Hajek Willi (Hg.). Gelb ist das neue Rot – Gewerkschaften und Gelbwesten in Frankreich. Die Buchmacherei, Berlin, 2020, ISBN: 978-3-9820783-7-3, 100 Seiten, ca. 8 Franken (7 Euro).

Gelb ist das neue Rot

Über die fran­zö­sische Gelb­wes­ten­be­wegung sind in den letzten Monaten einige Bücher erschienen. Doch der im Verlag «Die Buch­ma­cherei» erschienene Sam­melband mit dem Titel «Gelb ist das neue Rot» liefert einige neue Aspekte. Das ist dem Her­aus­geber Willi Hajek zu ver­danken.

Willi Hajek lebt seit einigen Jahren in Mar­seille und steht mit basis­ge­werk­schaft­lichen Zusam­men­hängen in ver­schie­denen Ländern in regen Aus­tausch. In Frank­reich hat Hajek gute Kontakt zu Aktivist*innen der Gelb­westen und der Gewerk­schaften. Die zehn Auf­sätze drehen sich um das durchaus span­nungs­ge­ladene Ver­hältnis zwi­schen.…

.…. ihnen. «In unserem Sam­melband haben wir Artikel gesammelt, wie über­ra­schend diese Bewegung auf­tauchte und wie ver­wirrt manche streik­er­fah­renen Gewerk­schaf­te­rInnen und linken Akti­vis­tInnen anfangs reagierten», schreibt Hajek in der Ein­leitung. Es wird auch ver­ständlich, warum es in den letzten Monaten eine stärkere Koope­ration zwi­schen beiden Bewe­gungen gegeben hat.

Die Vor­ge­schichte
Willi Hajek erinnert an die jüngere Geschichte der sozialen Pro­teste in Frank­reich, die erklären, warum die Gelb­wes­ten­be­wegung ent­stand und über längere Zeit das innen­po­li­tische Leben Frank­reichs prägte. Da wären die grossen Streiks im Jahr 1995 zu nennen, die Frank­reich über Wochen beschäf­tigten. 2016 haben die Platz­be­set­zungen der Bewegung auch über Frank­reich hinaus für kurze Auf­merk­samkeit gesorgt. Sehr wichtig war aber auch der All­tags­wi­der­stand, der kaum für Schlag­zeilen sorgt und nur Men­schen bekannt ist, die sich – wie der Her­aus­geber – in den sozialen Bewe­gungen bewegen. So weist Hajek auf den Kampf der Elektriker*innen der staat­lichen Strom- und Gas­ver­sorgung EDF und GDF in er Region Midi-Pyrénées hin, die über den gewerk­schaft­lichen Kampf hinaus auch soli­da­risch mit Men­schen waren, denen der Strom abge­stellt wurde. «Sie führten einen ent­schie­denen gewerk­schaft­lichen Kampf gegen die Aus­la­gerung ihrer Mon­ta­ge­tä­tigkeit als Teil der geplanten Pri­va­ti­sierung im öffent­lichen Dienst und waren bisher auch erfolg­reich. Gleich­zeitig bil­deten sie das Kol­lektiv Robin du Bois, das ver­armten Haus­halten wieder Strom anschliesst».
Hajek nennt auch Fabienne Brutus, die Lei­terin eines Arbeitsamts in Frank­reich, die sich in einer Erklärung geweigert hat, Erwerbslose zu sank­tio­nieren. «Wir sind mit den Arbeits­su­chenden soli­da­risch. Wir weigern uns, falsche Zahlen, unlautere Angebote und sinnlose Unter­hal­tungen zu pro­du­zieren und wir werden unsere beruf­lichen Prak­tiken dazu ein­setzen, den Nutzern unserer Dienste zu helfen, im vollen Respekt ihrer bür­ger­lichen Rechte», wird in dem Buch aus der von Brutus mit­ver­fassten Erklärung zitiert, die viel Auf­merk­samkeit bekommen hat.

Lebendige Aktionen
Hin­ge­wiesen wird in dem Buch auch auf Texte wie «Der kom­mende Auf­stand» aus dem anar­chis­ti­schen Spektrum und den zivil­ge­sell­schaft­lichen Text «Empört Euch» von Stefan Hessel. Sie wurden aus­serhalb Frank­reichs vor allem im Feuil­leton links­li­be­raler Medien eifrig dis­ku­tiert. Aktionen wie «Nuit Debout» wurden ebenso wie die Gelb­wes­ten­be­wegung in der aus­ser­par­la­men­ta­ri­schen Linken dis­ku­tiert, sozio­lo­gisch ana­ly­siert, bis man sich das nächste Pro­test­phä­nomen zuwendet.
Die Stärke der von Hajek her­aus­ge­ge­benen Texte besteht darin, dass sie keine Sicht von aus­serhalb der Bewegung sind. Alle Autor*innen sind an der Basis von Gewerk­schaften aktiv und haben sich sehr früh an den Pro­testen der Gelb­westen beteiligt. Sie beschreiben auch sehr gut, warum das Ver­hältnis zwi­schen beiden so schwierig war und teil­weise immer noch ist. Dabei wird schnell klar, wenn sie auch Ver­hält­nisse aus Frank­reich beschreiben, gilt vieles glei­cher­massen für die Ver­hält­nisse in vielen anderen Ländern. Da geht es um Gewerk­schafts­de­mons­tra­tionen, die so bere­chenbar wie harmlos sind. Polizei ist kaum zu sehen, aber auch wenig junge Men­schen. Es sprüht kein Funke der Rebellion über, die Demonstrant*innen machen nicht den Ein­druck, dass ihnen ihre Akti­vi­täten Spass machen. Dagegen werden Aktionen der Gelb­westen geschrieben, die trotz der stän­digen Poli­zei­re­pression im wahrsten Sinne des Wortes sehr lebendig sind.

Kol­lektive Pro­testform
Auf den besetzen Ver­kehrs­kreisel, auf denen sich die Aktivist*innen sam­melten, wurde Ball gespielt und getanzt. Die Pro­tes­tie­renden dis­ku­tierten auch in den langen Abenden an der Feu­er­tonne über ihr Leben und über ihre Sicht auf die Welt. Da wird beschrieben, wie Men­schen, die kon­ser­vativ wählten und die Bewohner*innen in den Ban­lieus, den Vor­orten der fran­zö­si­schen Gross­städten, ver­ach­teten, völlig neue Erkennt­nisse bekamen. Sie erklären, dass sie bei den Pro­testen der Poli­zei­gewalt aus­ge­setzt sind, wie sie in den Ban­lieus all­täglich ist. Auf dieser Grundlage betei­ligten sich Banlieu-Aktivist*innen, die Gerech­tigkeit für von Poli­zei­kugeln getötete Jugend­liche fordern, an den Gelb­wes­ten­pro­testen.
Mehrere der Basisgewerkschafter*innen sehen in der Gelb­wes­ten­be­wegung eine Suche nach neuen kol­lek­tiven Pro­test­formen, nachdem die Arbeits­ver­hält­nisse immer indi­vi­dua­li­sierter werden und die Zeiten der Gross­fa­briken mit ihren starken Betriebs­ge­werk­schaften der Ver­gan­genheit ange­hören. Darauf bezieht sich auch der Titel des Buches, der bei Ver­an­stal­tungen zu hef­tigen Dis­kus­sionen führte. Er soll vor allem aus­drücken, dass die Gewerk­schaften von der Unbe­re­chen­barkeit und Radi­ka­lität der Gelb­wes­ten­be­wegung ange­steckt werden müssen, um wieder auch für jüngere Men­schen attraktiv zu werden.

Vor­urteil abgebaut
In dem Buch wird der Stand der Bewegung im Januar 2020 fest­ge­halten, als das geschah. Es war die Zeit der grossen Streiks gegen die Ren­ten­reform der Macron-Regierung. In diesen kon­kreten Kämpfen auf der Strasse kamen die Basis­ge­werk­schaften und die Gelb­westen zusammen. Die häufig theo­re­tisch ge-for­derte Koope­ration der beiden Bewe­gungen kann eben nur in diesen kon­kreten Aus­ein­an­der­set­zungen her­ge­stellt werden. Im Buch beschreiben die Gesprächspartner*innen sehr gut, wie genau hier das Tren­nende zwar nicht ver­schwunden ist, so doch nicht mehr die domi­nie­rende Rolle gespielt hat. Viele lang­jährige Gewerkschafter*innen erkannten, dass die Gelb­wes­ten­be­wegung mehr­heitlich nicht rechts und klein­bür­gerlich war, wie sie es am Anfang ein­schätzen. Ande­rer­seits erkannten Aktive der Gelb­westen, dass gerade in Frank­reich längst nicht alle Gewerk­schaften Teil des poli­ti­schen Systems sind. Dieser Vorwurf war vor allem am Beginn der Gelb­wes­ten­be­wegung häufig zu hören und erschwerte eine Koope­ration sehr stark. Nachdem Marcron mit mas­siver Poli­zei­gewalt und par­la­men­ta­ri­schen Tricks einen grossen Teil der soge­nannten Ren­ten­re­formen ver­ab­schiedet hat, muss sich jetzt zeigen, ob es gelingt, den Sprung von der Pro­test­be­wegung zu einer hand­lungs­fä­higen linken Oppo­sition zu schaffen, in der Basisgewerkschafter*innen und Gelb­westen ihren Platz haben.
Es wäre zu wün­schen, dass Willy Hajek diese weitere Geschichte der aus­ser­par­la­men­ta­ri­schen Be-wegung in Frank­reich in wei­teren Bücher ebenso locker und infor­mativ ver­mittelt, wie es ihm das mit «Gelb ist das neue Rot» gelungen ist. Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://www.vorwaerts.ch/kultur/gelb-ist-das-neue-rot/