Die linke Geschichte der Grünen wird zum 40ten Jubiläum der Umweltpartei nicht mehr bekämpft, sondern einfach totgeschwiegen

Grüne Geschichtsretuschen

Man ver­schlechtert also lieber die Frau­en­quote der Grünen der Geschichte, als auch nur einmal die linke Öko­login zu erwähnen. Denn, dass Jutta Dit­furth in die Reihe der selbst­be­wussten Frauen bei den Grünen gehörte, mit denen nicht nur ein Josef Fischer seine Pro­bleme hatte, würde wohl niemand bestreiten.

Es wäre wirklich lang­weilig, wenn man den Grünen zu ihrem 40ten Geburtstag noch einmal vor­halten wollte, wie staats­tragend sie geworden sind. Denn dass die Grünen heute die ent­schei­denden Player in der aktu­ellen Phase des Kapi­ta­lismus sind, ist ja gerade die aktuelle Werbung für diese Partei. Es wäre nun wirklich mehr als red­undant, das noch irgendwie als linken Vorwurf zu ver­kaufen. »Wir wollen die nächste Regierung defi­nieren«, ist heute der Anspruch des aktu­ellen Duos der Öko­partei Habeck/​Bärbock, den sie im drei­sei­tigen Taz-Interview anlässlich des 40. Geburtstag ganz selbst­ver­ständlich vor­tragen. Es geht in dem Interview sehr viel über die per­sön­liche Chemie zwi­schen dem aktu­ellen Vor­stand und natürlich auch um die Frage, wer von beiden viel­leicht Kanz­ler­kan­di­datin oder Kanz­ler­kan­didat wird. Das kann die Lieb­lings­partei des modernen Mit­tel­stands in den nächsten Monaten unter sich aus­dis­ku­tieren. Doch viel inter­es­santer sind die Geschichts­re­tu­schen, die.…

.… vor­ge­nommen werden.

Jutta Ditfurth kommt in der heutigen Erzählung der Grünen nicht mehr vor

Die linke Geschichte der Grünen wird nicht mehr ange­griffen und bekämpft, sondern sie wird einfach tot­ge­schwiegen. Zur linken Geschichte der Grünen gehört die Radi­kal­öko­login Jutta Dit­furth, die in Frankfurt/​Main die Grünen zu einer Zeit gegründet hat, als sich die Ex-Spontis um Fischer und Cohn-Bendit noch über­legten, ob sie in die neue Partei ein­treten sollen oder nicht. Dit­furth war in den 1980er Jahren als Grüne wesentlich bekannter als Fischer und Co.

Von 1982 bis 1988 war sie Teil des Par­tei­vor­stands, wurde sogar oft als Gene­ral­se­kre­tärin der Grünen bezeichnet. Ihr Wort­ge­fecht mit dem CSU-Vor­sit­zenden Franz Josef Strauß 1987 im Fern­sehen kann man noch heute auf (in einem kurzen Aus­schnitt) auf YouTube sehen. Dit­furth hat schon in den 1980er Jahren, als sich abzeichnete, dass Fischer und Co. mit Unter­stützung der libe­ralen Medien mehr Ein­fluss in der Partei bekommen würden, vor einer grünen Öko-FDP gewarnt.

Das wurde von einem Teil der grünen Basis damals als Belei­digung und Dif­fa­mierung auf­ge­fasst. Heute würde es bei fast allen Grünen als Kom­pliment durch­gehen. Nur auf­fallend ist, dass heute der Name Jutta Dit­furth nicht mehr vor­kommt, wenn über die Geschichte der Partei geredet wird. Ein Bei­spiel ist das schon erwähnte lange Interview mit dem aktu­ellen Füh­rungsduo der Grünen in der Taz. Nun könnte man denken, es ist nicht ver­wun­derlich, dass die heu­tigen Grünen nichts mehr mit einer linken Mit­be­grün­derin zu tun haben wollen, die bereits vor 30 Jahren in kri­ti­scher Weise den Weg beschrieben hat, den die Grünen heute ganz selbst­ver­ständlich wei­ter­gehen.

Doch, wie hier die Geschichte der Partei retu­schiert wird, kann an dieser Passage gut ver­deutlich werden:

taz am wochenende: Frau Baerbock, die Grünen werden 40 Jahre alt. Joschka Fischer, Jürgen Trittin, Win­fried Kret­schmann. So richtig mächtig waren in der Geschichte der Partei vor allem Männer. Werden Sie die erste Frau bei den Grünen mit wirk­licher Macht?

Baerbock: Sie haben ver­gessen: Petra Kelly. Claudia Roth. Renate Künast. Katrin Göring-Eckardt. So ein­seitig war die Geschichte der Grünen nicht.

taz: Wir reden von Regie­rungs­macht. Die hatte Renate Künast, aber weder Petra Kelly noch Claudia Roth oder Katrin Göring-Eckardt.

Baerbock: Petra Kelly war die ent­schei­dende Grün­dungs­figur unserer Partei. Und Katharina Fegebank in Hamburg könnte bald die zweite grüne Minis­ter­prä­si­dentin werden.
Habeck: Die Gesell­schaft schaut eher auf die Männer. Das zu brechen war immer der Anspruch der Grüne.

Taz-Interview

… auch dann nicht, wenn es um die Frauenquote geht

Hier gehen die Inter­view­partner in der Geschichte der Grünen durchaus bis in die Anfänge zurück, erwähnen auch Petra Kelly; nur Jutta Dit­furth darf selbst dann nicht erwähnt werden, wenn es um Frauen in wich­tigen Posi­tionen der Partei geht. Man ver­schlechtert also lieber die Frau­en­quote der Grünen der Geschichte, als auch nur einmal die linke Öko­login zu erwähnen. Denn, dass Jutta Dit­furth in die Reihe der selbst­be­wussten Frauen bei den Grünen gehörte, mit denen nicht nur ein Josef Fischer seine Pro­bleme hatte, würde wohl niemand bestreiten.

Auch Lukas Beckmann hatte schon in den 1980er Jahren seine Pro­bleme mit Dit­furth, als er als Real­over­treter mit ihr im Vor­stand der Partei sitzen musste. Beckmann, der heute auch als Grün­dungs­vater der Grünen bezeichnet wird, bekam in der kon­ser­va­tiven FAZ eine Wür­digung, in der ihm nach­träglich bescheinigt wird, dass er schon in den 1980er Jahren die Grünen so staatsnah wünschte, wie sie es nun sind:

Zum Begriff der Anti-Par­teien-Partei hatte er wohl ein instru­men­telles Ver­hältnis. Einer der ersten Grünen war er, der vom Prinzip der »Rotation«, dem Aus­wechseln der Abge­ord­neten zur Hälfte einer Wahl­pe­riode, Abstand nehmen wollte. Die Fun­da­men­ta­listen und Öko­so­zia­listen waren gegen ihn. Im Vor­stand mit Jutta Dit­furth und Rainer Trampert war er iso­liert. Am Ende setzte sich Beck­manns Linie durch.

FAZ

Beckmann war somit ein direkter poli­ti­scher Kon­trahent von Dit­furth. Kürzlich wurde er in der Taz mit seiner in der Jugend­kli­ma­be­wegung aktiven Tochter por­trä­tiert, und auch dort kommt seine linke Kon­tra­hentin der 1980er Jahre gar nicht mehr vor.

Wenn du über die Grün­dungs­zeiten der Grünen sprichst, kommen fast nur Männer vor – außer Petra Kelly. Woran liegt das?

Lukas Beckmann: Ein­zelne Frauen wie Petra Kelly, Helga Voh­winkel, Gerda Degen und Eva Quistorp haben in den Grün­dungs­jahren eine sehr wichtige Rolle gespielt. Petra Kelly war eine Aus­nah­me­per­sön­lichkeit, die zen­trale grüne Sym­bol­figur der Grün­der­jahre. Aber struk­turell waren die Grünen zunächst sehr männlich. 

Die Frage der Gleich­be­rech­tigung war zwar auch am Anfang ein wich­tiges Thema, aber die 50-Prozent-Min­dest­quote für Frauen kam erst ein paar Jahre später. Weil wir sie brauchten, nicht, weil alle sie damals wollten.

Aus einem Gespräch mit Lukas Beckmann und seiner Tochter Jolinde Hüchtker in der Taz

Nun muss man wissen, dass für Beckmann die Erin­nerung an Petra Kelly ein beson­deres Anliegen ist. Aber schon in der Frage ist die Geschichts­klit­terung ent­halten. Dass in den Grün­dungs­zeiten fast nur Männer außer Petra Kelly vor­kommen, ist nur möglich, weil eben bei­spiels­weise Jutta Dit­furth und auch noch andere Frauen, die sich nicht der Gang um Fischer und Cohn-Bendit unter­ord­neten, einfach aus der Geschichte ver­schwunden sind.

Und auch ein Lukas Beckmann hat nicht die Größe, im Nach­hinein der Wahrheit den Vorzug zu geben und die ehe­ma­ligen par­tei­in­ternen Kon­tra­hen­tinnen auch nur zu erwähnen.

Mit Ditfurth können die Grünen heute keinen Staat machen

Für die Grünen von heute haben diese Geschichts­re­tu­schen den Vorteil, dass eine jüngere Generation gar nicht mehr auf Anhieb mit­be­kommt, dass in der Öko­partei auch mal Per­sonen in den Vor­stand kommen konnten, die sich ganz klar gegen Staat, Nation und Kapital aus­ge­sprochen hatten.

Nun sind solche Geschichts­re­tu­schen wahrlich keine grüne Erfindung. Von der sta­li­ni­sierten Kom­mu­nis­ti­schen Partei der Sowjet­union ist bekannt, dass aus den his­to­ri­schen Foto­grafien alle in Ungnade gefal­lenen Genos­sinnen und Genossen ent­fernt wurden, dazu gehörte fast das gesamte Zen­tral­ko­mitee der Bol­schewiki in den Zeiten der Okto­ber­re­vo­lution. Besonders gründlich wurden alle Spuren des Sta­lin­kon­tra­henten Trotzki aus allen his­to­ri­schen Doku­menten her­aus­re­tu­schiert.

Nur ist diese Begra­digung der eigenen Geschichte bei den Grünen insofern besonders pikant, weil die Partei ja mit Trans­parenz und Offenheit wirbt. Aber so offen, sich auch zum linken Teil der eigenen Geschichte zu bekennen, ist dann die Mehrheit der Partei selbst dann nicht, wenn es die eigene Frau­en­quote ver­bessern würde. Eine Partei, die die nächste Regierung defi­nieren will, kann mit einer Linken wie Jutta Dit­furth wohl schlicht keinen Staat machen. (Peter Nowak)