
Ein Empfangskomitee aus 20 Personen steht am Montagnachmittag vor der Haustür der Beermannstraße 18 im Ortsteil Treptow. Die Bewohner*innen warten auf den Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi (Linke). Eingeladen hat ihn die vor Kurzem gegründete …
… Bürger*inneninitiative »Beermannstraße bleibt«, die den Weiterbau der Stadtautobahn A100 verhindern will.
A100 bedroht Wohnraum und Stadtnatur
In den Genossenschaftshäusern der Beermannstraße 16 und 18 wohnen etwa 300 Menschen. Sie fürchten, im Zuge des Weiterbaus der A100 ihre Wohnungen zu verlieren.
Als Gysi eintrifft, wird er von zwei Hausbewohnerinnen durch die Gebäude mit den zwei Höfen geführt. Der Wohnraum ist saniert. Der Hinterausgang führt in einen kleinen Hain mit vielen Bäumen – ein weiteres potenzielles Opfer der Autobahnverlängerung. Von hier aus kann man die Schallmauer sehen, die den vor wenigen Monaten fertiggestellten 16. Autobahnabschnitt von den Wohnhäusern abschirmt.
Die Geschichte wiederholt sich
Ins Auge fällt zudem eine große freie Fläche vor der Mauer. Hier standen bis vor zehn Jahren noch zwei weitere Häuser. Melanie Tetzlaff wohnte mit ihren Eltern in einem der verschwundenen Gebäude. Sie hält ein Straßenschild in die Höhe. Beermannstraße 2–22 steht darauf. Die Hausnummern 20 und 22 gibt es nicht mehr. Die Gebäude mussten der Autobahntrasse weichen, allerdings nicht ohne Widerstand.
Über viele Monate versuchte ein Teil der Bewohner*innen, die Häuser und Gärten zu erhalten. Ein Mieter stellte sich damals sogar vor einen Bagger, um zu verhindern, dass ein alter Baum gefällt wurde. Die Bewohner*innen bekamen Unterstützung von der Umweltorganisation Robin Wood und der Treptower Stadtteilinitiative Karla Pappel. Höhepunkt der Proteste war eine kurzzeitige Besetzung des Geländes vor elf Jahren.
Die Enteignung der Mieter*innen, um den Bau des 16. Abschnitts der A100 durchzusetzen, konnte damit nicht verhindert werden. Im Anschluss gab es noch jahrelang gerichtliche Auseinandersetzungen. Die Mieter*innen pochten auf Entschädigungen für den Verlust ihres Wohnraums. Diejenigen, die ihre Wohnungen damals nicht rechtzeitig verließen, gingen leer aus.
Melanie Tetzlaff gehört zu den Wenigen, die in unmittelbarer Nähe eine neue Wohnung gefunden haben. Andere Nachbar*innen hatten weniger Glück. Sie leben mittlerweile in ganz Berlin verstreut.
Konkrete Planung des 17. Abschnitts verzögert sich
Ein solches Szenario wollen die Mieter*innen der Beermannstraße 16–18 verhindern. Ihre Häuser sollten schon vor zehn Jahren für den 16. Bauabschnitt der A100 abgerissen werden, was damals durch einen Gerichtsbeschluss verhindert wurde. Jetzt haben sie mit Unterstützer*innen die Initiative »Beermannstraße bleibt« gegründet, um frühzeitig gegen einen Abriss für den 17. Bauabschnitt zu mobilisieren.
Markus Henn von der Bürgerinitiative A100 gehört zu den Unterstützer*innen. »Wir stellen uns hinter die Forderungen der Ini ›Beermannstraße bleibt‹ und fordern den Erhalt der Häuser sowie ernsthafte Alternativplanungen zur A100 mit Vorrang für ÖPNV-Ausbau und klimafreundliche Mobilität«, sagt Henn zu »nd«. Der geplante A100-Bau müsse einer aktuellen Nutzen-Kosten-Analyse unterzogen werden.
Eigentlich sollten schon vor Monaten die Pläne für den 17. Trassenbau vom Ingenieursbüro Krebs und Kiefer veröffentlicht werden. Doch das verzögert sich. »Beermannstraße bleibt« wendet sich auch deshalb an die Öffentlichkeit, um Druck zu machen, dass die beiden Häuser nicht abgerissen werden, selbst wenn die A100 weitergebaut würde.
Weiterer Protest kündigt sich an
Auf diese Forderung will sich auch Gregor Gysi in seinem angekündigten Schreiben an das Bundesverkehrsministerium konzentrieren. »Es ist sinnvoll, ein erstes Schreiben mit diesen Kernforderungen zu verfassen, um ins Gespräch zu kommen«, erklärt der Politiker nach dem Rundgang über das Gelände. Er betont, dass seine Partei mit großer Mehrheit den Weiterbau der A100 grundsätzlich ablehne. Auch aus ökologischen Gründen sei der Weiterbau einer Autobahn nicht zu rechtfertigen.
Der geplante Bau der 17. Trasse der A100 dürfte in der nächsten Zeit noch zu größeren Protesten in Berlin führen. Schließlich sind bekannte Clubs wie das »About Blank« dadurch bedroht. Berliner Clubs beteiligten sich in den vergangenen Jahren immer wieder an den Protesten. Unter dem Motto »A100 wegbassen« organisierten sie mehrere Straßenumzüge. »Beermannstraße bleibt« warnt nun, dass viele weitere Mieter*innen ihre Wohnungen verlieren könnten. Peter Nowak