Nach Google hat auch Amazon große Pläne für eine Ansiedlung in Berlin bekannt gemacht. Gentrifizierungsgegner wollen das verhindern – sie fürchten Mietsteigerungen. Von

Lieber Kiezleben als Webtech-Urbanismus

Im Fried­richs­hainer Nordkiez steht das von dem Immo­bi­li­en­konzern CG-Gruppe ent­wi­ckelte Carré Sama-Riga mit Gewerbe- und Wohn­räumen kurz vor der Fer­tig­stellung. Einer Anwoh­ner­initiative, die über Jahre gegen das Projekt pro­tes­tierte, war es nicht gelungen, größere Teile der Ber­liner Linken zu mobi­lisieren. Dabei ­bietet Christoph Gröner, der Gründer und Vor­stands­vor­sit­zende der CG-Gruppe, genügend poli­tische Angriffs­fläche. So erstei­gerte Gröner vor einigen Monaten für 750 000 Euro ein Bild des bekannten Leip­ziger Malers Neo Rauch mit dem Titel »Der Anbräuner«.

»Google ist kein guter Nachbar.« Unter diesem Motto kämpften Gen­tri­fi­zie­rungs­kri­tiker erfolg­reich gegen die Ansiedlung des Kon­zerns in Berlin-Kreuzberg – zumindest vorerst. Einige hoffen, einen solchen Erfolg im Kampf gegen das Unter­nehmen Amazon zu wie­der­holen. Dieses will .….

.…. 28 Etagen des 35stöckigen Edge-Towers beziehen, der in Berlin-Fried­richshain in der Nähe des S‑Bahnhofs War­schauer Straße ent­stehen soll. Nach bis­he­riger Planung soll das 140 Meter hohe Gebäude bis 2023 fer­tig­ge­stellt werden. Der Versuch des Bau­stadtrats von Fried­richshain-Kreuzberg, Florian Schmidt (Grüne), mit bau­recht­lichen Mitteln noch in die Planung ein­zu­greifen, scheint wenig erfolg­ver­spre­chend. Coen van Oostrom, der Gründer des nie­der­län­di­schen Unter­nehmens Edge Tech­no­logies, das das in Immo­bi­li­en­kreisen als »Edge East Side Berlin« beworbene Projekt ent­wi­ckelt, beruft sich auf gültige Ver­träge. Auch der rot-rot-grüne Senat scheint diesen Stand­punkt ein­zu­nehmen. Wie der Tages­spiegel berichtete, fehlt es nach Angaben der zustän­digen Senats­bau­di­rek­torin Regula Lüscher »für eine nach­träg­liche Ent­ziehung des Bau­rechts an einer ein­schlä­gigen Rechts­grundlage«.

»Wie bei vielen anderen Nobel­pro­jekten hat der Ber­liner Senat in den ver­gan­genen 20 Jahren in den unter­schied­lichen poli­ti­schen Kon­stel­la­tionen auch hier den Inves­toren den roten Teppich aus­ge­rollt«, sagte kürzlich ein Ver­treter der Initiative »Make Amazon Pay« auf einem Treffen von Kri­tikern des Kon­zerns. Die Gruppe hatte sich vor einigen Jahren gegründet, um Amazon-Beschäf­tigte bei ihrem Kampf um einen Tarif­vertrag zu unter­stützen. Sie beab­sichtigt aller­dings nicht, in ­einer mög­lichen Amazon-Nie­der­lassung in Fried­richshain die Beschäf­tigten zu orga­ni­sieren.

Vielmehr will sie das Vor­haben ver­hindern. »In dem Tower würden vor allem gut bezahlte Ent­wickler beschäftigt, die dann in der Nähe zu ­ihren Arbeits­plätzen teure Lofts bezögen, was zu einer wei­teren Auf­wertung des Stadt­teils bei­tragen könnte«, so die Befürchtung des Amazon-Kri­tikers. Auf­wertung bedeute vor allem weitere Miet­stei­ge­rungen. Der Sprecher der Initiative verwies auf das Bei­spiel New York City, wo ein Bündnis aus Stadt­teil­ak­ti­visten, außer­par­la­men­ta­ri­schen linken Gruppen und Betei­ligten aus der eta­blierten Politik eine Amazon-Ansiedlung ver­hindert hatte.

Kon­stantin Sergiou von der Kreuz­berger Stadt­teil­in­itiative »Bizim Kiez« bezeichnete auf dem Treffen das Vor­gehen von Kon­zernen wie Amazon als »Webtech-Urba­nismus«. Gemeint ist damit auch eine enge Zusam­men­arbeit von Poli­tikern und Tech-Kon­zernen, die sich als modern, divers und öko­lo­gisch prä­sen­tieren. Die Kon­zerne fürchten schlechte Presse und geben ihre Stand­ort­pläne oft wieder auf, wenn sich Wider­stand regt. Das fällt ihnen auch deshalb leicht, weil Digi­tal­kon­zerne schneller auf einen anderen Standort aus­weichen können als for­dis­tische Kon­zerne mit einem großen Maschi­nenpark und Beschäf­tigten, die weniger fle­xibel sind.

Nach den theo­re­ti­schen Bei­trägen teilten sich die Amazon-Kri­tiker bei ­ihrem Treffen in Arbeits­gruppen auf und begannen mit Pro­test­pla­nungen. Am 21. Dezember soll rund um den Bahnhof War­schauer Straße ein erster Akti­onstag statt­finden. Dann dürfte sich zeigen, ob das Motto »Berlin versus Amazon«, mit dem auf Facebook geworben wird, auch nur annä­hernd rea­lis­tisch ist. Denn ein Selbst­läufer wird der Wider­stand kei­neswegs.

Anders als beim vorerst ver­hin­derten Google-Campus liegt der geplante ­Büroturm nicht in einem Wohn­viertel mit poli­tisch enga­gierten Organisa­tionen, sondern im Nie­mandsland an der War­schauer Brücke. In der Umgebung sind in den ver­gan­genen Jahren mit dem Uni­versal-Gebäude, der Mehr­zweck­halle, die derzeit »Mer­cedes-Benz-Arena« heißt, der Eastside-Mall und anderen bereits zahl­reiche Pro­jekte ent­standen, die der Vor­stellung eines soli­da­ri­schen Stadt­teils ent­ge­gen­stehen.

Auch große Teile der Club­szene auf dem nahen RAW-Gelände mit seinem sub­kul­tu­rellen Flair passen sich diesen Gege­ben­heiten an. Das Vor­haben, den größten Teil der Gebäude auf dem Areal zugunsten von Hoch­häusern abzu­reißen, wurde von einigen der dort ange­sie­delten Clubs heftig bekämpft. Mitt­ler­weile sind aber keine poli­ti­schen Plakate mehr auf dem Gelände zu sehen. Dafür sorgen nach Infor­ma­tionen der Initiative »RAW Kul­tur­ensemble« ­Beschäf­tigte der Kurth-Gruppe, der ein großer Teil des Areals gehört, aber auch Mit­ar­beiter des auf dem Gelände befind­lichen Clubs Astra.

Im Fried­richs­hainer Nordkiez steht das von dem Immo­bi­li­en­konzern CG-Gruppe ent­wi­ckelte Carré Sama-Riga mit Gewerbe- und Wohn­räumen kurz vor der Fer­tig­stellung. Einer Anwoh­ner­initiative, die über Jahre gegen das Projekt pro­tes­tierte, war es nicht gelungen, größere Teile der Ber­liner Linken zu mobi­lisieren. Dabei ­bietet Christoph Gröner, der Gründer und Vor­stands­vor­sit­zende der CG-Gruppe, genügend poli­tische Angriffs­fläche. So erstei­gerte Gröner vor einigen Monaten für 750 000 Euro ein Bild des bekannten Leip­ziger Malers Neo Rauch mit dem Titel »Der Anbräuner«.

Damit hatte der Maler auf einen Artikel des Kunst­kri­tikers Wolfgang Ullrich in der Wochen­zeitung Die Zeit reagiert, in dem dieser einige Motive rechten Denkens bei Neo Rauch kon­sta­tierte hatte. Mit den Initialen »W. U.« in dem Bild machte Rauch deutlich, dass es sich gegen den kri­ti­schen Jour­na­listen richtet. Doch Jeff Bezos, der Gründer und Leiter von Amazon, könnte als Feindbild mög­li­cher­weise bedeutend mehr Gegner auf die Straße bringen als der betont kon­ser­vativ auf­tre­tende Gröner. Peter Nowak