Mehr als 400 Kriegsgegner demonstrierten vor der Zentrale des Rheinmetall-Konzerns

Blockade gegen tödliche Rüstungsexporte

Auf der Demons­tration war auch die Ham­burger IG Metall mit einem Trans­parent ver­treten. Darauf wurde eine schnelle Kon­version, die Umwandlung von Rüstung- in Zivil­pro­duktion, ver­langt. »Viel­leicht sollte dieses Thema beim nächsten Camp in Unterlüß eine größere Rolle spielen«, meinte eine Akti­vistin im Gespräch mit »nd«.

»We arrived at Unterlüß« steht auf einer Reihe von Pla­katen, die in den ver­gan­genen Tagen am Dorf­platz der Gemeinde Unterlüß nahe Celle zu sehen waren. Darauf sind Zeich­nungen der Ungarin Valerie Jakober Furth abge­bildet. Wie Tau­sende andere Jüdinnen und Juden musste Jakober Furth während des Zweiten Welt­kriegs .…

.….hier in Unterlüß für Rhein­metall schuften, bis sie im April 1945 von der bri­ti­schen Armee befreit wurde.

Die Rüs­tungs­schmiede, die seit 1899 hier im süd­lichen Teil der Lüne­burger Heide ihren Sitz hat, bekommt bun­desweit Gegenwind. Für eine Woche, vom 1. bis 9. Sep­tember, hatten hier Kriegsgegner*innen aus der gesamten Republik ein Dis­kus­sions- und Akti­onscamp im Zentrum des Ortes errichtet.

Es ging am Samstag mit einer Demons­tration zu Ende. »Ihr seid unsere Hoffnung«, lobte die Auschwitz-Über­le­bende Esther Bejarano die Antimilitarist*innen für ihre Arbeit zur Geschichte der Zwangs­arbeit bei Rhein­metall. Doch nicht allen am Ort haben die Akti­vi­täten gepasst. So wurde in der Nacht zum Samstag das Auto eines Camp­teil­nehmers beschädigt. Ebenso einige der Binden, die Teilnehmer*innen am Don­nerstag an Bäumen befestigt hatten. Sie sollten eine »Straße der Erin­nerung« mar­kieren. Nämlich den Weg, den die Zwangs­ar­bei­te­rinnen aus dem KZ-Außen­lager Tan­nenberg zu Fuß zurück­legen mussten, um ins Rhein­metall-Werk zu kommen. An der Strecke wurden zudem Tafeln mit den Namen von Zwangs­ar­bei­te­rinnen ange­bracht. Auch ein Gedenk­stein wurde errichtet. Bisher hatte nichts an das KZ und an die Zwangs­arbeit erinnert.

Geschwiegen wird vor Ort auch über die Mit­ver­ant­wortung von Teilen der Bevöl­kerung für das Leid der Frauen. Mitte April 1945, als die SS vor den anrü­ckenden Briten geflohen war, trans­por­tierten Ange­hörige des soge­nannten Volks­sturms die Frauen noch ins KZ Bergen-Belsen, wo viele von ihnen noch in den letzten Kriegs­tagen starben.

Hinter den mit Büschen zuge­wach­senen Mau­er­resten des Lagers Tan­nenberg beginnt das mit einem Draht abge­sperrte Erpro­bungs­zentrum Unterlüß (EZU). Dort werden die neu­esten Waffen von Rhein­metall getestet. Während der Pro­test­woche waren immer wieder Schüsse von dort zu hören. Die aktu­ellen Rüs­tungs­ge­schäfte des Kon­zerns, seine durch Belie­ferung von Kriegs­par­teien gene­rierten Profite, waren neben der nie erfolgten Ent­schä­digung der Zwangs­ar­bei­te­rinnen Haupt­thema des Camps.

»Rhein­metall ent­waffnen«, lautet die Parole auf einem Trans­parent, das gut sichtbar am Eingang des Zelt­lagers hing. Mit­glieder einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Gruppe aus Sar­dinien berich­teten in Unterlüß über den Wider­stand gegen die Akti­vi­täten der ita­lie­ni­schen Rhein­metall-Tochter RWM Italia auf der Insel. Das dortige Werk spielt für Rhein­metall eine ent­schei­dende Rolle bei der Umgehung der stren­geren Waf­fen­aus­fuhr­ge­setze in Deutschland, ins­be­sondere des Rüs­tungs­ex­port­stopps nach Saudi-Arabien. Schon vor meh­reren Jahren hatte die Frie­dens­be­wegung in Sar­dinien die Rhein­metall-Anlage blo­ckiert.

Auch in Unterlüß blo­ckierten Antimilitarist*innen am Don­nerstag und Freitag zeit­weilig die Zufahrtswege und die Gleise zum Rhein­metall-Werk. Im Wald um das mit Kameras über­wachte Muni­ti­ons­depot herum errich­teten Aktivist*innen immer wieder Hin­der­nisse. Einige ket­teten sich an Strom­masten. Am Freitag ließ die Polizei des­wegen für rund 30 Minuten den Strom abschalten. Von dem Blackout war nicht nur das Rhein­metall-Werk, sondern auch das Camp und ein Teil der Bewohner*innen von Unterlüß betroffen.

Während der Abschluss­de­mons­tration am Samstag, zu der nach Poli­zei­an­gaben rund 400, nach Ver­an­stal­ter­an­gaben 600 Men­schen gekommen waren, schimpften einige am Stra­ßenrand ste­hende Bürger*innen denn auch auf die Aktivist*innen. Doch es gab auch nach­denk­liche Stimmen. »Ich bin froh, dass mein Sohn bei Rhein­metall Arbeit gefunden hat«, sagte ein älterer Mann in der Nähe des Bahnhofs Unterlüß. »Aber der würde auch lieber etwas anderes als Waffen pro­du­zieren«, fügte er hinzu. Rhein­metall beschäftigt in Unterlüß mehr als 1800 Men­schen und ist damit der größte Arbeit­geber der Region.

Auf der Demons­tration war auch die Ham­burger IG Metall mit einem Trans­parent ver­treten. Darauf wurde eine schnelle Kon­version, die Umwandlung von Rüstung- in Zivil­pro­duktion, ver­langt. »Viel­leicht sollte dieses Thema beim nächsten Camp in Unterlüß eine größere Rolle spielen«, meinte eine Akti­vistin im Gespräch mit »nd«.

Peter Nowak