
Vor vier Jahren sorgte Johanna Schellhagens Film „Der laute Frühling“ (Rabe Ralf August 2022, S. 23) für viel Aufmerksamkeit in einer Klimabewegung, die damals an die Grenzen ihres Aktivismus stieß. Schellhagen plädierte dort für ein Bündnis von Arbeiter*innen- und Klimabewegung. Jetzt ist von ihr im Büchner-Verlag das Buch zum …
… Film erschienen: „Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen“.
Klimabewegung in die Produktion
In den ersten beiden Kapiteln begründet die Autorin, warum die Klimabewegung sich mit den Lohnabhängigen verbinden muss, wenn sie tatsächlich das Ende des fossilen Zeitalters erreichen will. Sie zieht ein ernüchterndes Fazit der bisherigen Praxis großer Teile der Klimabewegung.
Im Kapitel „Was tun?“ skizziert Schellhagen dann ihr strategisches Projekt: „Es gibt drei Bedingungen für Erfolg versprechenden revolutionären Klimaaktivismus. Wir organisieren uns a) als Klasse, b) mit den Rücken zu den Herrschenden und zur bürgerlichen Öffentlichkeit und c) mit dem Ziel, die kapitalistische Produktionsweise abzuschaffen und durch eine vernünftige Produktionsweise zu ersetzen.“
Mit wem solidarisch?
Es hört sich zunächst recht theoretisch an, wenn Schellhagen schreibt: „Diejenigen, die arbeiten, haben aber auch ein subjektives Interesse daran, den Kapitalismus loszuwerden. In aller Regel hegen sie eine tief empfundene Abneigung gegen die eigene Ausbeutung und ihre Ausbeuter.“
Dabei gibt es ja aktuell viele Beispiele, die deutlich machen, dass die Konkurrenz-Ideologie natürlich auch in Teile der Lohnabhängigen eindringt. Der Ausgang der Betriebsratswahlen bei Tesla in Grünheide vor einigen Wochen ist dafür nur ein Beispiel. Gewonnen hat die Liste, die ihre besondere Verbundenheit mit dem Management, also mit Elon Musk und seiner Entourage, bekundete und die selbst den sozialreformerischen Ansatz der IG Metall schon als Kommunismus verteufelt.
Schon vor einigen Jahren gab es Untersuchungen bei Amazon, warum dort viele Beschäftigte den Kampf um einen Tarifvertrag nicht unterstützen: Eine kämpferische Interessenvertretung werteten sie als unsolidarisch gegenüber dem Weltkonzern.
Diese Aspekte, die dem Kampf gegen Ausbeutung entgegenwirken, kommen im Buch zu kurz. Allerdings betont Schellhagen: „Ohne organisierte Belegschaften lässt sich keine faktische Gegenmacht von unten aufbauen, weshalb sie für eine erfolgreiche Klimabewegung von ausschlaggebender Bedeutung sind.“
Gelungene Kooperation
Im Anschluss nennt die Autorin Beispiele für gelungene Kooperation zwischen Klimaaktivist*innen und Beschäftigten. Dabei ist für sie wichtig, dass sich die Klimabewegung unabhängig von der DGB-Bürokratie organisiert und die Beschäftigten auch dann in ihren Forderungen unterstützen kann, wenn die Gewerkschaftsfunktionär*innen zum Abbruch des Arbeitskampfes aufrufen.
Die Initiative „VW heißt Verkehrswende“ (Rabe Ralf Februar 2026, S. 22) hat bei ihren zweijährigen Aktivitäten in Wolfsburg die Unabhängigkeit gegenüber der Gewerkschaftsbürokratie bewahrt. Sie stand oft im Konflikt mit dem Wolfsburger IG-Metall-Vorstand. Leider geht Schellhagen in ihrem Buch nicht ausführlicher auf diese gut dokumentierte Intervention im Zentrum des Automobilismus ein.
Dabei wurde die Initiative selbst durch Schellhagens Film „Der laute Frühling“ inspiriert, dessen utopischer Teil einen erfolgreichen gemeinsamen Kampf von Klimaaktivist*innen und VW-Beschäftigten in Wolfsburg erzählt.
Anstoß zur kritischen Debatte
Einen utopischen Teil gibt es auch in Schellhagens Buch unter der Kapitelüberschrift „Revolutionsmusik“. Dort entsteht ein leider durchaus realistisches Szenario, in dem die innerkapitalistischen Konflikte in einen Krieg zwischen der Nato und Russland münden. Daraus entwickelt Schellhagen das Szenario eines revolutionären Bruchs und benennt auch konkrete Mittel wie die rätekommunistische Arbeitszeitrechnung, ein Modell für eine nichtkapitalistische Gesellschaft.
Über die Details kann man streiten, doch den revolutionären Optimismus des Buches kann eine gesellschaftliche Linke gut gebrauchen, wenn sie tatsächlich die Verhältnisse grundlegend ändern will. Das geht natürlich nur gemeinsam mit den Lohnabhängigen. Das Buch sollte zur kritischen Auseinandersetzung mit den dort formulierten Thesen anregen. Der Historiker Karl Heinz Roth hat damit in seinem engagierten Nachwort schon begonnen.
Es wäre zu wünschen, dass sich an dieser Debatte die verschiedenen Initiativen, in denen sich Klimaaktivist*innen in den letzten Jahren mit Lohnabhängigen verbündet haben, beteiligen. „VW heißt Verkehrswende“ sollte ebenso dazugehören wie die Initiative, die im Corona-Sommer 2021 den Kampf des Autozulieferers Bosch in München unterstützte. Peter Nowak
https://www.raberalf.de/rezensionen/handbuch-fuer-unerschrockene