Die Inszenierung in Davos zeigte, wie in Zeiten des Ökologismus radikale Kritik und Opposition gegen die herrschenden Verhältnisse marginalisiert wird. Wie werden die linken Klimaaktivisten darauf reagieren?

Trump und Thunberg – zwei Gesichter des Kapitalismus

Spä­testens mit dem pro­mi­nenten Thunberg-Auf­tritt in Davos stellt sich für die Linken in der Kli­maum­welt­be­wegung die Frage, ob sie sich als Fei­gen­blatt für einen Kapi­ta­lismus mit öko­lo­gi­schem Anstrich her­geben oder auch zu einer Trennung bereit sind.

Jah­relang sorgte das Welt-Eco­nomic-Forum [1] in Davos für wenig Interesse. Das änderte sich im Zuge der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewegung Ende der 1990er Jahre. Mehrere Jahre domi­nierten die Pro­teste gegen das WEF [2] und die staat­liche Repression dagegen die Bericht­erstattung so sehr, dass auch in der Schweiz über das Ende dieses Eli­ten­mee­tings nach­ge­dacht wurde. Nach dem isla­mis­ti­schen Anschlag von 2001 zog das WEF tat­sächlich für ein Jahr in die USA, offi­ziell aus Soli­da­rität mit den Anschlags­opfern. Doch es ging dem WEF-Orga­ni­sator Klaus Schwab auch darum, die Kri­tiker in der Schweiz zu besänf­tigten, die sich fragten, warum dieses hoch­ka­rätige Pri­vat­treffen von einer mas­siven Poli­zei­armada geschützt werden muss. Die Mehrheit der WEF-Kri­tiker lehnte damals .….

.…. jeden Dialog mit den Orga­ni­sa­toren ab und for­derte ein Ende des Mee­tings. Dabei ver­wen­deten sie nicht selten Argu­mente einer ver­kürzten Kapi­ta­lis­mus­kritik, die gele­gentlich ins Anti­se­mi­tische chan­gierte, wenn da der Tanz um ein gol­denes Kalb in Davos insze­niert wurde (Ein She­riffstern mit sechs Zacken [3]).

Die WEF-Orga­ni­sa­toren bemühten sich hin­gegen schon früh, Teile der Kri­tiker als Zivil­ge­sell­schaft ein­zu­ge­meinden. Es passt schließlich zum Selbst­ver­ständnis von Schwab und Co., dass die Eliten aus Wirt­schaft und Politik auch mal die kri­ti­schen Stimmen hörten. Erst mit dem Nie­dergang der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewegung kamen diese Stimmen des Dialogs mit der Macht zum Zuge. Sie hatten kei­nerlei Ein­fluss, aber durften mal den Herren und Damen mit Macht die Meinung sagen.

Thunberg-Auftritt: Erfolg für WEF

In diesem Jahr können die WEF-Macher besonders zufrieden sein. Mit dem Auf­tritt von Greta Thunberg noch vor der Rede von Donald Trump ist ihre Stra­tegie voll auf­ge­gangen. Dabei hätte es auch keine Rolle gespielt, ob Thunberg in ihrer Rede auch die Mäch­tigen angreift. Es ist ja gerade deren Stra­tegie auf solchen Treffen, ihre Kas­sandras als eine Art moderne Hof­narren und ‑när­rinnen ein­zu­laden, die ja auch ganz unkon­ven­tio­nelle Gedanken äußern, die dann vom kapi­ta­lis­ti­schen Apparat verdaut werden und die Fle­xi­bi­lität des Systems steigern.

Aber Thunberg äußerte nichts in dem Sinne Kri­ti­sches. Mit ihrer Erklärung, ihr ginge es nicht um links und rechts, beide hätten versagt, recy­celte sie den reak­tio­nären Grund­konsens der Grünen, weder rechts noch links, sondern vorn zu sein. Dagegen haben bereits in den frühen 1980er Jahren zeit­weise erfolg­reich linke Öko­logen und Öko­lo­ginnen ange­kämpft.

Wenn Thunberg vor dem WEF solche Parolen zum Besten gibt, dann stärkt sie die Rufe nach einer Herr­schaft der Tech­no­logen, die natürlich völlig ideo­lo­giefrei die kapi­ta­lis­tische Logik ver­in­ner­licht haben. Nur erscheint ihnen das nicht etwa als Ideo­logie, sondern als Natur­gesetz. In diesem Zusam­menhang steht auch das ständige Sich-Berufen auf die Wis­sen­schaft, das Thunberg und ihre Epi­gonen im Munde führen. Denn hier wird schlicht die Ver­mittlung von Wis­sen­schaft in Politik unter­schlagen und auch das ist Bestandteil einer kapi­ta­lis­ti­schen Ideo­logie.

Wenn sich vor 120 Jahren Linke in der Bremer Sozi­al­de­mo­kratie auf die Wis­sen­schaft berufen haben und so gegen ein reak­tio­näres preu­ßi­sches Schul­gesetz pro­tes­tierten, mit dem kle­rikale Riten und deut­scher Unter­ta­nen­geist kom­bi­niert wurden, haben sie eben nicht die Herr­schaft der Wis­sen­schaft das Wort geredet. Sie pro­pa­gierten die Stärkung der Arbei­ter­be­wegung, konkret des linken Flügels der Bremer Sozi­al­de­mo­kratie, die spätere Keim­zeile der Bremer Links­ra­di­kalen [4], die bereits vor dem Spar­ta­kusbund die Trennung von der SPD pro­pa­gierte.

Wenn Thunberg und Co. auf einem Eli­ten­treffen für die ideo­lo­gie­freie Wis­sen­schaft ein­treten, ist das eine Ein­ladung an die Kapi­tal­ver­treter, sich als die Stimme der Ver­nunft und Ratio­na­lität aus­zu­geben. Trump gibt das Gesicht des fos­silen Kapi­ta­lismus mit natio­na­lis­ti­schem Ein­schlag und Thunberg steht für den modernen, nicht­fos­silen Kapi­ta­lismus, der Umwelt­be­wusstsein auf seine Fahnen schreibt. Dabei geht es beiden Formen des Kapi­ta­lismus natürlich um Mehr­wert­pro­duktion und Aus­beutung von Arbeits­kraft.

Radikaler WEF-Kritik in den Rücken gefallen

Nun könnte man ein­wenden, heute gibt es eben keine rele­vanten Orga­ni­sa­tionen der Arbei­ter­be­wegung mehr, die den Anspruch haben, den Kapi­ta­lismus zu über­winden, und daher bleibt die Rolle der Kas­sandra oder, weniger freundlich for­mu­liert, der Hof­närrin der Eliten als einzige Rolle.

Das unter­schlägt aber, dass Thunberg mit ihren Auf­tritt beim WEF selber zur Dele­gi­ti­mierung grund­sätz­licher Kritik am WEF bei­trägt. Und das gleich in zwei­facher Hin­sicht. Ganz prak­tisch gibt es auch in diesem Jahr Pro­teste von WEF-Kri­tikern [5] in der Schweiz, die keinen Dialog mit dem Forum suchen, sondern es grund­sätzlich kri­ti­sieren [6].

Durch den Thunberg-Auf­tritt werden diese Initia­tiven weiter mar­gi­na­li­siert. Auf einer grund­sätz­li­cheren Ebene soll der Auf­tritt einer pro­mi­nenten Gali­ons­figur der Kli­ma­ju­gend­be­wegung auf dem WEF jede gene­relle Kritik an der Gesell­schaft, für der das WEF steht, dele­gi­ti­mieren.

Wie reagieren die linken Klimaaktivisten?

Ande­rer­seits könnte der Auf­tritt auch zu Klä­rungs­pro­zessen in der Kli­ma­be­wegung führen. Es gab in den letzten Monaten auch Erklä­rungen von linken Kli­ma­ak­ti­visten [7], die aller­dings meist betonten [8], sie wollen Thunberg kei­neswegs kri­ti­sieren und die Bewegung spalten.

Damit nahmen sie eine Position ein, wie sie die Zen­tristen in der Sozi­al­de­mo­kratie vor 120 Jahren ver­traten. Sie kri­ti­sierten an bestimmten Punkten die Ver­bür­ger­li­chung der Par­tei­struk­turen, scheuten aber eine klare Aus­ein­an­der­setzung, ja eine Trennung von den Revi­sio­nisten vehement. Die schon erwähnten Bremer Links­ra­di­kalen waren in der SPD vor dem 1. Welt­krieg eine der wenigen linken Zusam­men­schlüsse, die eine solche Trennung für unaus­weichlich hielten.

Spä­testens mit dem pro­mi­nenten Thunberg-Auf­tritt in Davos stellt sich für die Linken in der Kli­maum­welt­be­wegung die Frage, ob sie sich als Fei­gen­blatt für einen Kapi­ta­lismus mit öko­lo­gi­schem Anstrich her­geben oder auch zu einer Trennung bereit sind. Dabei würden sie auf linke Zusam­men­hänge stoßen, die bereits seit Jahren die öko­lo­gische Frage von links stellen. Ich nenne hier nur mal stich­punkt­artig so unter­schied­liche Grup­pie­rungen wie die Öko­lo­gische Linke [9], die Umwelt­ge­werk­schaft [10] oder das Netzwerk Öko­so­zia­lismus [11]. Peter Nowak