
»Wir ehren hier zwei Menschen, deren Leben durch den NS zerstört wurde«, sagt Franziska Schön am Freitagnachmittag zu rund 150 Menschen, die vor einem Büroneubau in der Revaler Straße 32 in Friedrichshain versammelt sind. Schön ist Urenkelin von Hans Zoschke, dessen …
… Portrait auch auf Schals abgebildet ist, die viele der Anwesenden tragen. »Wir tragen auch die Verantwortung in einer Zeit, in der rechte Kräfte erstarken«, so Schön weiter. Für Hans und seine Frau Elfriede werden am 29. Mai zwei Stolpersteine in den Boden vor dem Hauseingang eingelassen. »Wir bringen so die Zoschkes zurück in den Friedrichshainer Kiez«, sagte Basti von der Faninitiative des Fußballvereins SV Lichtenberg 47, die das Gedenken an die beiden Antifaschist*innen maßgeblich vorangetrieben hat.
Von 1938 bis 1942 wohnten Hans und Elfriede Zoschke in der Revaler Straße 32 in einem der Arbeiterhäuser im Stadtteil. Die Wohnung war auch ein Treffpunkt für Antifaschist*innen. Dort versteckten die kommunistischen Widerstandskämpfer*innen im Herbst 1941 den KPD-Instrukteur Alfred Kowalke. Er war im Auftrag der Parteizentrale nach Berlin gekommen, um Widerstandsaktivitäten zu koordinieren. Für die Gestapo wurde er zu einer der meistgesuchten Personen Berlins. Mithilfe eines Spitzels gelang es den NS-Repressionsorganen, das antifaschistische Netzwerk aufzurollen. Die anschließende Repressionswelle traf auch Hans Zoschke. Er wurde am 4. Februar 1942 in seiner Wohnung verhaftet, als er gerade mit seiner Tochter spielte. Zunächst wurde er in das Zwangsarbeiterlager Wuhlheide verschleppt. Am 5. September 1944 wurde er in Potsdam vom Volksgerichtshof unter dem berüchtigten Blutrichter Roland Freisler zum Tode verurteilt. Am 24. Oktober 1944 wurde Zoschke gemeinsam mit seinem Freund und Genossen Werner Seelenbinder mit dem Fallbeil ermordet. Seine Frau und seine Tochter überlebten den Naziterror, kehrten aber nicht in die Revaler Straße zurück. Dass an die Zoschkes in Friedrichshain erinnert werden würde, war nicht von Anfang an klar. »Wir sind regelmäßig zu Spielen in das Hans-Zoschke-Stadion in Lichtenberg gegangen und haben uns mit der Biografie des Namensgebers befasst. Daraus entstand die Idee des Gedenkorts«, erzählt Basti. Ursprünglich wollten sie einen solchen an Zoschkes Todestag in der Umgebung des Stadions errichten. Doch dann begannen sie über den Stadtteil hinaus zu denken. Schließlich gibt es in Lichtenberg mit dem Hans-Zoschke-Stadion schon seit 1952 einen Erinnerungsort für den Widerstandskämpfer.
Die Fan-Initiative entschloss sich, neben Hans auch seiner Frau Elfriede mit einem Stolperstein zu gedenken. Damit wollte sie ein Zeichen setzen, denn bisher wurden überwiegend männliche Antifaschisten geehrt und die Frauen oft nur als deren Begleiter*innen gesehen. Basti von der Fan-Initiative Lichtenberg 47 hält dem entgegen: »Elfriede ist für den Lebensunterhalt zuständig gewesen, während Hans arbeitslos war. Außerdem hat sie ihre Wohnung gemeinsam mit Hans für politische Treffen zur Verfügung gestellt, was zur damaligen Zeit bei Enttarnung einem Todesurteil gleichgekommen wäre.«
Eine besondere Bedeutung bekam die Ehrung durch die Anwesenheit der 85-jährigen Roswitha Melchert, der Tochter von Hans und Elfriede Zoschke, die als Dreijährige die Verhaftung ihres Vaters miterleben musste. Bewegt dankte sie der Fan-Initiative für ihr Engagement. Zuvor hatten in kurzen Reden die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg Clara Herrmann (Grüne), Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Martin Schaefer (CDU) sowie der Präsident des Fußballclubs Lichtenberg 47 und ehemalige Bezirksbürgermeister von Lichtenberg Michael Grunst (SPD) in kurzen Redebeiträgen auf die Bedeutung von antifaschistischer Gedenkarbeit in Zeiten von zunehmendem Rassismus und Antisemitismus hingewiesen. Zum Schluss wurde ein weiteres Gedenken im Bezirk angekündigt. Am 22. Juni um 12.15 Uhr wird in der Richard-Sorge-Straße 16 der Stolperstein für den am 1. August 1933 von der SA erschlagenen Friedrichshainer Jungkommunisten Bruno Schilter verlegt. Peter Nowak