatlich und wird mit Text von Men­schen aus aller Welt befüllt, die dem losen Autor*innennetzwerk ange­hören. Diese arbeiten an einer ‚tief­grei­fenden gesell­schaft­lichen Umwälzung‘ und ‚für eine gewalt­freie, herr­schaftslose Gesell­schaft‘. In großen Buch­staben schreibt die Zeitung Anti­mi­li­ta­rismus und Öko­logie auf ihre Fahnen.« (5)

Die linke Wochen­zeitung Jungle World widmete in ihrer Ausgabe vom 1. Juni 2017 der GWR zwei Seiten, die ins­be­sondere den grünen Ex-MdB Win­fried Nachtwei aus Münster und seine Fans nicht erfreuen werden. Die Gras­wur­zel­re­vo­lution, »deren Titel nach einer Mischung aus Gue­rilla Gar­dening und Land­kommune« klinge, werde »auch von Kul­tur­linken und mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie­kri­tikern gelesen«, so die Jungle World. Über­haupt sei die GWR »berüchtigt für diesen Spagat. In der aktu­ellen Ausgabe, der 419., berichten zwei Kom­munen aus ihrem Alltag. Wenige Seiten weiter beschäftigt sich ein hoch­kom­plexer Text mit der Kritik an Gewalt und im hin­teren Teil der Ausgabe sind phi­lo­so­phisch unter­füt­terte Dis­kus­si­ons­bei­träge zu der Frage abge­druckt, ob es eine Natur des Men­schen gebe. (…) Doch nicht nur Themen, die die anar­chis­tische Szene im engeren Sinne betreffen, werden in der GWR dis­ku­tiert. (…) So ver­mittelt die GWR auch jün­geren Lesern eine Vor­stellung von einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Bewegung, die sich vom Main­stream der deut­schen Frie­dens­be­wegung, deren Haupt­feind noch immer die USA sind, unter­scheidet. Mit ihrer strikten Ablehnung jeg­licher Gewalt hat sich die GWR auch bei einigen radi­kalen Linken Kritik ein­ge­handelt.« (6)

Herz­lichen Dank für diese soli­da­rische Kritik. Und herz­lichen Glück­wunsch zum zwan­zigsten Jungle World-Geburtstag, auch wenn ich mich in den Jahren seit Nine-Eleven oft über anti­deutsche Kriegs­pro­pa­ganda in der Wochen­zeitung geärgert habe.

»Finde den Fehler« – Der Fehler heißt BILD!

Am 28. April 2017 rief ein BILD-Zei­tungs­re­dakteur im GWR-Redak­ti­onsbüro an. Er erzählte, dass BILD etwas zum Hype ver­öf­fent­lichen möchte, den ein Tweet von mir (siehe Abbildung unten) auf Twitter unter anderem bei den Grünen aus­gelöst hat. Ich habe dem »Jour­na­listen« geant­wortet, dass ich seine Zeitung extrem unseriös finde und auf keinen Fall möchte, dass irgend­etwas von mir von BILD ver­öf­fent­licht wird. Dar­aufhin war er pikiert und meinte: »Wir sind immerhin so seriös, Sie anzu­rufen!«

Mein Kom­mentar: »Trotzdem, BILD ist wirklich das Aller­letzte. Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie irgend­etwas von mir ver­öf­fent­lichen.«

Der BILD-Redakteur war hörbar ver­ärgert. Sein ras­sis­tisch-sexis­ti­sches Hetz­blatt setzte sich erwar­tungs­gemäß über meine For­derung hinweg und ver­öf­fent­lichte gegen meinen Willen unter dem Titel »Finde den Fehler. Witzbold legt Hand an Grünen-Plakat« einen Artikel (7), in dem sowohl mein Tweet als auch ein zusätz­licher Hinweis auf den »Müns­te­raner Bernd Drücke« erschien.

Zwischen allen Stühlen

GWR-Redakteur Bernd Drücke über gewaltfreien Anarchismus und wie man als Außenseiter etwas bewegen kann

Bernd Drücke, 36, ist Soziologe in Münster und haupt­amt­licher Redakteur der gewaltfrei-anar­chis­ti­schen Monats­zeitung »Gras­wur­zel­re­vo­lution«.

Vor drei Jahren feierte die Monats­zeitung »Gras­wur­zel­re­vo­lution« (GWR) ihr 40-jäh­riges Bestehen, jetzt die 400. Ausgabe. Dienen die vielen Jubiläen der Leser­ge­winnung?
Sie schaden zumindest nicht. Die Abo­ent­wicklung ist okay. Wir bekommen oft mehr Neuabos als Kün­di­gungen. Die Zeitung wird durch Abos und Spenden finan­ziert, macht aber kaum Werbung und ist deshalb vielen unbe­kannt

Wieso über­lebte die GWR die Auf­lösung der Föde­ration Gewalt­freier Akti­ons­gruppen, mit der sie eng ver­bunden war?
Die Föde­ration wurde 1980 als bun­des­weites Netzwerk anar­cho­pa­zi­fis­ti­scher Gruppen mit anti­mi­li­ta­ris­ti­schem Schwer­punkt gegründet und galt laut Ver­fas­sungs­schutz als »größte anar­chis­tische Orga­ni­sation der Nach­kriegszeit«. Ihre Ent­stehung hängt eng mit der seit 1972 erschei­nenden GWR zusammen. Von 1981 bis 1988 war die Föde­ration Gewalt­freier Akti­ons­gruppen Her­aus­ge­berin der GWR. Seitdem wird die Zeitung wieder von einem unab­hän­gigen Kreis her­aus­ge­geben, der sich aus etwa 40 Men­schen zusam­men­setzt und alle Ent­schei­dungen basis­de­mo­kra­tisch fällt. 1997 wurde die Föde­ration auf­gelöst. Aber es gibt etliche ehe­malige Mit­glieder, die noch poli­tisch aktiv sind und uns nahe stehen. Dazu findet sich einiges in der GWR 400.

Hatte diese Selbst­stän­digkeit auch etwas Befrei­endes, weil es jetzt keine poli­tische Grup­pierung mehr gab, die Ein­fluss nehmen konnte?
Die GWR ist asso­zi­iertes Mit­glied in einem glo­balen anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Netzwerk, den War Resisters’ Inter­na­tional. Sie hat sich in den letzten Jahren geöffnet. Sie ist ein Sprachrohr eman­zi­pa­to­ri­scher sozialer Bewe­gungen aus aller Welt, von Anar­chisten, Gewalt­freien Akti­visten, Femi­nis­tinnen, Anti-Atom‑, Anti-Gen­tech‑, Anti-TTIP-Aktiven, von anti­ras­sis­ti­schen Gruppen, Antifas, Blockupy bis hin zu Men­schen, die sich gegen Abschie­bungen oder den Kli­ma­killer Kohle stemmen.

Welchen Stel­lenwert hat der gewalt­freie Anar­chismus heute in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken?
Wir sind Außen­seiter, können aber etwas bewegen. Wir wollen eine gewalt­freie Umwälzung von unten und ver­treten Posi­tionen, die anderswo nicht vor­kommen. Nehmen wir das Bei­spiel Ukraine-Kon­flikt, da sitzen wir zwi­schen allen Stühlen. Wir lassen Anar­chisten und Anti­mi­li­ta­risten aus Russland und der Ukraine zu Wort kommen, unter­stützen die Deser­teure und Ver­wei­gerer aller Kriegs­par­teien und agi­tieren sowohl gegen das homophob-auto­ritäre Putin-Régime als auch gegen NATO, EU, ukrai­nische und ost­ukrai­nische Natio­na­listen. Leider ist der gewalt­freie Anar­chismus immer noch eine Nischen­be­wegung. Aber dass heute direkte gewalt­freie Aktionen und basis­de­mo­kra­tische Ent­schei­dungs­fin­dungen innerhalb der sozialen Bewe­gungen selbst­ver­ständlich sind, ist auch dem jahr­zehn­te­langen Enga­gement von gewalt­freien Anar­chis­tinnen zu ver­danken

Wie ist Ihr Ver­hältnis zu mar­xis­ti­schen Ansätzen, die sich von auto­ri­tären Par­tei­kon­zepten distan­zieren?
Kri­tisch-soli­da­risch. Der anti­au­to­ritäre Marxist John Hol­loway war zum Bei­spiel häu­figer Inter­view­partner und unter unseren Autoren sind auch Zapa­tistas und libertäre Mar­xisten. Als libertär-sozia­lis­ti­sches Blatt dis­ku­tieren wir undog­ma­tisch-mar­xis­tische Theo­rie­an­sätze aus anar­chis­ti­scher Sicht.

Ein Teil der GWR-Artikel ist online zugänglich auf gras​wurzel​.net, auch aus­ge­wählte Artikel der 400. Ausgabe. Ein­zelheft 3,80 Euro, Schnup­perabo 5 Euro, Pro­be­ex­emplar kos­tenlos

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​7​7​8​7​4​.​z​w​i​s​c​h​e​n​-​a​l​l​e​n​-​s​t​u​e​h​l​e​n​.html

Peter Nowak