
Ein Kind, gekleidet in eine Militärjacke: Diese eindringliche Fotomontage des Künstlers Gottfried Helnwein findet sich auf der Titelseite des kürzlich im Verlag Graswurzelrevolution veröffentlichten Sammelbandes mit dem Titel »Kriegsuntüchtigkeit als Chance«. Dort sind 42 Essays und andere Beiträge gegen den gar nicht so neuen, …
… aber wieder sehr lebendigen deutschen Militarismus versammelt. Herausgeber ist der langjährige Friedensaktivist Hermann Theisen, der wegen Verteilung antimilitaristischer Flugblätter und wegen zivilen Ungehorsams schon drei Gefängnisstrafen hinter sich hat.
Alle Beiträge folgen einer Maxime, die Theisen im Vorwort beschreibt: Die Anthologie verstehe sich als entschiedenes Plädoyer für einen radikalen Perspektivwechsel und lade dazu ein, die gegenwärtig vorherrschenden und auf destruktive und anachronistische Weise festgefahrenen Denkmuster zu verlassen, um sich »konsequent nichtmilitärischen Zukunftvisionen zuzuwenden«. Zudem verbindet Theisen den Widerspruch gegen den Militarismus mit dem Kampf gegen den Klimawandel.
Der Kreis der Autor*innen ist divers. Der sich als anarchistisch verstehende Publizist Ilija Trojanow gehört ebenso dazu wie der Linke-Politiker Gregor Gysi, die Philosophin Annette Schlemm, die Kulturwissenschaftlerin Georgania Banita und Roland Blach, wie Theisen seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung aktiv.
Bernd Fischer vom Bremer Friedensforum schreibt von den Schwierigkeiten, in der »Zeitenwende« antimilitaristischen Protest zu artikulieren. Fischer gehört zu einer kleinen Gruppe, die jeden Donnerstag in der Bremer Innenstadt eine Friedensmahnwache organisiert. Zum politischen Klima im linksliberalen Bremen schreibt er: »Weil wir uns mit Blick auf die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg weigern, den Präsidenten der Russischen Föderation als Inkarnation des Bösen zu dämonisieren und nicht darauf verzichten, die Verantwortung der USA und der Nato an der ukrainischen Katastrophe zu benennen, werden wir in der Bremer Presse als Steigbügelhalter der russischen Kriegsmaschinerie oder als Putins Büttel denunziert.«
Fischer weist auch darauf hin, dass es auch von Leuten Diffamierungen gäbe, die dem Friedensforum einmal eng verbunden waren, aber mittlerweile damit nichts mehr zu tun haben wollen. Er charakterisiert treffend das Milieu der Ex-Pazifist*innen, die sich zu Bellizist*innen gemausert haben und sogar ihre frühere Kriegsdienstverweigerung heute bereuen. Wie immer in Zeiten des Militarismus drängten sich auch Menschen zur Fahne, die mal klüger gewesen sind.
Allerdings fällt auf, dass kaum jüngere Menschen in dem Buch zu Wort kommen, die sich beispielsweise heute gegen den neuen Kriegsdienst engagieren. Der Liedermacher Max Prosa gehört mit 37 Jahren zu den jüngsten Beiträgern. Er hat ein Lied beigesteuert, das er mit seiner Kollegin Dota Kehr zusammen produziert hat.
Mit den Redakteur der Zeitung »Graswurzelrevolution«, Lou Marin kommt ein Autor zu Wort, der deutliche Worte zu den Kriegsursachen findet: »Nein, Krieg kann sowohl kurz- als auch langfristig nicht durch Diplomatie, sondern nur durch eine Antikriegsbewegung von unten beendet werden, die durch massenhafte Verweigerung und gewaltfreien Widerstand geprägt ist.« Aus dieser staats- und kapitalismuskritischen Richtung hätte man sich noch mehr Stimmen in dem Band gewünscht, etwa einen vom Bündnis Rheinmetall Entwaffnen.
Trotz dieses Einwandes ist die Anthologie sehr lesenswert. Bleibt zu hoffen, dass solche Stimmen gegen Krieg und Militarismus in der deutschen Öffentlichkeit wieder lauter vernehmbar werden und vor allem Gehör finden.
Hermann Theisen (Hg.): Kriegsuntüchtigkeit als Chance. Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung, Verlag Graswurzelrevolution 2026, 28 €.
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1201260.antimilitarismus-einsprueche-gegen-kriegstuechtigkeit.html