Nach tödlichem Messerangriff auf 15-jährigen Geflüchteten in Celle schweigt der Täter

Motiv Rassismus?

Am Kar­freitag erin­nerten jesi­dische Ver­bände gemeinsam mit der VVN-BdA und wei­teren anti­fa­schis­ti­schen Initia­tiven an Morde an Migrant*innen in Deutschland, bei denen zunächst schnell von unpo­li­ti­schen Ein­zel­tätern die Rede gewesen war. Auch wenn es bislang keine Hin­weise darauf gebe, dass Daniel S. ein orga­ni­sierter Neonazi sei: Seine Inter­net­ak­ti­vi­täten legten zumindest eine Nähe zu ras­sis­ti­schem und anti­se­mi­ti­schem Gedan­kengut nahe.

War Ras­sismus der Grund dafür, dass Arkan Hussein Khalaf sterben musste? Der 15-jährige Jeside war am Abend des 7. April in Celle mit einem Freund in der Nähe des Bahnhofs mit dem Fahrrad unterwegs, als er unver­mittelt.…

.…. von Daniel S. mit einem Messer ange­griffen wurde. Wenige Stunden später erlag der Jugend­liche im Kran­kenhaus seinen schweren Ver­let­zungen. »Wir sind über das Wasser gekommen und hier im Blut ertrunken«, sagte die Schwester des Getö­teten der kur­di­schen Tages­zeitung »Yeni Özgür Politika«. Der 15-Jährige war mit seiner Familie 2014 aus der kur­di­schen Region Sind­schar im Nordirak vor dem Terror der Dschi­ha­dis­ten­miliz »Isla­mi­scher Staat« gegen die jesi­dische Bevöl­kerung geflohen. Die Eltern erreichten mit ihren drei Töchtern und drei Söhnen über die Türkei und Grie­chenland Deutschland und ließen sich 2015 in Celle nieder.

Am 8. April hatten das Poli­zei­prä­sidium Celle und die Staats­anwalt Lüneburg mit­ge­teilt, der 29-jährige Täter, der von Khalafs Freund fest­ge­halten und der Polizei über­geben wurde, habe den Jugend­lichen mut­maßlich grundlos nie­der­ge­stochen. Er sei mit dem Täter nicht bekannt gewesen. In der gemein­samen Pres­se­mit­teilung hieß es auch, die bis­he­rigen Ermitt­lungen hätten »in keiner Hin­sicht« Anhalts­punkte für eine »aus­län­der­feind­liche oder poli­tisch moti­vierte Tat« geliefert.

Jesi­dische Vereine hatten der Staats­an­walt­schaft danach vor­ge­worfen, einen mög­lichen ras­sis­ti­schen Hin­ter­grund des Ver­bre­chens mit dem Verweis auf eine mög­liche psy­chische Erkrankung des Täters vor­schnell klein­zu­reden.

Am Dienstag äußerte sich Ober­staats­anwalt Lars Janßen zu dem Fall und betonte, hin­sichtlich des Tat­motivs werde »in alle Rich­tungen« ermittelt. Dabei würden auch »das per­sön­liche Umfeld sowie die Social-Media-Accounts des 29-Jäh­rigen durch­leuchtet«.

Das haben Journalist*innen des Blogs »Stö­rungs­melder« auf Zeit-Online bereits unmit­telbar nach der Tat getan. Dabei stießen sie auf »drei Social-Media-Konten des Täters, die eine Nähe zu rechts­ex­tremen Ver­schwö­rungs­ideo­logien belegen«. Unter den Online­freunden von Daniel S. seien »mehrere Neo­nazis und Rechts­ra­dikale«, heißt es in dem Blog­ar­tikel. Aller­dings seien auch Kurden und Türken unter seinen Inter­net­be­kannt­schaften. In dem Beitrag ist unter anderem ein Screenshot zu sehen, der ein mit einem Haken­kreuz gar­niertes anti­se­mi­ti­sches Meme von einer der Web­seiten zeigt, die S. besucht hat. Die Polizei bestä­tigte mitt­ler­weile, dass es sich beim Inhaber der frag­lichen Accounts um den inhaf­tierten Ver­däch­tigen handelt.

Der nie­der­säch­sische Flücht­lingsrat for­derte, das Tat­motiv müsse »gründlich und vor­be­haltlos« ermittelt werden. Dabei seien auch gesell­schaft­liche Zusam­men­hänge zu berück­sich­tigen: »Zu oft haben wir in der Ver­gan­genheit erlebt, dass eine ras­sis­tisch moti­vierte Gewalttat zunächst als Tat eines ver­wirrten Ein­zel­täters abgetan wurde und sich später her­aus­stellte, dass Ras­sismus vor dem Hin­ter­grund der gesell­schaft­lichen Stim­mungslage der Antrieb für das Ver­brechen war.«

Am Kar­freitag erin­nerten jesi­dische Ver­bände gemeinsam mit der VVN-BdA und wei­teren anti­fa­schis­ti­schen Initia­tiven an Morde an Migrant*innen in Deutschland, bei denen zunächst schnell von unpo­li­ti­schen Ein­zel­tätern die Rede gewesen war. Auch wenn es bislang keine Hin­weise darauf gebe, dass Daniel S. ein orga­ni­sierter Neonazi sei: Seine Inter­net­ak­ti­vi­täten legten zumindest eine Nähe zu ras­sis­ti­schem und anti­se­mi­ti­schem Gedan­kengut nahe. In den letzten Jahren ist es zivil­ge­sell­schaft­lichen Gruppen wie­derholt gelungen, den rechten Hin­ter­grund zunächst für unpo­li­tisch erklärter Taten offen­zu­legen.

Gegen Daniel S. war am 8. April Haft­befehl wegen Tot­schlags ergangen. Seither sitzt er in Unter­su­chungshaft und schweigt zu seinen Beweg­gründen. Arkan Hussein Khalaf gilt den Behörden bislang als Zufalls­opfer. S. habe bei seiner Ver­haftung einen »ver­wirrten Ein­druck« gemacht, hieß es in der ersten Poli­zei­meldung. Die Staats­an­walt­schaft hat ein psych­ia­tri­sches Gut­achten in Auftrag gegeben. Peter Nowak