Clemens Heni 2018: Der Komplex Antisemitismus. Dumpf und gebildet, christlich, muslimisch, lechts, rinks, postkolonial, romantisch, patriotisch: deutsch. Edition Critic, Berlin. ISBN: 978-3-946193-21-0. 764 Seiten. 30,00 Euro.

Eine deutsche Idee

Auf 760 Seiten doku­men­tiert Heni seine Inter­ven­tionen in die Anti­se­mi­tis­mus­dis­kussion der letzten 20 Jahre. Es handelt sich um Grund­la­gen­for­schung in den Bereichen Ideo­lo­gie­kritik, der Text­analyse und der poli­ti­schen Kultur Bun­des­deutsch­lands.

„Mit Blick auf die Kar­riere und das mentale Wohl­be­finden ist es keine son­derlich gute Idee, Anti­se­mi­tis­mus­for­schung zu betreiben. Der For­schungs­ge­gen­stand selbst bietet wenig Erfreu­liches. Inzwi­schen ist aber auch das Arbeits­umfeld jener, die den Anti­se­mi­tismus befor­schen, von scho­nungs­losen Aus­ein­an­der­set­zungen gezeichnet“, schreibt Mathias Berek in einem Dis­kus­si­ons­beitrag für die Jungle World (49/2019). Gegen­stand der Kon­tro­verse, die in meh­reren Aus­gaben der Wochen­zeitung geführt wurde, ist die Bewertung der Arbeits­de­fi­nition Anti­se­mi­tismus der Inter­na­tional Holo­caust Remem­brance Alliance und die Ein­schätzung der Kam­pagne zum Boykott, Des­in­ter­ven­tionen und Sank­tionen (BDS) gegen Israel. Die Fokus­sierung der Debatte auf diese beiden Aspekte birgt aller­dings die Gefahr, dass die Spe­zifik des Anti­se­mi­tismus in Deutschland dabei aus dem Blick gerät. Am Beginn der Anti­se­mi­tis­mus­de­batte in der deut­schen Linken, die mit dem Zusam­men­bruch der DDR an Bedeutung gewonnen hatte, drehte sich die Aus­ein­an­der­setzung nicht primär um das Ver­hältnis zu Israel, sondern um deutsche Geschichte und Ideo­logie. Parolen wie „Deutschland denken heißt Auschwitz denken“ kün­deten davon. Damals hatte sich Clemens Heni, der in.…

.…Bremen, Inns­bruck, Tübingen und Berlin Phi­lo­sophie, Geschichte, Politik- und Kul­tur­wis­sen­schaften stu­dierte, bereits an der Debatte beteiligt. Seit dieser Zeit hat er immer in die Aus­ein­an­der­setzung um den Anti­se­mi­tismus inter­ve­niert. Dabei sparte er oft nicht mit Polemik und steht damit in einer Reihe mit Kritiker*innen der deut­schen Ver­hält­nisse wie Eike Geisel, Wolfgang Pohrt und dem Her­aus­geber der Monats­zeit­schrift konkret, Hermann L. Gremliza. Ihm und einer pro­is­rae­li­schen Linken hat Heni auch das in 10 Kapitel geglie­derte Buch „Der Komplex Anti­se­mi­tismus“ gewidmet. Auf 760 Seiten doku­men­tiert er seine Inter­ven­tionen in die Anti­se­mi­tis­mus­dis­kussion der letzten 20 Jahre. Es handelt sich um Grund­la­gen­for­schung in den Bereichen Ideo­lo­gie­kritik, der Text­analyse und der poli­ti­schen Kultur Bun­des­deutsch­lands.

Auch für Leser*innen, die Henis Argu­menten für eine pro­is­rae­lische Linke nicht zustimmen, ist das Kom­pendium mit Gewinn zu lesen. Erinnert er doch daran, dass die Genese der Anti­se­mi­tis­mus­dis­kussion hier­zu­lande in der Kritik an den deut­schen Ver­hält­nissen und nicht im Nahen Osten lag. Das könnte man leicht ver­gessen, wenn man die aktu­ellen Bei­träge zum Anti­se­mi­tis­mus­diskurs liest. Da geht es fast nur noch um die Frage, wo Kritik an Israel ins Regressive oder gar ins Anti­se­mi­tische umschlägt und ob es legitim ist, der von jüdi­schen Linken gegrün­deten Orga­ni­sation Stimme für einen Gerechten Frieden Räume in öffentlich geför­derten Ein­rich­tungen zu ver­weigern, weil sie sich nicht von der BDS-Kam­pagne distan­zieren. Heni geht es in dem Buch dagegen um die Analyse und die Kritik des his­to­ri­schen und des gegen­wär­tigen deut­schen Anti­se­mi­tismus. 

Mit seinem pro­funden his­to­ri­schen Wissen befasst sich der Autor in den ersten vier Texten mit deut­scher Geschichte. Die Studie über den Bund Neu­deutschland ist eine his­to­rische Fund­grube. Dicht gespickt mit his­to­ri­schen Fakten beschreibt Heni eine Gruppe christ­licher Kon­ser­va­tiver, die in der Wei­marer Republik die Über­windung von Par­tei­en­staat und Libe­ra­lismus zugunsten eines hier­ar­chisch auf­ge­bauten Füh­rer­staats pro­pa­gierten und Adolf Hitler als deut­schen Messias fei­erten. Nach 1945 sti­li­sierten sich die Neu­deut­schen zu NS-Gegner*innen und gelangten bald in wichtige Posi­tionen der BRD. Zu den bekann­testen Neu­deut­schen gehörte der lang­jährige Minis­ter­prä­sident von Baden-Würt­temberg Hans Fil­binger, der 1978 zurück­treten musste, nachdem bekannt geworden war, dass er als Mili­tär­richter Todes­ur­teile gegen Deser­teure noch nach der bedin­gungs­losen Kapi­tu­lation des NS voll­strecken ließ. Unter der Über­schrift „Natur und Heimat“ seziert Heni die braunen Wurzeln in der Umwelt­be­wegung – ein äußerst aktu­elles Thema.

Erinnerung an die Goldhagen-Linke

In einem wei­teren Kapitel erinnert Heni aus­führlich an die heute fast ver­gessene Gold­hagen-Debatte, die Mitte der 1990er-Jahre nicht nur die Linke sondern auch die Historiker*innenzunft in Deutschland beschäf­tigte. Mit „Gold­hagen hat die Parole Deutschland denken heißt Auschwitz denken ergänzt und prä­zi­siert“ (S. 99), begründet Heni, warum die Debatte für die isra­el­so­li­da­rische Linke in jenen Jahren eine so große Bedeutung gewonnen hatte, dass der Ter­minus Gold­hagen-Linke gebraucht wurde. 

„Gold­hagen hat geschafft, was selbst radikale Linke in der BRD jahr­zehn­telang nicht geschafft haben: die Ver­nichter der euro­päi­schen Juden als das zu bezeichnen, was sie waren: Deutsche. Nicht bloß SS-ler und von Hitler Ver­führte“ (S. 100)

Aller­dings geht Heni nicht auf die Schwach­stellen dieses Ansatzes ein, die mit dazu führten, dass nicht wenige der Gold­hagen-Linken 20 Jahre später doch noch den Frieden mit einem Deutschland gemacht haben, das sich als Auf­ar­bei­tungs­welt­meister gerierte. Gold­hagen beschei­nigte der BRD einen Prozess der Anglei­chung an die west­liche Zivi­li­sation, die er relativ unkri­tisch mit der Politik der USA gleich­setzte. So sprach er sich vehement für mili­tä­rische Angriffe im Namen der Ver­tei­digung der Men­schen­rechte aus und konnte so zum Stich­wort­geber für ein wie­der­gut­ge­machtes Deutschland werden, das in der Ära Schröder-Fischer als besondere Form der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­tigung Kriege führt, um ein neues Auschwitz zu ver­hindern. Es ist bedau­erlich, dass Heni auf diesen Aspekt nicht ein­ge­gangen ist. Schließlich gehört er nicht zu den Gold­hagen-Linken, die ihren Frieden mit Deutschland gemacht haben. 

In dem Kapitel „Anti­se­mi­tismus im EU-Main­stream: Rot ist braun“ setzt er sich kennt­nis­reich und pole­misch mit der aktu­ellen Tota­li­ta­ris­mus­va­riante aus­ein­ander: „Diese ganze struk­tu­relle Gleich­setzung von Holo­caust und poli­ti­schen Ver­brechen der Sowjet­union, an die somit nicht als Befreier vom SS-Staat, sondern als Täter­nation erinnert werden soll, ist seit vielen Jahren, ja seit Jahr­zehnten Main­stream in Europa und weltweit“ (S. 548). In meh­reren ost­eu­ro­päi­schen Ländern geht es längst nicht mehr nur um eine Gleich­setzung von Rot und Braun. In den bal­ti­schen Ländern aber auch in Ungarn und Rumänien wird die Rote Armee als Besat­zungs­armee betrachtet, während NS-Kol­la­bo­ra­teure, die gegen sie kämpften, als Helden gefeiert werden.

Peter Weiss und Kolonialismus

Auch mit einem Säu­len­hei­ligen der Linken wie dem Schrift­steller Peter Weiss setzt sich Heni in einem Kapitel kri­tisch aus­ein­ander. Aus­ge­rechnet der Literat, der sich in seinen Werken mit den Nach­wir­kungen des NS sehr intensiv aus­ein­an­der­setzte, hat in seinen Notiz­bü­chern zwi­schen Juli und November 1964 geschrieben: 

„Was spielt das für eine Rolle wie die Orte aus­sehen, überall das Gleiche, das uni­versale KZ, Auschwitz, Dresden, Verdun, Hiro­shima, Arme­niermord usw., wir leben in einer ein­zigen Grab­kammer, reißt sie nieder, reißt sie endlich nieder, damit wir atmen können.“ (S. 637)

Das scheint nicht weit ent­fernt vom viel kri­ti­sierten Statement des Extinktion-Rebellion-Mit­be­gründer Roger Hallam, der in einem Interview den Holo­caust als eine Episode in der welt­weiten Ver­fol­gungs­ge­schichte bezeichnete. Nun könnte man zur Ver­tei­digung von Peter Weiss anführen, dass er in seinen Notaten flüchtige noch nicht aus­for­mu­lierte Gedanken ver­öf­fent­lichte. Doch auch das berühmte Thea­ter­stück von Peter Weiss „Die Ermittlung“, das den Auschwitz-Prozess mit Mitteln des doku­men­ta­ri­schen Theaters the­ma­ti­siert und 1965 sowohl in der BRD als auch in der DDR auf­ge­führt wurde, ver­fällt der Kritik durch Heni. „Juden kommen in dem Stück, das von Auschwitz handelt, nicht vor. Im Stück werden Krupp, Siemens oder Thyssen erwähnt. Diese Öko­no­mi­sierung des Holo­caust prägt weite Teile der Linken“ (S. 639). Aller­dings könnte man Heni hier ent­ge­gen­halten, dass diese und andere Kon­zerne auch im Ver­nich­tungs­lager Profite machten, die Öko­no­mi­sierung der Shoah also real stattfand.

Auch Henis Kritik an manchen post­ko­lo­nialen Dis­kursen, in denen der Kolo­nia­lismus im Ver­gleich zum Holo­caust als das größere Ver­brechen bezeichnet wird, fehlt gele­gentlich die Dif­fe­ren­zierung. So berechtigt die Kritik an Posi­tionen von post­ko­lo­nialen Theoretiker*innen wie Imani Tafari-Ama ist, die in einen Beitrag für die taz geschrieben hat, dass die Ver­schleppung der schwarzen Men­schen aus Afrika ein grö­ßeres Ver­brechen als der Holo­caust gewesen sei (S. 367), so pro­ble­ma­tisch ist es, wenn Heni zu Achille Mbembes Schrift „Kritik der Schwarzen Ver­nunft“ anmerkt: „Diese Kritik an der Moderne kommt über 70 Jahre zu spät, die Dia­lektik der Auf­klärung von Max Hork­heimer und Theodor W. Adorno von 1944/47 hat dieses Ver­hältnis von Auf­klärung, Regression, Natio­nal­so­zia­lismus und Moderne ana­ly­siert…“ (S. 362). Dabei gab es im Anschluss an Adorno und Hork­heimer viele Theoretiker*innen, die sich mit den unter­schied­lichsten Aspekten des Themas befasst haben. Das ist durchaus im Sinne der Theo­re­tiker der Frank­furter Schule, die die Debatte mit ihrem Buch nicht abschließen wollten. Die Per­spektive aus der Sicht eines afri­ka­ni­schen Wis­sen­schaftlers, die Mbembe schon im Titel deutlich macht, ist eine Berei­cherung. Es wird nicht klar, was Heni an dieser von ihm zitierten Passage von Mbembe pro­ble­ma­tisch findet. Wenn er schreibt, dass „die­je­nigen Aspekte des Anti­se­mi­tismus, die im kolo­nialen Denken wurzeln… noch immer weit­gehend unbe­kannt“ sind, argu­men­tiert Mbembe dif­fe­ren­ziert. Es geht ihm nicht wie manchen post­ko­lo­nia­lis­ti­schen Theoretiker*innen darum, sich auf ein Ranking nach dem größten Mensch­heits­ver­brechen ein­zu­lassen. So Recht Heni mit seiner Kritik an einer Gleich­setzung von Kolo­nia­lismus und der Shoah hat, so bedau­erlich ist, dass erkeine Bezüge zwi­schen der deut­schen Kolo­nia­lideo­logie und dem deut­schen Anti­se­mi­tismus sehen will. Dabei wurde von der deut­schen Kolo­ni­al­ver­waltung als Antwort auf den Auf­stand der Herrero und Nama 1904 die Ver­nichtung der gesamten Ethnie ange­ordnet. Einige der an diesem Ver­brechen betei­ligten Militärs waren später in der SA und SS aktiv. Hier ließe sich dis­ku­tieren, ob nicht in beiden Fällen die völlige Ent­mensch­li­chung der zum Feind erklärten Per­sonen eine Vor­aus­setzung für die Politik der Ver­nichtung war. 

Hier wie an vielen anderen Stellen bieten das Kom­pendium von Heni viel Stoff für Dis­kus­sionen. Heni schließt nach der Menge von Wissen und Polemik fast ver­söhnlich mit einer Haus­regel aus seiner schwä­bi­schen Heimat: „Was Bes­seres gibt’s auf Erden nicht, als Frieden und ein gut Gericht“ (S. 663). Im über­tra­genen Sinne kann man sagen, er hat mit dem Buch ein opu­lentes Mahl ange­richtet, das nicht leicht ver­daulich ist.

  • Peter Nowak
Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://kritisch-lesen.de/rezension/eine-deutsche-idee