Solidarität in Wedding

Kieze trotzen Krise

Soli­da­rische Stadt­teil­arbeit bietet ange­sichts der Corona-Epi­demie Platt­formen für Soli­da­rität und gegen­seitige Unter­stützung. Aktuell zählt die Tele­gramm-Gruppe 1.750, die Facebook-Gruppe 820 Mit­glieder

„Die vielen prekär Selbst­stän­digen und Schein­selbst­stän­digen im Taxi­ge­werbe bekommen noch nicht einmal Kurz­ar­bei­tergeld. Bislang stehen wir unsinnig herum, sind irgendwo zwi­schen denen, die zuhause bleiben sollen, und denen, die unbe­dingt arbeiten sollen, ver­gessen.“ Diese Zeilen eines 57-jäh­rigen Ber­liner Taxi­fahrers sind unter der Rubrik „Repor­tagen der Soli­da­rität“ auf der Homepage www​.unver​wertbar​.org ver­öf­fent­licht. Ein­ge­richtet wurde die Web­seite von der Stadt­teil­in­itiative „Hände weg vom Wedding“ (HwvW), die schon in den .…

.… ver­gan­genen Jahren soli­da­rische Stadt­teil­arbeit orga­ni­siert hat. Treff­punkt ist das nach einer Wed­dinger Anar­chistin benannte Kiezhaus Agnes Reinhold in der Afri­ka­ni­schen Straße 74. Und auch in Zeiten von Corona liegt die soli­da­rische Stadt­teil­arbeit im Wedding kei­nes­falls brach. Mitte März startete die Stadt­teil­in­itiative die Kam­pagne „Soli­da­ri­sches Wedding – gemeinsam gegen Corana“. Alex­ander Gorski von der AG Stadt­teil­arbeit bei HwvW beschreibt die ersten Schritte: „Zunächst haben wir in den sozialen Netz­werken Gruppen und Foren geschaffen, die im Falle einer Gefährdung oder not­wen­diger Qua­rantäne dem gegen­sei­tigen Aus­tausch von Men­schen aus der direkten Nach­bar­schaft dienen und gegen­seitige Hilfe erleichtern sollen.“ Weil vor allem ältere Men­schen wenig über soziale Netz­werke kom­mu­ni­zieren, wurden Druck­vor­lagen für Flur­aus­hänge in meh­reren Sprachen erstellt und in den Wed­dinger Miets­häusern aus­ge­hängt. Damit wird kon­krete nach­bar­schaft­liche Unter­stützung etwa bei Ein­käufen und Besor­gungen ange­boten.

Die große Resonanz im Stadtteil über­raschte die Stadt­teil­ak­ti­vis­tInnen. Aktuell zählt die von ihnen gegründete Tele­gramm-Gruppe 1.750, die Facebook-Gruppe 820 Mit­glieder. Dabei ver­schweigt Gorski auch die Schwie­rig­keiten nicht. „An ein Plenum per Video muss man sich erst gewöhnen, und auch das Mode­rieren von Chat­gruppen will gelernet sein“, berichtet er.

Im Projekt „All­tags­er­fah­rungen von unten“, das eben­falls von HwvW ange­schoben wurde, werden Erfah­rungs­be­richte von Men­schen mit geringen Ein­kommen – wie des zitierten Taxi­fahrers – gesammelt, die berichten, wie sie in Zeiten der Corona-Krise über die Runde kommen. In der Rubrik melden sich auch Beschäf­tigte aus dem Pflege- und Gesund­heits­be­reich zu Wort und fordern bessere Arbeits­be­din­gungen und mehr finan­zielle Mittel.

Gorski betont, dass die Stadt­teil­in­itiative auch in der Corina-Krise poli­tische For­de­rungen arti­ku­lieren will. Auch wenn die jähr­liche Wed­dinger Kiezdemo am 30. April wegen Corona wahr­scheinlich aus­fallen muss, proben die Akti­vis­tInnen neue Pro­test­formen. So rufen sie für kom­menden Samstag um 18 Uhr zur Teil­nahme an der Fens­ter­de­mons­tration gegen den Mie­ten­wahnsinn und ein neo­li­be­rales Gesund­heits­system auf.

Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://taz.de/Solidaritaet-in-Wedding/!5674350/