Geflüchtete in Nostorf-Horst müssen weit radeln, um ins nächste Städtchen zu kommen

Abgeschnitten vom Rest der Welt

Auch Franz Forsmann vom Ham­burger Flücht­lingsrat äußerte gegenüber »nd« scharfe Kritik. Er berät seit Jahren Geflüchtete – die nur außerhalb des Lagers in einem Con­tainer möglich ist. Die Bewohner*innen beklagen vor allem die Lage der Ein­richtung im Nie­mandsland. Der Aufwand an Zeit und Geld für jeden Einkauf, jeden Arzt­besuch ist hoch.

In Nostorf-Horst finden sich an auf Later­nen­masten Auf­kleber mit der Parole »Flüchten Sie weiter. Hier gibt es nichts zu wohnen.« Yaruf L., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, kommt täglich an den Auf­klebern vorbei, wenn er mit seinem Rad die sieben Kilo­meter in das Städtchen Boi­zenburg fährt. Nicht alle Bewohner*innen des Erst­auf­nah­me­lagers für Asyl­su­chende Nostorf-Horst im west­lichen Meck­lenburg-Vor­pommern haben ein Fahrrad. Für sie ist es schwer, das einsam im Wald lie­gende Heim zu ver­lassen. Ein­ge­richtet wurde es Anfang der 1990er Jahre in einer ehe­ma­ligen NVA-Kaserne. Kaum jemand verirrt sich in die Gegend. Am Samstag aber waren

70 Musiker*innen der Gruppe Lebens­laute singend mit ihren Instru­menten in den Hof des Lagers gekommen und hatten dort ein Konzert gegeben (siehe nd vom Montag). Auf­for­de­rungen, das Gelände zu ver­lassen, hatte keiner der Musiker*innen gehört. Doch nach Kon­zer­tende blo­ckierte eine Poli­zei­hun­dert­schaft ihre Autos. Sie durften erst fahren, nachdem ihre Per­so­nalien auf­ge­nommen worden waren.

Die Künstler*innen ließen sich davon nicht ein­schüchtern und standen am Sonn­tag­mittag erneut vor dem Flücht­lings­lager. Das zweite Konzert war ange­meldet. Gekommen waren auch Unterstützer*innen aus der Umgebung, aus Rostock und Nie­der­sachsen. Schnell waren Bänke auf­gebaut. Die ersten Geflüch­teten fanden sich ein und begrüßten die Musiker*innen. Schließlich hatten sie sich am Vortag schon ken­nen­ge­lernt.

Länderübergreifende Abschiebehaft

Schleswig-Hol­stein, Hamburg und Meck­lenburg-Vor­pommern betreiben künftig gemeinsam Ein­richtung

Heftige Regen­schauer sorgten zunächst für eine Ver­zö­gerung, doch mit einer Stunde Ver­spätung konnte das Konzert beginnen. Zuvor waren Zelte auf­gebaut worden, um die emp­find­lichen Instru­mente zu schützen. Das Publikum hatte Regen­jacken mit­ge­bracht. Höhe­punkt der Auf­führung war der Gefan­gen­genchor von Giu­seppe Verdi.

Die Heim­be­wohner im Publikum fingen an, von ihrem Alltag zu berichten. Zwei junge Männer aus Sierra Leone beschwerten sich über ständige verbale Aus­ein­an­der­set­zungen mit dem Sicher­heits­per­sonal. Es sind oft Klei­nig­keiten, die eska­lieren.

Annette Ritter-Berger von der Lebens­laute-Pres­se­gruppe sieht durch die Schil­de­rungen wie auch durch von den Geflüch­teten mit­ge­brachte Fotos die Kritik der Künst­ler­initiative an den men­schen­un­wür­digen Bedin­gungen im Lager bestätigt: »Einer erwach­senen Person steht gesetzlich ein Wohnraum von sechs Qua­drat­metern zu. Dieser Min­dest­standard wird in der Erst­auf­nah­me­ein­richtung deutlich unter­schritten.«

Auch Franz Forsmann vom Ham­burger Flücht­lingsrat äußerte gegenüber »nd« scharfe Kritik. Er berät seit Jahren Geflüchtete – die nur außerhalb des Lagers in einem Con­tainer möglich ist. Die Bewohner*innen beklagen vor allem die Lage der Ein­richtung im Nie­mandsland. Der Aufwand an Zeit und Geld für jeden Einkauf, jeden Arzt­besuch ist hoch. Der Ham­burger Flücht­lingsrat ist in Nostorf-Horst aktiv, weil dort seit 2006 auch Geflüchtete aus der Han­se­stadt unter­ge­bracht werden. In einigen Wochen soll damit Schluss sein, denn ab 31. Sep­tember sollen aus Hamburg kom­mende Geflüchtete in Schwerin unter­ge­bracht werden.

Für Forsmann ist das aber kein Grund zum Feiern. Denn Meck­lenburg-Vor­pom­merns Innen­mi­nister Lorenz Caffier (CDU) hat den Standort Horst für ein soge­nanntes Anker­zentrum ins Gespräch gebracht, in dem alle neuen Asylbewerber*innen regis­triert, unter­ge­bracht und von dort auch abge­schoben werden sollen.

Auf Nach­frage des Senders NDR hat das Innen­mi­nis­terium die Kritik der Gruppe Lebens­laute an der Situation in Horst zurück­ge­wiesen. Doch die Spre­cherin der Lebens­laute bleibt bei ihrem Vorwurf: »Wir haben die Ein­richtung hier ein Frei­luft­ge­fängnis genannt, und das Minis­terium ant­wortet, die Flücht­linge seien nicht ein­ge­sperrt«, sagt Ritter-Berger. »Das haben wir aber auch nicht behauptet. Wir kri­ti­sieren, dass sie durch die abge­schiedene Lage gezwungen sind, in der Ein­richtung zu bleiben.« Deshalb fordert Lebens­laute die sofortige Schließung des Lagers.

Peter Nowak