
„Unsere Siedlung ist im wörtlichen Sinne ein ‚heißes Pflaster‘: Die maroden Wohnungen heizen sich im Sommer auf bis zu 50 Grad Celsius auf und die Hitze bleibt zwischen den Gebäuden stehen“, beschreibt die Anwohnerin …
… Clotilde Bry-Chemarin die Situation in der High-Deck-Siedlung während der letzten Hitzewelle.
Tatsächlich kann man bei einem Spaziergang durch die Siedlung sehen, dass sich Mieter*innen durch dicke Tücher vor den Fenstern vor der starken Sonneneinstrahlung schützen. Zudem sind Fächer, aber auch Ventilatoren in einem Laden in der Siedlung ausverkauft.
Bry-Chemarin gehört zu einer Initiative, die seit einigen Jahren die Wohnsituation in den Häusern verbessern will. Anfangs ging es um undichte Dächer, die zu Schimmel in einigen Gebäuden führen, um kaputte Fenster und Aufzüge. Es geht aber auch darum, dass die Beschwerden der Mieter*innen ignoriert werden und es keine Ansprechpersonen gibt.
Wohnungen heizen sich auf bis zu 50 Grad Celsius auf
„Wenn ich nicht hier bin, bin ich am Sonnendeck“, lautete der Refrain eines bekannten Songs des Kölner Musikers Peter Licht aus dem Jahr 2000. Der Song wurde so erfolgreich, weil er die Sehnsucht vieler Menschen beschreibt, an einem Platz zu sitzen, an dem die Sonne möglichst immer scheint, statt in engen Wohnungen und Büros.
Der Kölner Liedermacher Peter Licht hat bei seinem Song wahrscheinlich nicht an die High-Deck-Siedlung an der Sonnenallee in Berlin-Neukölln gedacht, die das Sonnendeck schon im Namen trägt. Gemeint sind damit die hochgelagerten Wege, die die überwiegend fünf- bis sechsgeschossigen Gebäude auf beiden Seiten der Sonnenallee verbinden.
Die Wege über der Sonnenallee wurden zum Sonnendeck – mit diesem Image wurde vor 50 Jahren bei der Konzeptionierung der Siedlung durch das Architektenduo Rainer Freund und Peter Oefelein gespielt. Sie nahmen mit ihrem Entwurf, der sich 1970 beim Architekturwettbewerb durchsetzte, bereits die Kritik an der Verdichtung in den Berliner Großsiedlungen auf.
Auch eine frühe Kritik am Konzept der autogerechten Stadt ist in das Konzept der High-Deck-Siedlung eingeflossen. Während der Autoverkehr weiter auf der Sonnenallee fließen sollte, waren die Wege darüber als die Orte gedacht, an denen sich die Bewohner*innen aufhalten sollten.
Das Wohnungsbauunternehmen bietet nur mangelhaften Service
Doch was ist aus diesen Vorstellungen in einer Zeit geworden, in der nicht mehr der Platz an der Sonne, sondern die Suche nach Schatten und kühlen Orten angesagt ist?
Ein Großteil der Gebäude in der Siedlung mit den Sonnendecks ist seit September 2021 im Besitz der Howoge, einem landeseigenen Wohnungsunternehmen, das eine Alternative zu profitorientierten privaten Wohnkonzernen anbieten wollte. Clotilde Bry-Chemarin war laut der Howoge die erste Mieterin, die nach dem Eigentümerwechsel in die Siedlung gezogen ist. Doch an dem mangelhaften Service änderte sich nichts.
Die Problematik ist nicht neu und beschäftigte auch schon das Berliner Abgeordnetenhaus im Herbst 2023. Damals wollte der baupolitische Sprecher der Berliner Linken, Niklas Schenker, wissen, welche Maßnahmen Senat und das Unternehmen ergreifen, um die Situation in der High-Deck-Siedlung zu verbessern. Die Antwort des Senats war für die Mieter*innen enttäuschend.
Mieter monierten bisher die ausgefallenen Heizungen in den Wohnungen – jetzt kommt die Hitze dazu
„Erst im vergangenen Jahr wurde ein umfangreicher Denkmalpflegeplan erarbeitet, der es der Howoge nun ermöglicht, Sanierungen zu planen. Diese Planungen erfolgen sukzessive und benötigen Zeit, auch angesichts zahlreicher baulicher Themen, die von den Voreigentümern nicht angegangen wurden. Alle Maßnahmen stehen unter dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit in einem schwierigen Marktumfeld und vor dem Hintergrund nach wie vor verminderter Umlagefähigkeit der Modernisierungen“, hieß es im Herbst 2023.
Über zweieinhalb Jahre später hat sich an der Kritik an der Howoge nichts geändert. Doch etwas ist anders geworden. Es gibt einen Kreis von Mieter*innen, die das ändern wollen. Clotilde Bry-Chemarin gehört dazu. Sie machen Haustürgespräche und laden die Bewohner*innen auch in regelmäßigen Abständen zu Treffen ein.
Dabei äußerten mehrere Mieter*innen, dass es in ihren Wohnungen zu heiß sei. Vor allem in den oberen Etagen seien bis zu 50 Grad gemessen worden. Hitzestress in den Siedlungen mit den Sonnendecks, das ist tatsächlich ein relativ neues Problem.
Beleidigung, Stigmatisierung und Häme
Bisher haben Mieter*innen in der kalten Jahreszeit ausgefallene oder schlecht funktionierende Heizungen moniert. Solche Meldungen sorgen dann in der Öffentlichkeit auch schnell für Empörung. Kalte Wohnungen, in denen Menschen mit Jacken und Schals überleben müssen, erhöhen den Druck, Abhilfe zu schaffen.
„Doch, wenn die Wohnungen zu heiß werden, wird das oft noch als individuelles Problem gesehen“, so die Beobachtung von Clotilde Bry-Chemarin. „Auch viele der Mieter*innen haben den Eindruck: Wenn es zu heiß in der Wohnung ist, müssen sie sich selbst helfen. Da gehen sie nicht so schnell an die Öffentlichkeit.“
Die betroffenen Menschen sehen bei sich die Verantwortung und befürchten Häme, Stigmatisierung und Äußerungen, wie, die Menschen seien die Temperaturen aus ihren Heimatländern ja gewöhnt. Das muss sich ändern, ist die Mieterin überzeugt.
Kühle Orte in der High-Deck-Siedlung? Fehlanzeige!
Hitzestress im Sommer müsse genauso als gesellschaftliches Problem erkannt werden, wie Kälte im Winter. In der letzten Zeit ist das Problembewusstsein in dieser Hinsicht gewachsen. So wird darüber diskutiert, dass wohnungs- und obdachlose Menschen in der heißen Jahreszeit kühle Orte brauchen, an denen sie sich vor der Hitze schützen können.
Doch wo sind solche kühlen Orte in der High-Deck-Siedlung? Die namensgebenden Sonnendecks sind es sicher nicht. Die Wege bieten keinen Schatten und liegen in der prallen Sonne. Da ist es nicht verwunderlich, dass anders im Konzept der Architekten und im Song von Peter Licht in den heißen Tagen kein Mensch dort zu sehen ist.
Allerdings sind auch die Grünanlagen am Rande der Siedlung, die vor 50 Jahren besonders hochgelobt wurden, in der Hitze verwaist. Erst am späten Nachmittag wagen sich einige Menschen wieder vor die Wohnungstür. Auf einem der nun schattigen Sonnendecks spielen Kinder. Ein Mieter antwortet auf die Frage, wie er mit der Hitze umgeht, nur kurz. „Viel trinken, was sollen wir sonst machen?“ und wendet sich dann wieder seinem Smartphone zu. Eine ältere Frau versucht auf dem Weg zu ihrer Wohnung, die Sonne zu meiden. „Ich muss mich gleich wieder hinlegen“, sagt sie nur und nimmt kurz ein Asthmamittel.
Wohnen im Einklang mit der Natur
Auch das Hochbeet mit Sitzgelegenheit auf einem der Sonnendecks ist in der Hitze verwaist. Dabei ist es sogar mit einem Dach vor der Sonneneinstrahlung geschützt. Es wurde erst in diesem Jahr dort aufgebaut, meint sich Clotilde Bry-Chemarin zu erinnern. Eine solche grüne Insel in einer Siedlung, in der aktuell etwa 7500 Menschen wohnen, ist hier nicht einmal der berühmte Tropfen auf einen heißen Stein. Doch dieses Hochbeet könnte trotzdem ein Zeichen sein, dass es in der Siedlung kühle Orte für die Bewohner*innen braucht. Das könnte auch das Image verändern.
Clotilde Bry-Chemarin kritisiert, wie die High-Deck-Siedlung und ihre Bewohner*innen in den letzten Jahren als angeblicher sozialer Brennpunkt stigmatisiert wurden. Zum Jahresende berichten manche Medien exklusiv von den Straßen dieser Siedlung, wenn sie Bilder über die Silvesterböllerei einfangen wollen.
Dann wird auch schon mal erwähnt, wie umwelt- und gesundheitsschädlich das sei. Häufig wird mit rassistischem Unterton erwähnt, dass heute in der Siedlung viele Menschen mit migrantischem Hintergrund leben. Wenn jetzt in den heißen Junitagen die Siedlung im wahrsten Sinne des Wortes zum heißen Pflaster für die Bewohner*innen wird, wird darüber kaum berichtet.
Schutz vor Hitze als gesellschaftliche Aufgabe
„Warum nicht in dieser Siedlung mit den vielen jungen Menschen, die dort leben, zeigen, wie eine Anpassung an die Klimaveränderung aussehen kann?“, fragt sich Clotilde Bry-Chemarin. Dazu bräuchte es eine Diskussion darüber, dass der Schutz vor der Hitze eine gesellschaftliche Aufgabe ist, die auch Geld kostet.
Wäre dafür nicht eine Siedlung besonders geeignet, in der vor über 50 Jahren schon die Utopie eines Wohnens im Einklang mit der Natur formuliert wurde? Damals gehörte ein Leben auf dem Sonnendeck noch zu dieser Utopie. Heute müsse der Schutz vor dieser Sonne eine gesellschaftlich geförderte Angelegenheit sein. Peter Nowak