Bhopal: 35 Jahre später kämpfen die Opfer noch immer um Entschädigung. Sie bekommen in Deutschland selbst von Medien, deren Markenkern die Ökologie ist, nicht die nötige Öffentlichkeit

Urkatastrophe des Neoliberalismus

Selbst die links­li­berale Tages­zeitung Taz, deren Mar­kenkern die öko­lo­gische Bericht­erstattung ist und die täglich zwei Seiten für diese Themen zur Ver­fügung stellt, hat die Rund­reise von Rachna Dhringa in Europa ebenso kon­se­quent igno­riert wie die Ver­leihung des Blue Planet Award in Berlin.

Tau­sende erblin­deten, Unzählige erlitten Hirn­schäden, Läh­mungen, Lun­gen­ödeme, Herz‑, Magen‑, Nieren‑, Leber­leiden und Unfrucht­barkeit. Bis zu 25.000 Men­schen starben mittel- oder unmit­telbar nach dem Gift­unfall im indi­schen Bhopal, der sich am 3. Dezember zum 35ten Mal jährte. In der indi­schen Mil­lio­nen­stadt Bhopal war in der Nacht vom 2. zum 3. Dezember 1984.….

.… aus einer Anlage des US-ame­ri­ka­ni­schen Konzern Union Carbide ein töd­liches Giftgas aus­ge­treten.

Noch immer kämpfen Opfer und ihre Ange­hö­rigen um Ent­schä­digung. Die Mut­ter­ge­sell­schaft von Union Carbide, DOW-Che­mical, hat es abge­lehnt, vor indi­schen Gerichten zu erscheinen. Dabei wurde der Konzern von der US-Regierung unter­stützt. Sie über­redete die indische Regierung, einen Ver­gleich zu akzep­tieren, dessen Betrag durch die Ver­si­che­rungen gedeckt war. Vor 15 Jahren sah es einmal für kurze Zeit so aus, als würde der Konzern der For­derung nach Ent­schä­digung nach­kommen.

Ein ver­meint­licher Kon­zern­sprecher übernahm Anfang Dezember 2004 zum 25. Jah­restag der Kata­strophe die Ver­ant­wortung und kün­digte Ent­schä­digung an. Weltweit wurde die sen­sa­tio­nelle Wende ver­breitet, die Aktien des Kon­zerns fielen. Doch bald stellte sich heraus, es han­delte es sich um eine Aktion der Poli­tik­künstler von The Yes Men, die auf diese Weise den Kampf um Ent­schä­digung unter­stützen wollen.

Als sich her­aus­stellte, dass die Meldung über die Ent­schä­digung ein Fake war, stiegen die Aktien wieder. Die Börse war zufrieden. 2019 gab es am 2. und 3. Dezember in zahl­reichen Ländern kleinere Aktionen. Der Jah­restag der Kata­strophe wird weltweit als »Bhopal-Akti­onstag« begangen. In Berlin wurde eine Mahn­wache vor der US-Bot­schaft abge­halten.

Beispiel für antiökologischen Kolonialismus

Michael Gottlob von der Indi­en­sektion der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sation Amnestie Inter­na­tional gehört zu den Men­schen, die sich seit Jahren für eine Ent­schä­digung der Bhopal-Opfer ein­setzen und ganz klar die gesell­schaft­lichen Struk­turen benennen, die die Kata­strophe möglich gemacht hat. Er berichtet regel­mäßig über den Kampf der Über­le­benden um eine ange­messene Ent­schä­digung und kämpft für die Behebung der Gesund­heits- und Umwelt­schäden in dem betrof­fenen Gebiet:

Bhopal gehört zu der langen Reihe von Desastern – von Seveso über Tscher­nobyl bis Fuku­shima -, die für den fahr­läs­sigen Umgang mit tech­ni­schen Risiken stehen. Das Gas­un­glück ist in das globale Gedächtnis ein­ge­gangen, auch als Bei­spiel dafür, dass west­liche Kon­zerne gefähr­liche Pro­duk­tionen in die Länder der Dritten Welt aus­lagern.

Michael Gottlob, Amnestie Inter­na­tional

Auch die Stiftung ethecon benennt ganz klar die Ursachen für die Kata­strophe von Bhopal. »Kapi­ta­lis­tische Bar­barei in Bhopal hält an«, lautet die Über­schrift in einer Pres­se­mit­teilung zum Jah­restag. Am 23. November 2019 hatte Ethecon seinen all­jährlich ver­ge­benen Blue Planet Award an Rachna Dhingra ver­geben, die mit dafür gesorgt hat, dass die Opfer von Bhopal auch nach 35 Jahren noch gehört werden.

Nach ihrem Studium in den USA, wo sie Über­le­bende von Bhopal ken­nen­lernte, wurde Rachna Dhingra zu einer wich­tigen Stimme ihres Wider­stands. Auf dem ethecon-Kon­gress klagte sie in einer kämp­fe­ri­schen Rede nicht nur Dow Che­mical an, sondern den glo­balen Kapi­ta­lismus. Zuvor hatte bereits das ethecon-Grün­dungs­mit­glied Axel Schnura-Köhler den Unfall von Bhopal als »Urka­ta­strophe der Glo­ba­li­sierung« bezeichnet.

Die Che­mie­anlage ent­hielt weniger Sicher­heits­ele­mente als ähn­liche Pro­jekte in den USA. So konnten die Bau­kosten gesenkt werden. Im nicht­west­lichen Ausland wurden Sicher­heits­stan­dards auf ein Level abge­senkt, das in den USA rechtlich nicht akzep­tabel wäre.

Kaum Berichterstattung über den Kampf der Bhopal-Opfer

Nun könnte man denken, dass der Kampf der Bhopal-Opfer in einer Zeit, in der der Kampf um eine saubere Umwelt und auch die Pro­ble­matik der Aus­la­gerung von Gift­stoffen in den glo­balen Süden auf der Agenda stehen, auch der Kampf der Über­le­benden aus Bhopal größere Auf­merk­samkeit bekommt.

Doch das ist nicht der Fall. So hat selbst die links­li­berale Tages­zeitung Taz, deren Mar­kenkern die öko­lo­gische Bericht­erstattung ist und die täglich zwei Seiten für diese Themen zur Ver­fügung stellt, die Rund­reise von Rachna Dhringa in Europa ebenso kon­se­quent igno­riert wie die Ver­leihung des Blue Planet Award in Berlin. Eine Nach­frage, warum eine Zeitung wie die Taz dem Kampf der Über­le­benden von Bhopal igno­riert, blieb unbe­ant­wortet. (Peter Nowak)