Erinnerung an ein Stück Computersozialismus

In Chile wurde unter dem sozia­lis­ti­schen Prä­si­denten Sal­vador Allende ver­sucht, eine com­pu­ter­ge­steuerte Plan­wirt­schaft umzu­setzen. Im Roman «Gegen die Zeit» von Sascha Reh stehen die Mit­ar­bei­te­rInnen dieses Pro­jekts im Mit­tel­punkt.

Langsam ver­blasst die Erin­nerung an die knapp drei­jährige Regie­rungszeit der Unidad Popular unter Prä­sident Sal­vador Allende in Chile. Im Herbst 1970 wurde der linke Prä­sident ins Amt gewählt und im Anschluss immer hef­tiger von der chi­le­ni­schen Kon­ter­re­vo­lution
und ihren Ver­bün­deten in den USA, aber auch in latein­ame­ri­ka­ni­schen Nach­bar­staaten atta­ckiert.

Am 11. Sep­tember 1973 bereitete das Militär dem Versuch ein Ende, in Latein­amerika den Sozia­lismus auf­zu­bauen. In den 70er-Jahren war die Soli­da­rität mit den in unter­schied­liche Frak­tionen gespal­tenen Linken in Chile noch eine Ange­le­genheit von Mil­lionen Men­schen auf allen Kon­ti­nenten. Ende der 70er-Jahre ent­stand dann mit dem Sieg der San­di­nistas in Nica­ragua eine neue Soli­da­ri­täts­be­wegung, die auch schon lange Geschichte hat. Bereits Mitte der 80er-Jahre fand der linke badische Lie­der­macher Walter Mossmann für die chi­le­nische Exil­ge­meinde und ihre Unter­stüt­ze­rInnen in seinen Stück «Unru­higes Requiem» die traurig rea­lis­ti­schen Worte:

«Schlecht ein­ge­richtet im Pariser Exil stellt die Stimme Latein­ame­rikas beharrlich die alten Fragen, die bei uns aus der Mode gekommen sind.
Ich frage die Anwe­senden: / Ist euch der Gedanke so fremd, / dass diese Welt uns allen gehört, / und nicht nur denen, die das Geld haben? (…) Ich frage die Anwe­senden: /​Ist euch der Gedanke so fremd, / dass uns das gehört, / was unsere Hände schaffen?»

Kein Willi Brand

Und dann bringt der 1974 geborene Phi­losoph und Ger­manist Sascha Reh im Jahr 2015 im Verlag Schöffling & Co den Roman «Gegen die Zeit» heraus, der mitten hinein geht in das Chile der Unidad Popular. Auf dem Cover sieht man die Moneda, den chi­le­ni­schen Regie­rungssitz, wie er in den Mor­gen­stunden des 9. Sep­tembers 1973 vom Militär ange­griffen wird. Man sieht die Bom­ben­ein­schläge,
Rauch steigt auf und seitlich zielen Sol­da­tInnen auf die Fenster des Gebäudes, in dem sich Prä­sident Allende und seine engsten Mit­ar­bei­te­rInnen gegen die mili­tä­rische Über­macht ver­tei­digen. Als die Militärs schliesslich in das Gebäude ein­dringen, verübt der
schon schwer ver­letzte Allende Selbstmord. So will er ver­meiden, dass er wie sein Freund und Genosse Che Guevara knapp sechs Jahre zuvor erschossen wird. Tat­sächlich verband beide spä­testens seit der kuba­ni­schen Revo­lution eine enge Freund­schaft. Allende war Anfang der 60er-Jahre noch Vor­sit­zender einer kleinen sozia­lis­ti­schen Partei, als er die Soli­da­rität mit der kuba­ni­schen Revo­lution orga­ni­sierte. Als Che Guevara dann Kuba ver­liess und erst in Afrika und dann in Bolivien an vor­derster Front für die Revo­lution kämpfte, blieben ihm Allende und seine Partei soli­da­risch ver­bunden. Daher ist es auch infam, wenn Allende heute von Wohl­mei­nenden als eine Art chi­le­ni­scher Willi Brand dar­ge­stellt wird. Allende stand für eine sozia­lis­tische Umge­staltung und genau des­wegen wurde er schliesslich gestürzt.

Gegen die Markt­wirt­schaft

Genau am Tag des Put­sches beginnt Sascha Rehs Roman: «Während draussen geschossen wurde, bleib ich in meinen Zimmer, hungrig, in dumpfer Sorge vor einer Infektion, in Gedanken bei Ana. Ich tat nichts, als darauf zu warten, dass sie mich holen.» Es war die Per­spektive von vielen chi­le­ni­schen Linken, denen nach dem Putsch nicht nur ihre ganze bis­herige Lebens­per­spektive abhanden gekommen war. Ihr Leben selber war in Gefahr. Doch die Men­schen, um die es im Roman geht, sind noch besonders gefährdet. Es handelt sich um die
Mit­ar­bei­te­rInnen eines wenig bekannten Pro­jekts des Com­pu­ter­so­zia­lismus im Chile der frühen 70er-Jahre. Das Projekt Synco oder Cybersyn sah vor, die chi­le­nische Volks­wirt­schaft durch com­pu­ter­ge­stützte Systeme zu steuern und damit die Markt­wirt­schaft und den Ein­fluss der grossen Kon­zerne zu ver­ringern. Geleitet wurde das Projekt von den bri­ti­schen Kyber­ne­tiker Stafford Beer. Daran war
auch der west­deutsche Hans Everding beteiligt, der im Auf­bruch um 1968 poli­ti­siert wurde und sich der Frak­tio­nierung der west­deut­schen Linken in den 1970er-Jahren entzog, in dem er in Chile mit den Modell einer com­pu­ter­ge­steu­erten Plan­wirt­schaft
expe­ri­men­tierte. Das Projekt war noch im Ver­suchs­stadion als der Putsch die Arbeit beendete. Die Mit­ar­bei­te­rInnen zer­streuten sich in alle Winde. Miss­trauen kam auf. Wer war GenossIn und wer bie­derte sich den neuen Macht­ha­be­rInnen an? Eine Frage, die die Prot­ago­nis­tInnen im Roman immer wieder stellen. Nach dem Putsch ver­sucht Hans Everding, die Haupt­figur des Romans, die Daten­träger in Form von Magnet­bändern vor dem Zugriff der Militärs zu retten. Er ist über­zeugt, dass dort Daten zu finden sind, die jetzt viele Men­schen exis­ten­ziell gefährden könnten. Wenn auch das Com­pu­ter­projekt unter Allende kein Thema öffent­lichen Inter­esses war
und von denen, die davon wussten, als intel­lek­tuelle Spie­lerei abgetan wurde, war es der Kon­ter­re­vo­lution doch bekannt geworden. Ganz im Gegensatz zur Intention der For­sche­rInnen kamen die Com­puter während des Streiks der LKW-Fah­re­rInnen 1972 das erste Mal erfolg­reich zum Einsatz. Zwei­hundert Com­puter wurden mit­ein­ander ver­netzt. Im Roman wird in Rück­blicken noch einmal die Auf­regung der For­sche­rInnen lebendig, die selber nicht wussten, ob ihre auf­wen­digen Geräte den Pra­xistest bestehen würden. Tat­sächlich trug das Projekt Cybersyn mit dazu bei, dass die Unidad Popular 1972 den von der gesamten chi­le­ni­schen Reaktion unter­stützen und von der CIA finan­zierten Unter­neh­me­rIn­nen­streik über­stand. Den Hass der Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rInnen hatte sich das Projekt damit end­gültig zuge­zogen. Daher war die Angst der Mit­ar­bei­te­rInnen berechtigt, dass das Militär damit ein Instrument der Kon­trolle und Über­wa­chung in die Hand bekommen könnte. Genau deshalb sollten die Daten­träger ver­schwinden.


Chile – Pionier des Com­pu­ter­so­zia­lismus

Der Com­puter als Mittel zur Arbeits­er­leich­terung oder zur Kon­trolle der Arbei­te­rInnen? Diese Frage dis­ku­tierten die Pro­jekt­mit­ar­bei­te­rInnen bereits damals sehr intensiv. «‹Aber es geht uns nicht um Über­wa­chung›, sagte ich. Unsere Absicht ist nicht, die Arbeiter zu dis­zi­pli­nieren, sondern vor­aus­zu­sehen, was auf sie zukommt», betonte die Haupt­figur Hans Everding gegenüber einem skep­ti­schen Mit­ar­beiter. Auf welch ver­schlun­genem Weg die Daten­träger vor dem Zugriff der Militärs bewahrt werden und welch über­ra­schende Wen­dungen es dabei gibt, bildet den per­fekten kri­mi­no­lo­gi­schen Teil des Buches. Es ist zu begrüssen, dass Sascha Reh mit seinem Buch ein wenig bekanntes Kapitel der chi­le­ni­schen Revo­lution zugänglich gemacht hat. Chile, das nach dem Putsch ein Labo­ra­torium des Neo­li­be­ra­lismus wurde, war in den Zeiten der Unidad Popular ein Pionier für den Com­pu­ter­so­zia­lismus.


Reh Sascha: Gegen die Zeit.
Verlag Schöffling & Co, 2015,
553 Seiten, 25 Euro

Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
Dieser Artikel erschien zuerst im Schweizer vor­wärts Nr. 17/18 vom 6. Mai 2016 und wurde dann unter fol­gender Adresse gespiegelt: