Frederik Fuß (Hg.): Anarchistische Scheidewege. Zum Verhältnis von Anarchismus und Antisemitismus, Syndikat A, 196 S., br., 12,90 €.

Im Zweifel für den Zweifel

Ein aktueller Sammelband betrachtet das Verhältnis der anarchistischen Bewegung zumAntisemitismus. Anstelle einfacher Antworten zeigt sich Diversität: von antisemitischen Tendenzen über staatskritischen Antizionismus bis hin zur Betonung Israels als Schutzraum. Das Buch liefert viele Denkanstöße, gerade weil  die Beiträge nicht auf eine »linke Szene« im engeren Sinne ausgerichtet sind.

Seit dem islamistischen Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 haben sich in der gesellschaftlichen Linken in Deutschland die Fronten verhärtet. In großen Teilen des propalästinesischen Spektrums wird der Begriff Zionist mittlerweile als Schimpfwort verwendet oder mit »Faschist« synonym verwendet. Das erinnert an Rituale in der kommunistischen, in Wirklichkeit stalinistischen Bewegung, wo Ende der 1940er Jahre der Kampf gegen den Zionismus ausgerufen worden war. Aber auch Linke, die sich kritisch zu Staat und Nation positionieren und keinerlei Sympathie gegenüber Stadt lin und seinen Nachfolgern haben, bleiben vom Streit um …

… die richtige Positionierung im Nahostkonfikt nicht verschont.

Hier bilde das anarchistische Lager, so der Klappentext des Sammelbands »Anarchistische Scheidewege. Zum Verhältnis von Anarchismus und Antisemitismus«, keine Ausnahme. So divers der Anarchismus sei, so unterschiedlich seien die Sichtweisen der verschiedenen Strömungen auf den 7. Oktober und seine Folgen. Leider gerieten die selbst erklärten Kämpfer*innen für die Freiheit immer wieder auf antisemitische Abwege – auch dies keines- falls ein neues Phänomen. Zugleich habe es im historischen Anarchismus immer auch eine entschiedene Bekämpfung von Antisemitismus gegeben, und diese Tatsache habe bislang nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdiene. Insgesamt versammelt der Band 15 Beiträge, die Impulse zur Debatte über Anarchismus und Antisemitismus mit einer historischen Perspektive geben sollen.

Antisemiten und Staatskritiker

Der Beitrag von Olaf Briese etwa befasst sich mit historischen Figuren, die zumindest zeitweilig mit dem Anarchismus in Verbindung gebracht wurden und ein antisemitisches Weltbild vertraten. Darunter Richard Wagner, bei dem die anarchistische Phase nur kurz währte; der spätere Nutznießer und Verehrer der deutschen Feudalgesellschaft prägte mit einigen seiner Schriften den Antisemitismus der deutschen Eliten des späten 19. Jahrhunderts. Auch Wilhelm Marr war nur wenige Jahre in anarchistischen Kreisen aktiv, seine antisemitischen Schriften wurden viel bekannter und ein􏰁ussreicher. Es verwundert, dass der Frühsozialist Pierre- Joseph Proudhon nicht in diese Reihe aufgenommen wurde.

Jürgen Mümken beschreibt in seinem Text, dass viele Anarchist*innen, darun- ter der Anarchosyndikalist August Souchy, sich positiv auf die Kibbuzim bezogen und trotz ihrer Staatskritik Verständnis für die Gründung Israels als Schutzort der jüdi- schen Bevölkerung zeigten. Der deutsche Widerstandskämpfer Willi Paul habe sich bei aller Bewunderung für den Idealismus der Kibbuzbewohner*innen allerdings bereits in den 1960er Jahren gefragt: »Wohin hätte dieser soziale Neubau führen können – der sich auf die Vielfalt des menschlichen Lebens fundierte –, der aber mit der Staatsgründung von BenGurion seines Wesens-Inhaltes entkleidet wurde?« Hier wird wie in vielen anderen Beiträgen deutlich, dass auch bei klarer Zurückweisung von Antisemitismus ein Raum für berechtigte Fragen und Zweifel bleibt.

Das ist auch das Thema des Beitrags von Gerhard Hanloser: Er kritisiert die Verein- fachungen, die auf beiden Seiten der Diskussion zu finden seien. So lehnt er die Gleichung »Antizionismus ist Antisemitismus« ab, wendet sich aber gegen eine Dämonisierung des Zionismus. Er erinnert an die Diversität unter den historischen Strömungen des Zionismus, die eben nicht alle das Ziel hatten, die palästinensische Bevölkerung zu unterdrücken.

Mit persönlichen Erfahrungen begrün- det der Autor Rudolf Mühland, wie er den Antizionismus seiner Jugendjahre über Bord warf und sich vehement gegen antisemitische Tendenzen im Anarchismus positionierte. Timo Gambke betont, eine Re-Lektüre anarchistischer Klassiker könne jedenfalls nicht dazu beitra- gen, die heutige Gesellschaft analytisch zu erfassen. »Abhilfe könnten hier Karl Marx sowie diverse sich auf ihn beziehende Autoren schaffen«: Ein Lob für Marx, das in anarchistischen Kreisen eher selten zu finden ist. Dass auch Anar- chist*innen und Anarchosyndikalist*in nen keineswegs gefeit waren vor der Beeinfussung durch den NS-Faschismus,beschreibt Torsten Bewernitz am Beispiel einer Ortsgruppe der anarchosyndikalistischen FAUD, die zur ersten NSDAP-Ortsgruppe außerhalb Bayerns wurde.

Über den Tellerrand

Das Buch liefert viele Denkanstöße, gerade weil die Beiträge eben nicht auf eine »linke Szene« im engeren Sinne ausgerichtet sind. So beschreibt Kristian Wil- liams, warum Albert Camus zu Unrecht beschuldigt wurde, im Algerienkonflikt Partei für die französische Kolonialmacht ergriffen zu haben. Er hatte sich in einem Interview mit nachvollziehbaren Argumenten gegen die Bombenanschläge der algerischen Befreiungsbewegung in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren gewandt. Diese ließ Bomben auch in Bussen, auf öffentlichen Plätzen und in Cafés hochgehen. Camus erklärte: »Ich muss auch den blinden Terror anprangern, der zum Beispiel in den Straßen von Algier zu sehen ist und der eines Tages meine Mutter oder meine Familie treffen könnte. Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber ich werde meine Mutter vor ihr verteidigen«.

Das Verhältnis zwischen Anarchismus und Antizionismus bleibt im Buch strittig. »Werden anarchistische Prinzipien ernst genommen, richten sich diese gegen den Antizionismus, als eine Ablehnung lediglich des jüdischen Staates, und verweisen auf die universelle Staatsverneinung«, schreibt Frederik Fuß in seinen »12 Thesen zu Antizionismus und Anarchismus«. In anderen Texten wird die Position vertreten, dass Anarchist*innen, gerade weil sie jeglichen Staat ablehnen, auch Antizionistinnen sein müssen. Dass diese Positionen nebeneinander stehen bleiben, ist gerade ein Verdienst von »Anarchistische Scheidewege«. Es lädt zu Debatten ein. Zweifel sind erwünscht. Das sind Eigen- schaften, die heute in den innerlinken Debatten, gerade wenn es um den Nah- ostkonflikt geht, äußerst selten sind. Hier könnte der Sammelband Maßstäbe auch für die innerlinke Debattenkultur setzen. Deswegen ist es zwar nicht überraschend, aber umso bedauerlicher, dass das Buch bislang nicht stärker zur Kenntnis genommen wurde.

Frederik Fuß (Hg.): Anarchistische Scheidewege. Zum Verhältnis von Anarchismus und Antisemitismus, Syndikat A, 196 S., br., 12,90 €.

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