Um die Lebensgrundlagen auf der Erde zu erhalten, muss sich die Produktionsweise ändern. Das geht nur mit einer starken Bewegung von Arbeitenden.

Johanna Schellhagen: »Wir brauchen eine große Lösung«

Johanna Schellhagen hat 2011 das Medienkollektiv Labournet TV mitgegründet. Vor vier Jahren präsentierte sie den Film »Der laute Frühling«. In diesem Jahr erschien im Büchner-Verlag ihr Buch »Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen« (172 S., br., 18 €).

In Ihrem Buch »Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen« beschäftigen Sie sich damit, wie der Kapitalismus überwunden und eine nachhaltige Produktionsweise etabliert werden kann. Was hat Sie dazu inspiriert?

… Als ich 2022/23 mit dem Film »Der laute Frühling« herumgefahren bin, ist mir aufgefallen, wie viele junge Menschen auf der Suche nach einer neuen Strategie für die Klimabewegung waren. Gleichzeitig scheint die Vorstellung, der Staat sei ein neutraler Akteur sowie ein Mangel an Klassenbewusstsein oft den strategischen Horizont der Klimabewegung zu begrenzen. Die Vorstellung, dass wir eine andere Produktionsweise brauchen, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten, war wenig präsent in den Diskussionen.

In dem Buch habe ich versucht, eine kohärente politische Strategie zur Durchsetzung einer vernünftigen Produktionsweise zu entwickeln. Ich wollte das einmal ausbuchstabieren, als Aufschlag für eine bitter nötige, überfällige Diskussion. Wir brauchen eine Strategie, die allen einleuchtet und dadurch als Grundlage für eine vereinte revolutionäre Bewegung dienen kann.

Wie auch im Film davor geht es um die Kooperation zwischen Klimabewegung und Lohnabhängigen. Warum ist Ihnen diese Verbindung wichtig?

Es gibt keine grundlegende gesellschaftliche Veränderung ohne die Arbeiter*innenklasse, weil diese wegen ihrer Stellung im Produktionsprozess über strukturelle Macht verfügt, anders als aufgebrachte Staatsbürger*innen, die Demonstrationen organisieren. Es geht nicht um Vernunft, bessere Politiker*innen, ethischeren Konsum, sondern darum, ein Produktionssystem loszuwerden, das notwendigerweise den Planeten zerstört. Wir brauchen also eine große Lösung.

Wie ist die Resonanz auf Film und Buch in der Klimabewegung?

Die Resonanz auf »Der laute Frühling« war überraschend groß. Möglicherweise hat der Film dazu beigetragen, den politischen Horizont einiger Zuschauer*innen zu erweitern und die Bedeutung von Klasse und auch die Tatsache begreiflich zu machen, dass Klimapolitik eine Frage der Macht und keine Frage des guten Willens ist. Die Resonanz auf das Buch bleibt noch aus, aber den Leuten, die das Buch bisher gelesen haben, scheint es einzuleuchten.

Sie waren Mitbegründerin von Labournet TV. Welche Zielsetzung verfolgt dieses Kollektiv?

Wir wollten aus der Perspektive von Arbeiter*innen berichten. Streiks mit Videos unterstützen, ein Online-Archiv für Filme aus der Arbeiter*innenbewegung aufbauen und generell Videos außerhalb des Film-, Fernseh- und Festivalbetriebs produzieren, also politisch unabhängige Medienarbeit machen. Das geht natürlich nur, weil wir finanziell unabhängig sind, das heißt von keiner Partei, Gewerkschaft oder Stiftung abhängig. Wir existieren vor allem dank unserer 200 Fördermitglieder. Wir haben seit 2011 ein Archiv von fast 1000 Filmen über Streiks und andere Klassenkämpfe aus 68 Ländern aufgebaut. Die Filme können auf der Seite kostenlos und mit Untertiteln gestreamt werden.

Aktivist*innen haben sich mit Beschäftigen in der Autoindustrie oder im öffentlichen Nahverkehr solidarisiert, diese Kooperationen scheinen in jüngster Zeit aber wieder eingeschlafen zu sein. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Ein Teil der Klimabewegung hat in den vergangenen Jahren einen »labour turn« hingelegt. Das finde ich super. Initiativen wie #WirFahrenZusammen oder in Österreich #WirFahrenGemeinsam haben mit überbordender Einsatzbereitschaft und großem Enthusiasmus Streiks im öffentlichen Personennahverkehr unterstützt. Ich habe kürzlich in Wien eine Genossin kennengelernt, die vergangenes Jahr den Streik der Buslenker*innen unterstützt hat. Sie meinte, dass sie unterschätzt hätten, welche schlechte Meinung viele Arbeiter*innen von als abgehoben erlebten Klimaaktivist*innen hätten und wie durch den Kontakt aber auch viel Gemeinsamkeit habe hergestellt werden können.

Wo sehen Sie kritische Punkte bei dieser Kooperation?

Ich denke, das Problem mit diesen Initiativen war vielleicht die unkritische und unabgegrenzte Art und Weise, wie die Klimaaktivist*innen mit den Gewerkschaften zusammengearbeitet haben. Und das zeigt auch, wie sehr in der Öffentlichkeit »die Gewerkschaften« und »die Arbeiter*innen« gleichgesetzt werden. Aber die Gewerkschaft handelt nicht immer im Interesse der Arbeiter*innen, da sie erstens auch Organisationsinteressen verfolgt und zweitens in der Idee der Sozialpartnerschaft gefangen ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die IG Metall zum Beispiel sieht lieber zu, wie die Autoindustrie in Deutschland abgeräumt wird, als etwas zu tun, was den kurzfristigen Interessen der großen Autokonzerne schaden würde. Ganz abgesehen davon, dass die DGB-Gewerkschaften mehrheitlich nichts gegen die Konversion auf Rüstung einzuwenden haben, geschweige denn Widerstand gegen die allgegenwärtige Militarisierung leisten, obwohl das eigentlich zurzeit ihre wichtigste Aufgabe wäre.

Wo sehen Sie die Rolle der Klimaaktivist*innen?

Es ist Zeit für einen »labour turn 2.0« in der Klimabewegung. Es wird Zeit, dass Klimaaktivist*innen nicht auf dem Gewerkschaftsticket und im Rahmen einer Kampagne in die Betriebe kommen, sondern ihre eigene Lohnarbeit zur Arena für ihren politischen Aktivismus machen und so mithelfen, Macht von unten, in den Betrieben aufzubauen. Ohne Selbstorganisation von Arbeiter*innen in den Betrieben werden wir in einer kommenden Phase heftiger Krisen oder im Fall eines revolutionären Umschwungs nicht in der Lage sein, den Faschist*innen das Handwerk zu legen, geschweige denn eine vernünftige Produktionsweise durchzusetzen. Dafür braucht es ein Erstarken der Arbeiter*innenbewegung und politische Arbeit an der Basis, die dazu führt, »dass Menschen kampfbereiter werden, dass sie sich mehr als politische Subjekte wahrnehmen, dass sie sich mehr als Teil einer Klasse erleben, dass sie mehr mit anderen Teilen der Klasse kooperieren.« So hat es eine Genossin der Stadtteilgewerkschaft »Lichtenrade solidarisch« kürzlich formuliert.

Ist es derzeit nicht schwerer, Lohnabhängige für die Belange der Klimabewegung zu interessieren, als umgekehrt?

Das nehme ich anders wahr. Ich denke, den Leuten ist sehr wohl bewusst, in welcher Situation wir uns befinden mit der Umweltzerstörung und dem Klimawandel. Das Problem ist, dass die Leute sich in einer Phase, in der es wenige Streiks und Klassenkämpfe gibt, als ohnmächtig empfinden. Mein Punkt ist: Wenn die Leute, die sich in den vergangenen Jahren so aufopferungsvoll in der Klimabewegung engagiert haben, ihren Aktivismus auf die Sphäre der Produktion richten und in die Betriebe gehen würden, ihre Lohnarbeit politisieren, Streiks unterstützen und Stadtteilgewerkschaften aufbauen würden, dann kann sich dieses Gefühl der Ohnmacht schnell verflüchtigen. Und dann könnten wir uns überlegen, wie wir den Kapitalismus durch ein vernünftiges System ersetzen, überflüssige Produktion einstellen, die Arbeit besser verteilen und eine menschenfreundliche Gesellschaft aufbauen. Aber solange wir reformistische Projekte vorantreiben und weiter Symbolpolitik auf der Straße machen, werden wir über kurz oder lang untergehen. Interview: Peter Nowak