
Bei schönem Sommerwetter möchte niemand die Freizeit in Innenräumen verbringen – das zumindest dachte sich der Bildungsverein Helle Panke und lud zum Spaziergang rund um den Rosa-Luxemburg-Platz ein. Am Donnerstag kamen etwa ein Dutzend Menschen zusammen, um über Vergangenheit und Gegenwart der antifaschistischen Aktion zu lernen. Viele kannten schon Bernd Langer, der die Teilnehmer*innen durch das Viertel leitete und sie unterwegs kurzweilig in die Anfänge des Antifaschimus in der Weimarer Republik einführte. Dabei verwies er auch auf die Ereignisse rund um den Rosa-Luxemburg-Platz. Langer ist seit vielen Jahren ein Kenner der …
… antifaschistischen Bewegung. Im Unrast-Verlag hat er die Geschichtstrilogie »Antifaschistische Aktion« herausgegeben, deren 3. Band kürzlich erschienen ist. »Wir wollten keine klassische Buchvorstellung machen, sondern mit einen historischen Spaziergang die antifaschistische Geschichte erkunden« sagte Frank Engster von der Hellen Panke zu Beginn des Stadtrundgangs an der Volksbühne. Langer erklärte am Anfang der Veranstaltung die Herkunft des Begriffs Scheunenviertel, das am heutigen Rosa-Luxemburg Platz begann. Benannt war es nach den Scheunen, die dort auf Befehl der preußischen Obrigkeit im 18 Jahrhundert wegen der Brandgefahr außerhalb des damaligen Berlins errichtet wurden. Ebenfalls auf Befehl eines preussischen Potentaten musste sich die jüdische Bevölkerung Berlins ohne Grundbesitz dort ansiedeln. In der Zeit der Weimarer Republik gab es im Scheunenviertel eine großen jüdischen Bevölkerungsanteil. Der war früh antisemitischen Attacken ausgesetzt. Bereits während der Inflationszeit 1923 organisierten völkische Gruppen dort ein Pogrom. Damals spielte die NSDAP in Berlin anders als in Bayern noch keine Rolle. Aber es gab dort längst eine republikfeindliche Bewegung. Darin agierten viele Mitglieder der Freikorps, die in den Jahren 1918/19 von der SPD-geführten Regierung gegen die Arbeiter*innen eingesetzt wurden, die für eine sozialistische Räterepublik kämpften. Langer zeigte ein Foto, auf dem ein Panzer der Freikorps auf dem Bülowplatz zu sehen war, wie damals der Rosa-Luxemburg-Platz hieß. Er erinnerte daran, dass diese Freikorps im März 1919 vor allem in den Ostbezirken Berlins über 1200 Menschen töteten. Nicht wenige Arbeiter wurden nach ihrer Verhaftung erschossen. »Damals kam die Redewendung ›jemanden an die Wand stellen‹ auf«, sagte Langer.
Nicht wenige der Freikorpsmitglieder waren im März 1920 am sogenannten Kapp-Putsch beteiligt, als Monarchisten und Teile des Militärs die Weimarer Republik beseitigen wollten. Der Putsch scheiterte, weil Arbeiter*innen der unterschiedlichen Strömungen mit einen Generalstreik das Land lahmlegten. »Das war für mich das Beispiel von erfolgreichem Antifaschismus, obwohl es den Begriff damals noch nicht gab«, sagte Langer. Er erinnerte daran, dass auch die kommunistischen Arbeiter*innen an der Basis sich am Widerstand gegen den rechten Putsch beteiligten, während die KPD-Führung erst mehrere Stunden später dazu aufrief. Dort war man zunächst der Überzeugung, dass man eine Regierung, die ein Jahr zuvor auf Tausende Arbeiter*innen schießen ließ, nicht verteidigen werde. »Doch die Menschen an der Basis erkannten den Unterschied zwischen einer bürgerlichen Republik und der Herrschaft von extremen Rechten«, zog Langer eine Parallele zur Gegenwart.
Im Laufe des Spaziergangs ging Langer auch kritisch auf Fehler der antifaschistischen Bewegung ein. Dazu gehörte die Sozialfaschismustheorie der KPD, die die Sozialdemokratie zeitweise zum Hauptfeind erklärte, ebenso wie der schwarz-rot-goldene Nationalismus der Eisernen Front der SPD, die Nazis und KPD zum Hauptfeind erklärten.
Am linken Vereinslokal Baiz, endete der Spaziergang. Dort klebt an einer Wand ein Aufkleber des Rotfrontkämpferbunds. Er zeigt, dass sich linke Gruppen wieder mit der Geschichte befassen. Doch für Langer ist eins wichtig: »Antifaschismus sollte mit Geschichte kritisch und undogmatisch umgehen.
Peter Nowak
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1201225.geschichte-auf-den-spuren-des-antifaschismus.html