Im Unterlüß traf sich eine Bewegung gegen Militarismus und Krieg, die für Ostermärsche kaum erreichbar ist

Krieg beginnt auch in der Lüneburger Heide

Die Anti­mi­li­ta­risten mar­kierten die Straße der Erin­nerung, die 4 Kilo­meter zwi­schen Lager und Rhein­metall-Werk, mit Bannern und Fotos der wenigen namentlich bekannten Zwangs­ar­bei­te­rinnen. Teil­weise wurden die Fotos schon zer­stört. Auch ein Gedenk­stein wurde am ehe­ma­ligen Lager Tan­nenberg errichtet. Man muss, um es zu erreichen, über das ein Grund­stück gehen, auf dem das Gäs­tehaus steht, in dem Rhein­metall noch in den 1970er Jahren Poli­tiker und Kon­zern­chefs ein­quar­tiert hatte.

Die Frie­dens­be­wegung in Deutschland hat auch schon mal bessere Zeiten erlebt. Die Zahl derer, die sich an Oster­mär­schen und anderen Kund­ge­bungen und Demons­tra­tionen betei­ligen, ist über­schaubar geworden, seitdem Deutschland in ver­schieden Teilen der Welt an Kriegen beteiligt ist Doch es gibt in Deutschland auch eine Strömung der Bewegung gegen den Krieg, die sich bewusst .…

.…Anti­mi­li­ta­risten nennen. Am 9. Sep­tember endet ein ein­wö­chiges anti­mi­li­ta­ris­ti­sches Camp in Unterlüß, einer kleinen Gemeinde in der Lüne­burger Heide. Das Camp fand mitten im Ort statt und alle sahen die Banner mit der Parole »Krieg beginnt hier«. Damit ist das Rhein­metall-Werk gemeint, das seit 1899 in der Heide seinen Sitz hat. Im Wald nur mit einen Drahtzaum abge­sperrt, befindet sich auch das Erpro­bungs­zentrum Unterlüß, in dem die Kunden der Waf­fen­schmiede ihre Pro­dukte testen können. Die Auf­gaben werden so klas­si­fi­ziert:

Das Erpro­bungs­zentrum Unterlüß ist mit seinem 50 Qua­drat­ki­lo­meter großen Erpro­bungs­ge­lände das größte private Test- und Ver­suchs­gebiet in Europa. Für nationale und inter­na­tionale Kunden führt die Rhein­metall Waffe Munition GmbH umfang­reiche Sys­tem­er­pro­bungen und Kom­po­nen­tener­pro­bungen durch. Wehr­tech­nische Unter­su­chungen werden in allen Phasen des Pro­dukt­ent­ste­hungs­pro­zesses durch­ge­führt. 

Kern­ak­ti­vi­täten sind dabei die Ermittlung und Über­prüfung der tech­ni­schen Kenn­daten, Leis­tungs­grenzen, der Funk­ti­ons­tüch­tigkeit und Zuver­läs­sigkeit sowie der Wartung und Betriebs­si­cherheit. Hierfür stehen eine Reihe modernster Anlagen und Feu­er­stel­lungen zur Ver­fügung.

Aus der Werbung für das Erpro­bungs­zentrum Unterlüß

Ein Rheinmetallgästehaus am ehemaligen Zwangsarbeiterlager

Zu den Rhein­metall-Kunden gehört u.a. die Türkei. Die in Unterlüß erproben Waffen kommen gegen die kur­dische Selbst­ver­waltung in Syrien und Teilen der Türkei zum Einsatz. Daher ist die Parole »Der Krieg beginnt hier« in Unterlüß eben eine Tat­sa­chen­be­schreibung.

Auf dem Camp spielte die Beschäf­tigung mit der kur­di­schen Selbst­ver­waltung in Rojava eine große Bedeutung. Daneben ging es auch um die bis heute unauf­ge­ar­beitete Zwangs­arbeit in Unterlüß. Im Lager Tan­nenberg, ca. 4. Kilo­meter vom Rhein­me­tallwerk ent­fernt, waren ca. 900 Jüdinnen aus Ost­europa zusam­men­ge­pfercht. In den letzten Kriegs­tagen, als die SS schon geflohen war, wurde sie vom regio­nalen Volks­sturm ins KZ Bergen Belsen gebracht, wo viele von ihnen starben. Die Täter lebten weiter im Ort und auch ihre Nach­fahren wollen darüber nicht reden. Da müsste man nur hoffen, dass jemand anfängt, dieses Schweigen über die Rolle von »ganz nor­malen Deut­schen« zu durch­brechen.

Zudem müsste der Rhein­metall-Konzern gezwungen werden, sich zu seiner Ver­ant­wortung für die Zwangs­ar­bei­te­rinnen zu bekennen und einen Gedenkort zu finan­zieren. Die Anti­mi­li­ta­risten mar­kierten die Straße der Erin­nerung, die 4 Kilo­meter zwi­schen Lager und Rhein­metall-Werk, mit Bannern und Fotos der wenigen namentlich bekannten Zwangs­ar­bei­te­rinnen. Teil­weise wurden die Fotos schon zer­stört. Auch ein Gedenk­stein wurde am ehe­ma­ligen Lager Tan­nenberg errichtet. Man muss, um es zu erreichen, über das ein Grund­stück gehen, auf dem das Gäs­tehaus steht, in dem Rhein­metall noch in den 1970er Jahren Poli­tiker und Kon­zern­chefs ein­quar­tiert hatte.

Gegen Rheinmetall in Sardinien

Die Dele­gation einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Gruppe aus Sar­dinien berichtete über die Rolle von RWM Italia. Die ita­lie­nische Filiale von Rhein­metall war gegründet worden, um die in Deutschland stren­geren Waf­fen­aus­fuhr­ge­setze zu umgehen.

Schon vor meh­reren Jahren orga­ni­sierte die anti­mi­li­ta­ris­tische Bewegung in Sar­dinien eine Blo­ckade der Rhein­metall-Anlage. Die Akti­visten berich­teten, dass sie dazu die Fabrik nicht betreten mussten. Es reichte aus, sich in einem Bereich auf­zu­halten, der aus Sicher­heits­gründen einen Wei­ter­be­trieb ver­bietet. Die Beschäf­tigen hatten dadurch einen freien Tag. Auch in Unterlüß blo­ckierten Anti­mi­li­ta­risten am Don­nertag und Freitag erfolg­reich die Zufahrtswege und die Gleise die Pro­duk­ti­ons­stätte von Rhein­metall. In dem Wald um das mit meh­reren Zäunen und Kameras schwer­be­wachte Muni­ti­ons­depot errich­teten Akti­visten immer wieder Hin­der­nisse mit Ästen. Nur an wenigen Stellen sicherte die Polizei das Gelände.

Auch an Strom­masten hatten sich einige Akti­visten gekettet. Am Freitag ließ die Polizei für ca. 30 Minuten den Strom aus­schalten. Von dem Blackout war nicht nur das Rhein­metall-Werk, sondern auch das Camp und ein Teil der Bewohner von Unterlüß betroffen. Bei der anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Abschluss­de­mons­tration am Samstag standen einige von ihnen am Stra­ßenrand und schimpften auf die Akti­visten.

Wollt Ihr wirklich für Rüstung und Krieg produzieren?«

Doch es gab auch nach­denk­li­chere Stimmen. »Ich bin froh, dass mein Sohn bei Rhein­metall Arbeit gefunden hat«, erklärte ein älterer Mann an einen Imbiss in der Nähe vom Bahnhof Unterlüß. »Doch der würde auch lieber etwas anderes als Waffen pro­du­zieren«, setzte er hinzu. Auf der Demons­tration war auch die Ham­burger IG-Metall mit einem Trans­parent ver­treten, das die Umwandlung von Rüs­tungs- in Zivil­pro­duktion for­derte. Es wäre zu wün­schen, dass dieses Thema bei einen wei­teren Camp in Unterlüß eine größere Rolle spielen könnte. Warum nicht ein Leit­trans­parent mit der Frage: »Wollt Ihr wirklich für Rüstung und Krieg pro­du­zieren?«

Das ist eine Frage, die sich auch in Unterlüß Men­schen stellen, wie in Gesprächen der letzten Tage deutlich wurde. Aller­dings ist die zuständige Gewerk­schaft IG-BCE für solche Fragen nicht besonders offen, bestä­tigte auch Charly Braun, der Kreis­vor­sit­zende des DGB in der Nach­bar­ge­meinde Munster gegenüber Tele­polis. Der auch anti­mi­li­ta­ris­tisch enga­gierte Gewerk­schafter hatte im letzten Jahr mit Betriebs­räten von Rhein­metall gesprochen, die aller­dings Ver­trau­lichkeit zur Bedingung machten. Es wäre aber sicher möglich, mit Beschäf­tigten vor Ort ins Gespräch zu kommen. Das müsste auch ganz in Sinne des Bünd­nisses sein, das das Rhein­metall-ent­waffnen-Camp nun zum zweiten Mal orga­ni­sierte.

Es knüpft damit an eine anti­mi­li­ta­ris­tische Tra­dition an, die bereits 2013 mit einem Camp in der Altmark begonnen hat. Damals war Schnög­gersdorf das Ziel, das in der Altmark nur gebaut wurde, damit dort Krieg geübt werden kann. Auch dort traf also die Parole »Krieg beginnt hier« zu. »Wir wollen zeigen, dass es einen Anti­mi­li­ta­rismus ohne Peace-Fahnen gibt«, erklärte das Mit­glied einer am Rhein­metall-Ent­waffnen-Camp betei­ligten Gruppe.

Doch auf der Abschluss­de­mons­tration des Camps am Samstag gab es dann doch einige Peace-Fahnen. Es hatten sich auch Initia­tiven und Gruppen aus der Region beteiligt. Auch die Links­partei und die ihr nahe­ste­hende Jugend­or­ga­ni­sation Solid waren ver­treten. Dort fanden sich auch über­wiegend junge Leute zusammen, gerade die Generation, die bei den Oster­mär­schen kaum anzu­treffen ist. Es scheint also, dass sich mit den Pro­testen gegen das GÜZ und Rhein­metall eine neue Anti­mi­li­ta­ris­mus­be­wegung her­aus­bildet.

Peter Nowak