200 Menschen gedachten des von der niedersächsischen Polizei erschossenen afghanischen Geflüchteten

Ermittlungen zur Tötung von Amin Alizada gefordert

Für Dörte Hinz vom Flücht­lingsrat Nie­der­sachsen ist es unver­ständlich, dass der Polizist, der den Schuss abge­geben hat, wei­terhin im Dienst ist.

Warum musste Aman Alizada sterben? Diese Frage stellten sich am Wochenende 200 Demonstrant*innen in der nie­der­säch­si­schen Stadt Stade. Sie gedachten des 19-jäh­rigen Geflüch­teten aus Afgha­nistan, der Mitte August in seiner Unter­kunft in Stade von einem Poli­zisten erschossen worden war (»nd« berichtete). Ein Mit­be­wohner von Aman Alizada hatte die Beamten zuvor gerufen. Der Grund: Der 19-Jährige Afghane .…

.… litt offenbar unter psy­chi­schen Pro­blemen und war nicht ansprechbar. Die dann ein­tref­fenden Poli­zisten setzten zunächst Pfef­fer­spray gegen Alizada ein. Da dies keine Wirkung gezeigt habe und der Geflüchtete die Poli­zisten mit einer Han­tel­stange aus Eisen atta­ckiert haben soll, gab einer der Beamten den töd­lichen Schuss ab. Die Staats­an­walt­schaft von Stade erklärte, dass man noch genau unter­suchen wolle, inwiefern der Schuss aus Notwehr gefallen sei.

Kai Weber vom Flücht­lingsrat Nie­der­sachsen findet es unver­ständlich, dass die Polizei nicht darauf vor­be­reitet war, mit einer solchen Situation ohne Schuss­waf­fen­ge­brauch umgehen zu können.

Alizadas Tod ist kein Ein­zelfall. Der gene­relle Umgang der Polizei mit Men­schen, die psy­chische Pro­bleme haben, wurde auf der Demons­tration in Stade kri­ti­siert. Zwi­schen 2009 und 2017 sind jährlich zwi­schen zehn und zwölf Men­schen von der Polizei erschossen worden. Die Hälfte von ihnen hatte psy­chische Pro­bleme.

Die Demons­tranten for­derten in Stade ein Gedenken an Alizada. Mit­be­wohner und Bekannte hielten Reden, um an ihn zu erinnern. Zugleich machten die Akti­visten auch die deutsche Asyl­po­litik für seinen Tod ver­ant­wortlich. Alizada kam 2015 als min­der­jäh­riger Flüchtling nach Deutschland, lernte die deutsche Sprache und galt als gut inte­griert. Kurz vor seinem 18. Geburtstag wurde sein Asyl­antrag jedoch abge­lehnt.

Auch die psy­cho­lo­gische Betreuung endete damit. Die Behörden inter­es­sierte wohl nicht, wie diese Ent­scheidung auf die Psyche eines Mannes wirkte, der bereits durch das Leben in Afgha­nistan und die stra­pa­ziöse Flucht nach Deutschland trau­ma­ti­siert war.

Für Dörte Hinz vom Flücht­lingsrat Nie­der­sachsen ist es unver­ständlich, dass der Polizist, der den Schuss abge­geben hat, wei­terhin im Dienst ist. »Wir fordern umfas­sende und trans­pa­rente Ermitt­lungen und wollen ver­hindern, dass niemand für Alizadas Tod zur Ver­ant­wortung gezogen wird«, sagte Hinz gegenüber »nd«. Auch die »Sauer­kraut­fabrik«, ein Har­burger Stadt­teil­zentrum, das zur Demons­tration nach Stade auf­ge­rufen hatte, kri­ti­sierte die Ermitt­lungen: »Geklärt wird das Ganze wahr­scheinlich erst in Monaten, wenn nicht in Jahren. Nämlich dann, wenn der Fall wieder aus den Köpfen der Leute ver­drängt wurde und sich niemand mehr dafür inter­es­siert.« Höchst­wahr­scheinlich würden die Ermitt­lungen, »wie so viele andere auch«, zugunsten der Polizei aus­gehen, heißt es in einem Aufruf.

Dörthe Hinz will auch gegen die Vor­ver­ur­teilung Alizadas in der Öffent­lichkeit pro­tes­tieren. In regio­nalen Medien wurde behauptet, Alizadas Mit­be­wohner haben die Polizei gerufen, weil sie Angst vor ihm gehabt hätten. Tat­sächlich aber hatten sie erklärt, dass sie wegen seiner psy­chi­schen Pro­bleme Angst um ihn gehabt hätten, so die Flücht­lings­hel­ferin. Auch der Polizei hätte die psy­chische Situation Alizadas bekannt sein müssen. Wenige Tage vor dem töd­lichen Einsatz sei sie schon einmal wegen Alizadas psy­chi­scher Pro­bleme zu der Unter­kunft gerufen worden, so Hinz.