Zum Jahrestag des Giftgasunfalls in Bhopal würdigt Ethikstiftung den Einsatz für die Opfer

Urkatastrophe der Globalisierung

Dass der Ruf nach Ent­schä­digung trotzdem nicht ver­stummt, ist auch ein Ver­dienst der Preis­trä­gerin Rachna Dhingra. Nach ihrem Studium in den USA, wo sie Über­le­bende der Kata­strophe ken­nen­lernte, wurde sie zu einer wich­tigen Stimme ihres Wider­stands. Bei der Preis­ver­leihung in Berlin klagte die Men­schen­rechts­ak­ti­vistin nicht nur Dow Che­mical, sondern den glo­balen Kapi­ta­lismus ins­gesamt an.

»Gerech­tigkeit für die Über­le­benden von Bhopal«, stand auf einen Banner in einem Raum der Ber­liner Kul­tur­brauerei. Dort vergab die Stiftung für Ethik und Öko­nomie, Ethecon, am Samstag ihren »Blue Planet Award« an die .…

.… indische Men­schen­rechts- und Umwelt­ak­ti­vistin Rachna Dhingra und ihren Mann Satinath Sarangi, Gründer eines selbst­ver­wal­teten Kran­ken­hauses für die Opfer der Che­mie­ka­ta­strophe von Bhopal, die sich am 3. Dezember zum 35. Mal jährt. n der indi­schen Mil­lio­nen­stadt Bhopal war 1984 aus einer Anlage des US-ame­ri­ka­ni­schen Kon­zerns Union Carbide – heute eine Toch­ter­ge­sell­schaft von Dow Che­mical – töd­liches Giftgas aus­ge­treten. Auf der Ethecon-Ver­an­staltung ging Michael Gottlob von Amnesty Inter­na­tional kennt­nis­reich auf die Folgen ein. Unmit­telbar nach dem Aus­treten des Giftes starben demnach Hun­derte Men­schen, Zehn­tau­sende wurden ver­giftet. In den letzten 35 Jahren sind nach vor­sich­tigen Schät­zungen 25 000 Men­schen an den Folgen gestorben. Wesentlich mehr Per­sonen leiden noch heute an gesund­heit­lichen Pro­blemen.

Indien-Experte Gottlob berichtete auch über den Kampf der Über­le­benden um eine ange­messene Ent­schä­digung und von der Behebung der Gesund­heits- und Umwelt­schäden im betrof­fenen Gebiet. Dow Che­mical hat es abge­lehnt, vor indi­schen Gerichten zu erscheinen. Dabei wurde der Konzern von der US-Regierung unter­stützt. Sie über­redete die indische Regierung, einen Ver­gleich zu akzep­tieren, dessen Betrag durch die Ver­si­che­rungen gedeckt war.

Der Nega­tiv­preis der Ethik­stiftung, der »Dead Planet Award«, ging in diesem Jahr an Groß­ak­tionäre und Vor­stände von JBS, dem welt­größten Fleisch­konzern aus Bra­silien. Ihnen wird nicht nur die Schä­digung »mensch­licher Gesundheit bis hin zum mil­lio­nen­fachen Tod« vor­ge­worfen, sondern auch, das Klima in irrepa­rabler Weise zu rui­nieren. Der Konzern trete die Rechte der Beschäf­tigten mit Füßen, sagte Christian Russau vom Dach­verband der Kri­ti­schen Aktionäre in seiner Schmährede.

Zugleich lobte der Bra­silien-Experte, dass sich weltweit Men­schen gegen Bra­si­liens rechten Prä­si­denten Jair Bol­sonaro stellten. Die Empörung über die Brände in den Wäldern des Ama­zonas sieht Russau hin­gegen mit gemischten Gefühlen. So habe die Sorge vor allem dem Erhalt »der grünen Lunge der Welt« gegolten, kri­ti­sierte er. Dabei müsse es darum gehen, den Lebensraum der dort woh­nenden Indi­genen zu schützen und ihre Rechte zu ver­tei­digen.

Das Anliegen der Stiftung, die die beiden Preise seit 2006 ver­leiht, ist es, eine globale linke Bewegung zu unter­stützen. Der Kampf für die Rechte von Arbeiter*innen steht dabei ebenso im Fokus wie der Schutz der Umwelt. Am Samstag wurde gezeigt, dass es möglich ist, diese Kämpfe mit einer anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Stoß­richtung zu ver­binden.

Dass der Ruf nach Ent­schä­digung trotzdem nicht ver­stummt, ist auch ein Ver­dienst der Preis­trä­gerin Rachna Dhingra. Nach ihrem Studium in den USA, wo sie Über­le­bende der Kata­strophe ken­nen­lernte, wurde sie zu einer wich­tigen Stimme ihres Wider­stands. Bei der Preis­ver­leihung in Berlin klagte die Men­schen­rechts­ak­ti­vistin nicht nur Dow Che­mical, sondern den glo­balen Kapi­ta­lismus ins­gesamt an. Um Kosten zu sparen, war beim Bau der Che­mie­anlage in Indien auf Sicher­heits­stan­dards ver­zichtet worden, die bei ähn­lichen Pro­jekten in den USA vor­ge­schrieben gewesen wären. Ethecon-Grün­dungs­mit­glied Axel Köhler-Schnura bezeichnete den Unfall von Bhopal denn auch als »Urka­ta­strophe der Glo­ba­li­sierung«. Rund um den Jah­restag des Che­mie­un­falls finden in vielen Ländern Soli­da­ri­täts­ak­tionen statt. In Berlin ist am Vor­abend des 3. Dezember eine Mahn­wache vor der US-Bot­schaft geplant. Peter Nowak