Ein Thüringer Schulsozialarbeiter fühlt sich mit rechten Angriffen allein gelassen

Nazis machen krank. Für Sebastian Steinert, dessen rich­tiger Name zur Sicherheit nicht genannt werden soll, handelt es sich dabei nicht um einen Demo-Spruch, sondern um bit­teren Ernst. Als Schul­so­zi­al­ar­beiter in der Erfurter Gemein­schafts­schule am großen Her­renberg war er wie­derholt Attacken einer Gruppe rechter Jugend­licher aus­ge­setzt. Nach einem Angriff mit einem Gas­spray musste er sich in ärzt­liche Behandlung begeben. 

Steinert geriet ins Visier der Rechten, weil er sich hinter Schüler stellte, die von den Rechten bedroht worden waren. Die zivil­ge­sell­schaft­lichen Initia­tiven MOBIT und Ezra sprechen in einem dem »nd« vor­lie­genden Dossier von einem »ras­sis­ti­schen Nor­mal­zu­stand« an der Schule und ziehen einen Zusam­menhang zur neo­na­zis­ti­schen Gruppe Volks­ge­mein­schaft, die in dem Stadtteil einen Treff­punkt unterhält. Ihre Gründer stammen aus der rechten Kame­rad­schafts­szene und hatten Funk­tionen in der NPD und der Partei »Die Rechte«. Die Gruppe wird vom Thü­ringer Ver­fas­sungs­schutz beob­achtet. 

Die Stadt­ver­waltung Erfurt bestä­tigte die rechten Vor­fälle, an denen vor allem zwei Schüler mit Neo­na­zi­kon­takten beteiligt waren. »Zudem gab es Angriffe und Bedro­hungen der beiden Schüler gegen den Sozi­al­ar­beiter«, heißt es in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage des SPD-Stadt­ver­ord­neten Denny Möller. Doch statt Unter­stützung habe er von seinem Arbeit­geber, dem in der Jugend­so­zi­al­arbeit aktiven Verein Per­spektiv, zu hören bekommen, er sei selber Schuld, wenn er zum Angriffs­objekt der Rechten werde, beklagt Steinert gegenüber »nd«. 

Nach einer halb­jäh­rigen Krankheit wurde er ent­lassen. Der fol­gende Rechts­streit ist inzwi­schen beendet. Der Verein zahlte eine Abfindung und stellte ein wohl­wol­lendes Arbeits­zeugnis aus. Zu den Vor­würfen wollte man sich gegenüber »nd« nicht äußern. Steinert kämpft nun darum, dass seine psy­chi­schen Pro­bleme nach den Bedro­hungen durch die Rechten als Berufs­krankheit aner­kannt werden. In diesem Fall wären anschließend Arbeits­schutz­maß­nahmen und Unter­stüt­zungs­an­gebote für die Betrof­fenen möglich.

Die Kran­ken­kasse hat seinen Antrag zunächst abge­lehnt. Dagegen klagt der Sozi­al­ar­beiter mit Unter­stützung der Basis­ge­werk­schaft FAU. Aus ihrer Sicht geht es dabei nicht nur um den Ein­zelfall. »In sozialen Berufen ist die Belastung zumeist nicht kör­per­licher, sondern psy­chi­scher und emo­tio­naler Natur. Diese Belastung führt zu psy­chi­schen Krank­heiten, die oft nicht aner­kannt, sondern belä­chelt werden«, moniert Kon­stantin Berends von der FAU Jena. Die Gruppe will zu einem Treffen linker Sozi­al­ar­beiter ein­laden.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​6​9​6​1​7​.​f​e​r​t​i​g​-​g​e​m​a​c​h​t​.html
Peter Nowak