Freispruch für Antifaschisten Bernd Langer

Lang­jäh­riger Aktivist stand drei Jahre wegen nd-Interview vor Gericht – nun arbeitet er weiter als linker Chronist

Bernd Langer ist nicht religiös. Doch über dieses uner­wartete Weih­nachts­ge­schenk hat er sich trotzdem gefreut. Am 20. Dezember erreichte den lang­jäh­rigen Anti­fa­ak­ti­visten die Mit­teilung, dass das Ber­liner Kam­mer­ge­richt ein Urteil der Vor­in­stanzen auf­ge­hoben hat. Ein Frei­spruch auf ganzer Linie und sämt­liche Kosten des Ver­fahrens werden von der Lan­des­kasse über­nommen. »Diese Ent­scheidung freut mich besonders, weil selbst mein Rechts­anwalt nicht mehr mit einem Frei­spruch gerechnet hat«, erklärte Langer gegenüber »nd«.

Der Aktivist war in zwei Instanzen zu einer Geld­strafe ver­ur­teilt worden, weil er eine Straftat gebilligt und damit den öffent­lichen Frieden gestört haben soll. Corpus Delicti war ein Interview, dass Langer mit »nd« über die Geschichte der auto­nomen Anti­fa­be­wegung geführt hatte. Dabei ging es um unter­schied­liche Akti­ons­formen im anti­fa­schis­ti­schen Kampf.

Langer, der mehr als drei Jahr­zehnte in der Auto­nomen Anti­fa­be­wegung aktiv ist, hatte sich bereits in den 1980er Jahren für eine Bünd­nis­po­litik mit Gewerk­schaften, Grünen und Teilen der SPD ein­ge­setzt – und erntete in der auto­nomen Szene dafür viel Kritik. Die Antifa (M) in Göt­tingen, deren Kürzel nicht an Marx oder Mao sondern an den Tag ihres wöchent­lichen Mitt­wochs­treffens erin­nerte, wurde von Langer 1990 mit­ge­gründet.

Die Gruppe beschritt nicht nur in der Bünd­nis­po­litik für das autonome Spektrum unge­wohnte Wege. In Göt­tingen betei­ligten sich auf von der Antifa (M) orga­ni­sierten Demons­tra­tionen hinter einem großen Schwarzen Block auch Mit­glieder von SPD, Grünen und Gewerk­schaften. Auch ver­bind­liche Struk­turen und eine bun­des­weite Orga­ni­sierung von auto­nomen Anti­fa­schis­tInnen gehörte zum Konzept der Antifa (M). Für einen Teil der auto­nomen Szene war das neue Konzept ein Aus­verkauf links­ra­di­kaler Politik. Mili­tante Angriffe auf rechte Struk­turen seien zugunsten von Bünd­nis­po­litik auf­ge­geben worden, lautete die autonome Kritik.
In dem »nd«-Interview wollte Langer diesem Vorwurf ent­ge­gen­treten. In diesem Zusam­menhang fiel auch der inkri­mi­nierte Satz, der ihm ein fast drei­jäh­riges Gerichts­ver­fahren ein­brachte: »Es gab auch später noch mili­tante Aktionen, zum Bei­spiel ein koor­di­nierter Anschlag gegen die Junge Freiheit 1994. Wenn man liest, wie das bei denen rein gehauen hat – die konnten ihre Zeitung fast zumachen – war das eine Super­aktion gewesen«. Zwei Instanzen der Ber­liner Justiz sahen diese Äußerung nicht mit der Mei­nungs­freiheit gedeckt und ver­ur­teilten Langer zu Geld­strafen. Sein dama­liger Anwalt sah keine Chancen mehr für einen Frei­spruch. Doch Langer suchte sich einen neuen Rechts­bei­stand und klagte weiter, am Ende mit Erfolg.

Jetzt will sich der Aktivist weiter seiner Arbeit als Chronist der linken Bewegung widmen. Bis Ende Januar muss Langer ein umfang­reiches Manu­skript über die Geschichte der revo­lu­tio­nären Bewegung in den Jahren 1918 bis 1923 beim Unrast-Verlag abgeben. Sym­pa­thien mit den heute oft noch wenig bekannten Revo­lu­tio­nä­rInnen sind in dem Text nicht aus­ge­schlossen.

Sein Ter­min­ka­lender für das neue Jahr ist auch danach gut gefüllt. Der Regisseur Mat­thias Coers plant einen Film über sein Leben als radi­kaler Linker. Zudem wird Langer vor allem von jungen Anti­fa­schis­tInnen häufig zu Ver­an­stal­tungen ein­ge­laden. Schließlich hat das von ihm ver­tretene Konzept eines bünd­nis­fä­higen Anti­fa­schismus heute in der linken Szene weit­gehend durch­ge­setzt. Bei aller Genug­tuung über seinen jüngsten juris­ti­schen Sieg, dieser Erfolg freut Langer mehr.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​4​9​3​4​.​f​r​e​i​s​p​r​u​c​h​-​f​u​e​r​-​a​n​t​i​f​a​s​c​h​i​s​t​e​n​-​b​e​r​n​d​-​l​a​n​g​e​r​.html

Peter Nowak

Hinweis auf den Artikel im News­letter des Unrast-Verlag:

Frei­spruch für Bernd Langer!

Der lang­jährige Aktivist und Anti­fa­schist stand drei Jahre wegen eines nd-Inter­views vor Gericht – nun arbeitet er weiter als linker Chronist

https://​www​.unrast​-verlag​.de/​n​e​w​s​/​2​9​0​4​-​f​r​e​i​s​p​r​u​c​h​-​f​u​e​r​-​b​e​r​n​d​-​l​anger

Ein Recht auf Meinung

Äußerung zu Militanz gegen rechts endet für Anti­fa­schisten mit Frei­spruch

Für den Anti­fa­schisten Bernd Langer war es ein gänzlich uner­war­tetes Weih­nachts­ge­schenk. Wenige Tage vor dem Fest erreichte ihn ein Schreiben der Ber­liner Justiz, in dem ihm mit­ge­teilt wurde, dass der Senat des Ber­liner Kam­mer­ge­richts ein Urteil des Land­ge­richts vom April 2017 auf­ge­hoben und Langer frei­ge­sprochen hat. Sämt­liche Kosten des Ver­fahrens werden von der Lan­des­kasse über­nommen. „Diese Ent­scheidung freut mich besonders, weil selbst mein Rechts­anwalt nicht mehr mit einem Frei­spruch gerechnet hat“, so Langer gegenüber der taz. Der lang­jährige Chronist der linken Szene war in zwei Instanzen zu einer Geld­strafe ver­ur­teilt worden, weil er eine Straftat gebilligt und damit den öffent­lichen Frieden gestört haben soll.

Angriff auf rechte Zeitung

Das Corpus Delicti war ein Interview, dass Langer der Tages­zeitung Neues Deutschland über die Geschichte der auto­nomen Anti­fa­be­wegung gegeben hatte. Dabei ging es um unter­schied­liche Akti­ons­formen im anti­fa­schis­ti­schen Kampf. Militanz gegen rechte Struk­turen wurde dort ebenso erwähnt wie die Betei­ligung an Bünd­nis­de­mons­tra­tionen. In diesem Zusam­menhang fiel auch der inkri­mi­nierte Satz, der Lange ein fast drei­jäh­riges Gerichts­ver­fahren ein­brachte. „Es gab auch später noch mili­tante Aktionen, zum Bei­spiel ein koor­di­nierter Anschlag gegen die Junge Freiheit 1994. Wenn man liest, wie das bei denen rein­ge­hauen hat – die konnten ihre Zeitung fast zumachen –, war das eine Super­aktion gewesen.“

Zwei Instanzen sahen diese Äußerung nicht durch das Grund­recht der Mei­nungs­freiheit gedeckt und ver­ur­teilten Langer zu Geld­strafen. Sein dama­liger Anwalt sah keine Chancen mehr für einen Frei­spruch. Doch Langer suchte sich einen neuen juris­ti­schen Bei­stand und klagte weiter. Eine Schlappe ist sein Frei­spruch für den ehe­ma­ligen Gene­ral­bun­des­anwalt Alex­ander von Stahl. Der hatte die Anklage gegen Langer ins Rollen gebracht.

aus Taz vom 28.12.2017

Peter Nowak

Rechter Diskurs im Wahlkampf

Während Union und FDP mit der AfD darüber streiten, wer schneller Flücht­linge abschiebt, musste in Hamburg eine Kan­di­datin der Linken zurück­treten, weil sie bei Facebook nach Filmen wie Ing­lou­rious Bas­terds gefragt hat

Die Schlag­zeile hörte sich an, als würde die Bild­zeitung eine AfD-For­derung ver­breiten. Doch dann war es der FDP-Vor­sit­zende Lindner, der sich mit der popu­lis­ti­schen Parole »Alle Flücht­linge müssen zurück«[1] in der Bou­le­vard­presse zitieren ließ.

Im Focus[2] konnte man erfahren, dass es sich um Geflüchtete aus Afgha­nistan handelt und dass Lindner schon öfter die Union in der Flücht­lings­frage von rechts kri­ti­siert hatte. Von der Linken kam gleich die Schelte, Linder überhole den AfD-Rechts­außen Gauland noch von rechts. Dafür bekam Lindner Lob und Aner­kennung von der Union und der CSU. Der CDU-Vize Stefan Har­barth freute sich, dass Linder nun das Pro­gramm der Union über­nommen habe.

Nun vergeht kaum ein Tag, an dem sich die Bild­zeitung nicht einem AfD-Sprachrohr gleich geriert. Als in der letzten Woche acht afgha­nische Migranten in einer Boing-Maschine nach Afgha­nistan abge­schoben wurden, waren Men­schen­rechtler und zivil­ge­sell­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen wie Pro-Asyl ent­setzt, wie zu Wahl­kampf­zwecken mit dem Schicksal von Men­schen gespielt wurde.

Die Bou­le­vard­zeitung titelte[3]: »Kri­mi­nelle aus Deutschland abge­schoben – Hier kommen die Ver­brecher in Afgha­nistan an.« Vorher lautete die Schlag­zeile schon »Abschie­be­flieger voller Sex­täter«. Der rechts­po­pu­lis­tische Ein­schlag ist selbst von ein­schlä­gigen Medien kaum zu toppen. Diese fast täg­liche Pro­pa­ganda von Bild und Co ist Aus­druck eines rechten Dis­kurses im Wahl­kampf, wo Abschie­bungen von Flücht­lingen ein zen­trales Thema sind.

Es spielte auch beim soge­nannten Kanz­ler­duell eine wichtige Rolle. Hier wurden der AfD die Stich­worte geliefert. Es sieht manchmal so aus, als bestünde der Großteil des Wahl­kampfes darin, dass die AfD die Fragen stellt und alle anderen Poli­tiker ant­worten. Da ist es nicht ver­wun­derlich, dass sich die Rechts­partei in den Umfragen wieder auf ein zwei­stel­liges Ergebnis hoch­ge­ar­beitet hat.

Wenn ein AfD-Poli­tiker zum Experten linker Gewalt wird

Neben dem Kampf gegen Flücht­linge und den Islam hat die AfD den Kampf gegen die Linke zu ihrem zen­tralen Wahl­kampf­thema gemacht. Es gibt dazu mehrere Motive. Und genau in dieser Zeit bekommt sie eine Art Gra­tis­werbung vom ZDF. »Radikale Linke – die unter­schätzte Gefahr«[4] lautet der Titel einer ZDF-Sendung in der letzten Woche.

Als wis­sen­schaft­licher Experte zum Thema linke Gewalt kommt mit Karsten Dustin Hoffmann ein Bur­schen­schaftler und AfD-Poli­tiker zu Wort. Bemer­kenswert ist, dass damit ein Reporter den Rechten eine Bühne bereitet, der für Recher­che­filme über das rechte Spektrum bekannt ist[5] und sich damit einen guten Namen gemacht hat, und deshalb auch linke Akti­visten wie Bernd Langer für die Mit­arbeit an dem Beitrag[6] gewinnen konnte. Langer war vom Resultat ( »dem­ago­gi­scher Film«, »Pro­pa­gan­dafilm«, »ZDF-Feindpropaganda«[7]) über­rascht.


Frage nach »anti­deut­schen Film­emp­feh­lungen« – Linke zum Rück­tritt auf­ge­fordert

Während sich FDP, Union und AfD darum streiten, wer das Copy­right auf eine Politik hat, in der in jeden Satz einmal das Wort »Abschieben und Sex­täter« vor­kommt, musste in Hamburg die 24jährige Sarah Rambatz von ihrem Lis­ten­platz bei der Ham­burger Linken zurück­treten.

Sie hatte sich nicht am Wett­bewerb, wie schiebe ich Flücht­linge schneller ab, beteiligt, sondern über eine nicht­öf­fent­liche Face­book­seite nach »antideutsche(n) Film­emp­feh­lungen? & grund­sätzlich alles wo Deutsche sterben« erkundigt[8]. Die Nach­richt über Posting ver­breitete sich schnell in sozialen und klas­si­schen Medien[9].

Die Junge Freiheit[10] und andere rechten Medien sorgten dafür, dass Rambatz einem Shit­storm aus­ge­setzt war[11] In der eigenen Partei bekam sie nicht etwa Unter­stützung gegen diese rechten Angriffe, sondern wurde dort beschimpft, weil sie die Wahl­chancen schmälere.

In der Zeit, in der Rambatz üble Nazi­dro­hungen bekam, hatte der Ham­burger Lan­des­verband nichts Bes­seres zu tun, als ihr zu attes­tieren, sie ver­trete keine linke Position. Der Linken-Poli­tiker Fabio De Masi[12] wollte gar »das kalte Kotzen« bekommen[13], wenn eine Kol­legin nach einem Film fragt, in dem Deutsche sterben.

Linke wie De Masi oder der Ham­burger Lan­des­vor­stand der Links­partei, die nicht in der Lage sind, eine junge Kol­legin zu unter­stützen, die ange­griffen wird, weil sie indi­vi­duelle Film­wünsche geäußert hat und viel­leicht Ing­lou­rious Basterds[14] sehen wollte, erweisen sich damit als poli­tisch irrelevant und werden der Rechten bestimmt nichts ent­gegen setzen.

Peter Nowak
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[2] http://​ww​.focus​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​b​u​n​d​e​s​t​a​g​s​w​a​h​l​k​a​m​p​f​-​f​d​p​-​c​h​e​f​-​l​i​n​d​n​e​r​-​w​i​l​l​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​n​a​c​h​-​k​r​i​e​g​s​e​n​d​e​-​z​u​r​u​e​c​k​s​c​h​i​c​k​e​n​_​i​d​_​7​5​6​2​5​8​9​.html
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[5] https://​www​.jun​gewelt​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​1​8​3​3​0​.​p​o​l​i​z​e​i​-​m​a​r​s​c​h​i​e​r​t​-​a​u​f​.html
[6] http://​www​.pres​se​portal​.de/​p​m​/​7​8​4​0​/​3​6​87012
[7] https://​www​.jun​gewelt​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​1​8​3​3​0​.​p​o​l​i​z​e​i​-​m​a​r​s​c​h​i​e​r​t​-​a​u​f​.html
[8] http://​meedia​.de/​2​0​1​7​/​0​9​/​0​7​/​g​r​u​n​d​s​a​e​t​z​l​i​c​h​-​a​l​l​e​s​-​w​o​-​d​e​u​t​s​c​h​e​-​s​t​e​r​b​e​n​-​l​i​n​k​e​n​-​k​a​n​d​i​d​a​t​i​n​-​t​r​i​t​t​-​n​a​c​h​-​a​n​t​i​d​e​u​t​s​c​h​e​m​-​f​a​c​e​b​o​o​k​-​p​o​s​t​-​z​u​r​ueck/
[9] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​4​2858/
[10] https://​jun​ge​freiheit​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​2​0​1​7​/​l​i​n​k​e​n​-​p​o​l​i​t​i​k​e​r​i​n​-​w​i​l​l​-​d​e​u​t​s​c​h​e​-​s​t​e​r​b​e​n​-​sehen
[11] https://​www​.shz​.de/​r​e​g​i​o​n​a​l​e​s​/​h​a​m​b​u​r​g​/​h​a​m​b​u​r​g​e​r​-​l​i​n​k​e​n​-​k​a​n​d​i​d​a​t​i​n​-​r​a​e​u​m​t​-​l​i​s​t​e​n​p​l​a​t​z​-​w​e​g​e​n​-​f​a​c​e​b​o​o​k​-​p​o​s​t​-​i​d​1​7​7​6​6​8​1​6​.html
[12] http://​www​.fabio​-de​-masi​.de/
[13] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​4​2858/
[14] https://​www​.facebook​.com/​i​n​g​l​o​u​r​i​o​u​s​b​a​s​t​e​r​d​s​i​n​t​e​r​n​a​t​i​onal/

Kunst und Kampf

Peter Nowak. In Zeiten, in denen in vielen Ländern rechtspopulistische Parteien wachsen, stellt sich die Frage nach den Gegenkräften, die sich den Rechten entgegenstellen. In Deutschland ist einer dieser Akteure die autonome Antifa.

Es waren radikale Linke, die in gut orga­ni­sierten Blöcken gegen diverse Alt- und Neo­na­zi­treffen pro­tes­tierten und dabei auch die Kritik an Staat und Nation nicht ver­gassen. Für einen Grossteil der Medien und auch für die meisten poli­ti­schen Par­teien
war die autonome Antifa ein Haufen von Chao­tInnen und ein Fall für Polizei und Justiz. Doch aus­ge­rechnet in der nie­der­säch­si­schen Uni­ver­si­täts­stadt Göt­tingen wurde die autonome Antifa vor 30 Jahren bündnis- und kul­tur­fähig. Bernd Langer ist seit 1978 in auto­nomen Antifa-Zusam­men­hängen aktiv und war einer der stärksten Befür­wor­te­rInnen einer Bünd­nis­po­litik im auto­nomen Lager. Jetzt hat er unter dem Titel Kunst und Kampf eine all­ge­mein­ver­ständ­liche Geschichte
darüber ver­fasst.

Heiss umstrittene Bünd­nis­po­litik

Heiss umstrittene Bünd­nis­po­litik Ein Höhe­punkt seiner Akti­vi­täten war eine Demons­tration gegen ein Neonazi-Zentrum im
nie­der­säch­si­schen Mackenrode am 7. Mai 1988, zu der bun­desweit mobi­li­siert wurde nie­der­säch­si­schen Mackenrode am 7. Mai 1988, zu der bun­desweit mobi­li­siert wurde. Damals war die tra­di­tio­nelle autonome Antifa-Politik, die Bünd­nisse
mit bür­ger­lichen oder refor­mis­ti­schen Linken ablehnte und nur auf die eigene Kraft ver­trauen wollte, an ihre Grenzen gestossen. «In dieser Situation kam es zu Kon­takten mit Ver­tre­te­rInnen von DGB (Deut­scher Gewerk­schaftsbund), Grünen und
anderen anti­fa­schis­tisch Gesinnten. Endlich bot sich die Chance, autonome Politik wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und aus der Iso­lation raus­zu­kommen. Bünd­nis­po­litik hiess das Zau­berwort und wurde fortan zum heiss umstrit­tenen Thema in der auto­nomen
Szene», beschreibt Langer die Situation vor fast 30 Jahren in West­deutschland.


2000 Men­schen waren am 7.Mai 1988 nach

Mackenrode gekommen. Doch was die Demons­tration noch heute inter­essant macht, war ihre Zusam­men­setzung.
An der Spitze lief ein auto­nomer Block, dahinter hatten sich Mit­glieder der Grünen, des Deut­schen Gewerk­schafts­bunds und der SPD in die Demons­tration ein­ge­reiht. Zuvor hat es klare Absprachen zwi­schen den Spektren gegeben und auch der autonome Block benannte Ver­ant­wort­liche, die garan­tierten, dass die gemein­samen Ver­ein­ba­rungen ein­ge­halten wurden. So gingen vom auto­nomen Block keine Angriffe auf die Polizei aus. Aber es gab die klare Ansage, dass er sich gegen Angriffe ver­tei­digen
würde. Diese Koope­ration war etwas Neues und wurde bun­desweit dis­ku­tiert.


Symbol der Anti­fa­aktion

Noch in einer anderen Hin­sicht war die Mackenrode-Demons­tration ein Novum. Auf dieser Demons­tration waren erstmals in der BRD Fahnen und Trans­pa­rente mit dem Emblem der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion in grosser Zahl zu sehen. Bald war dieses Symbol von Demons­tra­tionen und Aktionen der auto­nomen Antifa nicht mehr weg­zu­denken. Langer beschreibt sehr detail­liert, wie umstritten die Ver­wendung des leicht ver­än­derten Symbols der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion aus der Wei­marer Republik auch unter auto­nomen Anti­fa­schis­tInnen damals Eür viele war es zu stark mit der KPD-Geschichte
der Wei­marer Republik ver­bunden. Langer beschreibt in kurzen Kapiteln mit Witz und Humor seine bewegte poli­tische Vita in der aus­ser­par­la­men­ta­ri­schen Linken. Dabei spielte bei ihm mehr und mehr künst­le­rische Aspekte eine zen­trale Rolle. Kon­flikte zwi­schen poli­ti­schen Akti­vis­tInnen, denen es vor allem auf die Bot­schaft ankam und die für ästhe­tische Fragen wenig Ver­ständnis zeigten, konnten nicht aus­bleiben. Dabei trug Langer zur Kul­tur­fä­higkeit der auto­nomen Antifa und der aus­ser­par­la­men­ta­ri­schen Linken bei, was man in dem Buch gut sehen kann. Dort sind zahl­reiche Plakate nach­ge­druckt, die die von ihm gegründete Gruppe Kunst und Kampf (KuK) seit Ende der 80er Jahre pro­du­ziert hat. Sie mobi­li­sierten zu Demons­tra­tionen und poli­ti­schen Kam­pagnen, die poli­tische Bot­schaft kam gut rüber und sie hatten einen Wie­der­erken­nungswert. Mit ihnen ver­ab­schiedete sich ein Teil der auto­nomen Antifa vom Punkstil. Doch nicht alle wollten mit­ziehen. Langer beschreibt, wie auch in der auto­nomen Szene Macht­po­litik prak­ti­ziert wurde, und ver­schweigt nicht, dass auch er daran beteiligt war. Wenn KuK beim Vor­be­rei­tungs­treffen zu einer Demons­tration schon mit einem fer­tigen
Pla­kat­entwurf auftrat, war die Chance gross, dass der auch Ver­wendung fand.


Der Staats­schutz ist dabei

Bernd Langer ver­steht sich noch immer als radi­kaler Linker, der kei­neswegs den Frieden mit diesem Staat gemacht hat. Man muss nicht mit allen seinen poli­ti­schen Ansichten über­ein­stimmen, so wenn Langer die Okto­ber­re­vo­lution als Putsch
der Bol­schewiki abqua­li­fi­ziert. Doch mit dem Buch hat er einen Beitrag dazu geleistet, dass ein wich­tiges Kapitel linker Geschichte nicht ver­gessen wird. Men­schen, die dabei waren, werden es ebenso mit Gewinn lesen, wie junge Leute, die noch nicht geboren waren, als die autonome Antifa erstmals Bünd­nisse einging. Sie können sich diese Geschichte im heu­tigen Kampf gegen rechts aneignen und selber ent­scheiden, was davon heute noch brauchbar ist. So beschreibt Langer, dass immer wieder junge Men­schen mit ihm Kontakt suchen und Unter­stützung suchen. So haben Jugend­liche im nord­deut­schen Städtchen Fal­ling­bostel durch eine Schrift von Langer erfahren, dass in dem Ort im Jahr 1983 eine legendäre Anti­fademo mit Stras­sen­schlacht stattfand, als die NPD dort ihren Bun­des­par­teitag abhalten wollte. Das Ergebnis war eine Jubi­lä­ums­ver­an­staltung 30 Jahre später. «Im etwas ver­steckt lie­genden DGB-Schu­lungs­zentrum Walsrode fand der Vortrag statt. Mehr als 100 Per­sonen wurden gezählt, dar­unter viele alte Kämp­fe­rInnen. So war der Abend durchaus mit den schönen Wie­der­se­hens­szenen ver­bunden. Leider musste auf­grund des nie­der­säch­si­schen Poli­zei­ge­setzes der Staats­schutz im Saal
geduldet werden», schreibt Langer. Hier wird deutlich, dass seine Arbeit durchaus mehr als ein nost­al­gi­scher Rück­blick ist und die Staats­schutz­be­hörden auch Jubiläen in gewerk­schaft­lichen Räumen durchaus ernst nehmen. Die in dem Buch nach­ge­druckten Plakate, viele von ihnen sind kaum mehr bekannt, bringen die autonome Geschichte den Lesenden
auch optisch nahe. Langers Geschichts­über­blick ist auch nicht nur für Deutschland inter­essant. Schliesslich hat das Konzept des auto­nomen Anti­fa­schismus vor allem bei jün­geren Linken in vielen euro­päi­schen Ländern Nach­ahmung gefunden. Die
heutige Anti­fa­be­wegung betrachtet Langer mit Soli­da­rität, aber auch mit Kritik. «Bünd­nis­po­litik wird heute in grossen Teilen der auto­nomen Antifa betrieben. Doch oft fehlt das Bewusstsein, eine orga­ni­sierte poli­tische Kraft zu sein und droht in einem
dif­fusen bunten Allerlei auf­zu­gehen», moniert er. Diese Fragen dürften auch bei seiner aktu­ellen Ver­an­stal­tungs­reihe eine Rolle spielen, in der Langer das neue Buch vor­stellt. Am 17. Dezember wird er unter anderem um 19 Uhr im Info­laden Magazin in
Basel auf­treten.#


Peter Nowak
WEITERE VER­AN­STAL­TUNGS­TERMINE UNTER:
WWW​.KUNST​-UND​-KAMPF​.DE
LANGER, BERND, KUNST UND KAMPF, MÜNSTER:
UNRAST-VERLAG, 2016. 19,80 EURO.

Abschied von der Subkultur

In Zeiten von AfD und Pegida fragt sich mancher, warum so wenig von der Auto­nomen Antifa zu hören ist, die noch vor zwei Jahr­zehnten Schlag­zeilen machte. Bernd Langer ist seit 1978 in auto­nomen Anti­fa­zu­sam­men­hängen aktiv und war einer der stärksten Ver­fechter für Bünd­nis­po­litik im auto­nomen Lager. Jetzt hat er unter dem Titel »Kunst und Kampf« im Unrast-Verlag ein Buch darüber ver­fasst.

Ein Höhe­punkt seiner Akti­vi­täten war die Demons­tration gegen ein Neo­na­zi­zentrum im nie­der­säch­si­schen Mackenrode am 7. Mai 1988, zu der bun­desweit mobi­li­siert wurde. Damals war die tra­di­tio­nelle autonome Antif­a­po­litik, die Bünd­nisse mit bür­ger­lichen oder refor­mis­ti­schen Linken ablehnte, an ihre Grenzen gestoßen. »In dieser Situation kam es zu Kon­takten mit Vertreter_​innen von DGB, Grünen und anderen anti­fa­schis­tisch Gesinnten. Endlich bot sich die Chance, autonome Politik wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und aus der Iso­lation raus­zu­kommen«, beschreibt Langer die Situation vor fast 30 Jahren in der BRD. Bünd­nis­po­litik habe das Zau­berwort geheißen und sei fortan zum heftig umstrit­tenen Thema in der auto­nomen Szene geworden, erklärt der Aktivist.

2000 Men­schen waren am 7. Mai 1988 nach Mackenrode gekommen. Doch was die Demons­tration noch heute inter­essant macht, war ihre Zusam­men­setzung. An der Spitze lief ein auto­nomer Block, dahinter hatten sich Mit­glieder der Grünen, des DGB und der SPD in die Demons­tration ein­ge­reiht. Zuvor hatte es klare Absprachen zwi­schen den Spektren gegeben und auch der autonome Block benannte Ver­ant­wort­liche, die garan­tierten, dass diese ein­ge­halten werden. Diese Koope­ration war etwas Neues und wurde bun­desweit dis­ku­tiert.

Doch für große Teile der auto­nomen Anti­fa­szene bedeutete die Mackenrode-Demons­tration noch eine weitere Zäsur. Erstmals waren dort in der BRD Fahnen und Trans­pa­rente mit dem Emblem der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion in großer Zahl zu sehen. Bald war dieses Symbol bei Demos und Aktionen der Auto­nomen Antifa nicht mehr weg­zu­denken. Langer schildert, wie umstritten die Ver­wendung des leicht ver­än­derten Symbols der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion aus der Wei­marer Republik unter auto­nomen Anti­fa­schis­tInnen war, vor allem wegen der engen Ver­knüpfung des Symbols mit der KPD.

In dem Buch sind zahl­reiche Plakate abge­druckt, die von der Gruppe Kunst und Kampf (kuk) – Langer war eines ihrer Grün­dungs­mit­glieder – seit Ende der 1980er Jahre pro­du­ziert wurden. Mit kna­ckigen Bot­schaften und Wie­der­erken­nungswert wurden sie zur Mobi­li­sierung genutzt. Damit ver­ab­schiedete sich ein Teil der Auto­nomen Antifa vom sub­kul­tu­rellen Stil der frühen Jahre. Doch nicht alle wollen mit­ziehen.

Langer beschreibt präzise die knall­harte Macht­po­litik in der auto­nomen Szene und ver­schweigt auch seine eigene Betei­ligung nicht. Wer zum Vor­be­rei­tungs­treffen für eine Groß­de­mons­tration schon mit einem fer­tigen Pla­kat­entwurf auftrat, bestimmte die Aus­richtung der Öffent­lich­keits­arbeit. Man muss nicht in allem mit Langer über­ein­stimmen, bei­spiels­weise wenn der die Okto­ber­re­vo­lution als Putsch der Bol­schewiki abqua­li­fi­ziert. Doch mit dem Buch hat er ein wich­tiges Kapitel außer­par­la­men­ta­ri­scher linker Geschichte dem Ver­gessen ent­rissen.

Bernd Langer, »Kunst und Kampf«. Unrast-Verlag, 256 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978–3‑89771–582‑0

Peter Nowak

Bernd Langer: Kunst und Kampf. Werke und Aktionen aus 30 Jahren

In Zeiten von AfD-Auf­stieg und Pegida fragen sich nicht wenige, warum man heute so wenig von der Auto­nomen Antifa hört, die noch vor zwei Jahr­zehnten Schlag­zeilen machte.

Es waren radikale Linke, die in gut orga­ni­sierten Blöcken gegen diverse Alt- und Neo­na­zi­treffen pro­tes­tierten und dabei auch die Kritik an Staat und Nation nicht ver­gaßen. Für einen Großteil der Medien und auch für die meisten poli­ti­schen Par­teien war die Autonome Antifa ein Haufen von Chaoten und ein Fall für Polizei und Justiz. Doch aus­ge­rechnet in der nie­der­säch­si­schen Uni­ver­si­täts­stadt Göt­tingen wurde die Autonome Antifa vor 30 Jahren bündnis- und kul­tur­fähig.

Bernd Langer ist seit 1978 in auto­nomen Anti­fa­zu­sam­men­hängen aktiv und war einer der stärksten Befür­worter einer Bünd­nis­po­litik im auto­nomen Lager. Jetzt hat er unter dem Titel Kunst und Kampf eine all­ge­mein­ver­ständ­liche Geschichte darüber ver­fasst.

Ein Höhe­punkt seiner Akti­vi­täten war eine Demons­tration gegen ein Neo­na­zi­zentrum im nie­der­säch­si­schen Mackenrode am 7.Mai 1988, zu der bun­desweit mobi­li­siert wurde. Damals war die tra­di­tio­nelle autonome Antif­a­po­litik, die Bünd­nisse mit bür­ger­lichen oder refor­mis­ti­schen Linken ablehnte und nur auf die eigene Kraft ver­trauen wollte, an ihre Grenzen gestoßen. «In dieser Situation kam es zu Kon­takten mit Vertreter_​innen von DGB, Grünen und anderen anti­fa­schis­tisch Gesinnten. Endlich bot sich die Chance, autonome Politik wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und aus der Iso­lation raus­zu­kommen. Bünd­nis­po­litik hieß das Zau­berwort und wurde fortan zum heiß umstrit­tenen Thema in der auto­nomen Szene», beschreibt Langer die Situation vor fast 30 Jahren in West­deutschland.

2000 Men­schen waren am 7.Mai 1988 nach Mackenrode gekommen. Doch was die Demons­tration noch heute inter­essant macht, war ihre Zusam­men­setzung. An der Spitze lief ein auto­nomer Block, dahinter hatten sich Mit­glieder der Grünen, des DGB und der SPD in die Demons­tration ein­ge­reiht. Zuvor hat es klare Absprachen zwi­schen den Spektren gegeben und auch der autonome Block benannte Ver­ant­wort­liche, die garan­tierten, dass die gemein­samen Ver­ein­ba­rungen ein­ge­halten wurden. So gingen vom auto­nomen Block keine Angriffe auf die Polizei aus. Aber es gab die klare Ansage, dass er sich gegen Angriffe ver­tei­digen würde. Diese Koope­ration war etwas Neues und wurde bun­desweit dis­ku­tiert.

Symbol der Anti­fa­aktion
Noch in einer anderen Hin­sicht war die Mackenrode-Demons­tration ein Novum. Auf dieser Demons­tration waren erstmals in der BRD Fahnen und Trans­pa­rente mit dem Emblem der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion in großer Zahl zu sehen. Bald war dieses Symbol von Demos und Aktionen der Auto­nomen Antifa nicht mehr weg­zu­denken. Langer beschreibt sehr detail­liert, wie umstritten die Ver­wendung des leicht ver­än­derten Symbols der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion aus der Wei­marer Republik auch unter auto­nomen Anti­fa­schisten damals war. Für viele war es zu stark mit der KPD-Geschichte der Wei­marer Republik ver­bunden.

Auch zur Kul­tur­fä­higkeit der Auto­nomen Antifa trug Langer bei, was man in dem Buch gut sehen kann. Dort sind zahl­reiche Plakate nach­ge­druckt, die die von ihm gegründete Gruppe Kunst und Kampf (KuK) seit Ende der 80er Jahre pro­du­ziert hat. Sie mobi­li­sierten zu Demons­tra­tionen und poli­ti­schen Kam­pagnen, die poli­tische Bot­schaft kam gut rüber und sie hatten einen Wie­der­erken­nungswert. Mit ihnen ver­ab­schiedete sich ein Teil der Auto­nomen Antifa vom Punkstil.

Doch nicht alle wollen mit­ziehen. Langer beschreibt, wie auch in der auto­nomen Szene Macht­po­litik prak­ti­ziert wurde, und ver­schweigt nicht, dass auch er daran beteiligt war. Wenn KuK beim Vor­be­rei­tungs­treffen zu einer Demons­tration schon mit einem fer­tigen Pla­kat­entwurf auftrat, war die Chance groß, dass der auch Ver­wendung fand.

Bernd Langer ver­steht sich noch immer als radi­kaler Linker, der kei­neswegs den Frieden mit diesem Staat gemacht hat. Man muss nicht mit allen seinen poli­ti­schen Ansichten über­ein­stimmen, so wenn Langer die Okto­ber­re­vo­lution als Putsch der Bol­schewiki abqua­li­fi­ziert. Doch mit dem Buch hat er einen Beitrag dazu geleistet, dass ein wich­tiges Kapitel linker Geschichte nicht ver­gessen wird. Men­schen, die dabei waren, werden es ebenso mit Gewinn lesen, wie junge Leute, die noch nicht geboren waren, als die Autonome Antifa erstmals Bünd­nisse einging. Sie können sich diese Geschichte im heu­tigen Kampf gegen Rechts aneignen und selber ent­scheiden, was davon heute noch brauchbar ist. Die in dem Buch nach­ge­druckten Plakate, viele von ihnen sind kaum mehr bekannt, bringen die autonome Geschichte den Lesenden auch optisch nahe.

Münster: Unrast-Verlag, 2016. 256 S., 19,80 Euro

Bernd Langer: Kunst und Kampf. Werke und Aktionen aus 30 Jahren

von Peter Nowak

„Nicht bunt, sondern schwarz und rot sind unsere Fahnen“

KAMPF Jah­relang war Bernd Langer in der auto­nomen Antifa. Jetzt hat er ein Buch geschrieben

taz: Herr Langer, warum ver­öf­fent­lichen Sie Ihre eigene Geschichte der auto­nomen Antifa-Bewegung?
Bernd Langer: Ich möchte die Ent­stehung der heu­tigen Antifa authen­tisch erzählen. Dies kann ich am ehr­lichsten anhand meiner Ent­wicklung. Ich war seit Ende der 70er Jahre, also von Beginn an, beteiligt. Das Buch geht aber weit über Bio­gra­fi­sches hinaus, the­ma­ti­siert die poli­ti­schen und gesell­schaft­lichen
Ent­wick­lungen jener Zeit.


Sie schreiben über Ihre Bemü­hungen Ende der 1980er, die autonome Antifa für andere poli­tische Kräfte bünd­nis­fähig zu machen. Wo lagen die Pro­bleme?
Vor allem im Dog­ma­tismus pseu­do­ra­di­kaler Szene-Apo­lo­geten. In den 80er Jahren war die autonome Anti­fa­be­wegung nur ein kleiner, mili­tanter Haufen mit einer gut orga­ni­sierten, aber sehr abge­schot­teten Struktur. Das führte in die Sack­gasse. 1988 war ich maß­geblich an der Orga­ni­sierung einer Antifa-Demons­tration im nie­der­säch­si­schen Mackenrode beteiligt, welche durch ein Bündnis von Auto­nomen bis hin zu Teilen des DGB und der Sozi­al­de­mo­kratie zustande kam. Diese Koope­ration traf aller­dings bei vielen Auto­nomen auf Wider­stand, man ver­suchte mich durch poli­tische Macht­spiele kalt­zu­stellen,
die Bünd­nis­po­litik wurde zunächst nicht auf­ge­griffen.

Welchen Zweck ver­folgten Sie Ende der 1980er Jahre mit der Initiative Kunst und Kampf, die mit Agitprop-Aktionen und Pla­katen für Auf­sehen sorgte?
Dabei ging es um Kul­tur­fä­higkeit, das heißt, aus den Kämpfen ent­stehen eine neue Kunst und Kultur. Nicht indi­vi­duelle Urhe­ber­schaft, sondern das poli­tische Kol­lektiv ist ent­scheidend. So war es auch wichtig, eigene
Symbole zu kre­ieren und zu ver­breiten, wie das Logo der Anti­fa­schis­ti­schen Aktion. Das traf damals bei großen Teilen der auto­nomen Szene auf Ablehnung.


Die heutige autonome Anti­faist bündnis- und kul­tur­fähig. Ein später Erfolg für Sie?

Kul­tur­fähig? Na ja. Bünd­nis­po­litik wird heute aller­dings von und mit großen Teilen der Antifa betrieben. Doch oft droht die eigene poli­tische Kontur in einem dif­fusen bunten Allerlei auf­zu­gehen. Nicht bunt, sondern schwarz und rot sind unsere Fahnen!

INTERVIEW PETER NOWAK


■■„Kunst und Kampf“. Unrast-Verlag, 256 Seiten, 19,80 Euro
■■Buch­vor­stellung, heute Abendab 20.30 Uhr im Stadt­teil­laden Zielona Gora, Grün­berger Str. 73

■■ Bernd Langer geb. 1960 in Bad Lau­tenberg, lebt in Berlin. Er war in der auto­nomen Antifa aktiv und gründete die Initiative Kunst und Kampf.

Stören Meinungsäußerungen den Frieden?

WIDER­STAND Prozess um Antifa-Akti­visten, der Anschlag auf rechte Zeitung lobte, wird neu auf­ge­rollt
BERLIN taz | Darf man einen längst ver­jährten Anschlag auf die rechte Wochen­zeitung Junge Freiheit loben? Diese Frage wird das Gericht noch länger beschäf­tigen. Am Dienstag beschloss das Ber­liner Land­ge­richt, ein dies­be­züg­liches Ver­fahren noch einmal neu auf­zu­rollen.
Im Sep­tember 2015 war Bernd Langer, Antifa-Aktivist und Chronist der linken Bewegung, wegen Bil­ligung einer Straftat und Störung des öffent­lichen Friedens zu einer Geld­strafe von 500 Euro ver­ur­teilt worden (taz berichtete). Er hatte 2014 in einem Interview mit der Tages­zeitung Neues Deutschland, das sich um die Geschichte der auto­nomen Anti­fa­be­wegung in der BRD drehte, auch einige Bemer­kungen zu einen Anschlag auf die Dru­ckere der rechte Wochen­zeitung Junge Freiheit aus dem Jahr 1994 gemacht. „Wenn man liest, wie das bei denen rein­ge­hauen hat – die konnten ihre Zeitung fast zumachen –, war das eine Super­aktion gewesen“, so Langer in dem Interview. Das Ver­fahren hatte der ehe­malige Gene­ral­bun­des­anwalt und lang­jährige Junge-Freiheit-Autor Alex­ander von Stahl ins
Rollen gebracht. Auch die säch­sische AfD hatte in einer Pres­se­mit­teilung das Interview als Bei­spiel für die Bil­ligung linker Gewalt ange­führt. Zunächst sollte Langer eine Strafe von 3.000 Euro zahlen, die das Ber­liner Amts­ge­richt im Sep­tember 2015 auf 500 Euro redu­zierte. Dagegen legte Langer Berufung ein. Doch am 12. Sep­tember wollte das Ber­liner Land­ge­richt nicht über den Fall urteilen,
weil ihr Infor­ma­tionen zu der Aktion gegen die Junge Freiheit fehlen. Daher beschloss das Gericht, beim nächsten Termin LKA-Beam­tInnen aus Thü­ringen zu laden, die 1994 nach dem Anschlag auf die Junge Freiheit in Weimar ermit­telten. Langers Anwalt Sven Richwin hätte sich eine Ein­stellung des Ver­fahrens gewünscht, sieht aber die Hin­zu­ziehung von Zeu­gInnen positiv. „Das Gericht wird sich mit unserer Argu­mention beschäf­tigen, dass mein Mandat mit dem Interview den öffent­lichen Frieden schon deshalb nicht gestört haben kann, weil schon den meisten Lese­rInnen des Neuen Deutschland der Anschlag auf die Junge Freiheit nicht bekannt war“, erklärte der
Anwalt gegenüber der taz. Langer fordert wei­terhin einen Frei­spruch. „Es muss nach mehr als zwanzig Jahren möglich sein, ohne Angst vor straf­recht­lichen Kon­se­quenzen über die Aktion zu dis­ku­tieren“, betonte er.
aus Taz vom 13.4.2016
Peter Nowak