Eine Fabrik selbstverwaltet betreiben – dass das funktioniert, zeigen Betriebe auf der „Wandelwoche 2019“

Tee machen ohne den Chef

Wir wollen keinen phil­an­thro­pi­schen Kapi­ta­lismus, daher ge- hört zu unserem Betriebs­zweck die För­derung und der Aufbau soli­dar­wirt­schaft­liche Struk­turen“, so Vinzenz Kremer vom »Gemein & Nützlich Ver­triebs­kol­lektiv«

Können Beschäf­tigte eine Fabrik über­nehmen? Die Beleg­schaften der Tee­fabrik Scop Ti bei Mar­seille und der Che­mie­fabrik Vio​.Me in Thes­sa­loniki machen es vor. Im Rahmen der dies­jäh­rigen „Wan­del­woche“, die Wege zur soli­da­ri­schen Wirt­schaft auf­zeigt, stellen .…

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Kollektiv Handel(n)

Union Coop: ein neuer Ver­trieb für Betriebe in Arbei­te­rInnen-Hand

Union Coop, 2017 offi­ziell gegründet, ist ein Versuch zur Orga­ni­sierung von Kol­lek­tiv­be­trieben, die einen basis­ge­werk­schaft­lichen Ansatz ver­folgen. Neben den Pro­dukten aus den betei­ligten Betrieben sollen in Zukunft auch ver­mehrt Gewerk­schafts­ma­te­rialien und Waren aus zurück­er­oberten Fabriken wie etwa Vio​.Me oder der Tee­beutel-Fabrik von Scop Ti (ehemals Lipton) ver­trieben werden.

Seit Kurzem können über die Union Coop Pro­dukte aus gewerk­schaftlich ori­en­tier­ten­Kol­lek­tiv­be­trieben gekauft werden. Peter Nowak sprach mit Hansi Oos­tinga von der Union Coop über das Konzept

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Teesolidarität

Reaktion auf Schwach­punkt: Selbst­ver­waltete Betriebe helfen sich gegen­seitig beim Ver­trieb

»It‘s Teatime! Scop Ti jetzt auch in Deutschland« – so bewirbt Union Coop, ein Zusam­men­schluss von basis­ge­werk­schaft­lichen Kol­lek­tiv­be­trieben in Deutschland, ganz besondere Tee­sorten. Sie werden in einer selbst­ver­wal­teten Tee­fabrik in Mar­seille pro­du­ziert. Mehr als drei Jahre hatten die Beschäf­tigten dort gegen den Uni­lever Konzern gekämpft und die Pro­duktion schließlich selbst über­nommen. Die neu gegründete Koope­rative Scop Ti pro­du­ziert ver­schiedene bio­lo­gisch und regional ange­baute Tee­sorten unter dem Mar­ken­namen 1336. Das soll an die Fabrik­be­setzung erinnern, die 1336 Tage dauerte. Nun will die Koope­rative ein Ver­triebs­system mit anderen Ländern auf­bauen. 

Koope­ra­ti­ons­partner in Deutschland ist die Union Coop, zu deren Grund­sätzen gehört, dass alle Beschäf­tigten die gleichen Rechte bei Ent­schei­dungen und einen Ein­heitslohn haben. Hansi Oos­tinga von der Union Coop betont, dass es sich nicht um eine Nische für Aus­steiger handelt. »Im Verbund mit anderen Kol­lek­tiv­be­trieben und der Basis­ge­werk­schaft FAU suchen wir Ant­worten auf die Frage, wie eine soli­da­rische Wirt­schaft aus­sehen kann«, betont er gegenüber »nd«.

Der Ver­trieb des Tees aus der selbst­ver­wal­teten Fabrik ist für ihn mehr als Soli­da­rität. »Es ist ein prak­ti­scher Ansatz­punkt für eine wirt­schaft­liche Gegen­macht.« Die Beleg­schaft habe sich während ihres lang­jäh­rigen Kampfs als Teil einer brei­teren sozialen Bewegung posi­tio­niert. Die Ver­ein­barung zur Koope­ration ist auf einem Treffen von selbst­ver­wal­teten Betrieben im Mit­tel­meerraum ent­standen, das vor einem Jahr in Grie­chenland auf dem besetzten Gelände von Vio​.Me stattfand. »Ein Ergebnis dieser Kon­ferenz war die Erkenntnis, dass ein Schwach­punkt aller selbst­ver­wal­teten Fabriken der Ver­trieb ist«, sagt Oos­tinga. Die Union coop will deshalb in der nächsten Zeit ihr Sor­timent erweitern. Neben den Seifen von Vio​.Me sollen auch Liköre aus der besetzten Fabrik Rimaflow in Mailand und Öl aus einer von der Land­ar­bei­ter­ge­werk­schaft SAT besetzten Finca in Anda­lusien ange­boten werden. 

Oos­tinga hofft, dass der Verkauf der Pro­dukte in Deutschland auch das Thema Betriebs­be­setzung und Selbst­ver­waltung wieder mehr in den Fokus rückt. Er erinnert an die selbst­ver­waltete Fahr­rad­fabrik in Nord­hausen, wo vor zehn Jahren einige Wochen lang das Strikebike pro­du­ziert wurde. Das Projekt schei­terte. Aber es steht bis heute für den Versuch, wie Arbeiter auch in Deutschland eine andere Form des Wirt­schaftens und Pro­du­zierens durch­setzen wollten. www​.union​-coop​.org/shop

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​1​8​3​7​.​t​e​e​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​.html

Peter Nowak

Berichte vom griechischen Alltag

Eine Dele­gation grie­chi­scher Gewerk­schafter bereist um den 1. Mai herum Deutschland, um für eine Abkehr von der Aus­teri­täts­po­litik zu werben.

Nikos Antoniou, der im Moment mit Gewerk­schafts­kol­legen durch Deutschland reist, hat eine Mission. „Die Regie­rungen in Deutschland und Grie­chenland erklärten ihrer Bevöl­kerung, dass sie gegen­ein­ander kon­kur­rieren müssen“, sagt er. „Wir sagen hin­gegen zu den Lohn­ab­hän­gigen in Deutschland: Lasst uns koope­rieren gegen die Aus­teri­täts­po­litik der Troika“.

Antoniou ist aus Grie­chenland ange­reist, er ist der Chef der Athener Gewerk­schaft Buch und Papier. Es ist ein sym­bol­träch­tiger Besuch: Die Dele­gation aus Grie­chenland macht Station in Städten wie Berlin, Bremen, Hamburg, Köln oder Salz­gitter. Die Gewerk­schafts­ver­tre­te­rInnen und Arbei­te­rInnen wollen aus dem Alltag des kri­sen­ge­beu­telten Landes berichten, um Soli­da­rität werben und Stellung nehmen zu aktu­eller Politik.

Außerdem nehmen sie an Kund­ge­bungen und Demons­tra­tionen zum 1. Mai teil. Ein­ge­laden hat sie der Arbeits­kreis Inter­na­tio­na­lismus in der IG Metall Berlin und die zivil­ge­sell­schaft­liche Initiative Real Demo­cracy Now! Berlin/​GR. Der Ter­min­ka­lender der Griechen ist mit Ver­an­stal­tungen, Semi­naren und Gesprächen voll­ge­packt.

Die Abkehr von der Aus­teri­täts­po­litik, die EU-Staaten einen harten Sparkurs vor­schreibt, ist nicht nur Anto­nious‘ Ziel. Auch der IG-Metall-Arbeits­kreis hat sich dies auf die Fahne geschrieben, als er die deutsch-grie­chische Koope­ration vor zwei Jahren anbahnte. Zweimal haben deutsche Gewerk­schaf­te­rInnen Grie­chenland besucht. Jetzt reist ist zum zweiten Mal eine Dele­gation aus Grie­chenland durch Deutschland.

„Den Anstoß für die Initiative gab ein Streik in einem grie­chi­schen Stahlwerk, den wir unter­stützen wollten“, berichtet AK-Mit­glied Andreas Hesse. Der Aus­stand wurde längst beendet, aber die Koope­ration lief weiter. Aller­dings hat sich der Diskurs über Grie­chenland in Deutschland ver­ändert.

Vom „Pleitegriechen“ zum „sensationelle Comeback“

Im letzten Jahr bestimmten Mel­dungen von „Plei­te­griechen“ die Schlag­zeilen. Jene, so die For­derung mancher Jour­na­listen, sollten bit­te­schön den Euro ver­lassen. In den letzten Tagen ver­meldete die Sprin­ger­presse unter der Über­schrift „Das sen­sa­tio­nelle Comeback der Krisen-Griechen“, das Land habe die Kre­dit­fä­higkeit wieder erlangt.

„Dieses Bild hat mit der Wirk­lichkeit eines Groß­teils der Men­schen in Grie­chenland nichts zu tun“, betont der Gewerk­schafter Antoniou. Er schildert die Situation in Grie­chenland anders. In einem Land mit 10 Mil­lionen Ein­wohnern gibt es nach offi­zi­ellen Angaben 1,5 Mil­lionen. Nur zehn Prozent von ihnen bekommen ein Jahr lang finan­zielle Unter­stützung von monatlich 369 Euro, wenn sie älter als 25 Jahre sind.

Etwa 800.000 Men­schen arbei­teten unbe­zahlt im Pri­vat­sektor. „Rechte für Arbeiter und Arbei­te­rinnen gibt es nicht mehr. Und die Löhne gleichen Trink­gelder“, lautet Nikos Anto­nious Fazit. Seine Kol­le­gInnen und er wollen in Deutschland aller­dings nicht Almosen sondern poli­tische Soli­da­rität. Tarif­ver­träge seien abge­schafft, sagt Antoniou. „Mit der Troi­ka­po­litik wurde unser Land zum Expe­ri­men­tierfeld für Nied­riglohn und Ent­rechtung. Bald können auch Länder wie Deutschland davon betroffen sein.“

Doch nicht nur Kri­sen­mel­dungen hatten die Gewerk­schaf­te­rInnen zu ver­melden. „Wir kommen aus einem Land der Krise, in der das Bil­dungs- und Gesund­heits­system zusam­men­ge­brochen sind. Aber wir kommen auch aus einem Land des Wider­standes und der soli­da­ri­schen Pro­jekte“, erklärt Dimitris Kou­matsiolis. Er arbeitet in dem besetzten und selbst ver­wal­teten Betrieb VIO​.ME in Thes­sa­loniki. Die Beschäf­tigten haben kürzlich die Pro­duktion öko­lo­gi­scher Rei­ni­gungs­mittel auf­ge­nommen. Ein euro­päi­sches Ver­triebsnetz ist in Vor­be­reitung

http://​www​.taz​.de/​G​e​w​e​r​k​s​c​h​a​f​t​l​i​c​h​e​-​1​M​a​i​-​S​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​/​!​1​3​7687/

Peter Nowak

»Uns blieb keine andere Wahl«

Im Februar 2013 erklärte die Beleg­schaft des grie­chi­schen Bau­stoff­pro­du­zenten Vio­mic­haniki Metal­eftiki (Vio​.Me), ihre Fabrik stehe ab sofort unter der Kon­trolle der Arbei­te­rinnen und Arbeiter und nehme die Pro­duktion wieder auf (Jungle World 13/2013).
Makis Ana­gnostou ist Vor­sit­zender der Basis­ge­werk­schaft der von den Beschäf­tigten besetzten Fabrik in Thes­sa­loniki. Mit ihm sprach die Jungle World über die Erfolge und Tücken der Selbst­ver­waltung.

Wie kam die Beleg­schaft von Vio​.Me mitten in der großen Wirt­schafts­krise auf die Idee, die Pro­duktion unter Arbei­ter­kon­trolle fort­zu­setzen?

Uns blieb keine andere Wahl. Wir haben den Kampf im Juli 2011 begonnen, nachdem die Eigen­tümer die Firma Vio​.Me auf­ge­geben hatten. Wir Arbeiter haben bereits seit Mai 2011 keinen Lohn mehr erhalten. Wir wollten uns nicht damit abfinden und haben viele Betriebs­ver­samm­lungen orga­ni­siert. Dort haben dann 97,5 Prozent der Anwe­senden beschlossen, die Fabrik in eine Koope­rative unter Arbei­ter­kon­trolle umzu­wandeln.

War die Selbst­ver­waltung schon bei Beginn der Besetzung Ihr Ziel?

Nein, am Anfang wollten wir nur unsere Arbeits­plätze erhalten und haben ver­sucht, die Unter­stützung der poli­ti­schen Par­teien zu gewinnen. Wir haben uns also aus­schließlich auf gesetz­lichem Boden bewegt. Als wir merkten, dass wir von der Politik und auch den meisten Gewerk­schaften keine Unter­stützung bekommen, planten wir auf unseren Ver­samm­lungen die nächsten Schritte. Dabei lernten alle von uns viel über den Kapi­ta­lismus, aber auch über die Soli­da­rität unter Arbeitern.

Können Sie ein Bei­spiel für einen solchen Lern­prozess geben?

Auf vielen Ver­an­stal­tungen wurde ich gefragt, ob wir uns mit den Erfah­rungen der besetzten Zanon-Fabrik in Argen­tinien aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Schließlich stellt sie ähn­liche Pro­dukte her wie wir und ist in vielen Ländern als selbst­ver­waltete Fabrik bekannt geworden. Die Zuhörer sind erstaunt, wenn ich ehrlich ant­worte, dass niemand von uns von Zanon gehört hatte, als wir unseren Kampf begonnen haben. Das Interesse wäre wohl auch nicht groß gewesen. Argen­tinien ist weit weg und wir müssen unsere Pro­bleme bei uns lösen, hätten wir gesagt. Jetzt haben einige unserer Kol­legen das Buch von Raúl Godoy gelesen, der bei der Besetzung von Zanon eine wichtige Rolle spielte. Sie hatten den Ein­druck, dass er über Vio​.Me schreibt. Er stellt in dem Buch die Fragen, die auch wir uns stellen. So haben wir gelernt, dass die Arbeiter auf der ganzen Welt ähn­liche Pro­bleme haben und nach ähn­lichen Lösungen suchen.

Wie reagierten die grie­chi­schen Gewerk­schaften auf Ihre Pläne?

Zunächst hatten wir Kontakt mit der sozi­al­de­mo­kra­tisch ori­en­tierten GSEE gesucht. Doch dort hat man uns geraten, wir sollen uns an unsere Bosse werden, damit sie das Kapital zurück­bringen. Damit waren wir natürlich über­haupt nicht ein­ver­standen. Warum sollten wir die Bosse, die die Firma in den Ruin getrieben haben, wieder zurück­holen? Auf der Suche nach einer klas­sen­kämp­fe­ri­schen Per­spektive haben wir dann zeit­weise mit der Pame koope­riert, die der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Grie­chen­lands (KKE) nahe­steht. Wir waren die einzige Basis­ge­werk­schaft, die auf Demons­tra­tionen gemeinsam mit der Pame die Fahnen hielt. Doch weil unsere Posi­tionen igno­riert wurden, wenn sie nicht hun­dert­pro­zentig mit der Linie der Pame über­ein­stimmten, haben wir auf einer Voll­ver­sammlung beschlossen, unseren Kampf ohne die Gewerk­schaften wei­ter­zu­führen. Das bedeutet nicht, dass wir den Gewerk­schaften feindlich gegen­über­stehen. Doch wir sind nicht bereit, uns einer Zen­trale unter­zu­ordnen.

Haben Sie in der ganzen Zeit Ihres Kampfes nie ans Auf­geben gedacht?

Doch, natürlich. Hätte es nicht die täg­lichen Ver­samm­lungen gegeben, auf denen wir alle Schritte gemeinsam dis­ku­tierten und jeder auch über seine Pro­bleme und Ängste reden konnte, hätten viele sicher auf­ge­geben. Besonders vor einem Jahr war die Lage kri­tisch. Damals ver­übten mehrere Men­schen, die sich mona­telang in der Bewegung der »Empörten« enga­giert hatten, die auf den großen Plätzen ihren Protest und ihre Wut aus­drückte, Selbstmord. Die Zei­tungen ver­öf­fent­lichten Abschieds­briefe von Men­schen, die geschrieben hatten, dass sie große Hoff­nungen in diese Bewegung gesetzt hatten und erfahren mussten, dass sie nicht gehört wurden. Wir befürch­teten, dass auch Kol­legen von Vio​.Me ihrem Leben ein Ende setzen könnten. Schließlich hatten viele von ihnen lange keinen Lohn bekommen. Da beschlossen wir, mit einem Brief an die Öffent­lichkeit zu gehen, in dem wir unsere Situation schil­derten.

Welche Reak­tionen gab es darauf?

Innerhalb kurzer Zeit bekamen wir von uns völlig unbe­kannten Men­schen aus dem ganzen Land Ermu­ti­gungen. Wir wurden darin bestärkt, dass wir unbe­dingt durch­halten sollten. Da haben wir gemerkt, dass es viele Men­schen gibt, denen nicht egal ist, was wir machen. Dieser Zuspruch war eine große Hilfe für uns. Ohne ihn hätten wir wahr­scheinlich längst auf­ge­geben.

Gab es neben warmen Worten auch mate­rielle Unter­stützung?

Ja, es kam Hilfe aus ganz Grie­chenland und auch aus dem Ausland. Die meisten Men­schen, die uns unter­stützen, sind selbst arm und spenden uns etwas von dem Wenigen, das sie haben. Die einen bringen uns eine Packung Spa­ghetti oder getrocknete Bohnen, andere geben uns zwei Euro als finan­zielle Unter­stützung. Aber auch diese kleinen Hilfen sind sehr wichtig für uns, weil sie uns die Kraft und den Mut zum Wei­ter­zu­machen geben.

Zu welchen Kom­pro­missen sind Sie bereit, um das Unter­nehmen zu retten?

Natürlich wissen wir, dass wir noch eine Weile im Kapi­ta­lismus leben müssen. Aber das heißt nicht, dass wir unsere Ziele auf­geben und die Erfah­rungen der ver­gan­genen Monate preis­geben. Des­wegen gehen wir zwei­gleisig vor. Mit der Pro­duktion unter Arbei­ter­kon­trolle greifen wir das Recht der Kapi­ta­listen an, über uns zu bestimmen. Dazu muss aber die Fabrik erhalten bleiben. Daher haben wir gemeinsam mit Öko­nomen Pläne aus­ge­ar­beitet, wie die Firma über­leben kann. Dazu haben wir auch einen Katalog mit kon­kreten For­de­rungen an die Regierung zusam­men­ge­stellt.

Können Sie einige For­de­rungen nennen?

Ein Kern­punkt ist der Erwerb der Aktien des Unter­nehmens ohne die ange­häuften Schulden, eine Sub­ven­tio­nierung in Höhe von 1,8 Mil­lionen Euro, die zum Teil aus dem Fonds der Euro­päi­schen Union finan­ziert werden soll. Eine gesetz­liche Vorlage soll das Risiko für die Beschäf­tigten begrenzen. Damit soll aus­ge­schlossen werden, dass wir selbst mit per­sön­lichem Ver­mögen haftbar gemacht werden. Zudem fordern wir die Rückgabe von 1,9 Mil­lionen Euro, die von Vio​.Me an den Mut­ter­konzern aus­ge­liehen wurden.

Wären Sie nicht dazu gezwungen, wie Kapi­ta­listen zu handeln, wenn diese For­de­rungen umge­setzt werden?

Solange wir Soli­da­rität erfahren, sehe ich bei uns das Problem nicht. Wenn die Arbei­ter­be­wegung auf unserer Seite ist und unseren Kampf unter­stützt, besteht kaum die Gefahr, dass wir uns mit dem Kapi­ta­lismus ver­söhnen. Wenn aber die Arbei­ter­be­wegung auf Distanz geht, dann ver­suchen die Arbeiter indi­vi­duelle Wege zum Über­leben zu finden, und hier liegt die Gefahr der Wendung zum Bür­ger­lichen.

Gibt es weitere Betriebe in Grie­chenland, die eben­falls unter Arbei­ter­kon­trolle wei­ter­ar­beiten wollen?

Ja, in einer kleinen Stadt in Nord­grie­chenland hat die Beleg­schaft einer Ziga­ret­ten­fabrik in einer Voll­ver­sammlung beschlossen, den Betrieb eben­falls unter Arbei­ter­kon­trolle wei­ter­zu­führen. Solche Über­le­gungen gibt es auch bei einer Firma im Bereich der Solar- und Wind­energie. Die Kol­legen waren unsicher, ob sie diesen Schritt gehen sollen. Wir haben uns mit ihnen getroffen und ihnen geraten, den Kampf um die Arbei­ter­kon­trolle jetzt zu beginnen.

aus Jungle World 20/2013
http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​3​/​2​0​/​4​7​7​1​5​.html
Interview: Peter Nowak

Griechische Demokratie marktkonform versenkt


Eine Dele­gation grie­chi­scher Gewerk­schaftler und sozialer Akti­visten auf Deutsch­land­besuch berichtet nicht nur von den ver­hee­renden Folgen der Krise, sondern auch von soli­da­ri­schen Gegen­stra­tegien

Die euro­päische Krise wird am 1. Mai auf den unter­schied­lichen Demons­tra­tionen an zen­traler Stelle präsent sein. Eine Dele­gation grie­chi­schen Gewerk­schaftler und Akti­visten sozialer Initia­tiven wird in Berlin sowohl auf der Demons­tration des DGB am Vor­mittag als auch um 18 Uhr an der „Revo­lu­tio­nären 1. Mai-Demons­tration“ teil­nehmen. Dort wollen sie an der Spitze gehen. „Ein zen­traler Punkt soll dort der Protest gegen die EU-Troika sein. Wir kommen aus einem Land, in dem gerade von dieser Troika die Demo­kratie markt­konform ver­senkt wird“, begrün­deten die Dele­ga­ti­ons­mit­glieder ihr Enga­gement.

Auf einer Pres­se­kon­ferenz im Ber­liner verdi-Haus haben sie noch einmal berichtet, wie die Krise in sämt­liche Lebens­be­reiche ein­greift. Krebs­pa­ti­enten sterben früher, weil sie sich die teure Che­mo­the­rapie nicht leisten können, Kinder werden in der Schule vor Hunger ohn­mächtig, viele Men­schen ziehen von der Stadt auf das Land, weil es dort eher die Chance gibt, etwas Ess­bares zu finden.

Hilfe und poli­tische Ver­än­derung

Doch die Dele­gation berichtete nicht nur über die ver­hee­renden Aus­wir­kungen der von Deutschland geför­derten Aus­teri­täts­po­litik, sondern auch über ein Netzwerk sozialer Initia­tiven, die unmit­telbare Hilfe mit der Not­wen­digkeit einer grund­le­genden poli­ti­schen Ver­än­derung ver­knüpft. Das Netzwerk Soli­da­rität für Alle ist innerhalb von wenigen Monaten auf 250 Initia­tiven ange­wachsen. Gesund­heits­in­itia­tiven gehören ebenso dazu wie Lebens­mit­tel­läden ohne Zwi­schen­händler und Tausch­märkte. Auch im Bil­dungs- und Kul­tur­be­reich haben sich solche sozialen Initia­tiven gegründet.

Christos Gio­va­no­poulos von Soli­da­rität für Alle betont, dass dieser Name für das Netzwerk Pro­gramm ist. Die sozialen Leis­tungen werden ohne Aus­nahme allen in Grie­chenland lebenden Men­schen gewährt. Damit setzen die Initia­tiven einen Kon­tra­punkt gegen die Pro­pa­ganda der grie­chi­schen Rechten wie der Nazi­partei Goldene Mor­genröte, die in der Krise mit Ras­sismus und Aus­grenzung reagieren und die Migranten zu Sün­den­böcken erklären. Gio­va­no­poulos sieht das Anwachsen der extremen Rechten als Seis­mo­graph einer Gesell­schaft, die durch die Krise zer­rüttet wurde.

Das Prinzip der Selbst­or­ga­ni­sation ist ein Bruch mit der Stell­ver­tre­ter­po­litik, wie sie in großen Teilen der grie­chi­schen Linken vor­herr­schend war. Gio­va­no­poulos ver­ortet die Ent­ste­hungs­phase der sozialen Initia­tiven in den mas­sen­haften Platz­be­set­zungen der Empörten im Jahr 2012. Nachdem die mit großer staat­licher Repression zer­schlagen worden waren, zogen sie sich in die Stadt­teile zurück und wurden zu den Initia­toren zahl­reicher sozialer Bewe­gungen. Das Prinzip der Voll­ver­sammlung und der demo­kra­ti­schen Ent­schei­dungs­findung wurde auf den Plätzen der großen grie­chi­schen Städte zuerst aus­pro­biert.

Erste selbst­ver­waltete Fabrik in Grie­chenland

Auch vor der Pro­duk­ti­ons­sphäre macht die Idee der Selbst­ver­waltung nicht halt. Makis Ana­gnostou ist Vor­sit­zender der Betriebs­ge­werk­schaft der Firma Vio­mic­haniki Metal­eftiki in der grie­chi­schen Stadt Thes­sa­loniki. Er erklärte stolz, dass er die erste selbst­ver­waltete Fabrik Grie­chen­lands vor­stellt. Vio­mic­haniki Metal­eftiki gehörte zum ehe­ma­ligen Mut­ter­be­trieb Fil­keram Johnson. Hier wurden Kacheln, Boden­beläge, spe­ziell beschichtete Dämm­platten für Wär­me­iso­lierung an Gebäuden her­ge­stellt. Die Beleg­schaft wollte sich aber nicht mit der Arbeits­lo­sigkeit abfinden.

Seit Februar 2013 hat sie die Pro­duktion in Eigen­regie auf­ge­nommen Ana­gnostou will mit seinem Besuch in Deutschland Kon­takte zur Soli­da­ri­täts­be­wegung knüpfen. Schließlich stehen alle Initia­tiven, die sich um einen sozialen Ausweg aus der Krise bemühen, unter Druck der grie­chi­schen Regierung. Im Wind­schatten der Krise wurden in den letzten Monaten massiv oppo­si­tio­nelle Struk­turen bekämpft. Mehrere lange Jahre besetzte Zentren wurden geräumt, zweimal wurden Streiks per Regie­rungs­ent­scheidung beendet, indem die Beschäf­tigten zwangs­ver­pflichtet wurden und kürzlich wurde die linke Inter­net­plattform Indy­media Grie­chenland abge­schaltet, die aber wei­terhin in einer Not­version erreichbar ist.
http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​54196
Peter Nowak