Plattformen, über die Kunden Essen bestellen können, konkurrieren hart untereinander. Leidtragende sind die Beschäftigten. Doch die Fahrerinnen und Fahrer organisieren sich selbst.

Fressen und gefressen werden

Die einzige Chance für ein kol­lek­tives Unter­nehmen sieht die FAU darin, dass Men­schen bereit sind, mehr für den Service zu zahlen.

Am 16. August kam das Aus. Der Essens­lie­fer­dienst Deli­veroo zog sich end­gültig aus Deutschland zurück. Über 1 000 Beschäf­tigte wurden mit einem Mal arbeitslos. Zuvor war bereits der Essens­lie­fer­dienst Foodora von Lie­fe­rando auf­ge­kauft worden, der als vor­läu­figer Gewinner aus dem Kan­ni­ba­li­sie­rungs­prozess unter den Lie­fer­diensten her­vorging. Für Keno Böhme, der für ver­schiedene Lie­fer­dienste gear­beitet hatte, bevor er haupt­amtlich begann, bei der Gewerk­schaft Nahrung- Genuss- Gast­stätten (NGG) die dort Beschäf­tigten zu orga­ni­sieren, hat der Abschied von Deli­veroo aus gewerk­schaft­licher Sicht auch positive Aus­wir­kungen. »Unserer Meinung nach hängt der Rückzug damit zusammen, dass das .…

.…. Modell der Schein­selb­stän­digkeit der Fahrer nicht funk­tio­niert hat«, sagte er der Jungle World. Wie er haben auch andere Kuriere, soge­nannte Rider, mitt­ler­weile den Wert gewerk­schaft­licher Orga­ni­sierung erkannt. Die NGG hatte Ende August zum Riders Day nach Berlin geladen. Wich­tigster Dis­kus­si­ons­punkt waren die Arbeits­be­din­gungen für die Beschäf­tigten nach der Über­nahme von Foodora durch Lie­fe­rando. Die Gewerk­schafter wollen durch­setzen, dass die Betriebs­rats­struktur auch nach der Über­nahme erhalten bleibt und den Ridern das Beschäf­ti­gungs­ver­hältnis bei Foodora ange­rechnet wird. Davon hänge schließlich ab, ob die Fahrer erneut zwei Jahre befristet beschäftigt werden; eine Fest­an­stellung stehe ihnen nämlich erst nach zwei Jahren zu, betonte der NGG-Sekretär Christoph Schink gegenüber der Jungle World. Doch nicht alle Kuriere wollen nach dem Deli­veroo-Rückzug eine Fest­an­stellung bei Lie­fe­rando.
Einige von ihnen möchten lieber ein Kol­lektiv gründen. Zwei Kuriere haben mit »Kolyma 2« die Idee bereits rea­li­siert. Doch das Projekt sei so pro­vi­so­risch wie der an einen rus­si­schen Film erin­nernde Name und die Web­seite, sagt Chris­topher M., einer der beiden Gründer von »Kolyma 2«, der Jungle World. Bisher lohnt sich das Kol­lektiv für die Betreiber aller­dings noch nicht. Für M. ist es ein Zuver­dienst zu seinem Ein­kommen als Soft­ware­ent­wickler. 
Der alter­native Kurier­dienst wird vor allem am Wochenende ange­boten. Koope­ra­ti­ons­partner sind einige Restau­rants und Ham­burger-Läden in den Ber­liner Stadt­teilen Kreuzberg und Schö­neberg. Par­allel dazu dis­ku­tiert eine größere Gruppe von rund 30 Fahr­rad­ku­rieren über die Gründung eines Kol­lektivs mit deutlich grö­ßerer Resonanz. »Welche Form das am Ende annimmt, ob wir eine Genos­sen­schaft gründen oder lose orga­ni­siert bleiben, ist noch nicht ent­schieden«, sagt M. Einig seien sich die Kuriere darin gewesen, dass sie nicht Ange­stellte von Lie­fe­rando werden wollen. »Weil dadurch einer der wich­tigsten Werte für uns nicht mehr gegeben wäre: die Freiheit und Fle­xi­bi­lität. Die Schicht­planung bei Lie­fe­rando ist sehr strikt, das ist der Haupt­grund dagegen, neben der schlech­teren Bezahlung«, sagte ein Rider im Online­ma­gazin Grün­der­szene.
Als wichtige Werte für das Kol­lektiv werden »Freiheit, Nach­hal­tigkeit, Arbei­ter­rechte, Gesundheit und Würde, aber auch Geld« genannt. Offen bleibt, wie und ob sich diese Werte in einem Kol­lektiv ver­einen lassen. Vor allem dann, wenn aus­drücklich nicht aus­ge­schlossen wird, dass Fah­re­rinnen und Fahrer auch ange­stellt werden können. Spä­testens dann muss sich zeigen, ob mit den Werten Freiheit und Fle­xi­bi­lität nicht einfach die kapi­ta­lis­tische Aus­beutung bemäntelt wird. Schließlich haben sich die Lie­fer­dienste seit Jahren darauf berufen und konnten auch wegen der schlechten Bezahlung der Fahrer auf dem Markt erfolg­reich sein.
Theresa Ingendaay von der Deli­ver­union, einer von der Freien Arbeiter Union (FAU) unter­stützten basis­ge­werk­schaft­liche Selbst­or­ga­ni­sierung der Fahr­rad­ku­riere, sagte der Jungle World, dass man einen hier­ar­chie­armen Kol­lek­tiv­be­trieb, in dem alle das Gleiche ver­dienen, grund­sätzlich befür­worte. Pro­bleme könne es aber geben, wenn die Fahr­rad­ku­riere gleich­zeitig Unter­nehmer seien. Auch die Gefahr der Selbst­aus­beutung hält Ingendaay für gegeben. »Ein Kol­lek­tiv­be­trieb, der nicht auf Aus­beutung und Lohn­dumping setzt, hat dem­entspre­chend höhere Kosten. Das bedeutet, dass die ein­zelnen Mit­ar­beiter even­tuell einen nied­rigen Lohn bekommen. Auch der Anspruch des Kol­lektivs, Mehr­weg­pa­ckungen für die Lie­fe­rungen ein­zu­führen, müsse erst seine Rea­li­täts­taug­lichkeit beweisen. »Es besteht die Gefahr, dass diese Ideale auf­ge­weicht werden, wenn man kon­kur­renz­fähig bleiben möchte und sich mit den Kosten kon­fron­tiert sieht«, befürchtet Ingendaay 
Große Kon­zerne wie Lie­fe­rando würden zwar mit CO2-neu­tralem Transport werben, dabei würden jedoch die Emis­sionen, die Alu‑, Plastik- und auch Papier­ver­pa­ckungen, die innen mit Plastik aus­ge­kleidet sind, außer Acht gelassen. Klaus Meier von der AG Taxi in der Ber­liner Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft verdi (siehe Jungle World 31/2019) sieht für seine Branche nach den Erfah­rungen alter Taxi­kol­lektive keine Alter­native: »Wer Taxi­kol­lektive neu beleben möchte, muss eine Antwort auf die Frage haben, wie aus­kömm­liche Ein­nahmen zu erzielen sind.« Als theo­re­tische Über­legung sind Platt­form­ko­ope­ra­tiven für Meier aller­dings inter­essant. »Die Macht der großen Platt­formen beruht zum großen Teil auf der Kon­trolle der Kom­mu­ni­ka­ti­onswege. Wem es gelingt, neben den Fragen der neu­ar­tigen Zusam­men­arbeit eine erfor­der­liche kri­tische Masse an Teil­nehmern zu erreichen und im öffent­lichen Bewusstsein als die bessere Alter­native wahr­ge­nommen zu werden, können app­ba­sierte Koope­ra­tiven durchaus eine Alter­native werden.« Die dafür erfor­der­liche poli­tische Unter­stützung werden Kol­lek­tiv­be­triebe und Genos­sen­schaften nach Ansicht von Meier aller­dings nur erlangen, »wenn sie nicht aus­schließlich als Markt­teil­nehmer, sondern aus­drücklich auch als Akteure einer gesell­schaft­lichen Umge­staltung agierten. 
Doch der wahre Reichtum der großen Platt­formen sind ihre Daten. Darüber, wie und ob diese auch in Kol­lek­tiv­be­trieben gesammelt und aus­ge­wertet werden sollen, gibt es noch keine Über­le­gungen. Doch wer den Platt­form­ka­pi­ta­lismus ohne Big-Data betreiben möchte, muss den Wett­be­werbs­nachteil ander­weitig kom­pen­sieren. 
Die einzige Chance für ein kol­lek­tives Unter­nehmen, auf dem Markt zu bestehen, sieht Ingendaay von der FAU darin, dass Men­schen bereit sind, mehr für die Pro­dukte und Dienst­leis­tungen zu bezahlen. »Es braucht Kunden, die bewusst bei einem Kol­lektiv ein­kaufen, weil sie den Zweck wichtig finden.« Die müssen sich diesen Einkauf dann freilich auch leisten können. Ziel­gruppe für solche gesell­schafts­po­li­tisch enga­gierten Kol­lektive ist daher auch eher die kon­sum­be­wusste Mit­tel­schicht als der Hartz-IV-Bezieher. 

Peter Nowak