Auf einer Kundgebung in Berlin erinnerte ein Bündnis an den deutschen Angriff auf die Sowjetunion vor 85 Jahren. Kritik am heutigen Russland fehlte

»Russland ist nicht unser Feind«

Die auf sowjetische Geschichte spezialisierte Historikerin Inge Pardon verlas einen Brief von Frauen aus St. Petersburg, die an die mörderischen Folgen der Blockade der damals Leningrad genannten Stadt durch die deutsche Wehrmacht erinnerten. Sie warnte davor, dass Deutschland erneut Kriege gegen Russland plane. Dagegen sprachen sich auch der DDR-Radrennfahrer Täve Schur und der Theologe Eugen Drewermann in ihren kurzen Redebeiträgen aus.

Vor dem Brandenburger Tor in Berlin flatterten am Samstag blaue Fahnen mit weißen Friedenstauben. Auch einige rote Fahnen waren zu sehen. Rund 400 Menschen hatten sich dort zur Kundgebung »Russland ist nicht unser Feind« versammelt. Im Aufruf wird an den historischen Kontext erinnert: »Vor 85 Jahren, …


… am 22. Juni 1941, hat Deutschland die Sowjetunion überfallen, Wehrmacht und SS haben dort barbarisch gewütet. Dieses Kapitel der deutschen Geschichte wird weitgehend verschwiegen. Wir schauen hin, wir vergessen nicht!«

Fast alle Redner*innen erinnerten an dieses Datum. Die auf sowjetische Geschichte spezialisierte Historikerin Inge Pardon verlas einen Brief von Frauen aus St. Petersburg, die an die mörderischen Folgen der Blockade der damals Leningrad genannten Stadt durch die deutsche Wehrmacht erinnerten. Sie warnte davor, dass Deutschland erneut Kriege gegen Russland plane. Dagegen sprachen sich auch der DDR-Radrennfahrer Täve Schur und der Theologe Eugen Drewermann in ihren kurzen Redebeiträgen aus. Sie waren jedoch nicht persönlich anwesend, sondern zugeschaltet.

Mit viel Applaus wurde auf der Bühne die ehemalige Abgeordnete der Linkspartei und heutige BSW-Politikerin Sevim Dağdelen begrüßt. Sie betonte, dass sie Russland weiterhin als Freund betrachte. Sie verwies dabei auf den »Vertrag über gute Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit«, den der Deutsche Bundestag 1991 mit der Sowjetunion geschlossen hatte. Dieses Abkommen gelte unverändert weiter, so Dağdelen.

Erinnern an die Rote Armee
Nicht nur die BSW-Politikerin setzte in ihrer Rede die Sowjetunion und Russland gleich. Auch einige Kundgebungsteilnehmer*innen zeigten aufwendig gestaltete Banner mit diesem Geschichtsverständnis. Auf einem Transparent stand die Parole »Wir vergessen nie – Russland ist unser Freund« unter einem Foto, das sowjetische Soldaten mit einer Gulaschkanone zeigt, aus der nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus 1945 die Berliner Bevölkerung versorgt wurde.

Ein älterer Mann mit einer Friedensfahne äußerte sich gegenüber dem »nd« verwundert über diese Geschichtsdeutung: »Ich bin extra aus Bielefeld zu der Kundgebung angereist. Aber diese Gleichstellung der Roten Armee mit der heutigen russischen Armee ist historisch nicht haltbar. In der Roten Armee kämpften Soldaten aus vielen Ländern, die damals zur Sowjetunion gehörten, darunter auch Ukrainer*innen.«

Kritik am Russlandbild
Auf einem anderen Banner waren die Porträts von Bundeskanzler Friedrich Merz, Verteidigungsminister Boris Pistorius, dem Generalinspekteur der Bundeswehr Carsten Breuer und dem Bundestagsabgeordneten der Grünen Anton Hofreiter zu sehen. Darüber stand: »Wir haben keine Angst vor Putin – wir haben Angst vor Euch«. Neben den Grünen wurde von den Redner*innen auch der Linkspartei vorgeworfen, sie würden die Stimmungsmache gegen Russland billigen. Dazu gehörte neben Dağdelen auch der ehemalige Generalstaatsanwalt der DDR Hans Bauer, der 2021 in Berlin als Spitzenkandidat der DKP für die Bundestagswahl angetreten war. Neben der DKP war auch die Kommunistische Organisation mit Fahnen und Transparenten vertreten. Darauf forderte sie eine Niederlage der Nato in der Ukraine. Der Anteil jüngerer Kundgebungsteilnehmerinnen war gering. Allerdings informierte Leonard Mielke von der Sozialistischen Deutschen Arbeiter*innenjugend (SDAJ) über die Kampagne »Jugend gegen Wehrpflicht« und bekam dafür Applaus. Am Rande der Kundgebung gab es auch Gespräche mit Passant*innen. »Ich finde es gut, dass an den Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion vor 85 Jahren erinnert wird. Mir fehlt aber die kritische Auseinandersetzung mit Putin und seiner repressiven Regierung«, sagte eine Frau. Das könnte auch ein Grund für die nur mäßige Beteiligung an der Kundgebung gewesen sein. Peter Nowak

Erstveröffentlichungsort: