Die Bewegung ist so irrational, wie die Verhältnisse im Spätkapitalismus. Es liegt auch an einer Linken, die nicht fähig ist, ihre Inhalte in die Bewegung zu tragen

Die Blockaden der Klimawandelgläubigen

Wenn man ihr Camp in der Nähe des Ber­liner Kanz­leramts besucht, wird man keine rechten Thesen, aber viele Men­schen mit großer Angst treffen, die sich trotzdem bemühen, achtsam mit­ein­ander umzu­gehen. Es stimmt, dass sie ein offenes Ohr für reli­giöse und irra­tionale Ideen aller Art haben. Das liegt aber auch an den Zuständen im Spät­ka­pi­ta­lismus.

Seit drei Tagen blo­ckieren nun Akti­visten der Bewegung Extinction Rebellion [1] in Berlin Straßen und Brücken. Die Folge sind vor allem ver­stopfte Straßen an anderen Stellen und aggressiv hupende Auto­fahrer. Schließlich hat sich durch die Aktionen das täg­liche Ver­kehrs­chaos in Berlin nur ver­stärkt. Wer heute schon manchmal mehr als eine Stunde Steh­verkehr in Kauf nimmt, um mit seinem Auto durch die Stadt zu fahren, obwohl es in vielen Fällen zeit­spa­rende Alter­na­tiven im Nah­verkehr gibt, lässt sich durch die Blo­ckaden auch nicht den Tritt aufs Gas­pedal ver­wehren. Warum also .…

.… kommen in der ganzen Welt Men­schen zusammen, nehmen einige Stra­pazen auf sich, um an einer Aktion teil­zu­nehmen, von der ziemlich klar ist, dass sie zur realen Wirkung wenig bei­trägt? Zumal es schon längst wir­kungs­vollere Aktionen gibt, wie die Blo­ckaden bei VW in Wolfsburg oder die Pro­teste vor der Auto­mo­bil­aus­stellung in Frankfurt [2]?

Die Antwort liegt im Bewusstsein von Teilen der Kli­ma­wan­del­gläu­bigen. Das sind Men­schen, die Greta Thun­bergs Auf­for­derung: »Ich will, dass ihr in Panik geratet« ernst nehmen.

Zutiefst irrationale Bewegung

Es sind Men­schen, für die es keine Metapher ist, wenn sie von Aus­rottung allen Lebens reden, die wirklich die Apo­ka­lypse erwarten und zwar in ihrer eigenen Lebenszeit. Damit gleichen sie irra­tio­nalen Bewe­gungen des Spät­mit­tel­alters und der frühen Neuzeit, die sich auf Schiffen oder an Plätzen ver­sammelt haben, um den Welt­un­tergang gemeinsam zu erleben oder zu erleiden. Es ist eine irra­tionale Bewegung von Kli­ma­wan­del­gläu­bigen, die sich in den Metro­polen sammelt.


Der Begriff Kli­ma­gläu­bigkeit stammt von dem Zeit­geist-Autor Jonathan Safran Foer, der natürlich zum aktu­ellen Kli­mahype gleich ein Buch auf dem Markt geworfen hat, das schon im Titel »Wir sind das Klima« [3]deutlich macht, dass den hier Leser Gefühle, aber keine Gedanken erwarten. Zustimmung bekam er prompt vom Taz-Kolum­nisten Peter Unfried, der ihn in seiner aktu­ellen Kolumne so rezi­piert [4]:

Der New Yorker Schrift­steller Jonathan Safran Foer hat eine spek­ta­kulär logische These, was unsere bis­herige Unfä­higkeit angeht, die immer größer wer­dende Bedrohung durch die Erd­er­hitzung ernst zu nehmen. Wir glauben es nicht. Doch, doch: Wir wissen es. Aber wir glauben es nicht. …

Peter Unfried, Taz

Nun ist auch Peter Unfried auf­ge­fallen, dass die Kli­ma­be­wegung doch immer besonders stolz darauf war, angeblich fast 100 Prozent der Wis­sen­schaftler auf ihrer Seite zu haben. Was soll dann der feh­lende Glaube? Darauf gibt Foer keine Antwort, sondern wechselt auf das Terrain der jüdi­schen Ver­fol­gungs­ge­schichte seiner Vor­fahren.

Foer erzählt die Geschichte seiner jüdi­schen Familie, die in einem pol­ni­schen Dorf lebte. Alle wussten, was die Nazis tun würden. Aber nur seine Groß­mutter packte 1941 ihre Sachen und floh. Der Rest blieb, weil er dachte, das würde schon irgendwie wei­ter­gehen. Sie wurden alle ermordet. Warum konnte die Groß­mutter sich auf­raffen und die anderen schafften es nicht? Foer sagt: Sie wusste es nicht nur, sie hatte auch das Gefühl, handeln zu müssen. Die anderen wussten es nur, aber sie glaubten es nicht. Seine Fol­gerung: Erst wenn das Wissen mit Gefühlen ver­knüpft wird, wenn wir etwas spüren, werden wir handeln können.

Peter Unfried, Taz

Es ist zutiefst irra­tional, dass hier ein wis­sen­schaft­liches Phä­nomen wie der Kli­ma­wandel mit der Shoah, der plan­mä­ßigen Aus­lö­schung der euro­päi­schen Juden durch die Deut­schen, in Ver­bindung gebracht wird. Ein solcher Ver­gleich dient nur dazu, nun auch den Kli­ma­wandel als Holo­caust zu bezeichnen, wie in den letzten Jahr­zehnten der dro­hende Atom­krieg und andere pro­gnos­ti­zierten Kata­strophen oft bezeichnet wurden. Damit wurde die reale Shoah rela­ti­viert und ein­ge­ebnet in eine globale Kata­stro­phen­ge­schichte.

Das wird nicht dadurch besser, dass Nach­kommen von Shaoh-Über­le­benden diese Ver­gleiche anbringen. Damit ist das Tor geöffnet für Kata­stro­phen­gläubige aller Art, die sich natürlich sofort ange­sprochen fühlen, wenn die Extinction-Rebellion ihre Zelte auf­schlägt. Daher heben die Öko­so­zia­listin Jutta Dit­furth [5] oder Blogs wie die Ruhr­barone [6] den Sek­ten­cha­rakter der Bewegung hervor.

Für ein richtiges Leben im Falschen

Doch Dit­furth belässt es nicht dabei, sondern infor­miert über den Zusam­menhang zwi­schen linker Öko­logie und Anti­ka­pi­ta­lismus. Das ist auch not­wendig. Denn es bringt nichts, alle Extinction-Akti­visten jetzt in die rechte Ecke stellen. Wenn man ihr Camp in der Nähe des Ber­liner Kanz­leramts besucht, wird man keine rechten Thesen, aber viele Men­schen mit großer Angst treffen, die sich trotzdem bemühen, achtsam mit­ein­ander umzu­gehen. Es stimmt, dass sie ein offenes Ohr für reli­giöse und irra­tionale Ideen aller Art haben.

Das liegt aber auch an den Zuständen im Spät­ka­pi­ta­lismus. Eine wahr­nehmbare Linke, die auch Erfolge hat, ist selten erfahrbar. Der Alltag der Men­schen ist geprägt von Indi­vi­dua­lismus und Kon­kur­renz­druck. Auch am Arbeits­platz ist es eher die Regel, dass über die Gehälter der Kol­legen nicht geredet werden darf, manchmal wird das ver­traglich geregelt. Das sind keine guten Grund­lagen für eine soli­da­rische Praxis.

In diesen Zeiten können sich viele Men­schen eher das Ende des Pla­neten als das Ende des Kapi­ta­lismus vor­stellen. Es liegt an den Men­schen, die sich Letz­teres noch vor­stellen können, zu inter­ve­nieren, und an den Men­schen, die nach Aus­wegen suchen, Alter­na­tiven zum Irra­tio­na­lismus anzu­bieten. Da gäbe es als Bei­spiel das jüngste Buch des Phi­lo­sophen Michael Hirsch mit dem Titel »Richtig Falsch« [7]. Im Klap­pentext geht es um die Fragen, die auch viele der Kli­ma­ak­ti­visten bewegen:

Wenn die Änderung der Welt aus­bleibt und mit der Zeit eher unwahr­schein­licher als wahr­schein­licher wird (und darin liegt wohl eine ent­schei­dende Erfahrung unserer Zeit) – was sollen wir dann tun? Wenn die Eman­zi­pation auf­ge­schoben ist, was nützt uns dann das Bewusstsein des Fal­schen? Müsste man dann nicht Adornos ethisch-poli­tische Pos­tulate noch genauer refor­mu­lieren: Es bleibt uns nichts anderes übrig, als, im All­ge­meinen wie im Beson­deren, nach Formen oder Spuren des rich­tigen Lebens zu suchen – und zwar im Bewusstsein der Unmög­lichkeit, aber eben auch der Mög­lichkeit des Unmög­lichen.

»Richtig Falsch«

Der Phi­losoph hat im Gespräch mit der Jungle World [8] gut auf dem Punkt gebracht, dass wir heute alle Mög­lich­keiten für ein ver­nünf­tiges Leben hätten und der Kapi­ta­lismus daran hindert:

Fort­schritt hat noch gar nicht ange­fangen – obwohl mitt­ler­weile alle Ele­mente für eine fort­schritt­liche Ein­richtung der Gesell­schaft vor­handen sind. Die Pro­duk­tiv­kräfte, die mate­ri­ellen Ver­hält­nisse, die Insti­tu­tionen des Rechts­staats, die demo­kra­ti­schen Mit­wir­kungs­mög­lich­keiten, Ver­samm­lungs­rechte, Arbei­ter­rechte, Sozi­al­staat – alle diese Errun­gen­schaften, um gesell­schaft­liche sub­stan­tielle Ände­rungen zum Bes­seren durch­zu­setzen, sind da – nicht für alle Men­schen, aber für sehr viel mehr Men­schen, als es früher der Fall gewesen ist -, aber irgendwie hat sich Fort­schritt immer noch nicht ereignet. Das wäre aber jederzeit möglich. Durch unser Zutun und gewis­ser­maßen auch durch so eine Art magi­sches Quentchen wäre jederzeit ein qua­li­ta­tiver Umschlag, ein ganz anderer Gebrauch all dieser Poten­tiale, die wir haben, möglich. Wir leben in einem Ana­chro­nismus. Es gibt unfassbare Über­schüsse an Poten­tialen, an Mög­lich­keiten, an Reich­tümern. Die sind nur falsch ein­ge­richtet, falsch gebraucht, falsch jus­tiert, die benutzen wir nicht auf die richtige Art und Weise. Wir könnten sie aber jederzeit anders benutzen.

Michael Hirsch, Jungle World

Es wäre die Aufgabe von Linken, solche auf­klä­re­ri­schen Gedanken in die Masse der Kli­ma­ak­ti­visten zu bringen, wie es vor 130 Jahren gelang, die Grund­lagen des Mar­xismus in der Arbei­ter­be­wegung zu ver­ankern.

»Vorwärts zum postfossilen Kapitalismus«

Sonst gewinnt neben dem Irra­tio­na­lismus der post­fossile Kapi­ta­lismus, der mit Uber und Co. schon jetzt zu den För­derern der Kli­ma­be­wegung zählt. Zu den Extinction-Rebellion-Anhängern gehört auch der bri­tische Umwelt­for­scher Keven Anderson, der die Illusion eines öko­lo­gi­schen Kapi­ta­lismus so zusam­men­fasst: »Ich will nur den Status quo – die gleiche Welt, aber mit sta­bilem Klima. Was ist daran so radikal?«

Natürlich über­haupt nichts. Doch trotzdem wird von einen Großteil der Medien ent­gegen jede Logik diese Kli­ma­be­wegung mit Radi­ka­lismus in Ver­bindung gebracht [9]. Dabei heißt radikal, an die Wurzeln gehen.

Doch was ist radikal, wenn sich der Grüne Realo Ralf Fücks [10] und seine Par­tei­freundin und Kli­ma­ak­ti­vistin Luisa Neu­bauer [11] in einem Gespräch in der Wochen­zeitung Die Zeit [12] in der Parole »Vor­wärts zum post­fos­silen Kapi­ta­lismus« einig sind?

Es gäbe also viel zu tun für eine linke Bewegung, um mit den Men­schen, die vor dem Kli­ma­wandel Angst haben und aktiv werden wollen, in Kontakt zu kommen. Wenn man dann aber sieht, wie einigen jungen Auto­nomen in einer Fried­richs­hainer auto­nomen Kiez­kneipe nichts Bes­seres ein­fällt, als sich immer über die Kli­ma­ak­ti­visten lustig zu machen, dann muss man aber bezweifeln, ob das geschehen wird. Da macht es schon Hoffnung, wenn aus dem Lübecker Gewerk­schaftshaus [13] ein Trans­parent mit der Auf­schrift »Ein toter Planet braucht keine Arbeits­plätze« her­aus­hängt.

Peter Nowak