
Ein Aperol Spritz in der Abendsonne. Ein Schulmädchen, das von seinen „Mausis“ schwärmt. Ein durchtrainierter Mann mit Bauhelm im stillgelegten Stollen. Drei Instagram-Profile, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben – und die doch alle für dasselbe Milieu werben, kurz bevor in Sachsen-Anhalt gewählt wird. Dass Streamer und Influencer im Wahlkampf inzwischen eine Schlüsselrolle spielen, beobachtet der …
… Kasseler Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder: Vor allem die AfD setze gezielt auf diese Reichweite, um einen Gegenpol zu etablierten Medien zu konstruieren. Influencer übertragen Parteiveranstaltungen live, „mit dem Gedanken, wir bringen das wahre Bild, wir bringen die ungeschminkte Wahrheit“, sagte Schroeder kürzlich im Deutschlandfunk. Wer aber sind die Menschen hinter diesen Kanälen?
„Carofragt“: Die Deutsch-Brasilianerin, die für die „Junge Freiheit“ wirbt
„Ich habe Fragen @jungefreiheit“ steht in der Bio von Carofragt (27.800 Follower), sie verlinkt zum Ticketshop der rechten Wochenzeitung. Die Junge Freiheit gilt Politikwissenschaftlern als Scharnier zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus. Schon der frühere AfD-Landeschef Alexander Gauland brachte die Nähe auf den Punkt: „Wer die AfD verstehen will, muss die Junge Freiheit lesen.“
Wie die heute 27-jährige Deutsch-Brasilianerin dorthin kam, schilderte sie in einem Podcast bei der Journalistin Jasmin Kosubek: Mit elf Jahren, mitten im Rosenkrieg ihrer Eltern, kam sie für drei Jahre ins Heim. Später studierte sie Soziale Arbeit, spezialisiert auf sogenanntes „Hochrisikoklientel“. Gemeint sind Kinder, die aus jeder Einrichtung wieder herausfallen.
Zwei Fälle erzählt sie besonders eindringlich: ein Neunjähriger mit acht Einrichtungen, während der zuständige Träger monatlich 40.000 bis 50.000 Euro abrechnete; und ein zwölfjähriger albanischer Junge, dessen Betreuung sich am Ende auf 1,2 Millionen Euro im Jahr summierte – bevor sie mit einem Messerangriff endete, obwohl sie zuvor gewarnt hatte. Ihr Vorwurf: Das System halte Kinder lieber im Kreislauf, weil sich daran verdienen lasse.
Politisch plädiert sie für mehr Autorität in der Erziehung, mehr Geburten, weniger Kitas. Als Vorbild nennt sie den polnischen Präsidenten Karol Nawrocki mit seinen Steuererleichterungen für Geringverdienerfamilien. Als Chefredakteur Dieter Stein sie im Oktober als neue Mitarbeiterin der Jungen Freiheit vorstellte, klang das wie eine Erfolgsgeschichte: Sie habe an einem Jungautorenseminar der Zeitung teilgenommen „und ist gleich mit einem eigenen Kanal eingestiegen“.
Die Kommentare unter ihren Videos sind gespalten: Manche loben sie als „krass logisch” und „nicht rechts, sondern einfach differenziert”, andere nutzen ihre Fallschilderungen unverhohlen zur pauschalen Hetze gegen Migration.
„Mädel mit Meinung“: Mit 15 Jahren für Höcke und Co. trommeln
Seit Januar 2025 postet die 15-jährige Lea aus dem Ostalbkreis als Mädel mit Meinung.Binnen gut einem Jahr kam sie auf über 87.000 Follower. Ihr erster Post zeigt sie mit dem heutigen Bundestagsabgeordneten Ruben Rupp. Es folgen AfD-Stammtische, Infostände und Parteitage quer durch Baden-Württemberg sowie Fotos mit Spitzenpolitikern wie Markus Frohnmaier.
Ihr liebstes Thema ist die Schule: Kinder seien „zu eingeschüchtert“ und übernähmen unhinterfragt, „was der Lehrer sagt und der Lehrer erzählt halt manchmal einfach Blödsinn“. Von sich selbst sagt sie das Gegenteil: „Ich lasse mir von keinem Lehrer vorschreiben, was ich zu denken habe. Wer links ist, darf alles sagen. Wer rechts denkt, soll schweigen.“ Und: „Ich würde mich auch selbst als rechts bezeichnen“.
Ihre Kontakte reichen weit: Sie war bei der Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ in Gießen dabei, posierte auf einer rechtsextremen Büchermesse mit dem Bundessprecher der Identitären Bewegung und traf sowohl Martin Sellner als auch FPÖ-Chef Herbert Kickl beim Neujahrstreffen in Klagenfurt, wo sie ihn „Mausi“ nannte.
Im Sommer 2025 absolvierte sie ein Praktikum bei Compact. Das Magazin gilt dem Bundesamt für Verfassungsschutz seit Dezember 2021 als gesichert rechtsextremistisch, weil es ein „antisemitisches, minderheitenfeindliches und geschichtsrevisionistisches Weltbild“ verbreite. Ein Verbotsversuch der damaligen Innenministerin Nancy Faeserwurde 2025 gerichtlich wieder aufgehoben, seither erscheint das Magazin mit einer der höchsten Auflagen im rechten Lager.
Ende Januar 2026 war Mädel mit Meinung zum 15-jährigen Compact-Jubiläum eingeladen und postete ein Foto mit Chefredakteur Jürgen Elsässer. Daneben pflegt sie zunehmend beiläufigere Formate. Im Dezember etwa bewarb sie die Schweizer Seifenmarke Helvera, hergestellt aus Rindertalg, deren Gründer der Bruder eines Mitglieds der Schweizer Neonazi-Gruppe „Junge Tat“ ist.
Paul Klemm: Roederich Kiesewetter stolperte vor seiner Kamera
Und dann ist da noch Paul Klemm. Bekannt wurde der zunächst durch den Auftritt eines anderen: Als CDU-Politiker Roderich Kiesewetter ein Interview mit ihm ablehnte und dabei von der Bühne stürzte, verbreitete sich das Video rasant – Klemm postete die Szene selbst bei X, rechte Blogs griffen sie genüsslich auf.
Klemm war schon als Jugendlicher in der Identitären Bewegung aktiv und leitet bis heute gemeinsam mit Torsten Görke den Verein GenerationID, der zu deren Netzwerk gehört. Beide sitzen zudem im Vorstand des sächsischen „Filmkunstkollektivs“, das laut taz-Recherchen unter anderem von einem Spross der einschlägig bekannten Neonazi-Familie Nahrath mitgegründet wurde und sich selbst als „unser Bindeglied zu alternativen Medien“ bezeichnet. Der Verein inszenierte eine schwärmerische Höcke-Dokumentation und wird nach eigenen Angaben auch von AfD-Politikern finanziell gefördert.
Heute leitet Klemm das TV-Format von Compact. Über den „Remigrationsgipfel“ in Mailand, bei dem auch Sellner sprach, schrieb er, das könne „der Anfang von etwas Großem“ sein. Als Sänger Xavier Naidoo im März vor der Berliner Siegessäule gegen das Schweigen zu den Epstein-Files protestierte, feierte Klemm das als „Aufstehen für die Kinder“. Wie geschickt er auch scheinbar unpolitische Themen instrumentalisiert, zeigte sich im April 2026 bei dem in der Ostsee gestrandeten Wal.
In einem Youtube-Video mit dem Titel „Sie lassen den Wal verrecken!“ – binnen weniger Tage über 75.000 Mal angeklickt – erklärte er das Tier zum „Symbol für eine Politik, die weder Hope noch ihr eigenes Volk zu retten in der Lage ist“, und mutmaßte, von den Grünen unterstützte Offshore-Windparks hätten den Wal orientierungslos gemacht. Der Nabu-Meeresschutzexperte Kim Detloff widersprach: Wahrscheinlicher sei der Lärm des Schiffsverkehrs verantwortlich.
Influencer, die keine Nachrichten mehr vermitteln, sondern ein Gefühl
Auf den ersten Blick trennt diese drei Accounts fast alles. Doch sie liefern etwas, das klassischen rechten Medien fehlt – Nahbarkeit. Eine Sozialarbeiterin, die von echten Fällen erzählt und damit auch Menschen erreicht, die sich selbst nicht als rechts verstehen. Ein Schulmädchen, das jugendliche Auflehnung mit AfD-Nähe verwechselt und dabei längst professionell in ein rechtsextremes Netzwerk eingebunden ist. Und ein Aktivist mit jahrelanger Identitären-Vergangenheit, der jedes emotionale Thema für seine Agenda nutzt.
Genau diese Mischung aus scheinbarer Alltagsnähe und politischer Zuspitzung ist es, die Wolfgang Schroeder kurz vor der Sachsen-Anhalt-Wahl beunruhigt beobachtet: Influencer, die keine Nachrichten mehr vermitteln, sondern ein Gefühl – die „Konstruktion eines eigenen Wir“. Peter Nowak