In Berlin wurde darüber gesprochen, wie selbstverwaltete Betriebe sich im Kapitalismus behaupten müssen.

NICHT NUR DIE PRODUKTION, AUCH DEN VERTRIEB IN DIE EIGENE HAND NEHMEN!

Partner für diese Betriebe ohne Bosse ist das im Dezember 2018 gegründete „Gemein & Nützlich Ver­triebs­kol­lektiv“. Initiiert wurde es vom Neu­köllner Vegan­laden-Kol­lektiv Dr. Pogo.

Können Beschäf­tigte eine Fabrik über­nehmen? Die Beleg­schaften der Tee­fabrik Scop-Ti bei Mar­seille sowie der Che­mie­fabrik Vio​.Me in Thes­sa­loniki machen es vor. Im Rahmen der dies­jäh­rigen Wan­del­woche, die Wege zur soli­da­ri­schen Wirt­schaft auf­zeigen soll, stellten Kolleg*innen aus den.…

NICHT NUR DIE PRO­DUKTION, AUCH DEN VER­TRIEB IN DIE EIGENE HAND NEHMEN!“ wei­ter­lesen
Eine Fabrik selbstverwaltet betreiben – dass das funktioniert, zeigen Betriebe auf der „Wandelwoche 2019“

Tee machen ohne den Chef

Wir wollen keinen phil­an­thro­pi­schen Kapi­ta­lismus, daher ge- hört zu unserem Betriebs­zweck die För­derung und der Aufbau soli­dar­wirt­schaft­liche Struk­turen“, so Vinzenz Kremer vom »Gemein & Nützlich Ver­triebs­kol­lektiv«

Können Beschäf­tigte eine Fabrik über­nehmen? Die Beleg­schaften der Tee­fabrik Scop Ti bei Mar­seille und der Che­mie­fabrik Vio​.Me in Thes­sa­loniki machen es vor. Im Rahmen der dies­jäh­rigen „Wan­del­woche“, die Wege zur soli­da­ri­schen Wirt­schaft auf­zeigt, stellen .…

„Tee machen ohne den Chef“ wei­ter­lesen

Kollektiv Handel(n)

Union Coop: ein neuer Ver­trieb für Betriebe in Arbei­te­rInnen-Hand

Union Coop, 2017 offi­ziell gegründet, ist ein Versuch zur Orga­ni­sierung von Kol­lek­tiv­be­trieben, die einen basis­ge­werk­schaft­lichen Ansatz ver­folgen. Neben den Pro­dukten aus den betei­ligten Betrieben sollen in Zukunft auch ver­mehrt Gewerk­schafts­ma­te­rialien und Waren aus zurück­er­oberten Fabriken wie etwa Vio​.Me oder der Tee­beutel-Fabrik von Scop Ti (ehemals Lipton) ver­trieben werden.

Seit Kurzem können über die Union Coop Pro­dukte aus gewerk­schaftlich ori­en­tier­ten­Kol­lek­tiv­be­trieben gekauft werden. Peter Nowak sprach mit Hansi Oos­tinga von der Union Coop über das Konzept

„Kol­lektiv Handel(n)“ wei­ter­lesen

Teesolidarität

Reaktion auf Schwach­punkt: Selbst­ver­waltete Betriebe helfen sich gegen­seitig beim Ver­trieb

»It‘s Teatime! Scop Ti jetzt auch in Deutschland« – so bewirbt Union Coop, ein Zusam­men­schluss von basis­ge­werk­schaft­lichen Kol­lek­tiv­be­trieben in Deutschland, ganz besondere Tee­sorten. Sie werden in einer selbst­ver­wal­teten Tee­fabrik in Mar­seille pro­du­ziert. Mehr als drei Jahre hatten die Beschäf­tigten dort gegen den Uni­lever Konzern gekämpft und die Pro­duktion schließlich selbst über­nommen. Die neu gegründete Koope­rative Scop Ti pro­du­ziert ver­schiedene bio­lo­gisch und regional ange­baute Tee­sorten unter dem Mar­ken­namen 1336. Das soll an die Fabrik­be­setzung erinnern, die 1336 Tage dauerte. Nun will die Koope­rative ein Ver­triebs­system mit anderen Ländern auf­bauen. 

Koope­ra­ti­ons­partner in Deutschland ist die Union Coop, zu deren Grund­sätzen gehört, dass alle Beschäf­tigten die gleichen Rechte bei Ent­schei­dungen und einen Ein­heitslohn haben. Hansi Oos­tinga von der Union Coop betont, dass es sich nicht um eine Nische für Aus­steiger handelt. »Im Verbund mit anderen Kol­lek­tiv­be­trieben und der Basis­ge­werk­schaft FAU suchen wir Ant­worten auf die Frage, wie eine soli­da­rische Wirt­schaft aus­sehen kann«, betont er gegenüber »nd«.

Der Ver­trieb des Tees aus der selbst­ver­wal­teten Fabrik ist für ihn mehr als Soli­da­rität. »Es ist ein prak­ti­scher Ansatz­punkt für eine wirt­schaft­liche Gegen­macht.« Die Beleg­schaft habe sich während ihres lang­jäh­rigen Kampfs als Teil einer brei­teren sozialen Bewegung posi­tio­niert. Die Ver­ein­barung zur Koope­ration ist auf einem Treffen von selbst­ver­wal­teten Betrieben im Mit­tel­meerraum ent­standen, das vor einem Jahr in Grie­chenland auf dem besetzten Gelände von Vio​.Me stattfand. »Ein Ergebnis dieser Kon­ferenz war die Erkenntnis, dass ein Schwach­punkt aller selbst­ver­wal­teten Fabriken der Ver­trieb ist«, sagt Oos­tinga. Die Union coop will deshalb in der nächsten Zeit ihr Sor­timent erweitern. Neben den Seifen von Vio​.Me sollen auch Liköre aus der besetzten Fabrik Rimaflow in Mailand und Öl aus einer von der Land­ar­bei­ter­ge­werk­schaft SAT besetzten Finca in Anda­lusien ange­boten werden. 

Oos­tinga hofft, dass der Verkauf der Pro­dukte in Deutschland auch das Thema Betriebs­be­setzung und Selbst­ver­waltung wieder mehr in den Fokus rückt. Er erinnert an die selbst­ver­waltete Fahr­rad­fabrik in Nord­hausen, wo vor zehn Jahren einige Wochen lang das Strikebike pro­du­ziert wurde. Das Projekt schei­terte. Aber es steht bis heute für den Versuch, wie Arbeiter auch in Deutschland eine andere Form des Wirt­schaftens und Pro­du­zierens durch­setzen wollten. www​.union​-coop​.org/shop

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​1​8​3​7​.​t​e​e​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​.html

Peter Nowak

Berichte vom griechischen Alltag

Eine Dele­gation grie­chi­scher Gewerk­schafter bereist um den 1. Mai herum Deutschland, um für eine Abkehr von der Aus­teri­täts­po­litik zu werben.

Nikos Antoniou, der im Moment mit Gewerk­schafts­kol­legen durch Deutschland reist, hat eine Mission. „Die Regie­rungen in Deutschland und Grie­chenland erklärten ihrer Bevöl­kerung, dass sie gegen­ein­ander kon­kur­rieren müssen“, sagt er. „Wir sagen hin­gegen zu den Lohn­ab­hän­gigen in Deutschland: Lasst uns koope­rieren gegen die Aus­teri­täts­po­litik der Troika“.

Antoniou ist aus Grie­chenland ange­reist, er ist der Chef der Athener Gewerk­schaft Buch und Papier. Es ist ein sym­bol­träch­tiger Besuch: Die Dele­gation aus Grie­chenland macht Station in Städten wie Berlin, Bremen, Hamburg, Köln oder Salz­gitter. Die Gewerk­schafts­ver­tre­te­rInnen und Arbei­te­rInnen wollen aus dem Alltag des kri­sen­ge­beu­telten Landes berichten, um Soli­da­rität werben und Stellung nehmen zu aktu­eller Politik.

Außerdem nehmen sie an Kund­ge­bungen und Demons­tra­tionen zum 1. Mai teil. Ein­ge­laden hat sie der Arbeits­kreis Inter­na­tio­na­lismus in der IG Metall Berlin und die zivil­ge­sell­schaft­liche Initiative Real Demo­cracy Now! Berlin/​GR. Der Ter­min­ka­lender der Griechen ist mit Ver­an­stal­tungen, Semi­naren und Gesprächen voll­ge­packt.

Die Abkehr von der Aus­teri­täts­po­litik, die EU-Staaten einen harten Sparkurs vor­schreibt, ist nicht nur Anto­nious‘ Ziel. Auch der IG-Metall-Arbeits­kreis hat sich dies auf die Fahne geschrieben, als er die deutsch-grie­chische Koope­ration vor zwei Jahren anbahnte. Zweimal haben deutsche Gewerk­schaf­te­rInnen Grie­chenland besucht. Jetzt reist ist zum zweiten Mal eine Dele­gation aus Grie­chenland durch Deutschland.

„Den Anstoß für die Initiative gab ein Streik in einem grie­chi­schen Stahlwerk, den wir unter­stützen wollten“, berichtet AK-Mit­glied Andreas Hesse. Der Aus­stand wurde längst beendet, aber die Koope­ration lief weiter. Aller­dings hat sich der Diskurs über Grie­chenland in Deutschland ver­ändert.

Vom „Pleitegriechen“ zum „sensationelle Comeback“

Im letzten Jahr bestimmten Mel­dungen von „Plei­te­griechen“ die Schlag­zeilen. Jene, so die For­derung mancher Jour­na­listen, sollten bit­te­schön den Euro ver­lassen. In den letzten Tagen ver­meldete die Sprin­ger­presse unter der Über­schrift „Das sen­sa­tio­nelle Comeback der Krisen-Griechen“, das Land habe die Kre­dit­fä­higkeit wieder erlangt.

„Dieses Bild hat mit der Wirk­lichkeit eines Groß­teils der Men­schen in Grie­chenland nichts zu tun“, betont der Gewerk­schafter Antoniou. Er schildert die Situation in Grie­chenland anders. In einem Land mit 10 Mil­lionen Ein­wohnern gibt es nach offi­zi­ellen Angaben 1,5 Mil­lionen. Nur zehn Prozent von ihnen bekommen ein Jahr lang finan­zielle Unter­stützung von monatlich 369 Euro, wenn sie älter als 25 Jahre sind.

Etwa 800.000 Men­schen arbei­teten unbe­zahlt im Pri­vat­sektor. „Rechte für Arbeiter und Arbei­te­rinnen gibt es nicht mehr. Und die Löhne gleichen Trink­gelder“, lautet Nikos Anto­nious Fazit. Seine Kol­le­gInnen und er wollen in Deutschland aller­dings nicht Almosen sondern poli­tische Soli­da­rität. Tarif­ver­träge seien abge­schafft, sagt Antoniou. „Mit der Troi­ka­po­litik wurde unser Land zum Expe­ri­men­tierfeld für Nied­riglohn und Ent­rechtung. Bald können auch Länder wie Deutschland davon betroffen sein.“

Doch nicht nur Kri­sen­mel­dungen hatten die Gewerk­schaf­te­rInnen zu ver­melden. „Wir kommen aus einem Land der Krise, in der das Bil­dungs- und Gesund­heits­system zusam­men­ge­brochen sind. Aber wir kommen auch aus einem Land des Wider­standes und der soli­da­ri­schen Pro­jekte“, erklärt Dimitris Kou­matsiolis. Er arbeitet in dem besetzten und selbst ver­wal­teten Betrieb VIO​.ME in Thes­sa­loniki. Die Beschäf­tigten haben kürzlich die Pro­duktion öko­lo­gi­scher Rei­ni­gungs­mittel auf­ge­nommen. Ein euro­päi­sches Ver­triebsnetz ist in Vor­be­reitung

http://​www​.taz​.de/​G​e​w​e​r​k​s​c​h​a​f​t​l​i​c​h​e​-​1​M​a​i​-​S​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​/​!​1​3​7687/

Peter Nowak

»Uns blieb keine andere Wahl«

Im Februar 2013 erklärte die Beleg­schaft des grie­chi­schen Bau­stoff­pro­du­zenten Vio­mic­haniki Metal­eftiki (Vio​.Me), ihre Fabrik stehe ab sofort unter der Kon­trolle der Arbei­te­rinnen und Arbeiter und nehme die Pro­duktion wieder auf (Jungle World 13/2013).
Makis Ana­gnostou ist Vor­sit­zender der Basis­ge­werk­schaft der von den Beschäf­tigten besetzten Fabrik in Thes­sa­loniki. Mit ihm sprach die Jungle World über die Erfolge und Tücken der Selbst­ver­waltung.

Wie kam die Beleg­schaft von Vio​.Me mitten in der großen Wirt­schafts­krise auf die Idee, die Pro­duktion unter Arbei­ter­kon­trolle fort­zu­setzen?

Uns blieb keine andere Wahl. Wir haben den Kampf im Juli 2011 begonnen, nachdem die Eigen­tümer die Firma Vio​.Me auf­ge­geben hatten. Wir Arbeiter haben bereits seit Mai 2011 keinen Lohn mehr erhalten. Wir wollten uns nicht damit abfinden und haben viele Betriebs­ver­samm­lungen orga­ni­siert. Dort haben dann 97,5 Prozent der Anwe­senden beschlossen, die Fabrik in eine Koope­rative unter Arbei­ter­kon­trolle umzu­wandeln.

War die Selbst­ver­waltung schon bei Beginn der Besetzung Ihr Ziel?

Nein, am Anfang wollten wir nur unsere Arbeits­plätze erhalten und haben ver­sucht, die Unter­stützung der poli­ti­schen Par­teien zu gewinnen. Wir haben uns also aus­schließlich auf gesetz­lichem Boden bewegt. Als wir merkten, dass wir von der Politik und auch den meisten Gewerk­schaften keine Unter­stützung bekommen, planten wir auf unseren Ver­samm­lungen die nächsten Schritte. Dabei lernten alle von uns viel über den Kapi­ta­lismus, aber auch über die Soli­da­rität unter Arbeitern.

Können Sie ein Bei­spiel für einen solchen Lern­prozess geben?

Auf vielen Ver­an­stal­tungen wurde ich gefragt, ob wir uns mit den Erfah­rungen der besetzten Zanon-Fabrik in Argen­tinien aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Schließlich stellt sie ähn­liche Pro­dukte her wie wir und ist in vielen Ländern als selbst­ver­waltete Fabrik bekannt geworden. Die Zuhörer sind erstaunt, wenn ich ehrlich ant­worte, dass niemand von uns von Zanon gehört hatte, als wir unseren Kampf begonnen haben. Das Interesse wäre wohl auch nicht groß gewesen. Argen­tinien ist weit weg und wir müssen unsere Pro­bleme bei uns lösen, hätten wir gesagt. Jetzt haben einige unserer Kol­legen das Buch von Raúl Godoy gelesen, der bei der Besetzung von Zanon eine wichtige Rolle spielte. Sie hatten den Ein­druck, dass er über Vio​.Me schreibt. Er stellt in dem Buch die Fragen, die auch wir uns stellen. So haben wir gelernt, dass die Arbeiter auf der ganzen Welt ähn­liche Pro­bleme haben und nach ähn­lichen Lösungen suchen.

Wie reagierten die grie­chi­schen Gewerk­schaften auf Ihre Pläne?

Zunächst hatten wir Kontakt mit der sozi­al­de­mo­kra­tisch ori­en­tierten GSEE gesucht. Doch dort hat man uns geraten, wir sollen uns an unsere Bosse werden, damit sie das Kapital zurück­bringen. Damit waren wir natürlich über­haupt nicht ein­ver­standen. Warum sollten wir die Bosse, die die Firma in den Ruin getrieben haben, wieder zurück­holen? Auf der Suche nach einer klas­sen­kämp­fe­ri­schen Per­spektive haben wir dann zeit­weise mit der Pame koope­riert, die der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Grie­chen­lands (KKE) nahe­steht. Wir waren die einzige Basis­ge­werk­schaft, die auf Demons­tra­tionen gemeinsam mit der Pame die Fahnen hielt. Doch weil unsere Posi­tionen igno­riert wurden, wenn sie nicht hun­dert­pro­zentig mit der Linie der Pame über­ein­stimmten, haben wir auf einer Voll­ver­sammlung beschlossen, unseren Kampf ohne die Gewerk­schaften wei­ter­zu­führen. Das bedeutet nicht, dass wir den Gewerk­schaften feindlich gegen­über­stehen. Doch wir sind nicht bereit, uns einer Zen­trale unter­zu­ordnen.

Haben Sie in der ganzen Zeit Ihres Kampfes nie ans Auf­geben gedacht?

Doch, natürlich. Hätte es nicht die täg­lichen Ver­samm­lungen gegeben, auf denen wir alle Schritte gemeinsam dis­ku­tierten und jeder auch über seine Pro­bleme und Ängste reden konnte, hätten viele sicher auf­ge­geben. Besonders vor einem Jahr war die Lage kri­tisch. Damals ver­übten mehrere Men­schen, die sich mona­telang in der Bewegung der »Empörten« enga­giert hatten, die auf den großen Plätzen ihren Protest und ihre Wut aus­drückte, Selbstmord. Die Zei­tungen ver­öf­fent­lichten Abschieds­briefe von Men­schen, die geschrieben hatten, dass sie große Hoff­nungen in diese Bewegung gesetzt hatten und erfahren mussten, dass sie nicht gehört wurden. Wir befürch­teten, dass auch Kol­legen von Vio​.Me ihrem Leben ein Ende setzen könnten. Schließlich hatten viele von ihnen lange keinen Lohn bekommen. Da beschlossen wir, mit einem Brief an die Öffent­lichkeit zu gehen, in dem wir unsere Situation schil­derten.

Welche Reak­tionen gab es darauf?

Innerhalb kurzer Zeit bekamen wir von uns völlig unbe­kannten Men­schen aus dem ganzen Land Ermu­ti­gungen. Wir wurden darin bestärkt, dass wir unbe­dingt durch­halten sollten. Da haben wir gemerkt, dass es viele Men­schen gibt, denen nicht egal ist, was wir machen. Dieser Zuspruch war eine große Hilfe für uns. Ohne ihn hätten wir wahr­scheinlich längst auf­ge­geben.

Gab es neben warmen Worten auch mate­rielle Unter­stützung?

Ja, es kam Hilfe aus ganz Grie­chenland und auch aus dem Ausland. Die meisten Men­schen, die uns unter­stützen, sind selbst arm und spenden uns etwas von dem Wenigen, das sie haben. Die einen bringen uns eine Packung Spa­ghetti oder getrocknete Bohnen, andere geben uns zwei Euro als finan­zielle Unter­stützung. Aber auch diese kleinen Hilfen sind sehr wichtig für uns, weil sie uns die Kraft und den Mut zum Wei­ter­zu­machen geben.

Zu welchen Kom­pro­missen sind Sie bereit, um das Unter­nehmen zu retten?

Natürlich wissen wir, dass wir noch eine Weile im Kapi­ta­lismus leben müssen. Aber das heißt nicht, dass wir unsere Ziele auf­geben und die Erfah­rungen der ver­gan­genen Monate preis­geben. Des­wegen gehen wir zwei­gleisig vor. Mit der Pro­duktion unter Arbei­ter­kon­trolle greifen wir das Recht der Kapi­ta­listen an, über uns zu bestimmen. Dazu muss aber die Fabrik erhalten bleiben. Daher haben wir gemeinsam mit Öko­nomen Pläne aus­ge­ar­beitet, wie die Firma über­leben kann. Dazu haben wir auch einen Katalog mit kon­kreten For­de­rungen an die Regierung zusam­men­ge­stellt.

Können Sie einige For­de­rungen nennen?

Ein Kern­punkt ist der Erwerb der Aktien des Unter­nehmens ohne die ange­häuften Schulden, eine Sub­ven­tio­nierung in Höhe von 1,8 Mil­lionen Euro, die zum Teil aus dem Fonds der Euro­päi­schen Union finan­ziert werden soll. Eine gesetz­liche Vorlage soll das Risiko für die Beschäf­tigten begrenzen. Damit soll aus­ge­schlossen werden, dass wir selbst mit per­sön­lichem Ver­mögen haftbar gemacht werden. Zudem fordern wir die Rückgabe von 1,9 Mil­lionen Euro, die von Vio​.Me an den Mut­ter­konzern aus­ge­liehen wurden.

Wären Sie nicht dazu gezwungen, wie Kapi­ta­listen zu handeln, wenn diese For­de­rungen umge­setzt werden?

Solange wir Soli­da­rität erfahren, sehe ich bei uns das Problem nicht. Wenn die Arbei­ter­be­wegung auf unserer Seite ist und unseren Kampf unter­stützt, besteht kaum die Gefahr, dass wir uns mit dem Kapi­ta­lismus ver­söhnen. Wenn aber die Arbei­ter­be­wegung auf Distanz geht, dann ver­suchen die Arbeiter indi­vi­duelle Wege zum Über­leben zu finden, und hier liegt die Gefahr der Wendung zum Bür­ger­lichen.

Gibt es weitere Betriebe in Grie­chenland, die eben­falls unter Arbei­ter­kon­trolle wei­ter­ar­beiten wollen?

Ja, in einer kleinen Stadt in Nord­grie­chenland hat die Beleg­schaft einer Ziga­ret­ten­fabrik in einer Voll­ver­sammlung beschlossen, den Betrieb eben­falls unter Arbei­ter­kon­trolle wei­ter­zu­führen. Solche Über­le­gungen gibt es auch bei einer Firma im Bereich der Solar- und Wind­energie. Die Kol­legen waren unsicher, ob sie diesen Schritt gehen sollen. Wir haben uns mit ihnen getroffen und ihnen geraten, den Kampf um die Arbei­ter­kon­trolle jetzt zu beginnen.

aus Jungle World 20/2013
http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​3​/​2​0​/​4​7​7​1​5​.html
Interview: Peter Nowak

Griechische Demokratie marktkonform versenkt


Eine Dele­gation grie­chi­scher Gewerk­schaftler und sozialer Akti­visten auf Deutsch­land­besuch berichtet nicht nur von den ver­hee­renden Folgen der Krise, sondern auch von soli­da­ri­schen Gegen­stra­tegien

Die euro­päische Krise wird am 1. Mai auf den unter­schied­lichen Demons­tra­tionen an zen­traler Stelle präsent sein. Eine Dele­gation grie­chi­schen Gewerk­schaftler und Akti­visten sozialer Initia­tiven wird in Berlin sowohl auf der Demons­tration des DGB am Vor­mittag als auch um 18 Uhr an der „Revo­lu­tio­nären 1. Mai-Demons­tration“ teil­nehmen. Dort wollen sie an der Spitze gehen. „Ein zen­traler Punkt soll dort der Protest gegen die EU-Troika sein. Wir kommen aus einem Land, in dem gerade von dieser Troika die Demo­kratie markt­konform ver­senkt wird“, begrün­deten die Dele­ga­ti­ons­mit­glieder ihr Enga­gement.

Auf einer Pres­se­kon­ferenz im Ber­liner verdi-Haus haben sie noch einmal berichtet, wie die Krise in sämt­liche Lebens­be­reiche ein­greift. Krebs­pa­ti­enten sterben früher, weil sie sich die teure Che­mo­the­rapie nicht leisten können, Kinder werden in der Schule vor Hunger ohn­mächtig, viele Men­schen ziehen von der Stadt auf das Land, weil es dort eher die Chance gibt, etwas Ess­bares zu finden.

Hilfe und poli­tische Ver­än­derung

Doch die Dele­gation berichtete nicht nur über die ver­hee­renden Aus­wir­kungen der von Deutschland geför­derten Aus­teri­täts­po­litik, sondern auch über ein Netzwerk sozialer Initia­tiven, die unmit­telbare Hilfe mit der Not­wen­digkeit einer grund­le­genden poli­ti­schen Ver­än­derung ver­knüpft. Das Netzwerk Soli­da­rität für Alle ist innerhalb von wenigen Monaten auf 250 Initia­tiven ange­wachsen. Gesund­heits­in­itia­tiven gehören ebenso dazu wie Lebens­mit­tel­läden ohne Zwi­schen­händler und Tausch­märkte. Auch im Bil­dungs- und Kul­tur­be­reich haben sich solche sozialen Initia­tiven gegründet.

Christos Gio­va­no­poulos von Soli­da­rität für Alle betont, dass dieser Name für das Netzwerk Pro­gramm ist. Die sozialen Leis­tungen werden ohne Aus­nahme allen in Grie­chenland lebenden Men­schen gewährt. Damit setzen die Initia­tiven einen Kon­tra­punkt gegen die Pro­pa­ganda der grie­chi­schen Rechten wie der Nazi­partei Goldene Mor­genröte, die in der Krise mit Ras­sismus und Aus­grenzung reagieren und die Migranten zu Sün­den­böcken erklären. Gio­va­no­poulos sieht das Anwachsen der extremen Rechten als Seis­mo­graph einer Gesell­schaft, die durch die Krise zer­rüttet wurde.

Das Prinzip der Selbst­or­ga­ni­sation ist ein Bruch mit der Stell­ver­tre­ter­po­litik, wie sie in großen Teilen der grie­chi­schen Linken vor­herr­schend war. Gio­va­no­poulos ver­ortet die Ent­ste­hungs­phase der sozialen Initia­tiven in den mas­sen­haften Platz­be­set­zungen der Empörten im Jahr 2012. Nachdem die mit großer staat­licher Repression zer­schlagen worden waren, zogen sie sich in die Stadt­teile zurück und wurden zu den Initia­toren zahl­reicher sozialer Bewe­gungen. Das Prinzip der Voll­ver­sammlung und der demo­kra­ti­schen Ent­schei­dungs­findung wurde auf den Plätzen der großen grie­chi­schen Städte zuerst aus­pro­biert.

Erste selbst­ver­waltete Fabrik in Grie­chenland

Auch vor der Pro­duk­ti­ons­sphäre macht die Idee der Selbst­ver­waltung nicht halt. Makis Ana­gnostou ist Vor­sit­zender der Betriebs­ge­werk­schaft der Firma Vio­mic­haniki Metal­eftiki in der grie­chi­schen Stadt Thes­sa­loniki. Er erklärte stolz, dass er die erste selbst­ver­waltete Fabrik Grie­chen­lands vor­stellt. Vio­mic­haniki Metal­eftiki gehörte zum ehe­ma­ligen Mut­ter­be­trieb Fil­keram Johnson. Hier wurden Kacheln, Boden­beläge, spe­ziell beschichtete Dämm­platten für Wär­me­iso­lierung an Gebäuden her­ge­stellt. Die Beleg­schaft wollte sich aber nicht mit der Arbeits­lo­sigkeit abfinden.

Seit Februar 2013 hat sie die Pro­duktion in Eigen­regie auf­ge­nommen Ana­gnostou will mit seinem Besuch in Deutschland Kon­takte zur Soli­da­ri­täts­be­wegung knüpfen. Schließlich stehen alle Initia­tiven, die sich um einen sozialen Ausweg aus der Krise bemühen, unter Druck der grie­chi­schen Regierung. Im Wind­schatten der Krise wurden in den letzten Monaten massiv oppo­si­tio­nelle Struk­turen bekämpft. Mehrere lange Jahre besetzte Zentren wurden geräumt, zweimal wurden Streiks per Regie­rungs­ent­scheidung beendet, indem die Beschäf­tigten zwangs­ver­pflichtet wurden und kürzlich wurde die linke Inter­net­plattform Indy­media Grie­chenland abge­schaltet, die aber wei­terhin in einer Not­version erreichbar ist.
http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​54196
Peter Nowak