In Berlin wurde darüber gesprochen, wie selbstverwaltete Betriebe sich im Kapitalismus behaupten müssen.

NICHT NUR DIE PRODUKTION, AUCH DEN VERTRIEB IN DIE EIGENE HAND NEHMEN!

Partner für diese Betriebe ohne Bosse ist das im Dezember 2018 gegründete „Gemein & Nützlich Ver­triebs­kol­lektiv“. Initiiert wurde es vom Neu­köllner Vegan­laden-Kol­lektiv Dr. Pogo.

Können Beschäf­tigte eine Fabrik über­nehmen? Die Beleg­schaften der Tee­fabrik Scop-Ti bei Mar­seille sowie der Che­mie­fabrik Vio​.Me in Thes­sa­loniki machen es vor. Im Rahmen der dies­jäh­rigen Wan­del­woche, die Wege zur soli­da­ri­schen Wirt­schaft auf­zeigen soll, stellten Kolleg*innen aus den.…

.… beiden selbst­ver­wal­teten Betrieben in Berlin ihre Arbeit vor.

Dabei kamen auch die Pro­bleme zu Sprache, sich auf dem Markt zu behaupten. Schließlich sind auch selbst­ver­waltete Betriebe gezwungen, kos­ten­de­ckend zu pro­du­zieren. Dabei sind die Kolleg*innen von Scop Ti noch immer stolz auf die Zeit, als sie die Tee­fabrik 1336 Tage besetzten und sich schließlich gegen den Uni­lever-Konzern durch­zu­setzen. Als sie die Pro­duktion selbst über­nommen hatten, wählten sie daher als Erin­nerung an den Kampf als Mar­kenname für ihre bio­lo­gisch ange­bauten Tee­sorten die Zah­len­reihe 1336. Nun will Scop Ti auch in Deutschland den Tee ver­markten. Dabei ist es ihr Anliegen, in Groß­märkten ver­kauft zu werden. Auf einer Ver­an­staltung in Berlin ging es dann auch viel um Mar­ke­ting­stra­tegien und die ste­tigen Bemü­hungen der Kolleg*innen, ihr Produkt noch besser am Markt zu plat­zieren. „Wir sind dazu gezwungen, denn niemand wartet auf uns auf dem Markt“, fasste der Kollege die Mühen zusammen, denen sich auch die selbst­ver­wal­teten Betriebe stellen müssen.

Die Che­mie­firma Vio​.me geht in Grie­chenland einen anderen Weg. „Wir haben uns nicht von unseren Bossen befreit, um uns neuen Chefs, dem Groß­handel, zu unter­werfen“, brachte der Kollege in Berlin die Ent­scheidung der Kolleg*innen auf den Punkt, sich nicht den Bedin­gungen der Groß­märkte zu unter­werfen. Für den Handel im Ausland haben die Kolleg*innen von Vio​.me Kon­trakte mit dem Groß­handel geschlossen. Der Kollege betont aber, dass sie dort ihre Bedin­gungen durch­ge­setzt haben. Dass die Mühen für die Beschäf­tigten auch viele Ein­schrän­kungen bedeuten, wurde bei der Dis­kussion deutlich. „Wir dürfen keine Zeit ver­lieren und müssen pro­du­zieren“, brachte der Kollege von Vio​.me ein Dilemma auf dem Punkt, vor dem bereits vor 100 Jahren auch die Sowjet­union und in der spa­ni­schen Revo­lution nach 1936 auch die Anarchosyndkalist*innen standen.

Die Pro­duktion ent­scheidet, wie die Men­schen leben, ihre Aus­weitung und Beschleu­nigung wurde zum höchsten Ziel erklärt. Dafür bringen die Beschäf­tigten bei Vio​.me und bei Scop Ti auch selber Opfer durch Mehr­arbeit und begrenzte Löhne. Doch die beiden Kolleg*innen ver­tei­digen ihr Modell, der Arbeit ohne Boss, später kamen dann auch die Ver­bes­se­rungen zur Sprache, die das für die Beschäf­tigten bedeutet. Sie können selber bestimmen, wie viel sie arbeiten wollen und es gibt auch Tage, da nehmen sie sich frei und betei­ligen sich an poli­ti­schen Akti­vi­täten.

WIR WOLLEN KEINEN PHILANTHROPISCHEN KAPITALISMUS

Partner für diese Betriebe ohne Bosse ist das im Dezember 2018 gegründete „Gemein & Nützlich Ver­triebs­kol­lektiv“. Initiiert wurde es vom Neu­köllner Vegan­laden-Kol­lektiv Dr. Pogo. Als „veganen Onkel Emma Laden“ beschreibt Kol­lek­tiv­mit­glied Vinzenz Kremer das eigene Selbst­ver­ständnis. Vor­läufer der Genos­sen­schaft war die union coop. Die Namens­än­derung wurde voll­zogen, weil es bei Bestel­lungen häufig Ver­wechs­lungen zwi­schen der Föde­ration der selbst­ver­wal­teten Betriebe und dem Ver­trieb gekommen ist, was nervig und zeit­raubend war. Aller­dings bezieht sich auch die neue Ver­triebs­ge­nos­sen­schaft wei­terhin auf die Grund­lagen der union coop.

„Wir wollen keinen phil­an­thro­pi­schen Kapi­ta­lismus, daher gehört zu unserem Betriebs­zweck die För­derung und der Aufbau soli­dar­wirt­schaft­licher Struk­turen“, betont Kremer. Bei der Auswahl der Lieferant*innen sollen Betriebe, die ohne Chef pro­du­zieren, gefördert werden. Dabei gehe es aber um ein kon­trol­liertes Wachstum und nicht um Masse, begründet der Kol­lek­tivist die bescheidene Auswahl. Neben den Pro­dukten von Vio​.Me und Scop.Ti sind Bücher von Findus und Rotwein von einer ita­lie­ni­schen Koope­rative im Sor­timent des Online-Shops. Neu im Sor­timent ist das pol­nische Kol­lek­tivbier Browar, auf dessen Eti­ketten nicht nur für poli­tische Aktionen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken geworben wird. Auch ein Teil der Ein­nahmen geht an poli­tische Initia­tiven, was den relativ hohen Preis von 2,60 Euro pro Flasche erklärt. Den Kol­lek­tiv­mit­gliedern ist schmerzlich bewusst, dass sie, um kos­ten­de­ckend wirt­schaften zu können, Preise nehmen müssen, die sich nicht alle leisten können.

Trotz dieser realen Wider­sprüche ist das „Gemein & Nützlich Ver­triebs­kol­lektiv“ für Betriebe ohne Bosse eine reale Alter­native zu den kapi­ta­lis­ti­schen Groß­handel. So kann ver­hindert werden, dass selbst­ver­waltete Betriebe unter ein neues Diktat geraten, wie es der Kollege von Vio​.me richtig beschreibt. Es wäre auf jeden Fall wün­schenswert, wenn beim nächsten Treffen mit Kolleg*innen aus diesen selbst­ver­wal­teten Betrieben weniger über die Mar­ke­ting­stra­tegien und die Not­wen­digkeit, sich am Markt zu behaupten und dafür mehr über das kon­trol­lierte Wachstums der Ver­triebs­ge­nos­sen­schaft gesprochen werden könnte.

Bei­tragsbild: “Assembly at occupied factory Vio​.Me. in Thes­sa­loniki, Greece” von Dawid Krawczyk. 2014. (CC BY-NC-SA 2.0)

Peter Nowak