
»Die Häuser denen, die sie nutzen« – diese alte Parole der Instandbesetzerinnenbewegung prangt auf der Homepage der Reilstraße 78 in Halle (Saale). Das wird auch so bleiben. Ihr Spendenaufruf hatte Erfolg. »Nun haben es die Nutzerinnen geschafft und stehen …
… als Eigentümerin im Grundbuch, was politische Angriffe auf das Projekt stark erschweren wird«, sagte Horst Schmitt (Name geändert) von der Reilstraße 78 gegenüber »nd«. Eingeworben wurde die Kaufsumme über Privatdarlehen.
Demnächst will das Haus dem Miethaussyndikat beitreten. Doch auch nach dem Kauf brauchen die Nutzer*innen der Reilstraße weiter finanzielle Mittel. Denn die geplante Sanierung des großen Gebäudes steht demnächst an. Aktuell sieht die Reilstraße 78 noch so aus, als sei dort die Zeit stehen geblieben. Die Wände sind mit Parolen besprüht, Plakate mobilisieren zu aktuellen antifaschistischen Aktionen. Seit der Besetzung des ehemaligen Kinderheimes im Sommer 2001 ist das Gebäude zu einem wichtigen antifaschistischen Zentrum für Halle und Umgebung geworden.
Deshalb standen die Bewohner*innen und Nutzer*innen immer wieder im Visier der Rechten. In den ersten Jahren gab es Angriffe von Neonazis. Mit dem Aufstieg der AfD kam der Widerstand gegen das linke Zentrum auch aus der Politik. So schrieb die »Mitteldeutsche Zeitung« vor zwei Jahren: »Nicht zuletzt aus dem Stadtrat bekam die Reil 78 aber auch immer wieder Gegenwind, speziell von der AfD. Der Partei ist die Unterstützung sozio-kultureller Projekte durch die Stadt grundsätzlich ein Dorn im Auge.«
Aber auch die CDU hatte kein Interesse am Erhalt des linken Zentrums. Nach den letzten Kommunalwahlen verzeichneten in Halle Konservative und Rechte Stimmenzuwächse. 2024 stimmte eine rechte Mehrheit aus AfD, CDU, FDP und Bürger für Halle im Finanzausschuss gegen den Verkauf des Hauses an den Verein. Der Verkauf war noch vom Vorgänger-Stadtrat in die Wege geleitet worden. Doch die Entscheidung führte zu Empörung. Im September 2024 wurde ein Antrag auf Rückgängigmachung des Verkaufs an den Verein abgelehnt.
Dieser Erfolg trug auch zu einer Mobilisierung der Unterstützer*innen der Reilstraße bei. Die Spendenbereitschaft war weiter gewachsen. Horst Schmitt betonte gegenüber »nd«, dass es den Nutzer*innen des Gebäudes wichtig war, den Kaufvertrag vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt unter Dach und Fach zu bringen.
Unabhängig vom Wahlausgang werde die Reilstraße auch weiterhin ein Ort bleiben, wo antifaschistische Gegenkultur und Zivilgesellschaft zusammenkommen. So steht am 4. September ein Konzert der antifaschistischen Band ZSK auf dem Plan, und eine Woche später öffnet die denkmalgeschützte Villa ihre Türen zum »Tag des offen Denkmals«, nennt Schmitt gegenüber »nd« ein Beispiel für die Bandbreite der Veranstaltungen in der Reilstraße 78.
Schmitt betont, dass auch in Zukunft auf dem Gelände der Reil 78 viele linke Gruppen einen Ort haben, an dem sie sich treffen und ihre Aktionen planen können. So trifft sich das Offene Antifa-Plenum(OAP) in Räumen der Reil 78. Der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt nutzte dies als Vorwand, um das gesamte Gelände zu observieren. Peter Nowak
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1202048.linke-freiraeume-hausprojekt-in-halle-gerettet.html