Das Witaj-Festival und die Geschichte des sorbischen Films

Gelebte Demokratie am Krabatstein

Paul Geigerzähler hatte einen großen Anteil daran, dass sich junge Menschen aus den sorbischen Gebieten mit sorbischer Sprache und Musik befassen. in diese Welt einzutauchen; das nächste Witaj- Festival findet vom 23. bis 25. Juli2027 wieder im ehemaligen Steinbruch statt

Seit dem Höhenflug der AfD werden in linken und linkslibealen Medien oft besondere Orte der Demokratie vorgestellt, die gepflegt werden sollten. Dann dauert es meistens nicht lang, bis Politiker*innen der unterschiedlichen Parteien dort oft uneingeladen zum Fototermin aufkreuzen. Beim Witaj-Festival, das in diesen Jahr vom …

… 24. bis 26. Juli am Krabatzstein bei Nebelschütz über die Bühne ging, war das bisher nicht der Fall.

Daniel Häfner sieht es als Glücksfall, dass das Witaj-Festival bisher unter dem Radar der linken Großstadtszene und auch der linksliberalen Medien blieb. Häfner war viele Jahre in der Umweltbewegung aktiv, u.a. im Netzwerk „Alle Dörfer bleiben“, das sich gegen die Abbaggerung in der Lausitz und anderswo engagierte. Jetzt setzt er seine Vorstellungen als Gechäftsführer zur Transformati- on der Lausitz um. Dabei geht es um ein Leben in der Kohle- region im postfossilen Zeitalter. Es ist die Region der sorbisch/ wendischen Minderheit. Menschen, die die Gegend schon besucht haben, werden die zwei- sprachigen deutsch-sorbischen Straßenschilder im Stadtbild von Bautzen, Cottbus, Görlitz aufgefallen sein. Vielen ist es noch nicht bekannt, dass in dieser Region eine Bevölkerung mit eigener Sprache und Geschichte lebt. Am Witaj- Festival konnte man viel darüber erfahren.

Sorbische Filmkunst in Geschichte und Gegenwart

Der Freitag gehörte auf dem kleinen Festivalplatz der Geschichte des sorbischen Films. Darüber referierte die Regisseurin und Autorin Grit Lembke fast drei Stunden. Langweilig wurde es nie, weil sie ihre Thesen mit kurz eingespielten Filmausschnitten untermauerte. Dabei zeigte Lemke auf, wie der sorbische Film in der DDR eine Blütezeit erlebte. Sie benannte dafür mehrere Gründe: Die sorbische Minderheit, die in der NS-Zeit verfolgt und unterdrückt wurde, bekam in der DDR Anerkennung, auch auf kulturellen Gebiet. Ausführlich ging Lemke auf die 1980 in Bautzen von Toni Brik gegründete Produktionsgruppe des Sorbischen Films ein. Es war offiziell eine staatliche Einrichtung. Doch hier trafen sich junge Menschen, die nicht darauf warteten, dass ihnen Bürokrat*innen und Funktionär*innen aus Berlin irgendwelche Pläne vorsetzten. Sie hatten das Glück, dass Bautzen weit genug von Berlin entfernt war und die Hauptstadt- Bürokrat*innen im wahrsten Sinne des Worts keinen Plan für die sorbische Minderheit hatten. So entstanden Filme mit gesellschaftskritischen Inhalten, die in Berlin wahrscheinlich so nicht hätten erscheinen können

Als positiv hob Lemke hervor, dass die sorbische Minderheit in den Filmen nicht exotisiert wurde. Sie wurden nicht in Trachten gesteckt und beim Eiermalen gezeigt, alles Klischees, die mit der sorbischen Kultur verbunden werden. Davon wimmelt es aktuell in den beliebten Spreewaldkrimis der jüngeren Zeit. In den DDR-Filmen wurden Sorb*innen als Lehrer*innen, als Wissenschaftler*innen gezeigt, also in den Berufen, in denen sie, wie viele andere Menschen auch, arbeiteten. Natürlich wurden sie auch als Arbeiter*innen im Lausitzer Kohlerevier dargestellt. Doch Lemke zeigte auch einen Filmausschnitt aus den 1980er Jahren, wo bereits die Zerstörung von Umwelt und Lebensumständen der Menschen in der Region durch den Kohleabbau thematisiert wurde.

Wer nach dem Vortrag noch nicht genug von der sorbischen Filmkunst hatte, konnte auf der großen Bühne einige der Filme vollständig sehen, die im Vor- trag angeteasert wurden. Erst kurz vor Mitternacht setzte dann die Musik im Steinbruch ein, der mit bunten Lichtinstallationen tatsächlich für einige Zeit zum Ort der Sagen und Märchen transformiert wurde.

Von Paul bis Pisse

Der Samstag gehörte dann den vielfältigen musikalischen Dar- bietungen in sorbischer Sprache. Eingeleitet wurde der Abend durch den anarchistischen Mu- siker Paul Geigerzähler, der mit seiner sorbisch-sprachigen Platte „Berlinska Dróha“ (Berliner Ecke) einen großen Anteil daran hatte, dass sich junge Menschen aus den sorbischen Gebieten auch in ihren neuen Wohnorten, in Berlin, Leipzig und Dresden, mit sorbischer Sprache und Musik befassen. Da gibt es eine gro- ße Palette. Auch die Punkband Pisse, deren Musiker*innen in Hoyerswerda aufgewachsen waren, gehört dazu. Sie war auf dem Festival nicht vertreten. Doch Jacke Schwarz, der als Gastmusiker bei einigen Pisse-Songs auftrat, war der Schlussakt beim Witoj-Festival am Samstagabend. Er kam aus Nebelschütz, hatte dort also ein Heimspiel. Das galt auch für den langjährigen Bürgermeister der Gemeinde, Thomas Zschornak, der mit seinen großen Sonnenhut immer am Festivalort war. Auf kleinen Exkursionen durch den Steinbruch erzählte er, wie er mit einigen Mitstreiter*innen den Ort als ökologisches Biotop und Ort einer internationalen Skulpturen-Werkstatt erhalten hat. Das ist auch ein Beispiel für gelebte Demokratie von un- ten, ganz ohne Parteiprominenz und Demokratiepreise. Wer Lust bekommen hat, in diese Welt einzutauchen; das nächste Witaj- Festival findet vom 23. bis 25. Juli2027 wieder im ehemaligen Steinbruch statt (1).

Peter Nowak

Anmerkung:
1) Infos:

Erstveröffentlichungsort: