❚ Elisabeth Voss ist eine in Berlin tätige Publizistin und Expertin für solidarische Ökonomie. Sie engagiert sich zurzeit beim Mietshäuser-Syndikat, einem Verbund von Wohnprojekten, der sich neben gegenseitiger Unterstützung zum Ziel gesetzt hat, einen Wiederverkauf der Häuser zu verhindern. 2025 ist von ihr erschienen: »Praxishandbuch Selbstverwaltung – Rechtsformen und Finanzierung für die Gründung von Kollektivbetrieben und Hausprojekten«. Transcript, 480 S., 39 €.

Kollektive Projekte: »Keimformen des Morgen«

Die Autorin Elisabeth Voss hat langjährige Erfahrungen mit selbstverwalteten Projekten. In einem Buch gibt sie Praxistipps.

Sie haben kürzlich ein Praxishandbuch zum Thema Selbstverwaltung veröffentlicht. Was verstehen Sie unter dem Begriff?

… Selbstverwaltung bedeutet für mich, dass alle Beteiligten einer kollektiven Unternehmung – ob Wirtschaftsunternehmen, sozialer Betrieb, Hausprojekt oder was auch immer – über alles, was sie betrifft, nach selbst gewählten Verfahren selbst entscheiden. Das heißt nicht, dass es immer ein Großplenum sein muss, denn in einer großen Gruppe sind vielleicht nicht alle von jeder Entscheidung gleichermaßen betroffen. Und vielleicht gibt es auch Externe, die mitbetroffen sind, beispielsweise als Nachbar*innen, und die darum in bestimmte Entscheidungen einbezogen werden.

Sie beschäftigen sich nicht nur theoretisch mit Selbstverwaltung, sondern waren in den 90er Jahren Teil von »Projekt A« in Neustadt an der Weinstraße. Um was für ein Projekt handelte es sich?

Das »Projekt A« war ein bundesweites anarchistisches Netzwerk, aus dem unser Neustädter Projekt »Wespe« (Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen) entstanden ist. Ihm gehörten zu guten Zeiten zwölf Kollektivbetriebe und das Projektzentrum Ökohof, eine ehemalige Fabrik, an.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie dort Kollektiverfahrungen nicht nur erleben konnten, sondern auch erleiden mussten. Worin bestand das Leid?

Wie viele selbstverwaltete Projekte hatten wir zwar den Wunsch und Anspruch, dass alle gleich sein sollten, waren aber nur sehr begrenzt imstande, mit den realen Ungleichheiten umzugehen. So entstanden informelle Hierarchien, zum Beispiel aufgrund von unterschiedlichen finanziellen und Bildungsvoraussetzungen, Geschlecht, Selbstvertrauen und Kommunikationsfähigkeit.

Woran lag das? Und haben Sie deshalb das Projekt verlassen?

Ich glaube, dass wir diese teils krassen Gefälle nicht besprechen, vielleicht nicht einmal wahrnehmen konnten, weil unsere anarchistischen Ideale so stark waren. Aber da haben die verschiedenen Beteiligten sicher auch unterschiedliche Erinnerungen und Einschätzungen. Ich bin erst in Neustadt aus bitteren Erfahrungen zur Feministin geworden. Schon nach drei Jahren bin ich wieder gegangen, auch weil wir die Wohnfrage nicht gut lösen konnten. Aber die Erfahrungen aus Neustadt waren für mich prägend und ich möchte sie nicht missen.

Um überleben zu können, müssen Kollektive sich an kapitalistische Normen anpassen. Halten Sie es – auch vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen – trotzdem für möglich, sozialistische Ideale in Kollektiven umzusetzen, oder führt das nicht immer wieder zu Enttäuschungen?

Enttäuschungen gehören zum Leben dazu, und aus ihnen lässt sich lernen. Es geht ja nicht darum, irgendwelche Ideale zu 100 Prozent umzusetzen, sondern dem möglichst nahezukommen, was eine Gruppe für sich als Werte und Zielstellung formuliert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In meinem Handwerkskollektiv damals haben wir Solaranlagen von anderen Kollektiven gekauft und montiert und im Elektro- und Sanitärbereich möglichst viele ökologische Materialien verwendet. Dass wir in der Lage waren, mit unserer Arbeit Monat für Monat ein Einkommen zu erzielen, ohne uns hierarchischen Ausbeutungsverhältnissen unterwerfen zu müssen, war eine prägende Erfahrung für mich. Unsere Verbindlichkeit hat eine besondere Art von Zusammengehörigkeit geschaffen, auch wenn sie mitunter konfliktbeladen war. Dieses tägliche Ringen um Selbstbestimmung ist noch kein Sozialismus, sondern bewegt sich innerhalb von Marktzwängen. Aber trotzdem sind das Erfahrungen, die als Übungsfeld und Keimformen des Morgen einen Vorgeschmack auf eine zukünftige bessere Welt geben können.

Sie sind auch politisch aktiv, waren beispielsweise mehrere Jahre bei Attac. Hat das auch mit Ihren Kollektiverfahrungen zu tun?

2007 bin ich zu Attac gekommen, um dort – nach dem großen Solidarische-Ökonomie-Kongress in Berlin 2006 – eine AG zu dem Thema mitzugründen. Die Selbstverwaltung in einer so großen bundesweiten Struktur war für mich interessant, aber letztlich auch enttäuschend, weil auch dort der Umgang mit Richtungskämpfen, Rechthaberei und informellen Hierarchien nicht gelungen ist. Darum bin ich 2022 ausgetreten.

Sehen Sie Kollektive auch als ein Mittel für politische Veränderungen?

Nicht als Mittel zum Zweck – die kollektive Erfahrung hat einen Wert an sich. Wenn politisch nicht im Sinne von parteipolitisch und parlamentarisch verstanden wird, dann stellen Kollektive selbst schon eine politische Veränderung dar, indem die Kollektivist*innen zumindest Teilbereiche ihrer wirtschaftlichen Existenz außerhalb der ausbeuterischen kapitalistischen Verwertungszwänge organisieren. Auch wenn das ökonomisch kaum ins Gewicht fällt, sind es doch in der Gegenwart materialisierte Hoffnungen auf Zukunft, die untrennbar mit Kämpfen gegen Privatisierungen, Sozialabbau und Militarisierung verbunden sind. Die Beschäftigung mit diesen Keimformen – sowohl hierzulande als auch in transnationalen Netzwerken – gibt mir immer wieder emotionalen Halt, angesichts der weltweit nahezu explodierenden patriarchalen Gewalt. Nur nie aufgeben!

Sie schreiben, dass Sie weder an der Marktwirtschaft hängen, noch eine Vertreterin von »Alles umsonst« seien. Warum diese zweifache Abgrenzung?

Weil ich deutlich machen wollte, dass Austauschverhältnisse komplex sind. Die auf ökonomischer Gewalt begründete Marktwirtschaft verhindert es, nach unseren Fähigkeiten und Bedürfnissen zu leben. Ich hätte mein Buch gerne digital kostenlos zur Verfügung gestellt. Dafür hätte ich jedoch Geld für die Kosten des Verlags besorgen müssen und Honorare nur aus dem Verkauf der gedruckten Ausgabe bekommen. Beides konnte und wollte ich mir nicht leisten. So habe ich dem Zwang der Verhältnisse nachgegeben, ohne dies ideologisch im Sinne von »es hat eben alles seinen Preis« rechtfertigen zu wollen. Umgekehrt war mir jedoch auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Tatsache, dass etwas umsonst zu haben ist, noch kein Beweis für Nichtkommerzialität ist. Die Creative-Commons-Lizenzen wurden beispielsweise ursprünglich als Vermarktungsinstrument geschaffen, und unbezahlte Arbeit ist auch eine Grundlage des Kapitalismus.

Sie verteidigen Bewohner*innen von Eigentumswohnungen. Aber ist es nicht eine Klassenfrage, sich die leisten zu können?

Ja klar, aber dafür sind ja nicht diejenigen verantwortlich, denen es gelingt, sich mit einer Eigentumswohnung gegen die Brutalität des Wohnungsmarktes abzusichern. Eine abbezahlte eigene Wohnung ist gerade für Arme eine existenzielle Sicherheit. So sind damals in der Krise in Griechenland beispielsweise ganze Familien, die ihre Wohnung verloren haben, weil sie die Kreditraten nicht mehr zahlen konnten, zu ihren Großeltern in deren Haus oder Eigentumswohnung gezogen. Eine selbst bewohnte Eigentumswohnung ist ja etwas anderes als das Privateigentum eines Immobilienkonzerns. Vor allem finde ich es jedoch wichtig, kollektive Alternativen zu organisieren. Darum arbeite ich seit vergangenem Jahr beim Mietshäuser-Syndikat mit.

Planen Sie auch weitere praktische Kollektiverfahrungen in der nächsten Zeit?

Planen wäre zu viel gesagt. Aber ich trage mich schon länger mit dem Gedanken, dass ich gerne in einem größeren selbstverwalteten Projekt wohnen würde, das zugänglich ist für »alle« – ja, ich weiß, ein großer Anspruch, der nie zu 100 Prozent aufgehen wird. Neue Genossenschaften haben immer höhere finanzielle Barrieren, anders als das Syndikat, das aber angesichts der Immobilienpreise auch an Grenzen kommt. Trotzdem halte ich daran fest, dass »mein« Wohnprojekt bezahlbar sein soll. Darüber hinaus sollte es möglich sein, auf Pflegebedürftigkeiten gemeinsame Antworten zu finden.

Interview: Peter Nowak