Eine Kampagne setzt sich dafür ein, Tarifverträge im Einzelhandel für allgemeinverbindlich zu erklären. Das wäre für die Beschäftigten angesichts der Coronapandemie nötiger denn je.

Gemeinsam handeln im Einzelhandel

Unter­stützung können die Beschäf­tigten gebrauchen: In der Coro­na­krise müssen sie mit noch grö­ßerem Stress zurecht­kommen, zugleich droht Hun­dert­tau­senden von ihnen die Kurz­arbeit, was mit erheb­lichen Ein­kom­mens­ver­lusten ver­bunden wäre. »Im Ein­zel­handel sind die Ein­kom­mens­ver­hält­nisse so auf Kante genäht, dass die Beschäf­tigten keine Mög­lichkeit haben, für schwierige Zeiten zu sparen oder sich Rück­lagen zu schaffen.

Anton Kobel ist sauer. Im Zuge der Covid-19-Pan­demie werden die Beschäf­tigten des Ein­zel­handels zwar häufig zu Hel­dinnen und Helden des Alltags ver­klärt. Aber über ihre schlechte Bezahlung wird nur selten geredet. Gemeinsam mit zwei Gewerk­schafts­kol­legen hat Kobel deshalb eine Kam­pagne für .…

.…. all­ge­mein­ver­bind­liche Tarif­ver­träge im Ein­zel­handel begonnen. »Bisher wird mehr als die Hälfte der Han­dels­be­schäf­tigten ohne eine tarif­ver­trag­liche Bezahlung abge­speist. Wir fordern deshalb die Politik auf, die jewei­ligen regio­nalen Tarif­ver­träge im Handel für all­ge­mein­ver­bindlich zu erklären. Es ist im öffent­lichen Interesse, dass die Han­dels­be­schäf­tigten Tarif­ver­träge für alle bekommen«, fordert die Kam­pagne in einem Aufruf, der mitt­ler­weile von zahl­reichen Gewerk­schaf­te­rinnen und Gewerk­schaftern unter­schrieben wurde. »Wir haben uns gedacht, dass gerade jetzt, wo ständig betont wird, wie wichtig die Arbeit im Ein­zel­handel sei, eine gute Gele­genheit ist, eine Ver­bes­serung der Arbeits­be­din­gungen zu fordern«, sagte Kobel im Gespräch mit der Jungle World.

Die Arbeits­be­din­gungen sind in der Coro­na­krise noch schlechter geworden. Eine im Ein­zel­handel arbei­tende Frau sagte kürzlich dem Tages­spiegel: »Es ist schlimmer als in der Phase vor Weih­nachten. Zu dem Stress kommt noch die beklem­mende Stimmung. Abends kann ich nur noch auf der Couch liegen. Klar denke ich dann manchmal: Ich wäre auch gern in Qua­rantäne. Aber meine Arbeit ist ja so wichtig.« Eine Kol­legin sagte der Zeitung, was viele der Beschäf­tigten ange­sichts der derzeit häufig geäu­ßerten Aner­kennung denken dürften: »Ich fände gut, wenn sich das auch mal in der Ent­lohnung wider­spiegeln würde oder in den Arbeits­be­din­gungen. Das wäre eine angemes­sene Form der Wert­schätzung! Ich habe Glück und werde nach Tarif bezahlt, aber viele Kol­legen bekommen nur Min­destlohn.«

Kobel spielte als Gewerk­schafts­se­kretär viele Jahre in der Gewerk­schaft Handel, Banken und Ver­si­che­rungen (HBV) und später bei Verdi eine wich­tige Rolle dabei, Beschäf­tigte im Ein­zel­handel zu orga­ni­sieren, und hat bei seiner Arbeit auch Kon­takte zu außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken geknüpft. Die Verdi-Kam­pagne für höhere Löhne und bessere Arbeits­be­din­gungen beim Dis­coun­ter­un­ter­nehmen Lidl ist wesentlich mit seinem Namen ver­knüpft. Sie begann im Dezember 2004 und machte die frag­wür­digen und oft auch rechts­wid­rigen Prak­tiken des Kon­zerns öffentlich, unter anderem mit dem in mehr­facher Auflage erschie­nenen »Schwarzbuch Lidl – billig auf Kosten der Beschäf­tigten«.

Kobel vertrat somit eine kon­flikt­be­reite Gewerk­schafts­po­litik, die nicht nur die Beschäf­tigten eines Betriebs ansprach, sondern auch die Öffent­lichkeit. Beim Ein­zel­han­dels­streik 2008 blo­ckierten kri­tische Kun­dinnen und Kunden als Streik­un­ter­stützer sogar Super­markt­fi­lialen in Berlin und Hamburg, um die Arbeit­geber daran zu hindern, Beschäf­tigte im Aus­stand durch Streik­brecher zu ersetzen. Für Verdi war diese gesell­schaft­liche Un­terstützung auch deshalb von Bedeutung, weil die Zahl der orga­ni­sierten Beschäf­tigten in der Branche gering war. Es bestand bereits damals die Gefahr, dass der Ein­zel­handel zur tarif­freien Zone wird. »Die Tarif­flucht geht im Ein­zel­handel unver­mindert weiter«, sagte Kobel der Jungle World. Erst vor wenigen Monaten seien Kaufhof und Real aus dem Tarif­vertrag aus­ge­treten. Die Frage, wie stark die Gewerk­schaft in der Branche sei, stelle sich zurzeit besonders dringlich.

Unter­stützung können die Beschäf­tigten gebrauchen: In der Coro­na­krise müssen sie mit noch grö­ßerem Stress zurecht­kommen, zugleich droht Hun­dert­tau­senden von ihnen die Kurz­arbeit, was mit erheb­lichen Ein­kom­mens­ver­lusten ver­bunden wäre. »Im Ein­zel­handel sind die Ein­kom­mens­ver­hält­nisse so auf Kante genäht, dass die Beschäf­tigten keine Mög­lichkeit haben, für schwierige Zeiten zu sparen oder sich Rück­lagen zu schaffen. Eine Ein­kom­mens­re­du­zierung durch das Kurz­ar­bei­tergeld auf 60 bezie­hungs­weise 67 Prozent würde Hun­dert­tau­sende Ein­zel­han­dels­be­schäf­tigte in exis­tenz­be­dro­hende Not­lagen stürzen«, warnte deshalb Ste­fanie Nut­zen­berger, Verdi-Bun­des­vor­stands­mit­glied und Lei­terin des Fach­be­reichs Handel, in der ver­gan­genen Woche.

Der Aufruf für all­ge­mein­ver­bind­liche Tarif­ver­träge im Ein­zel­handel kann hier unter­zeichnet werden:

Peter Nowak