Wer kennt noch AK-Kraak? Der Medienaktivismus begann nicht erst mit dem Internet

20 Jahre Indymedia

Es wäre gut, wenn am Tag (((i)), den Pro­testtag gegen die Abschaltung von Indy­media Links­innen am 25. Januar, auch der Cha­rakter von Indy­media als Medium einer plu­ralen Linken deutlich würde. Das würde auch bedeuten, den Initia­tiven, die sich wie die Gruppe für Frei­heits­rechte, die kri­ti­schen Jurist*innen und andere zivil­ge­sell­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen, die sich gegen die Abschaltung von Indy­media Links­unten aus­ge­sprochen haben, dort die Mög­lichkeit zu geben, den Protest mit­zu­ge­stalten.

„Bereitet Euch darauf vor, über­schwemmt zu werden von der Welle akti­vis­ti­scher Medi­en­ma­che­rInnen vor Ort in Seattle und überall auf der Welt, die die wirk­liche Geschichte hinter der Welt­han­dels­or­ga­ni­sation erzählen.“ Mit dieser Erklärung trat das „Inde­pendent Media Center“ am 24. November 1999 erstmals an die Öffent­lichkeit. Es war die Geburts­stunde der.….

.…. alter­na­tiven Inter­net­plattform Indy­media. Wenige Tage später, vom 30. November bis 2. Dezember, tagten die Wirt­schafts- und Han­dels­mi­nister der Welt­han­dels­or­ga­ni­sation (WTO) in Seattle. Das Treffen endete ergeb­nislos. Das lag unter anderem an den schwer über­brück­baren Dif­fe­renzen in der Han­dels­po­litik. Doch erstmals war auf einem solchen Gipfel eine trans­na­tionale Pro­test­be­wegung hör- und sichtbar. (1)

Während der Gip­fel­pro­teste blo­ckierten Tau­sende die Stadt. Die Bilder, Videos und Erklä­rungen der Gipfelgegner*innen wurden von den Aktivist*innen fast in Echtzeit in alle Welt über­tragen. Auch die Doku­men­tation von Poli­zei­gewalt gegen die Demons­trie­renden ver­breitete sich via Indy­media schnell um den Globus. Genauso schnell wurden Soli­da­ri­täts­ak­tionen orga­ni­siert. Der neue Zyklus der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Pro­teste wäre ohne die Begeis­terung der Medienaktivist*innen der ersten Stunde nicht denkbar gewesen. Aus Seattle berich­teten zahl­reiche Aktivist*innen. Aus der ersten Erklärung des Inde­pendent Media Centers spricht der Opti­mismus, die neuen Medien im Kampf für eine gerechtere Gesell­schafts­ordnung ein­setzen zu können.

„Das Web ver­ändert die Balance zwi­schen mul­ti­na­tio­nalen und akti­vis­ti­schen Medien dra­ma­tisch. Mit ein bisschen Code und etwas bil­ligem Equipment können wir eine auto­ma­ti­sierte Live-Website auf­setzen, die den Unter­nehmen Kon­kurrenz macht“, hieß es da. 20 Jahre später klingen diese Zeilen naiv. Dabei wird ver­gessen, dass es Ende der 1990er Jahre eine Software möglich machte, schnell und ohne große Vor­kennt­nisse Texte, Videos und Fotos im Internet zu ver­öf­fent­lichen. Darauf weist Anne Roth in einen Beitrag zum 20. Indy­media-Geburtstag unter dem pro­gram­ma­ti­schen Titel „Ein anderes Internet schien möglich“ hin. Roth enga­gierte sich einige Jahre bei Indy­media Deutschland und ist heute Refe­rentin für Netz­po­litik bei der Links­fraktion im Bun­destag. „‚Eine andere Welt ist möglich‘ ist ein Slogan des Welt­so­zi­al­forums und der Antiglo­ba­li­sie­rungs­be­wegung. Indy­media ist gemeinsam mit ihnen um die Jahr­tau­send­wende ent­standen und der Slogan drückte die Vor- stellung aus, dass es möglich sein muss, die Welt­wirt­schaft anders als entlang der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tungs­logik zu orga­ni­sieren“, beschreibt Roth den weit­ge­henden Konsens der Bewegung. Heute sieht sie im durch­ka­pi­ta­li­sierten Internet nur noch einige Nischen für Pro­jekte, bei denen es nicht ums Geschäf­te­machen geht. Aber auch heute ist das Internet aus Sicht der Medi­en­ak­ti­vistin „ein wich­tiges Werkzeug für Min­der­heiten, Bewe­gungen oder Aktivist*innen in repres­siven Umge­bungen, um sich aus­drücken und orga­ni­sieren zu können“.

Medi­en­ak­ti­vismus begann nicht mit Indy­media

Der Medi­en­ak­ti­vismus begann nicht erst vor 20 Jahren mit Indy­media. Daran erinnert Susanne Dzeik, die ab 1995 Teil des Medi­en­kol­lektivs AK-Kraak war. Es wurde 1990 in der Hochzeit der Hausbesetzer*innenbewegung gegründet. Der erste Teil des Namens bezieht sich auf die „Aktuelle Kamera“ der DDR, Kraak ist der hol­län­dische Begriff für Haus­be­set­zungen. Bereits damals hieß es im Selbst­ver­ständnis der Gruppe: „Wir sind Teil des welt­weiten sozialen Auf­bruchs zu medialer Selbst­be­stimmung.“ Der Anspruch, kein Fern- sondern ein Tief­seh­ma­gazin zu sein, habe auch bedeutet, dass man auch die eigene poli­tische Szene kri­ti­siert. Diesen selbst­kri­ti­schen und selbst­iro­ni­schen Anspruch ver­misst Dzeik bei der heu­tigen Flut von Videos. Da gehe es auch bei linken Gruppen meist nur noch um Selbst­dar­stellung und nicht um Reflektion, so Dzeik, die sich noch immer mit Film- und Video­arbeit befasst. Kürzlich wurde in Berlin ein 20 Jahre altes AK-Kraak Video gezeigt und dis­ku­tiert.

Es war nicht nur eine linke Geschichts­stunde, aus einer Zeit, als Antirassist*innen auf Grenz­camps in Sachsen und Bran­denburg gegen das Sterben an der Grenze zu Polen und Tsche­chien pro­tes­tierten. Dort war damals die Grenze zur EU, dort starben Geflüchtete, beim Versuch über die Neiße zu kommen. Es war auch die Zeit, in der Taxifahrer*innen als angeb­liche Schlepper*innen in Deutschland zu Haft­strafen ver­ur­teilt wurden, weil sie Men­schen in ihren Autos mit­ge­nommen haben, ohne nach ihrem Pass zu fragen. Der AK-Kraak-Film­abend hat auch noch mal gezeigt, dass es eben doch Vor­teile hat, wenn man Videos nicht allein im Internet anguckt, sondern in linken Räum­lich­keiten mit anderen dis­ku­tiert, aber auch gemeinsam lacht.

Der selbst­iro­nische Aspekt spielte eine große Rolle bei den AK-Kraak-Arbeiten. So sollte auch der 20. Jah­restag von Indy­media Anlass sein, selbst­kri­tisch zu reflek­tieren, dass sich manche Linke an eine Zeit vor dem Internet nicht mehr erinnern wollen. Nur so ist zu erklären, dass Medi­en­ak­ti­vismus oft mit Indy­media gleich­ge­setzt wird und Bei­spiele, die nichts mit dem Internet zu tun haben, ver­gessen werden.

Soli­da­rität mit Indy­media Links­unten

Dass nur in wenigen Medien an das Indy­media-Jubiläum erinnert wurde, ist bedau­erlich. Schließlich ist mit Indy­media Links­unten ein Teil von Indy­media in Deutschland seit mit­ler­weile über zwei Jahren mittels Ver­eins­recht abge­schaltet. Auf den 29. Januar 2020 ist jetzt der Termin der Klage gegen die Abschaltung von Indy­media Links­unten vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt in Leipzig ter­mi­niert. Am Samstag davor, am 25. Januar 2020 soll es den „Tag (((i)))“ geben und eine bun­des­weite Demons­tration in Leipzig statt­finden. Die bis­he­rigen Aufrufe tragen alle einen sehr auf die autonome Szene bezo­genen Akzent. Das ist bedau­erlich. Denn Indy­media war seit seiner Gründung eben kein Organ nur der radi­kalen Linken. Es war die Plattform einer plu­ralen Linken, auf der über Infor­ma­ti­ons­stände genau so berichtet wurde, wie über Aktionen des zivilen Unge­horsams. Aber auch mili­tante Aktionen wurden dort doku­men­tiert und auch kri­ti­siert, wie alle anderen Aktionen. Es wäre gut, wenn an dem Pro­testtag auch dieser Cha­rakter von Indy­media als Medium einer plu­ralen Linken deutlich würde. Das würde auch bedeuten, den Initia­tiven, die sich wie die Gruppe für Frei­heits­rechte, die kri­ti­schen Jurist*innen und andere zivil­ge­sell­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen, die sich gegen die Abschaltung von Indy­media Links­unten aus­ge­sprochen haben, dort die Mög­lichkeit zu geben, den Protest mit­zu­ge­stalten.

Peter Nowak

Gegen GWR-Autor Peter Nowak und zwei weitere Blogger*innen wird ermittelt, weil sie zu Soli­da­rität mit Indy­media-Links­unten als plu­rales Medium der Linken auf­ge­rufen haben. Weitere Infos:

und https://​links​unten​.soli​gruppe​.org/​call/

Weitere Infos zur Soli­da­rität mit Indy­media Links­unten gibt es hier: https://​links​unten​.soli​gruppe​.org/​call/

Anmerkung:
1) Siehe dazu auch: Ein wahres Fest des Wider­stands. Die Blo­ckade der WTO in Seattle, Artikel von Vivien Sharples, in: GWR 245, Januar 2000, https://​www​.gras​wurzel​.net/ gwr/2000/01/ein-wahres-fest-des-wider­stands/

2.) Homepage von Ak Kraak.: https://​akkraak​.squat​.net

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort: