Wenn Konzerne zu Protestberatern werden

Eine Tagung in Berlin beschäftigte sich mit der Tatsache, dass auf der »Wiese der Zivilgesellschaft« auch wirtschaftsfinanzierte und beeinflusste Akteure grasen

Wer den Beginn Astroturf [1] hört, denkt an Eso­terik. Doch tat­sächlich ist der Begriff mitt­ler­weile in das Voka­bular von Akti­visten von sozialen Bewe­gungen und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen ein­ge­gangen. Damit wird die nicht über­ra­schende Tat­sache beschrieben, dass Kon­zerne und kon­zernnahe Institute eifrig auf den Feldern der Zivil­ge­sell­schaft mit­mi­schen, sich dort also als Akteure auf­spielen, wie es im NGO-Sprech heißt.

Sie unter­stützen dabei natürlich Posi­tionen, die den Inter­essen des ent­spre­chenden Kon­zerns nützen. Nicht immer sind solche kon­zern­be­ein­flussten Initia­tiven so leicht zu erkennen wie beim Verein Bürger für Technik [2], deren Mit­glieder in Leser­briefen an ver­schiedene Zei­tungen regel­mäßig Stimmung gegen die Ener­gie­wende machen [3].

Ein eif­riger Leser­brief­schreiber ist auch der Mit­be­gründer des Vereins Ludwig Lindner. Nach Angaben des lob­by­kri­ti­schen Nach­schla­gewerk Lob­by­pedia [4] war Linder bis 2004 Sprecher von »Nutzen der Kern­technik« bei der Kern­tech­ni­schen Gesell­schaft [5].

Oft ist die Ein­fluss­nahme der Industrie nicht so einfach zu erkennen. Dabei ist das Tätig­keitsfeld sehr groß. Sie kümmern sich um die Wiki­pedia-Seiten bestimmter Kon­zerne ebenso wie um die Orga­ni­sierung von Pro-Kohle oder Pro-AKW-Demons­tra­tionen, bei denen die Mit­ar­beiter der Firmen und ihre Ange­hö­rigen eine große Rolle spielen.

Am gest­rigen Samstag widmete sich im Rahmen der Linken Medi­en­aka­demie [6] eine Tagung unter dem mehr­deu­tigen Titel »Kon­zern­protest« [7] dem Phä­nomen des Kunst­rasens, wie Astro­turfing über­setzt heißt. Schon der Begriff ist vor­aus­set­zungsvoll.

Dahinter steht das Bild eines blü­henden wild­wa­chenden Rasens, der die soziale Bewegung und Zivil­ge­sell­schaft dar­stellen soll. Kunst­rasen wird es nach dieser Vor­stellung dann, wenn Kon­zerne und Wirt­schafts­lob­by­isten diese Wiese eben­falls abgrasen. Im Publikum, das über­wiegend aus Akti­visten und NGO-Ver­tretern aus dem Umwelt­be­reich bestand, wurde diesen ein­fachen Blick aller­dings auch wider­sprochen.

Keine Marionetten der Wirtschaft

So warnte ein Teil­nehmer davor, die Akti­visten dieser wirt­schafts­nahen NGOs nur als Mario­netten der Kon­zerne zusehen. Viele teilen die Über­zeu­gungen der Wirt­schaft und sehen in deren Unter­stützung eine will­kommene Hilfe. In den Arbeits­gruppen wurde deutlich, dass die Situation im Detail noch kom­pli­zierter sein kann.

Wenn Kon­zerne gemeinsam mit DGB-Gewerk­schaften zur Groß­de­mons­tration für den Erhalt der Koh­le­industrie nach Berlin auf­rufen, spielt natürlich der Angst vor Arbeits­platz­ver­lusten für die Beschäf­tigten ebenso eine Rolle wie ein Stand­ort­na­tio­na­lismus, der die Inter­essen der Kon­zerne unhin­ter­fragt ver­in­ner­licht.

Die Vor­stellung, dass ein Beschäf­tigter von EON, Vat­tenfall und RWE nicht mit dem Konzern iden­tisch ist sondern nur seine Arbeits­kraft dort ver­kauft, ist vielen von ihnen fremd. Wenn nun Vat­tenfall in der Lausitz ganze Dörfer abbaggert und in der struk­tur­schwachen Region als Sponsor von Schulen, Kin­der­gärten und Biblio­theken auf­tritt, so wird deutlich, dass eine wirt­schafts­li­berale Politik, die sich im Zeit­alter der Schul­den­bremse selbst aus dem Erhalt einer mini­malen sozialen Infra­struktur zurück zieht, die Kon­zerne geradezu einlädt, als Spon­soren auf­zu­treten und sich damit Ein­fluss und Macht in der Region zu sichern.

Denn, wenn die Kon­zern­pläne nicht genug gewürdigt werden, drohen nicht nur Arbeits­platz­ver­luste, sondern auch die Schließung von Schulen und Biblio­theken. So wird schnell deutlich, dass das Problem weniger daran besteht, dass auch die Wirt­schaft ihre Inter­essen im Rahmen der Zivil­ge­sell­schaft durch­setzen will.

Kri­ti­siert werden müssten poli­tische Ver­hält­nisse, die es den Kon­zernen so leicht machen, diese Inter­essen umzu­setzen, weil sie Macht und Ein­fluss haben. Unter­schied­liche Teil­nehmer sprachen auch das Wirt­schafts­system an. Ein Aktivist warb für die Stärkung der Umwelt­ge­werk­schaft [8], mit der eine ver­stärkte Koope­ration zwi­schen Gewerk­schaften und Umwelt­be­wegung ange­strebt wird.

Gewerkschafter fehlten auf der Tagung

Tat­sächlich wurde als Manko der Tagung das Fehlen vor allem von Gewerk­schaften genannt. Dabei geht es nicht um die Vor­stände, sondern um enga­gierte kri­tische Gewerk­schafter, die sich oft auch gegen die Vor­stände ihrer eigenen Ver­bände durch­setzen müssen. Es gibt zwi­schen dem Astro­turfing und der Unter­stützung von Kon­zernen bei der Eta­blierung wirt­schafts­freund­licher Pseu­do­ge­werk­schaften durchaus Par­al­lelen.

Lange Zeit gab es in vielen großen Betrieben soge­nannte »gelbe Gewerk­schaften«, die mit dem Management und Teilen der Ange­stellten sowie wenigen Arbeitern vor allem in Betrieben ein­ge­richtet wurden, wo kämp­fe­rische DGB-Gewerk­schafter aktiv waren. In dem Buch »Der Fall BMW – Macht und Recht im Betrieb« [9], das kürzlich im Verlag Die Buch­ma­cherei [10] erschienen ist, wurde an einen lang­an­dau­ernden Arbeits­kon­flikt vor 30 Jahren erinnert, bei der diese Kon­zern­stra­tegie eine wichtige Rolle spielte.

Es wäre sicher sinnvoll gewesen, zu der Tagung einige der aktiven Kol­legen ein­zu­laden, die jah­relang gegen die Eta­blierung kon­zern­ge­steu­erter Gewerk­schaften in ihren Betrieben nicht ohne Erfolg kämpften, wenn es darum gegangen wäre, den Kontakt zu Gewerk­schaftern aus­zu­bauen. Aber das war sicher nicht das Hauptziel aller Teil­nehmer.

So wurde von einigen auf die Bei­träge der »Taz zum Wandel« [11] am 5. Sep­tember 2015 hin­ge­wiesen, in der gewerk­schaft­liche Kämpfe nur am Rande vor­kamen. Statt­dessen domi­nierte dort der Wunsch nach einem sanften Kapi­ta­lismus, gar­niert mit anthro­po­so­phi­schen Kon­zepten und Eso­terik. Sicher haben diese Akteure weniger Ein­fluss und Macht als große Wirt­schafts­kon­zerne. Doch auch eine Beein­flussung von NGOs durch sie wäre sicher kein Fort­schritt.

Öfter mal eine Mitmachfalle umgehen

Viele Tagungs­teil­nehmer wehrten sich gegen den Ein­druck einer all­mäch­tigen Industrie, die nun auch noch die sozialen Netz­werke und die NGO-Szene kapert. Michael Wilk, der lange in der Bewegung gegen die Startbahn-West aktiv ist, beschreibt [12], wie Media­tionen und andere Gesprächs­an­gebote zu Instru­menten werden, die Aus­bau­pläne der Flug­ha­fen­be­treiber wider­stands­loser durch­setzen können.

Solche Erfah­rungen mussten auch die Kri­tiker von Stuttgart 21 machen. Wilk rät selbst­be­wusst seinen Mit­streitern aus NGO und sozialen Initia­tiven, öfter mal nein zu sagen, und solche Media­ti­ons­an­gebote abzu­lehnen, wenn deutlich wird, dass nur die Wirt­schaft davon pro­fi­tiert.

Besonders großen Anklag fand ein Workshop des Ber­liner PENG-Kol­lektivs [13], auf dem Bei­spiele ihrer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­rilla gegen große Kon­zerne vor­ge­stellt wurden. So endete ein von der Firma Shell gespon­serter Science Slam, auf dem junge Wis­sen­schaftler umwelt­freund­liche Pro­dukte vor­stellen sollten, im Chaos [14].

Bei der Vor­führung explo­dierte scheinbar der Motor und ver­spritzte liter­weise Öl. »Mit dem Spruch, hier können sie den Stecker ziehen, in der Arktis nicht«, outeten sich die ver­meint­lichen Wis­sen­schaftler als Umwelt­ak­ti­visten. Die Aktion sorgte wie alle wei­teren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­rilla-Aktion des Peng-Kol­lektivs für eine große Medi­en­öf­fent­lichkeit [15].

Shell-Kampagne vor 30 Jahren und heute

Aller­dings machten die Akti­visten auch klar, dass eine zeit­auf­wendige Vor­arbeit für diese Aktionen nötig gewesen sei. Die Tagungs-Teil­nehmer waren begeistert. »Hier wird nicht darüber geklagt, wie schlimm die Kon­zerne sind. Hier drehen wir den Spieß um und stellen sie in der Öffent­lichkeit bloß«, sagte ein Aktivist des Peng-Kol­lektivs unter großen Applaus.

So wurde das Bedürfnis vieler Teil­nehmer befriedigt, endlich selber Themen zu setzen und nicht immer auf die Kon­zerne zu reagieren. Dabei muss man sich doch tat­sächlich fragen, ob der Aufwand für die Aktion bei Shell die reale Wirkung lohnt. Schließlich kommt für viele Zei­tungs­leser nur rüber, hier wäre ein Motor explo­diert und die Wis­sen­schaftler waren gar nicht echt.

Wird hier wirklich für größere Teile der Bevöl­kerung Auf­klärung über das Agieren des Konzern betrieben oder ist die Aktion so vor­aus­set­zungsvoll, dass nur Men­schen, die sich bei­spiels­weise mit Green-Washing-Stra­tegien von Kon­zernen befasst haben, die Moti­vation ver­stehen, eine Ver­an­staltung zu chao­ti­sieren, mit dem ein Konzern vor­geblich For­schung prä­miert, die umwelt­freund­liche Pro­dukte pro­du­zieren soll?

Schließlich könnte sich auch die Frage stellen, ob die außer­par­la­men­ta­rische Kam­pagne »Shell to Hell«, mit der in den 80er und 90er Jahren mit unter­schied­lichen Aktionen gegen die Politik von Shell vor allem in Ländern des glo­balen Südens agiert [16] wurde, durchaus auch Erfolge zeigte und auch von Men­schen prak­ti­ziert werden konnte, die eben nicht gleich Wis­sen­schaftler und ein­ge­bettete Jour­na­listen auf­treiben können.

So wirft die Prä­sen­tation des Peng-Kol­lektivs und die große Zustimmung des Tagungs­pu­blikums auch Fragen hin­sichtlich der Per­spektive von außer­par­la­men­ta­ri­schen Pro­testen auf. Wenn der Aufwand so groß wird, braucht der auch Spon­soren und För­derer und ist daher auf soli­da­rische Struk­turen ange­wiesen.

Aller­dings zeigte das Peng-Kol­lektiv mit einer gefakten Vat­tenfall-Erklärung [17] und noch mehr mit ihrer jüngsten sehr erfolg­reichen Aktion Flucht​helfer​.in [18], dass es auch Mög­lich­keiten gibt für Ein­zel­per­sonen oder keine Gruppen, sich an Aktionen zu betei­ligen.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​W​e​n​n​-​K​o​n​z​e​r​n​e​-​z​u​-​P​r​o​t​e​s​t​b​e​r​a​t​e​r​n​-​w​e​r​d​e​n​-​2​8​2​6​9​5​4​.html

Peter Nowak

Links:

[1]

https://​lob​by​pedia​.de/​w​i​k​i​/​A​s​t​r​o​t​u​rfing

[2]

http://​www​.buerger​-fuer​-technik​.de/

[3]

http://​www​.zeit​.de/​2​0​0​8​/​1​7​/​A​t​o​m​lobby

[4]

https://lobbypedia.de/wiki/B%C3%BCrger_f%C3%BCr_Technik

[5]

http://​www​.ktg​.org/​ktg/0

[6]

http://​www​.lin​ke​me​di​en​aka​demie​.de/

[7]

http://​www​.kon​zern​protest​.de/

[8]

http://​www​.umwelt​ge​werk​schaft​.org/​i​n​d​e​x​.​p​h​p/de/

[9]

http://​www​.labournet​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​4​/​1​0​/​b​m​w​_​b​u​c​h.pdf

[10]

http://​die​buch​ma​cherei​.de/

[11]

http://​www​.taz​.de/​!​1​6​0910/

[12]

http://​umwelt​fai​ra​endern​.de/​2​0​1​4​/​0​3​/​l​e​s​e​n​-​w​i​e​-​p​r​o​t​e​s​t​b​e​w​e​g​u​n​g​e​n​-​m​a​n​i​p​u​l​i​e​r​t​-​w​e​r​d​e​n​-​u​e​b​e​r​-​m​e​d​i​a​t​i​o​n​e​n​-​r​u​n​d​e​-​t​i​s​c​h​e​-​e​i​n​e​-​b​u​c​h​e​r​v​e​r​o​e​f​f​e​n​t​l​i​c​hung/

[13]

https://​www​.pen​.gg/

[14]

http://​www​.peng​-collective​.net/​p​r​e​s​s​/​s​l​a​m​s​h​e​l​l​_​P​R​_​d​e​u​t​s​c​h.pdf

[15]

http://​www​.spiegel​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​a​k​t​i​o​n​e​n​-​g​e​g​e​n​-​k​o​n​z​e​r​n​e​-​s​h​e​l​l​-​a​l​s​-​o​p​f​e​r​-​b​e​i​m​-​s​c​i​e​n​c​e​-​s​l​a​m​-​a​-​9​6​5​1​5​1​.html

[16]

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d‑9198944.html

[17]

https://​www​.youtube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​Z​p​4​H​x​3​ZTZ98

[18]

http://​www​.flucht​helfer​.in/
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Aus für Opel – und nichts passiert

Opel Bochum zeigt, wie schwer sic hdie Beleg­schaften mit der Auto­mo­bil­krise tun

»Hier hat sich die Beleg­schaft selbst orga­ni­siert. Von Don­nerstag an stand fest, die Beleg­schaft handelt und ent­scheidet gemeinsam jeden Schritt und jede Aktion. Ohne groß­artige Abstim­mungen wurden die Tore besetzt, um zu ver­hindern, dass LKWs mit Ladung das Werk ver­ließen – leer konnten sie fahren.« Dieser Lage­be­richt des oppo­si­tio­nellen Bochumer Opel-Betriebs­rates Manfred Strobel ist vor acht Jahren in der Zeit­schrift Express erschienen, die gewerk­schaft­lichen Kämpfen in und außerhalb des DGB ein Forum gibt.
Damals hatte ein durch ange­kün­digte Mas­sen­ent­las­sungen aus­ge­löster sechs­tä­giger Streik der Opel-Beleg­schaft in Teilen der Linken für Begeis­terung gesorgt. Denn die Aktion hatte erkennbar nicht die Hand­schrift der IG-Metall-Führung getragen. Der Ber­liner Verlag „Die Buch­ma­cherei“ hat unter dem Titel „6 Tage der Selbst­er­mäch­tigung“ ein Buch her­aus­ge­geben, in dem die dama­ligen Kämpfe anschaulich doku­men­tiert sind. Acht Jahre später wurde der Schlie­ßungs­be­schluss des Opel­werkes ver­kündet und es gab keine Tor­be­set­zungen und Streiks. Kurz nach Bekannt­werden des Beschlusses demons­trierten am 10. Dezember knapp 100 Beschäf­tigten durch das Werk. Am 14. Dezember hatte die IG-Metall zu einer Kund­gebung vor dem Tor 4 auf­ge­rufen. Der Tenor der meisten Reden war Zweck­op­ti­mismus. Es sei schon ein Erfolg, dass die Gespräche wei­ter­gehen. So soll über die Aus­zahlung der 4,3% Tarif­lohn­er­höhung, die Opel wegen als Vor­leistung der Beleg­schaft gestundet worden sind, wei­ter­ver­handelt und das Ergebnis dann den Kol­legen zur Abstimmung vor­gelegt werden. Zudem wurde von den Betriebs­räten die Auf­sichts­rats­ver­sammlung vom 12. Dezember als erfolg­reich bezeichnet, weil dort kein Schlie­ßungsplan vor­gelegt worden war.
„Das halte ich für eine Nebel­kerze. Schließlich wissen alle, dass es den Schlie­ßungs­be­schluss gibt“, kom­men­tierte Wolfgang Schaumberg diesem Versuch, die Beleg­schaft ruhig zu stellen. Schaumberg war jahr­zehn­telang in der oppo­si­tio­nellen Gewerk­schafts­gruppe Gegenwehr ohne Grenzen (GoG) aktiv. Sie und ihre Vor­läufer haben in den ver­gan­genen drei Jahr­zehnten bei Opel eine wichtige Rolle gespielt und sicher auch mit zum 6tägigen Streik vor 8 Jahren bei­getragen. Dass die Gruppe, die die Stand­ort­logik und das gewerk­schaft­liche Coma­nagement immer bekämpft hat, bei der letzten Betriebs­ratswahl erstmals kein Mandat mehr bekommen hat, zeigt das ver­än­derte Klima.

Viele wollen lieber die Abfindung kas­sieren

Heute liegt der Alters­durch­schnitt im Werk bei über 47 Jahren. „Gerade die Älteren hoffen auf eine Abfindung und rechnen sich schon aus, wie sie mit Abfin­dungen und Arbeits­lo­sengeld bis zum Ren­ten­alter kommen“, beschreibt Schaumberg die Situation Weil die Kom­po­nen­ten­fer­tigung für andere Werke aus Bochum abge­zogen wurde, könnte ein Aus­stand heute nicht mehr wie 2004 die Opel-Pro­duktion in ganz Europa lahm­legen. Dieser durch die tech­no­lo­gische Ent­wicklung begüns­tigte Verlust der Pro­du­zen­ten­macht hat auch dazu geführt, dass sich viele Streik­ak­ti­vis­tInnen von 2004 mit Abfin­dungen aus dem Betrieb ver­ab­schiedet haben. Dazu gehört auch der Express-Autor Manfred Strobel. Die Figur des “Arbei­ter­mi­li­tanten“, der, wie der vor einigen Jahren ver­rentete Wolfgang Schaumberg, über Jahr­zehnte im Betrieb arbei­teten und Kampf­erfah­rungen an neue Genera­tionen wei­ter­gaben, war auch bei Opel schon vor den Schlie­ßungs­plänen ein Aus­lauf­modell. Schließlich haben die Bochumer Ope­la­ne­rInnen den Macht­verlust selber erfahren können. In den letzten zwei Jahr­zehnten ist die Anzahl der Beleg­schafts­mit­glieder kon­ti­nu­ierlich zurück gegangen.
Dieser Rückgang der Arbei­ter­In­nen­macht, bedingt durch den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt und die Politik der Wirt­schafts­ver­bände, machen Beleg­schaften in vielen euro­päi­schen Ländern zu schaffen. Diese Erfah­rungen haben dazu geführt, dass Ent­schei­dungs­streiks in ein­zelnen Fabriken in den letzen Jahren zurück­ge­gangen sind und dafür die aus der Defensive geführten poli­ti­schen Streiks zuge­nommen haben, lautet die These des von Alex­ander Gallas, Jörg Nowak und Florian Wilde kürzlich im VSA-Verlag erschie­nenen Buch „Poli­tische Streiks im Europa der Krise“.
Der IG-Metall-Vor­stand zumindest macht sich über neue Kampf­formen kaum Gedanken. Auf ihrer Homepage wird der Opel-Kon­flikt zu einem Kampf zwi­schen den Stand­orten USA und Deutschland sti­li­siert. Dort ist von „einer Kampf­ansage von General Motors an Opel Bochum“ die Rede. Das Management habe die Marke Opel beschädigt, lautet die Klage der gewerk­schaft­lichen Koma­nager, die ein pro­fi­tables Opel-Werk fordern. „Damit sind weitere Ver­zichts­er­klä­rungen der Beschäf­tigten schon vor­pro­gram­miert“, kom­men­tiert Schaumberg rea­lis­tisch.
Aller­dings gibt auch bei Opel noch ver­schiedene Formen von Wider­spruch gegen diese IG-Metall Linie. So empfahl ein oppo­si­tio­neller Betriebsrat auf der Kund­gebung am 14. Dezember, sich an den bel­gi­schen Ford-Kol­legen aus Genk ein Bei­spiel zu nehmen, die Anfang November nach der Ankün­digung der Werk­schließung vor dem Ford-Werk in Köln pro­tes­tierten. Die Aktion sei in den Medien in Deutschland als Randale hin­ge­stellt worden, es habe sich aber um eine Pro­test­aktion mit Vor­bild­cha­rakter, erklärte er unter Applaus.

Oppo­si­to­nelle Gewerk­schafter gespalten

Eben­falls aus den Reihen oppo­si­tio­neller Opel-Gewerk­schafter wird mit dem Vor­schlag, Gewerk­schaften und Umwelt­or­ga­ni­sa­tionen sollen sich gemeinsam für die Pro­duktion umwelt­freund­licher Autos ein­setzen, an die Kon­ver­si­ons­pläne der 70er Jahre ange­knüpft.
„Solche For­de­rungen können nicht in einem Werk umge­setzt werden, sondern setzen eine ganz andere Aus­ein­an­der­setzung mit dem Kapital voraus“, betont Schaumberg. Bei der GoG wird daher die For­derung dis­ku­tiert, dem Management mit der Position gegenüber zu treten, die Arbeit könnt ihr behalten, aber ihr müsst uns weiter bezahlen. Schließlich hätten die Lohn­ab­hän­gigen die Situation nicht ver­ur­sacht, die zum Schlie­ßungs­be­schluss führte. Damit knüpfen sie an die Parole „Wir zahlen nicht für Eure Krise“ an. Im Fall Opel ist die Parole sehr treffend. Denn es ist auch die durch die deutsche Kri­sen­po­litik der euro­päi­schen Peri­pherie auf­ok­troy­iertes Ver­ar­mungs­pro­gramm, das den deut­schen Export ein­brechen ließ und Opel unren­tabel macht. Wer jeden Cent zweimal umdrehten muss, kauft schließlich keine Autos.
Ein erstes Fazit, das sich aus den Reak­tionen auf die Opel-Krise ziehen lässt, ist so also durchaus zwie­spältig. Viele außer­par­la­men­ta­rische Linke hätten natürlich jeden direkten Wider­stand im Werk als Zeichen für die wei­terhin lebendige Arbei­te­rIn­nen­be­wegung inter­pre­tiert. Dass aber die Kol­le­gInnen eben nicht einfach die Brocken hin­werfen und statt­dessen ihre Abfin­dungen aus­rechnen, ist auch der Erkenntnis geschuldet, dass im heu­tigen Kapi­ta­lismus eine iso­lierte Lösung in einer ein­zelnen Fabrik nicht möglich ist.
Die von der Umwelt­ge­werk­schaft ange­fachte Debatte über die Pro­duktion von umwelt­freund­lichen Fahr­zeugen ist nur möglich, wenn die Eigen­tums­frage und Pro­du­zen­tIn­nen­macht und Kon­zepte einer gesamt­ge­sell­schaft­lichen, demo­kra­ti­schen Planung der Pro­duktion wieder gestellt wird. In Zeiten, in denen die Markt- und Kapi­tal­logik scheinbar alter­na­tivlos erscheint , könnten damit linke Ziel­vor­stel­lungen wieder in der Öffent­lichkeit plat­ziert werden. Für das erste März-Wochenende plant die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Stuttgart eine Kon­ferenz zum Thema „Erneuerung durch Streik“. In dem detail­lierten Pro­gramm, das auf der Homepage http://​www​.rosalux​.de/​e​v​e​n​t​/​4​6​5​3​8​/​e​r​n​e​u​e​r​u​n​g​-​d​u​r​c​h​-​s​t​r​e​i​k​.html ver­öf­fent­licht, ist bisher aller­dings Opel-Bochum nicht erwähnt.

aus analyse und kritik 579
http://​www​.akweb​.de/
Peter Nowak