Der den Leser/innen des MieterEchos bekannte Autor und Fotograph Matthias Coers zeigt in den Räumen der Obdachlosengruppe Unter Druck e.V. in der Oudenarder Straße 26 in Berlin-Wedding seine Ausstellung „Mittendrin draußen“ über das Leben ohne Obdach in Berlin.

Unterstützung für Obdachlose statt Ehrenamtspreise

Doch wenn sich die Obdach­lo­sen­hilfe wünscht, „dass sich mehr Men­schen für das Ehrenamt begeistern“, hätte man sich doch einen kri­ti­schen Blick gewünscht. Die Publi­zistin Claudia Pinl hat mit dem Buch „Frei­willig zu Diensten?“ eine gute Vor­arbeit über die Aus­beutung von Ehrenamt und Gra­tis­arbeit geleistet. Sie hat in dem Buch gut her­aus­ge­ar­beitet, wie die unent­gelt­liche Arbeit vieler enga­gierter Men­schen von der Politik dazu miss­braucht wird, die staat­liche Sozi­al­po­litik weiter zurück­zu­fahren.

Beim ersten Win­ter­ein­bruch wird wieder deutlich, wie viele Men­schen in Berlin auf der Straße leben müssen. Unter vielen Häu­ser­ecken, aber auch unter Via­dukten und Brücken stapeln sich Matratzen und Schlaf­säcke. Der den Leser/​innen des Mie­te­rEchos bekannte Autor und Foto­graph Mat­thias Coers zeigt in den Räumen der Obdach­lo­sen­gruppe Unter Druck e.V. in der Oudenarder Straße 26 in Berlin-Wedding seine Aus­stellung „Mit­tendrin draußen“ über das Leben ohne Obdach in Berlin. Sie wird am 13.11.2019 um 18 Uhr eröffnet und wird bis zum 20.12. zu sehen sein. Coers nimmt in seinen Fotos .…..

.…… die Obdach­losen als Indi­viduen mit ihren unter­schied­lichen Bio­gra­phien ernst. Dabei wird schnell deutlich, dass die Obdach­lo­sigkeit die Kon­se­quenz einer Politik ist, die Woh­nungen für ein­kom­mens­schwache Men­schen ver­nach­läs­sigte. Wenn man die Fotos betrachtet, wird schnell klar, dass Obdach­lo­sigkeit ein gesell­schaft­liches Problem ist. Coers doku­men­tiert auch die unter­schied­lichen Über­le­bens­stra­tegien von Men­schen ohne Obdach in Berlin. So wird ein Schlaf­platz in einer Haus­ein­fahrt mit Strom­an­schluss ebenso gezeigt, wie die Platte am Bahnhof Zoo und die zugige Trag­luft­halle als letzte Zuflucht. 

Ehrenamt zwi­schen Enga­gement und Miss­brauch durch die Politik
Doch zur Roman­ti­sierung gibt es keinen Anlass. Ohne das ehren­amt­liche Enga­gement ver­schie­dener Ein­zel­per­sonen und Initia­tiven wäre das Leben vieler Obdach­loser in Berlin in Gefahr. Die Ber­liner Obdach­lo­sen­hilfe gehört zu den Gruppen, die seit Jahren Men­schen ohne Dach über den Kopf unter­stützen und ihre Arbeit auch poli­tisch ver­stehen (https://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​o​b​d​a​c​h​l​o​s​e​-​h​a​n​s​a​p​l​a​t​z​.html). „Wir sind maß­geblich damit beschäftigt, ehren­amtlich Auf­gaben zu erfüllen, die der Bezirk ver­nach­lässigt“, schreibt die Ber­liner Obdach­lo­sen­hilfe in einer Pres­se­mit­teilung, in der sie begründet, warum sie die Annahme des Ehren­amts­preises des Stadt­teils Mitte ablehnt. 

„Wir sind auf unseren Hilfs­touren immer mit den Kon­se­quenzen der obdach­lo­sen­feind­lichen und oft men­schen­ver­ach­tenden Politik des Bezirksamts Mitte kon­fron­tiert“, erklärt Niclas Bei­ersdorf von der Ber­liner Obdach­lo­sen­hilfe. Obdachlose Men­schen würden in dem Bezirk aus dem öffent­lichen Raum geräumt und ver­drängt, ihr Besitz wie Müll behandelt, prä­zi­siert er gegenüber Mieter Echo online die Vor­würfe. „Der Bezirk kommt seiner Unter­brin­gungs­pflicht nach dem All­ge­meinen Sicher­heits- und Ord­nungs­gesetz (ASOG) nicht nach. Für die Käl­te­toten auf Berlins Straßen ist diese Politik mit ver­ant­wortlich“, so Bei­ers­dorfs hartes Urteil über den Umgang des Bezirks Mitte mit Woh­nungs­losen. Aus­drücklich aus­ge­nommen von der Kritik hat die Obdach­lo­sen­hilfe die Frei­wil­li­genagentur, die ihr den nun abge­lehnten Preis ver­leihen wollte. Es ist natürlich ver­ständlich, dass die vielen ehren­amtlich arbei­tenden Men­schen für ihr Enga­gement gelobt werden sollen. Doch wenn sich die Obdach­lo­sen­hilfe wünscht, „dass sich mehr Men­schen für das Ehrenamt begeistern“, hätte man sich doch einen kri­ti­schen Blick gewünscht. Die Publi­zistin Claudia Pinl hat mit dem Buch „Frei­willig zu Diensten?“ eine gute Vor­arbeit über die Aus­beutung von Ehrenamt und Gra­tis­arbeit geleistet. Sie hat in dem Buch gut her­aus­ge­ar­beitet, wie die unent­gelt­liche Arbeit vieler enga­gierter Men­schen von der Politik dazu miss­braucht wird, die staat­liche Sozi­al­po­litik weiter zurück­zu­fahren. Die For­derung sollte daher darin liegen, das Ehrenamt über­flüssig zu machen, indem die kom­mu­nalen und staat­lichen Stellen ihre Auf­gaben wahr­nehmen und mehr tariflich bezahlte und abge­si­cherte Arbeits­plätze auch im Sozi­al­sektor schaffen. 

Peter Nowak

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