Bernhard Sauer über einen Mord im angeblichen Röhm-Putsch

Der Fall Klausener

Bernhard Sauer: In Heyd­richs Auftrag. Kurt Gil­disch und der Mord an Erich Klau­sener während des »Röhm-Put­sches«. Metropol, 154 S., br., 16 €.

Noch immer werden die Ereig­nisse vom 30. Juni 1934 als Röhm-Putsch bezeichnet. Damit wird offi­zielle Ter­mi­no­logie der NS-Führung über­nommen, die auf einer Lüge beruhte. Die SA hatte keinen Putsch geplant. Bernhard Sauer rekon­struiert die Geschichte akri­bisch. An jenem Junitag im .…

.…. zweiten Jahr der Hitler-Dik­tatur wurden zahl­reiche SA-Männer und pro­mi­nente Prot­ago­nisten der kon­ser­va­tiven Oppo­sition auf per­sön­lichen Befehl des »Führers« ermordet. Unter ihnen Erich Klau­sener, der in der Wei­marer Republik in der Katho­li­schen Aktion aktiv war. Er teilte mit den Nazis die Ablehnung der Republik, aller linken Kräfte und des Libe­ra­lismus. Aber der Staat, den Hitler & Co. dann errich­teten, war sein Ding ebenso nicht.

Das Opfer Klau­sener und der Täter Kurt Gil­disch stehen im Mit­tel­punkt des Buches. SS-Führer Heydrich habe die »Liqui­dierung« des Kon­ser­va­tiven ange­ordnet. Der Mord geschah an Klau­seners Arbeits­stelle, im Ver­kehrs­mi­nis­terium. Der Mörder drückte der Leiche die Pistole in die Hand. Es sollte nach Selbstmord aus­sehen. Gil­disch gehörte zu den wenigen Tätern vom 30. Juni 1934, die später zur Rechen­schaft gezogen wurden. 1951 musste sich der wei­terhin über­zeugte Nazi vor dem Ber­liner Land­ge­richt ver­ant­worten.

Sauer zeichnet dessen Psy­cho­gramm. Gil­disch machte schon in der Wei­marer Republik Pro­pa­ganda für die Nazis, weshalb er 1931 aus dem Poli­zei­dienst ent­lassen wurde. Dadurch wurde er in höchsten Par­tei­kreisen bekannt und gehörte bald zur per­sön­lichen Leib­wache Hitlers. Am 9. November 1933, dem zehnten Jah­restag des Hitler-Put­sches, wurde er Mit­glied der Leib­stan­darte »Adolf Hitler«. Seine Kar­riere endete jedoch bald. Unter Alko­hol­ein­fluss schreckte Gil­disch auch nicht vor Gewalt gegen die eigenen Leute zurück.

Wegen Belei­digung und tät­lichen Angriffs auf einen Vor­ge­setzten wurde er 1935 aus der SS und der NSDAP aus­ge­schlossen und zu einer Haft­strafe ver­ur­teilt. Er diente sich jedoch erneut hoch und bewarb sich wieder um die NSDAP-Mit­glied­schaft.

Die Ent­scheidung sollte nach Been­digung des Krieges mit dem – wie die Nazis glaubten – »Endsieg« erfolgen. Dass es dazu nicht kam, ver­suchte im Nach­kriegs­prozess Gil­dischs Anwalt, ein FDP-Poli­tiker, als Beweis für die Abkehr seines Man­danten vom Régime zu deuten. Das Gericht folgte dem nicht und ver­ur­teilte Gil­disch zu einer hohen Haft­strafe. Zu belastend waren die vor­ge­legten Doku­mente, dar­unter Briefe an Eltern und Freunde, in denen er sich als strammer Nazi prä­sen­tierte.

Aus­führlich geht Sauer auf die juris­tische Argu­men­tation in den beiden Prozess gegen Gil­disch ein. Das erste Urteil, eine 15-jährige Haft­strafe, musste wegen eines Form­fehlers auf­ge­hoben werden. Das Revi­si­ons­ver­fahren bestä­tigte das Strafmaß.

Im Anhang des Buches sind beide Urteile doku­men­tiert, die nur so von tota­li­ta­ris­mus­theo­re­ti­schen Begrün­dungen strotzen. Als neuen Feind haben bun­des­deutsche Juristen, die vielfach schon in der Nazizeit in ihrem Beruf tätig waren, den Kom­mu­nismus aus­ge­macht. Und auch Gil­disch hätte wie viele andere Nazis wahr­scheinlich nicht die volle Haft­strafe absitzen müssen. Es gab Begna­di­gungs­an­träge, unter­stützt von Klau­seners Witwe. Gil­disch starb jedoch 1956 im Haft­kran­kenhaus.

Peter Nowak