
taz: Frau Michelmann, wie spielte sich Ihre Gefangenennahme ab? …
… Eva Maria Michelmann: Nachdem wir in dem Gebäude, in dem ich gemeinsam mit Dutzenden anderen Zivilist*innen Zuflucht gesucht hatte, bis tief in die Nacht hinein beschossen und bombardiert worden waren, kamen gegen vier Uhr morgens am 19. Januar offizielle Einsatzkräfte des HTS-Regimes (Haiʼat Tahrir asch-Scham; Anm. d. Red.) vor das Gebäude. Sie standen dann an der Treppe zum ersten Stock, in dem wir uns aufhielten, Seite an Seite mit den islamistischen Banden, die stundenlang versucht hatten, unseren Aufenthaltsort in ein Blutbad zu verwandeln. Nachdem ich mich als europäische Zivilistin zu erkennen gegeben und deutlich gemacht hatte, dass Ahmet Polat zu mir gehört, wurden wir von den anderen getrennt und in einem Raum abgeschottet.
taz: Haben Sie Verbrechen der Belagerer beobachten können?
Michelmann: Unter den Zivilist*innen in dem Jugendzentrum gab es eine große Gruppe von Menschen aus Afrin (kurdisch geprägte Stadt in Nordostsyrien, Anm. d. Red.), die in einem nahe gelegenen Wohnblock gelebt hatten. Ahmet konnte bei einer Gelegenheit verfolgen, dass sie hinter das Gebäude geführt wurden und dort eine Art rituelle Verlesung eines islamischen Gebets stattfand. Ich konnte im weiteren Verlauf verfolgen, dass lediglich 14 von ihnen wieder hinter dem Gebäude hervorgekehrt und in einem großen Reisebus abtransportiert worden sind. Alle waren in grauenvoller Verfassung, mit geöffneter Kleidung, kaum fähig, zu laufen. Ich frage mich bis heute, was mit den übrigen Menschen aus Afrin, die Seite an Seite mit uns in dem Gebäude gewesen waren, geschehen ist. Im Auto konnten wir Gespräche mithören darüber, dass allen Kurden „die Kehle durchgeschnitten“ werden müsse.
taz: Wie wurden Sie im Gefängnis behandelt?
Michelmann: Ich wurde insgesamt mindestens 100 Tage in Isolationshaft gehalten. Zudem befand ich mich fast den gesamten Zeitraum abgeschnitten von jedem Kontakt mit der Außenwelt in Incommunicado-Haft. Schläge und Elektroschocks sind in den Gefängnissen der HTS vollkommen üblich. Ich kann die Anwendung dieser Methoden selbst bezeugen. Zudem haben zahlreiche Mitgefangene mir von Folterungen berichtet, die sie selbst erlebt haben, sowie Folterspuren an ihrem Körper gezeigt.
taz: Wann hatten Sie den ersten Kontakt mit deutschen Behörden?
Michelmann: Ich hatte am ersten Tag unmittelbar nach meiner Ankunft in dem Gebäude des Kommandos für innere Sicherheit in Aleppo gefordert, mit dem deutschen Konsulat in Kontakt zu treten. Ich verfasste ein entsprechendes Schreiben, das nach Aussage des Verantwortlichen der HTS weitergeleitet werden sollte. Einen Monat später wurde mir von derselben Person mitgeteilt, dass die deutschen Behörden nicht geantwortet hätten. In der ersten Woche meiner Gefangenschaft in Aleppo habe ich vor meiner Zelle eine Männerstimme am Telefon auf Deutsch über mich sprechen hören. Der Mann sagte: „Michelmann war das, ’ne? Ja, das Problem ist, dass die keinen Passport hat.“ Ich habe nie erfahren, um wen es sich bei diesem Mann handelte.
taz: Was haben Sie sonst noch mitbekommen?
Michelmann: Ein anderes Mal gaben die Wachen offensichtlich einem Mann Einblick in ihre Notizen, die sie über mich führten. Der Mann sagte dabei nachdenklich auf Arabisch: „Ja, es gibt das Recht zu telefonieren.“ Aus diesem Inhalt schließe ich, dass es sich nicht um einen Angehörigen der syrischen Behörden handelte. Keiner von diesen Männern hat Kontakt mit mir aufgenommen. In der zweiten Aprilhälfte traf ich einmal eine Vertreterin deutscher Behörden in einem Hotel. Danach wurde die Incommunicado-Haft fortgesetzt. Erst in der ersten Junihälfte, kurz vor meiner Freilassung, war ich mehrfach in Kontakt mit dem Beauftragten der deutschen Botschaft in Damaskus.
taz: Welche Rolle spielte die internationale Solidarität bei Ihrer Freilassung?
Michelmann: Ich bin überzeugt, dass ich es insbesondere der durch unzählige Journalist*innen und gesellschaftspolitisch aktive Menschen erzeugten Öffentlichkeit zu verdanken habe, dass ich im Juni aus den Foltergefängnissen des HTS-Regimes befreit werden konnte. Umso wichtiger ist es, dass der öffentliche Druck nun mit Bezug auf meinen Arbeitskollegen und Lebensgefährten Ahmet Polat nicht nachlässt.
taz: Wie sah seine journalistische Arbeit aus?
Michelmann: Ahmet Polat ist der Name, den er als Journalist verwendet. Sein offizieller Name ist Mehmet Nizam Aslan. Seit 2016 arbeitete er als Reporter, Moderator und Programmmacher für ETHA, Özgür TV und Kurdistana Azad. Er ist Mitglied der Gewerkschaft YRA/Free Press Union in Syrien (Rojava).
taz: Was ist über seine momentane Situation bekannt?
Michelmann: Ich habe Ahmet Polat, seitdem wir im Januar in Gefangenschaft der HTS voneinander getrennt worden sind, nicht mehr gesehen. Die einzig verlässlichen Auskünfte, die ich über ihn und seine Situation erhalten habe, sind die öffentlich zugänglichen Zeugenaussagen, von denen ich nach meiner Freilassung erfahren habe. Es wird unter anderem von einem Zeugen berichtet, dass er an der Hand und am Bauch verletzt ist. Zum Zeitpunkt unserer Trennung war Ahmet unverletzt. Das heißt, dass ihm diese Wunden in Gefangenschaft zugefügt worden sein müssen. Ihm wird jeglicher Kontakt zu seinem Anwalt aus Damaskus verwehrt. Er wird, wie es auch bei mir der Fall war, in Incommunicado-Haft gehalten.
taz: Was sind Ihre Befürchtungen?
Michelmann: Wir müssen davon ausgehen, dass er sich in akuter Lebensgefahr befindet. Ahmet selbst hat diese Befürchtungen aufgrund seiner Identität als kurdischer Journalist geäußert, als wir uns zuletzt gesehen haben, auch mit Bezug auf eine Auslieferung an die Türkei. Er ist türkischer Staatsbürger.
taz: Was sind Ihre Forderungen an die Politik?
Michelmann: Ich möchte hier noch einmal an die zuständigen Stellen der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union appellieren: Bitte nutzen Sie Ihre rechtlichen und diplomatischen Möglichkeiten, um das Leben von Ahmet zu schützen. Er kann unter humanitären Schutz gestellt und in Deutschland wieder mit mir zusammengeführt werden. Er kann auch in ein anderes EU-Land in Sicherheit überführt werden. Einen entsprechenden Antrag haben seine Anwälte in Deutschland bereits bei der Bundesregierung und dem Auswärtigen Amt gestellt. Interview: Peter Nowak
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