Wird die Rechte stark, weil die Linke die Arbeiter verachtet?

Der Front National hat in manchen Regionen die bis in die 1970er Jahre domi­nie­rende Kom­mu­nis­tische Partei beerbt

Der Auf­stieg der neuen Rechts­po­pu­listen in vielen euro­päi­schen Ländern ruft unter Linken Besorgnis hervor. Besonders seit klar ist, dass ein Teil ihrer Wäh­ler­basis aus der alten Arbei­ter­klasse kommen. Dabei handelt es sich meistens um Regionen, in denen for­dis­tische Indus­trie­zweige und damit auch eine ganze Arbei­ter­kultur ver­schwunden sind. So hat der Front National in Frank­reich in solchen Regionen die bis in die 1970er Jahre domi­nie­rende Kom­mu­nis­tische Partei beerbt und wurde zur Partei des in seinem Stolz ver­letzten Pro­le­ta­riats.

Mit »Rückkehr nach Reims«[1] hat der Soziologe Didier Eribon[2] ein Buch geschrieben, das in mehr­facher Hin­sicht ein Tabu­bruch war (Die rechts­ra­di­kalen 14 Prozent[3]). Er stellt sich nicht nur die Frage, welchen Anteil die poli­tische Linke daran hat, dass das Band zur Arbei­ter­klasse scheinbar durch­trennt worden ist.

Er begnügt sich also nicht damit, nur fest­zu­stellen, dass Teile der alten Arbei­ter­klasse zur rechten Wäh­ler­basis wurden. Er fragt auch nach den Gründen in der Politik der poli­ti­schen Linken. Doch das Wich­tigste: Eriborn spart den sub­jek­tiven Faktor nicht aus. Er beschreibt, wie er selber als Kind einer Arbei­ter­fa­milie das Milieu zunächst ver­lassen hat, um im intel­lek­tu­ellen Milieu von Paris Fuß zu fassen, bevor er nun als linker Aka­de­miker in seine Hei­mat­stadt zurück­kehrt.

Rückkehr nach Kaiserslautern

Nun hat der Feuil­le­ton­re­dakteur des Neuen Deutschland Christian Baron[4] auf Eri­borns Spuren seine Rückkehr nach Kai­sers­lautern voll­zogen.

Gleich das erste Kapitel seines im Verlag »Das Neue Berlin« ver­öf­fent­lichten Buchs mit dem Titel »Pro­leten, Pöbel, Parasiten«[5] beginnt mit einer Szene, die eigentlich schon eine Antwort auf den Satz gibt, der im Unter­titel des Buches einfach als Behauptung auf­ge­stellt ist: »Warum die Linken die Arbeiter ver­achten.«

Das erste Kapitel beschreibt, wie der acht­jährige, asth­ma­kranke Christian von seinem betrun­kenen Vater geschlagen und gegen die Wand geschleudert wird. Die Szene hat sich Christian Baron ein­ge­prägt, weil er erstmals Gegenwehr ver­spürte und sich mit einem Holz­scheit vor seinen Vater auf­baute. Das scheint den Vater mit den Kräften eines Möbel­pa­ckers zumindest so beein­druckt zu haben, dass er von seinen Sohn für dieses Mal abließ.

Dass es bei der Gewalt­tä­tigkeit aber um keine Aus­nahme han­delte, stellt Baron ach klar. Er sieht darin auch eine Ursache für den frühen Krebstod seiner Mutter. Eigentlich hätte er Grund genug, als Linker diese Form der Arbeiter zu hassen. Damit wäre er auch ganz nah bei Eriborn, der als Schwuler den Kontakt zu seinem Vater wegen dessen Homo­phobie abge­brochen hat.

Die Flucht aus Reims bzw. aus Kai­sers­lautern war also zunächst ein Akt der indi­vi­du­ellen Befreiung, der dann die Vor­aus­setzung in die Rückkehr der jewei­ligen Städte und Milieus geboten hat. Doch bei Baron wird die Szene des gewalt­tä­tigen Vaters über­blendet durch das Beschreiben einer Prü­fungs­si­tuation an der Uni­ver­sität: Es saß vor dem aka­de­mi­schen Gremium, das darüber ent­scheidet, ob er nun den aka­de­mi­schen Titel tragen darf oder nicht. Baron gehörte zu den Glück­lichen, die diesen aka­de­mi­schen Weg mit Erfolg absol­vierten.

Implizit wird in dem Buch deutlich, welche Mühen und Beschwer­nisse er dafür auf sich genommen hat und wie besonders hoch die Hürden für ein Arbei­terkind aus einem Stadtteil von Kai­sers­lautern waren, für den eigentlich ein aka­de­mi­scher Bil­dungsweg nicht vor­ge­sehen war. Er bedankt sich aus­drücklich bei den Leh­re­rinnen, die ihn auf diesem Weg unter­stützt haben. Es sind sehr starke Kapitel, in denen Baron beschreibt, was es für ein Arbei­terkind, das bisher immer im Dialekt gesprochen hat, bedeutet, in eine Atmo­sphäre gestoßen zu werden, in denen Dialekt als Ausbund von Unbildung gilt.

Der Kampf um die Bildung

Ebenso beein­dru­ckend ist der Bericht über den ersten Thea­ter­besuch seiner Tante, bei der Baron als Jugend­licher auf­ge­wachsen ist und die wohl auch einen wesent­lichen Anteil daran hatte, dass der junge Christian das Abitur machen und dann stu­dieren konnte. Dass diese Tante die Zei­tungen für den ein­zigen Sohn besorgte, der die aka­de­mische Bildung anstrebte, und dass sie später sogar auch poli­tisch einen Bewusstseins­prozess durch­machte und heute Migranten unter­stützt und die Linke wählt, ist tat­sächlich ein Bei­spiel dafür, wie falsch es ist, die Arbeiter rechts liegen zu lassen.

In diesen Beschrei­bungen blitzen Momente auf, die an die Mar­xis­ti­schen Arbei­ter­schulen der Wei­marer Zeit erin­nerten, als sich poli­tisch inter­es­sierte Arbeiter mit Phi­lo­sophie und der Rela­ti­vi­täts­theorie befassten oder in den 1980er Jahren Lese­kreise zum Studium des Romans »Ästhetik des Wider­stands« von Peter Weiss besuchten. Auch hierbei ging es um Bildung als Mittel zum Erkennen und Ver­ändern der Welt.

Kein Beleg für den Hass auf die Arbeiter durch die Linke?

Doch leider kann man ein Buch, das dieses Thema in den Mit­tel­punkt stellt, wohl kaum einem grö­ßeren Publikum ver­kaufen. Daher muss im Unter­titel die Linke die Arbeiter hassen und diese Behauptung soll im Buch durch sub­jektive Erleb­nisse auf dem Bil­dungsweg von Christian Baron unter­mauert werden.

Das Problem besteht aller­dings darin, dass ein Hass der Linken auf die Arbeiter daraus kei­neswegs abge­leitet werden kann. Wenn Baron bei­spiels­weise beschreibt, wie er sich bei einer befreun­deten, öko­lo­gisch ange­hauchten Wohn­ge­mein­schaft seine Pizza auf­wärmt und eine vegane Sti­pen­diatin der grü­nen­nahen Heinrich Böll Stiftung damit ärgert, dass er noch fälschlich behauptet, er habe sein Essen vorher mit Bil­lig­wurst belegt, dann offenbart er doch eher eine gewisse Ignoranz gegenüber der Vega­nerin.

Es wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass sie ihm ver­bietet, Fleisch in ihrer Gegenwart zuzu­be­reiten. Doch sie belässt es bei vor­wurfs­vollen Blicken und Äuße­rungen. Dass Baron die Vega­nerin dann über mehrere Abschnitte als Bio­dik­ta­torin mit sta­li­nis­ti­schen Anwand­lungen klas­si­fi­ziert, ist aus dem Beschrie­benen nun wirklich nicht begründet. Solche schwachen Kapitel, die eher in Res­sen­timent als in Erkennt­nis­gewinn enden, gibt es in dem Buch leider einige.

Das Problem besteht darin, dass Baron im Schnell­durchgang so ziemlich jedes Thema anreißt, das man den ner­vigen Mit­tel­standsökos schon immer mal unter die Nase reiben wollte. Back­packer werden ebenso wenig geschont wie Gen­der­studie-Kom­mi­li­tonen und andere Aka­de­mi­ke­rinnen und Aka­de­miker, die nicht so schreiben, dass es die in Kai­sers­lautern auch gleich ver­stehen werden.

Dabei aber über­sieht Baron, dass die theo­re­tische Arbeit durchaus ein eigenes Feld ist und nicht immer und von allen gleich ver­standen werden kann und muss. Sonst hätte auch Karl Marx sein Kapital kaum schreiben können. Es ist eine Sache, sich mit sozio­lo­gi­schen und phi­lo­so­phi­schen Studien auch in einer ela­bo­rierten Sprache aus­ein­an­der­zu­setzen. Es wäre aber die Aufgabe Pro­leten, Pöbel, Para­si­ten­linker Aka­de­miker wie Baron, diese Erkennt­nisse dann in einer Sprache zu ver­fassen, die auch in Kai­sers­lautern oder ins Reims ver­standen wird. Das genau ist in den 1920er Jahren in den Schulen der Mar­xis­ti­schen Arbei­ter­bildung ebenso geschehen wie in den Peter-Weiss-Lese­kreisen.

So könnten linke Aka­de­miker aus der Arbei­ter­klasse wie Baron heute auch eine inter­es­sante wis­sen­schaft­liche Texte aktu­eller wis­sen­schaft­licher For­schung zu Klasse und Geschlecht, zu Anti­se­mi­tismus und Natio­na­lismus in eine Sprache über­setzen, die auch jen­seits des aka­de­mi­schen Milieus ver­standen wird.

Sollen die Arbeiter so bleiben wie sie sind?

Doch da stellt sich vorher die Frage, die auch Baron in seinem Buch nicht abschließend beant­wortet. Soll mit solchen Inter­ven­tionen auch ein Beitrag dazu geleistet werden, dass sich die Arbeiter davon eman­zi­pieren, dass sie den has­sens­werten Pro­leten abgeben, den der acht­jährige Christian Baron ebenso ken­nen­ge­lernt hat wie der junge Schwule Didier Eriborn?

Es gibt Stellen in seinem Buch, wo er diesen nötigen Eman­zi­pa­ti­ons­prozess bejaht. Andere Abschnitte lesen sich so, als wenn der nach Kai­sers­lautern zurück­ge­kehrte Baron die alte Heimat vor allen Ver­än­de­rungs­be­stre­bungen bewahren will. Dann ver­teidigt er völlig unnö­ti­ger­weise fah­nen­schwin­kende Fuß­ballfans und pole­mi­siert gegen Über­le­gungen von Adorno, die dieser in einem Radio­beitrag über den deut­schen Fuß­ball­pa­trio­tismus ent­wi­ckelt hatte: »Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kom­mer­zia­li­sierte Soli­da­rität der Fuß­ball­in­ter­es­senten zur Volks­ge­mein­schaft zusammen.«

Dass ein jüdi­scher Emi­grant wie Adorno nicht mit in das »Wir sind wieder wer«-Geschreie ein­stimmen wollte, die besonders durch Fuß­ball­siege bereits in den 1950er Jahre erzeugt wurde, scheint Baron gar nicht zu bedenken. Er sieht hier eine Arbei­ter­kultur ange­griffen und geht in Ver­tei­di­gungs­haltung. Doch wer wirklich etwas zur Eman­zi­pation der Arbeiter bei­tragen will, sollte ver­suchen, Adornos Erkennt­nisse in anderen Worten den Men­schen nahe­zu­bringen, die sich für einige Wochen im Fuß­ball­rausch ergehen und seinen Bossen und Chefs auf der Arbeit oder im Job­center keinen Wider­stand ent­gegen setzen. Schließlich sind alle Deutschland und sollen mit einer Mann­schaft in Schwarz-Rot-Gold mit­fiebern.

Es ist auf­fallend, dass bei Baron Arbeiter oder Erwerbslose, die sich wehren, selten vor­kommen. Nur der Bewusst­wer­dungs­prozess der Tante und einiger Freunde aus dem Umfeld werden kurz skiz­ziert. Selbst wenn ganz am Rande in einem Satz ganz kurz auf die Erwerbs­lo­sen­pro­teste im Vorfeld von Hartz IV ein­ge­gangen wird, nennt Baron als Quelle nur eine wis­sen­schaft­liche Publi­kation. Dabei müsste er die Bücher kennen, in denen Prot­ago­nisten dieser Erwerbs­lo­sen­kämpfe, die durchaus nach Ein­führung von Hartz IV wei­ter­gingen. Einige sind schließlich in Ver­lagen erschienen, in denen Baron publizierte[6].

Ins­gesamt bleibt nach der Lektüre ein zwie­späl­tiges Gefühl. Baron hat stel­len­weise sehr dicht den beschwer­lichen Weg eines bil­dungs­be­wussten Men­schen beschrieben, der aus der Arbei­ter­klasse kam. Den behaup­teten Klas­senhass der Linken konnte er nur schwer begründen. Und ob es ein sinn­volles Mittel ist, die Arbei­ter­klasse von der Wahl rechter Par­teien durch einen linken Popu­lismus abzu­halten, wie Baron in den letzten Kapiteln vor­schlägt, muss mit Grund bezweifelt werden.

Dass er sich dann auch noch gegen die Abschaffung der Stu­di­en­ge­bühren aus­spricht, eine der wenigen Erfolge der Stu­die­ren­den­be­wegung, die auch soziale Impli­ka­tionen haben, ist über­haupt nicht mehr erklärbar. Will er ver­hindern, dass jungen Leuten in ähn­licher sozialer Lage den gleichen beschwer­lichen Weg gehen müssen?

Baron hat mit seinem Buch eine gute Grundlage für eine Dis­kussion über die Frage geliefert, wie die Linke mit der real exis­tie­renden Arbei­ter­klasse umgehen soll. Es wäre aber ein großer Fehler, eine Kritik an den Thesen nur deshalb zu unter­lassen, weil der Autor aus der Arbei­ter­klasse kommt. Das wäre dann wirklich ein Beweis für Aus­gangs­these.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​9​/​4​9​8​7​1​/​2​.html

Peter Nowak

Anhang

Links

[1] http://​www​.suhrkamp​.de/​b​u​e​c​h​e​r​/​r​u​e​c​k​k​e​h​r​_​n​a​c​h​_​r​e​i​m​s​-​d​i​d​i​e​r​_​e​r​i​b​o​n​_​7​2​5​2​.html

[2] http://​didie​re​ribon​.blogspot​.de/

[3] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​9​/​4​9794/

[4] http://​www​.christian​-baron​.com/​i​n​d​e​x​.html

[5] http://​www​.eulen​spiegel​.com/​v​e​r​l​a​g​e​/​d​a​s​-​n​e​u​e​-​b​e​r​l​i​n​/​t​i​t​e​l​/​k​e​i​n​-​h​e​r​z​-​f​u​e​r​-​a​r​b​e​i​t​e​r​.html

[6] http://​www​.edition​-assem​blage​.de/​f​a​u​l​-​f​r​e​c​h​-​d​r​eist/


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