Wie Danger Dan und Uwe Steimle an die Grenzen der Kunstfreiheit stießen. Unterstützung brauchen jedoch die vielen gecancelten Künstler, über die kaum jemand redet.

Danger Dan und Uwe Steimle: Doch nicht alles von der Meinungsfreiheit gedeckt

Wer sich für die wirklichen Opfer der autoritären Wende in Deutschland auch im Kunstbetrieb interessiert, der kann den Newsletter des Berliner Künstlers Thomas Kilpper studieren. Er arbeitet mit künstlerischen Mitteln und benennt Menschen, die wirklich gecancelt wurden und die von einen Danger Dan und einen Uwe Steimle bestimmt keine Unterstützung bekommen.

Etwas Besseres hätte dem HipHoper Danger Dan nicht passieren können, als dass er von der linksliberalen ZDF-Sendung “Die Anstalt“ aus politischen und nicht aus ästhetischen Gründen ausgeladen wurde. Denn bei dem Song …

…  „Keine Angst“ handelt es sich um einen Flugblatttext mit Hintergrundmusik. Das Beste daran sind dann tatsächlich noch die Grüße an die Antifaschistinnen und Antifaschisten, die sich aktuell vor Gericht und größtenteils in den Gefängnissen befinden.

Was die übrigen sieben Minuten des Songs betrifft, sollte man Danger Dan und seine Kollegen zitieren, die in einem Interview mit dem Neuen Deutschland im Jahr 2014 gesagt haben: „Wenn man Kunst für irgendwelche Zwecke funktionalisieren würde, wäre das keine Kunst mehr, sondern Propaganda.“ Der Song „Keine Angst“ ist sieben Minuten Propaganda.

Wenn man sich den Songtext anschaut, wird man den autoritären Ordnungsbürger wiederfinden, der seine Nachbarn bespitzelt und nach der Devise handelt, der gute Zweck heiligt alle Mittel. Nur einige Beispiele:

„Holt den Papiermüll ab, lauft ihn‘n nach

Zu ihren Häusern, ihren Wohnungen, den Treffpunkten und Bars …

werdet dreist, delinquent …

Die Erfahrung zeigt, dass doch etwas passiert

Wenn man ihr gesamtes Umfeld kontaktiert

Früher nannte man das Outing-Aktion

Es hingen Flyer und Plakate, in den Vierteln, wo sie wohnen

Mit Fotos und Funktion’n, mit Nam’n und mit Adressen

Niemand wird ein Nazischwein als sein’n Nachbarn möchten.

Das flankierte man mit ein paar Telefonaten

Um ihre Schul’n, Unis, Arbeitgeber zu beraten

Man wünschte ein’n guten Tag und fragte dann: ‚Wie

Passt so etwas in eure Firm’nphilosophie?’“  

Da fällt das große Vertrauen in die deutsche Bevölkerung auf, von einem Musiker, der sich immer als besonders harter Antideutscher geriet. Zudem muss man sich bei ihm auch fragen, wer alles Opfer dieser Outingaktionen werden soll.

Wenn aus Gegnern von Stuttgart 21 deutsche Wutbürger werden

 Danger Dan und seine Freunde von der Band Antilopengang haben nie verheimlicht, dass sie ihre Gegner auch bei Linken sehen. Dazu gehört neben der längst vergessenen Occupy-Bewegung auch die Protestbewegung gegen Stuttgart 21, die sie sogar gemeinsam  mit der Polizei bekämpfen wollen. Nun könnte man denken, dass ist einfach so ein Songspruch am Ende eines Konzerts, auf dem viel Alkohol geflossen ist. Aber auch da sollten wir Danger Dan und seine Freunde noch mal aus dem  ND-Interview zitieren:

„Also Blockupy fand‘ ich schon besonders dumm. Diese Idee, es gäbe irgendwie 99% von Unterdrückten, die von einem Prozent Reicher unterdrückt werden – ein besseres Beispiel für verkürzte Kapitalismuskritik gibt’s eigentlich gar nicht. Da würde auch die NPD unterschreiben und mitmachen. … Das das überhaupt noch geht, dass Linke sich auf so einen Unsinn einigen können, hat mich krass verwundert. Da bin ich dann doch sehr froh über Rechtsstaatlichkeit, über Polizisten, die diese Leute dann im Zaum halten. Und ich würde auch tatsächlich, wenn diese Leute sich erheben und das umsetzen wollen, was da zwischen den Zeilen angekündigt wird, dieses reiche eine Prozent – wer auch immer das sein soll – wenn die die jetzt lynchen würden, würde ich auch auf der Seite der Polizei gegen sie kämpfen. Mit Waffengewalt.“ Danger Dan, ND

Nun gibt es tatsächlich viel berechtige Kritik an der verkürzten Kapitalismuskritik der Occupy-Bewegung, Doch das  Narrativ von den Kapitalisten, die Gefahr laufen, von Aktivisten der Occupy-Bewegung gelyncht zu werden, würde man eher bei ultrarechten Gruppen um Trump und Musk vermuten, als bei linken Künstlern. Und dann bekommt auch die völlig gewaltfreie Bewegung gegen Stuttgart 21 eine Hassbotschaft von Danger Dan:

„Das Problem ist das gleiche. Da haben sich die Leute aufgeregt und gesagt: Die Reichen machen da irgendwelche Prestigeprojekte und die Armen kriegen nichts ab. Es ging nicht um irgendwelche Käfer in irgendwelchen Bäumen. Der ganze Links-Deutsche Mob konnte sich darauf einigen. So furchtbar lächerlich dieser Protest. Und am Ende sieht man auch, wenn man das demokratisch löst, dass die auch die Minderheit waren. Die ganze Zeit schreien die ‚Wir sind die Mehrheit‘ und dann sieht man halt, wenn es zu einer Abstimmung kommt, dass sie die Minderheit sind.“ Danger Dan

Daran kann man nur feststellen, dass hier jemand keine Ahnung von den Hintergründen der  Bewegung gegen Stuttgart 21 hat und trotzdem große Töne spuckt. Wer mit der Polizei gegen die Menschen kämpfen will, die sich gegen ein kapitalistisches Bahnprojekt wehren, darf natürlich nicht den brutalen Polizeiüberfall vom 30. September 2010 auf Demonstranten gegen Stuttgart 21 erwähnen, bei dem zahlreiche Menschen schwer verletzt wurden und einige sogar ihr Augenlicht verloren.

Im nd-Interview spricht Dan Dangers Freund und Sangesbruder Panik Panzer Klartext:

„Um noch einmal kurz etwas Unpolitisches zu sagen: Stuttgart 21 ist ein sehr notwendiges Projekt. Wir hatten mal einen Auftritt in Baden-Württemberg, waren an diesem schrecklichen Kopfbahnhof, der so scheiße aufgebaut ist, dass wir halt knallhart unseren Anschlusszug verpasst haben und zu spät zum Soundcheck gekommen sind. Da wurde mir klar, dass ein moderner Bahnhof dieser Stadt gut tun würde. Da muss ich mal eine Lanze brechen für Stuttgart.“ Panik Panzer

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien, die beweisen, dass das Projekt Stuttgart 21 kein Beitrag für eine bessere Zugfahrt ist. Da stellt sich schon die Frage, wieso man sich echauffieren soll, wenn einer, der offen bekundet, mit der Polizei gegen linke Proteste vorzugehen, bei den Öffentlich-Rechtlichen Medien ausgeladen wird? Ist halt doch nicht alles von der Kunstfreiheit gedeckt.

Danger Dan und Co.  können natürlich über die Publicity froh sein, die sie durch die Ausladung bekommen. Die Klickzahlen für ihr gereimtes Flugblatt gingen sofort in die Höhe.

Auch Rechte machen Witze

Aber natürlich sollen Danger und Co. ihre Botschaften genauso verbreiten können, wie Uwe Steimle, ein anderer Satiriker, der es vom Honecker-Imitator zur Witzfigur auf  einer AfD-Veranstaltung geschafft hat. Da haben sich sofort alle braven Staatsbürger echauffiert, weil dort die Nationalhymne der DDR gespielt worden war, das grenzt dann schon an Staatsverrat. Einige schale Witze über Friedrich Merz, Stauffenberg das Bild von Angela Merkel, das an der Wand hängt oder an der Wand steht, führte sogar zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Sollte nicht auch schlechte Witze von der Kunstfreiheit gedeckt sein?

Man muss weder Steimle noch Danger Dan gut finden, aber man sollte klarstellen, dass sie nicht von staatlichen Stellen behelligt werden. Wobei Danger Dan schon viel Zuspruch aus dem Umfeld der SPD bekommen hat. Warum auch nicht? Schließlich arbeitet er seit vielen Jahren mit dem Goethe-Institut zusammen. Die paar radikalen Reime werden dort sicher nicht gerne gehört. Aber sie haben seine Liedtexte und Interviews sicher gelesen und wissen, dass es sich um einen radikalen Demokraten handelt, der so radikal ist, dass er gemeinsam mit der Polizei gegen die Gegner von Stuttgart 21 vorgehen würde.

Gecancelte Künstler in Deutschland

Wer sich für die wirklichen Opfer der autoritären Wende in Deutschland auch im Kunstbetrieb interessiert, der kann  den Newsletter des Berliner Künstlers Thomas Kilpper studieren. Er arbeitet mit künstlerischen Mitteln und benennt Menschen, die wirklich gecancelt wurden und die  von einen Danger Dan und einen Uwe Steimle bestimmt keine Unterstützung bekommen.   Nur ein Beispiel:

„Im November 2025 zensierte der Koordinierungsausschuss der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst unter dem Vorsitz von Annette Maechtel Ipek Burçaks Kunstprojekt ‚Nothing New in Berlin‘ nur zehn Tage nach dessen Eröffnung – aufgrund einer kapitalismuskritischen Karikatur. Obwohl die Comicfigur Logos von VW, Daimler-Benz, Shell und Rheinmetall trug, wurde sie als potenziell antisemitisch interpretiert. Immerhin räumte die NGbK Fehler ein, was jedoch leider keine positiven Folgen für die Künstlerin hatte.“

Der Rheinmetall-Konzern hat im Nationalsozialismus tausende Zwangsarbeiter in seinen Werken schuften lassen, darunter viele jüdische Frauen aus Osteuropa. Bis heute gibt es im Rheinmetall-Stammsitz Unterlüß keinen Gedenkort für sie. Doch über diesen Antisemitismus wird nicht geredet, sondern ein Kunstwerk entfernt, auf dem auch das Logo von Rheinmetall zu sehen war. Hier wäre Solidarität nötig.

Peter Nowak